Archiv für Januar 2011

MEGA² / IV 22-29

(Erster Teil einer dreiteiligen Reihe über Marx als Entwicklungstheoretiker. Zwei und drei folgen in den nächsten Tagen.)

Sie sind gleichzeitig ein Gegenstand des Begehrens, der Verheißung und zugleich einer der großen Langweile, der Ödnis, Zeugnisse der Mühsal und der Abschweifung, die uns gegenüber aber nahezu stumm bleiben: Die Exzerpte von Karl Marx (und auch Friedrich Engels, hier wird aber auf die von Marx eingegangen). Sie erscheinen in der zweite MEGA (Marx-Engels-Gesamtausgabe) = MEGA² in der IV. Abteilung, und die damalige Ankündigung, alle erhaltenen oder wiedergefundenen Exzerpte der beiden Alten zu veröffentlichen, machte (und macht immer noch) den großen Reiz dieses Editionsprojektes aus. Was sich wohl dahinter verbergen mag? Zunächst einmal eine überragende Arbeitsmethode der Textaneignung, Textverdichtung, Textübersetzung, des Destillierens und Kondensierens. Marx war ein fanatischer Leser, Kopist und Notizenmacher, dass es selbst dem fleißigsten Philologieprofessor die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste.
Man sieht, wie Marx gearbeitet hat und welche Grundlagen er für z.B. das »Kapital« sich selbst geschaffen hat: Marx hat ja bei der Abfassung seiner Schriften nicht noch mal die gelesenen Bücher herangezogen, sondern arbeitete direkt aus den Exzerptheften heraus (was übrigens die ein oder andere Fehlleistung zur Folge hatte).
Die Hoffnung von uns Laien wird aber weitestgehend enttäuscht: jene Suche nach Überschuss nämlich, auf den Übergang von Kopie zum Exzerpt zur eigenständigen Notiz – die ganz direkt einen Blick etwa in die »Kapital«-Werkstatt ermöglicht. Dieser Überschuss ist marginal. Der Weg zur Erkenntnis bleibt äußert beschwerlich und lässt sich nicht über Fragmentarische, Aphoristische abkürzen.
Wer sich die Liste der projektionierten und bereits veröffentlichten MEGA-Bände der vierten Abteilung anschaut, entdeckt zweierlei: A) zwei Drittel der Bände sind noch nicht erschienen (einige sind noch nicht einmal in Arbeit, mit deren Veröffentlichung ist demnach nicht vor 2025 zu rechnen!); B) die meisten Bände, sprich: die meisten Exzerpte beziehen sich auf tatsächlich von Marx ausgearbeitete Werke. Die Exzerpte stehen im Dienst eines späteren Werkes, sind sozusagen der Weg, der dorthin führt. Man muss nicht jeden Weg verfolgen, wenn man sich im Ausflugslokal auf eine Bockwurst verabredet hat.
Damit könnten wir enden – gäbe es nicht eine stattliche Exzerptgruppe, die völlig für sich steht, die auf (fast) nichts verweist, was Marx in diesen Jahren noch an die Öffentlichkeit ließ, kurzum: die für ein großes, nie geschriebenes – aber wohl gedachtes, umrissenes – Werk stehen: Sie werden veröffentlicht in den Bänden 22 bis 29. Angefertigt wurden sie in den Jahren 1875 bis 1882, im letzten Lebensabschnitt von Marx. In dieser Zeit veröffentlichte er so gut wie nichts mehr. Seine Arbeit an den Kapital-Bänden: nahezu eingestellt. Einmischung in politische Debatten? Bis auf die knappe, aber alles treffende Kritik am »Gothaer Programm«: Fehlanzeige. In der Wissenschaft gilt der alte Marx als ausgelaugt, von Krankheiten schwer gepeinigt (die Furunkel haben ihm regelrecht das Gemüt eingetrübt), traurig darüber und von sich selbst enttäuscht, dass das »Kapital« schwere Konstruktionsfehler enthält (der angebliche Widerspruch zwischen dem ersten und dem dritten Band, den Marx unglücklicherweise durch eine schwache Rechenoperation überwinden wollte, anstatt ihn explizit inhaltlich zu erklären – aber das gehört hier nicht hin).
Anhand der ausstehenden Exzerpt-Bände kann man aber sehr gut sehen, dass Marx mitnichten ausgelaugt und »traurig« war, sondern sich mit manischem Eifer an ein ganz neues Projekt machte: Weltgeschichte – nicht als theoretisches Modell, die, wie noch im KAPITAL, westeuropäische/ englische Entwicklung als ideales Maß nimmt, sondern als realer Prozess.
Schauen wir uns die »Gegenstände« seiner Exzerpte an (M = Marx, E = Engels):

Exzerpte und Notizen. Januar 1875 bis Februar 1876: Rußland nach den Reformen (M)
März bis Juni 1876: Physiologie, Geschichte der Technik (M), russische, englische und griechische Geschichte (M/E)
Mai bis Dezember 1876: Geschichte des Grundeigentums, Rechts- und Verfassungsgeschichte (M)
Januar 1877 bis März 1879: Politische Ökonomie, besonders Bank- und Finanzwesen, kaufmännische Arithmetik (M), Geschichte (M/E)
Mai bis September 1878: Geologie, Mineralogie, Agronomie, Agrarstatistik, Erdgeschichte, Geschichte des Welthandels (M)
1879 bis 1881: Ethnologie, Frühgeschichte, Geschichte des Grundeigentums (M)
1879 bis 1882: russische und französische Geschichte, besonders agrarische Verhältnisse (M), Geschichte des Grundeigentums (E)
Ende 1881 bis Ende 1882: chronologische Tabellen zur Weltgeschichte (M)

Im Klartext: Marx nimmt Abschied vom Eurozentrismus, er nimmt Abschied vom starren Entwicklungsschema und damit von einer ganzen Reihe von liebgewonnenen Vorstellungen über »Bedingungen und Möglichkeiten« des Sozialismus/Kommunismus!
Als Ergebnis dieser Anstrengungen sind bislang vor allem die Briefentwürfe an die russische revolutionärin Vera Sassulitsch bekannt. Marx distanzierte sich von jenen russischen Gelehrten, die »Das Kapital«, das bekanntlich nicht der zaristischen Zensur anheim fiel, als Lehrbuch der kapitalistischen Entwicklung und somit als Blueprint für kapitalistische Reformen im Zarenreich lasen und anpriesen. Das blieb den jungen linksradikalen russischen Exilanten, die sich ihrerseits auf dem Weg zum Marxismus befanden, nicht verborgen. Höflich fragten sie Marx nach seiner Positionierung, seiner Einschätzung der russischen ökonomischen Lage und den daraus folgenden Perspektiven für eine sozialistische Revolution. Die besseren Perspektiven sah Marx nicht in einer weiteren Industrialisierung, sondern in einer Bauernrevolution gestützt auf die russische Dorfgemeinde.
Aus dem ersten Entwurf:

Und die historische Situation der russischen „Dorfgemeinde“ hat nicht ihresgleichen! Als einzige in Europa hat sie sich nicht in Gestalt von Trümmern in der Art jener seltenen und merkwürdigen Miniaturen, jener Überbleibsel des archaischen Typus erhalten, wie man sie noch unlängst im Westen antraf, sondern als quasi vorherrschende Form des Volkslebens und über ein ungeheures Reich verbreitet. Wenn sie im Gemeineigentum am Boden die Grundlage für die kollektive Aneignung besitzt, so bietet ihr das historische Milieu, die Gleichzeitigkeit mit der kapitalistischen Produktion, alle fertigen Bedingungen der gemeinsamen Arbeit im großen Maßstab. Sie ist daher imstande, sich die positiven Errungenschaften des kapitalistischen Systems anzueignen, ohne durch dessen Kaudinisches Joch [schmachvolle Erniedrigung] gehen zu müssen. Sie kann den Parzellenackerbau allmählich durch eine mit Hilfe von Maschinen betriebene Großflächenwirtschaft ersetzen, zu der die physische Beschaffenheit des russischen Bodens geradezu einlädt. Sie kann also der unmittelbare Ausgangspunkt des ökonomischen Systems werden, zu dem die moderne Gesellschaft hinneigt, und ein neues Leben anfangen, ohne sich selbst umzubringen. Man müßte im Gegenteil damit beginnen, sie in eine normale Lage zu versetzen

Man lasse sich das auf der Zunge zergehen: » Sie kann also der unmittelbare Ausgangspunkt des ökonomischen Systems werden, zu dem die moderne Gesellschaft hinneigt, und ein neues Leben anfangen, ohne sich selbst umzubringen.«!
Der schlussendlich abgeschickte Brief ist daran gemessen nur ein Abklatsch und demonstriert im Vergleich zu den drei Entwürfen vor allem Marxens Tasten – lieber zu wenig sagen, als noch einmal ein allzu euphorisches Entwicklungsmodell zu präsentieren:

Die im „Kapital“ gegebene Analyse enthält also keinerlei Beweise – weder für noch gegen die Lebensfähigkeit der Dorfgemeinde, aber das Spezialstudium, das ich darüber getrieben und wofür ich mir Material aus Originalquellen beschafft habe, hat mich davon überzeugt, daß diese Dorfgemeinde der Stützpunkt der sozialen Wiedergeburt Rußlands ist; damit sie aber in diesem Sinne wirken kann, müßte man zuerst die zerstörenden Einflüsse, die von allen Seiten auf sie einstürmen, beseitigen und ihr sodann die normalen Bedingungen einer natürlichen Entwicklung sichern.

Marx erweitert den historischen Materialismus: weg von der Entfltung einer Entwicklungslogik, in deren Mittelpunkt die bürgerliche Gesellschaft steht, hin zur Suche nach dem Ausbruch aus der kapitalistischen Entwicklungslogik. Dieser Ausbruch – er schreibt von der sozialen Wiedergeburt Russlands – wird nicht mehr monolithisch gedacht (Industrieproletariat als Träger der Revolution), sondern konkret bezogen auf die sozialen, geographischen, ja: geologisch-mineralogischen Umstände eines Landes/einer Weltregion.
Wenn der alte Marx sich einer gewisse Melancholie hingab, dann nicht so sehr wegen des Scheiterns der Internationale oder wegen der angeblichen Fehler im »Kapital«, melancholisch wurde er darüber, dass er den Bruch mit dem Eurozentrismus nicht schon früher, als er wirklich noch bei Kräften war, in Angriff genommen hatte.

(Vorläufige und selektive Editionen der späten Exzerpte liegen bereits vor: »Karl Marx, die ethnologischen Exzerpthefte«, hrsg. von L. Krader, übers. von Angelika Schweikhart, Suhrkamp, Frankfurt a.M., 1976; »Karl Marx über Formen vorkapitalistischer Produktion. Vergleichende Studien zur Geschichte des Grundeigentums 1879-80«, aus dem handschriftlichen Nachlass hrsg. u. eingel. von H.-P. Harstick, Campus, Frankfurt a.M., 1977.)

»Doch gibt es einen Unterschied des unterdrückten Menschen gegenüber dem Arbeitstier, er hat Letzterem voraus, spontan die Theorie nachplappern zu können, wonach das Pflugziehen gut für ihn sei…«

Folgender Auszug stammt aus der Einleitung zu »Gewalt und Diktatur im Klassenkampf«, einer Art Leitfaden für kommunistische Militante, den Amadeo Bordiga1946 schrieb, ganz sicher ein Grundlagentext, aus dem wir schon öfters zitiert haben.

Leider ist es so, dass, obwohl einige Leute in letzter Zeit Großartiges geleistet haben, ein Großteil seines Werkes immer noch nicht übersetzt ist, dass also z.B. seine Kommentare zu Marxens »Ökonomisch-Philosophischen Manuskripten« und wichtiger noch: seine »Grundrisse«-Einführung nicht auf Deutsch vorliegen (auf die Relevanz dieser Einführung verweist implizit Riccardo Bellofiore). Deshalb können wir hier keine Aussage zum tatsächlichen Stellenwert von »Gewalt und Diktatur im Klassenkampf« geben, außer eben, dass dieser Leitfaden unter den auf Deutsch vorliegenden Texten zentral ist.

Sollten sich die eifrigen Studenten des Histomat von ihren Feldherrensandhäufchen hinab begeben und den Leitfaden in toto lesen, sie werden einen schematischen, doktrinären Text vorfinden, (scheinbar) ganz nach ihrem Gusto. Trotzdem finden sich funkelnde, brillante Einsichten und immer wieder Abschweifungen, die das Werk dieses Ultraleninisten doch viel weniger leninistisch geraten lassen. Und ehe ich den heißen Atem von drei Generationen Linkskommunisten in meinem Nacken spüre, korrigiere ich sogleich: Nicht trotzdem, sondern deswegen.

Weil kursorische Leser dieses Blogs sich in dem Urteil gefallen, hier würde beliebiges Material zusammengerafft, folgender Hinweis. Dieser Eintrag steht im engen Zusammenhang mit jenen:

* Christian Enzensberger, »Die Erfindung des Königs«
* Volker Braun, »Simplex russisch«
* Amadeo Bordiga, »In Jalisco kennt man keine Angst vor dem Tod«

Was gewöhnlich Zivilisation genannt wird, hat folgenden grundsätzlichen Wesenszug: Der Stärkere verzehrt mehr als der Schwächere. Solange wir im Reich der Tiere bleiben, könnte man sagen, dass die sogenannte Natur aus Sicht der bürgerlichen Theorien alles aufs Beste geregelt hat, weil mehr Muskeln mit einem größeren Magen und somit mit mehr Nahrung einhergehen. Dann aber richtet der Stärkere die Dinge so ein, dass der Schwächere mehr arbeitet als er selbst. Weigert sich der Schwächere zuzusehen, wie der andere mehr isst und weniger, wenn überhaupt, arbeitet, halten ihn die überlegenen Kräfte nieder und er bekommt eine dritte Plage, nämlich Prügel, zu spüren.

Kennzeichnendes Element der Zivilisation ist, wie gesagt, dass sich dieses einfache Verhältnis in allen Bereichen des gemeinschaftlichen Lebens unzählige Male reproduziert, ohne dass es notwendig wäre, Zwang in aktueller bzw. kinetischer Form auszuüben.

Am Anfang einer solch ungleichen Lebenslage der Menschengruppen stand ursprünglich eine Aufgabenteilung, die einen wirklichen Nutzen für alle hatte, so dass einem Individuum, einer Familie, einer Gruppe oder einer privilegierten Klasse Achtung gezollt wurde, was alle möglichen Ausdrucksformen annahm, mit der Zeit aber zu einer Unterwerfungshaltung gegenüber diesen Individuen und Gruppen führte. Im Laufe der Zeit setzt sich diese Haltung fest und wird Bestandteil der Tradition, denn auch die Gesellschaftsformen haben ihre Trägheit, analog zur physischen Welt, und neigen dazu, immer dieselben Umlaufbahnen zu beschreiben, dieselben Verhältnisse zu verewigen – bis übergeordnete Störfaktoren eintreten.

Auch der marxistisch ungeschulte Leser wird bemerkt haben, dass wir diese Darstellung der Kürze halber im Rahmen einiger schematischer Hinweise halten. Fahren wir also fort. Als der minus habens erstmals seinen Ausbeuter nicht mehr dazu „nötigte“, die Befolgung seiner Anweisungen mit Gewalt durchzusetzen, sondern gelernt hatte nachzusprechen, dass Auflehnung eine große Sünde sei, weil sie die Regeln und Verordnungen, von denen das Heil aller abhing, gefährdeten, zu diesem Zeitpunkt entstand – alle Achtung! – das Recht.

Mag der erste König ein mutiger Jäger und ein großer Krieger gewesen sein, der oftmals sein Leben einsetzte und sein Blut vergoss, um seinen Stamm zu verteidigen; mag der erste Priester ein weiser Forscher gewesen sein, der zum Nutzen des Allgemeinwohls und der Heilkunst Naturgeheimnisse entdeckte; mag der erste Herr über Sklaven oder Arbeiter ein tatkräftiger Organisator gewesen sein, der fähig war, die Arbeit so anzuleiten, dass Ackerbau und erste Technologien größere Frucht trugen – allein die anfängliche Anerkennung dieser nützlichen Funktionen erlaubte es, Autoritäts- und Machtstrukturen zu errichten, was es wiederum denen, die an der Spitze der neuen und effizienteren Gesellschaftsformen standen, leicht machte, einen großen Teil des Produktionszuwachses für sich selbst abzuzweigen.

Zunächst zwang der Mensch die Tiere unter ein solches Verhältnis. Das wilde Rind konnte erst nach harten Kämpfen und unter Opfern der kühnsten Tierbändiger unterjocht werden. Später ist keine aktuelle Gewalt mehr nötig, damit das Tier den Nacken beugt. Seine gewaltige Kraft verzehnfacht die Getreidemenge seines Herrn, und das Rind erhält einen Teil davon, um dieselbe Kraft auch morgen noch zu haben.

Bald wird der entwickelte homo sapiens dieses Verhältnis auch bei seinesgleichen einführen, die Sklaverei tritt auf. Der unterlegene Gegner einer persönlichen oder kollektiven Auseinandersetzung bzw. der geschundene und verwundete Kriegsgefangene wird mit weiterer Gewalt unter den gleichen Tarifvertrag wie das Rind gezwungen. Anfangs rebelliert er, kann aber den Unterdrücker selten überwältigen oder ihm entfliehen. Auf die Dauer wird es zur Normalität, dass der Sklave, obwohl er, wie der Ochse, dem Herrn an Körperkraft überlegen ist, die Unterordnung erleidet und wie das Rindvieh schuftet, allerdings eine viel größere Bandbreite von Arbeiten und Diensten leistend.

Im Laufe der Jahrhunderte bildet dieses System seine eigene Ideologie heraus, es wird theoretisiert. Der Priester rechtfertigt es im Namen der Götter, der Richter sanktioniert die Übertretungen mit Hilfe von Strafgesetzen. Doch gibt es einen Unterschied des unterdrückten Menschen gegenüber dem Arbeitstier, er hat Letzterem voraus, spontan die Theorie nachplappern zu können, wonach das Pflugziehen gut für ihn sei, eine gesunde und zivilisierte Freude, eine Erfüllung göttlichen Willens und heiliger Gesetzespflichten; auch vermag der Ochse sein Einverständnis nicht durch Abgabe eines Wahlzettels kundzutun.

Von der vernünftigen Vernunft

Gehen wir aber wissenschaftlich und rein statistisch an die Untersuchung heran und fragen uns, wie viel nicht-bezahlte Arbeit ausgepresst wird, um die Privilegierten in den Genuss des produzierten Reichtums zu bringen, wie viel Elend es in den untersten Schichten der Gesellschaft gibt, wie viele Menschenleben infolge der wirtschaftlichen Mühsal, ferner durch Krisen und Konflikte – ob es sich nun um die Streitigkeiten etwa unter Fürsten oder Baronen handelt, oder um Bürgerkriege oder militärische Zusammenstösse zwischen Staaten – geopfert und zugrunde gerichtet werden, wird die schlechteste Bilanz auf das Konto der bürgerlichen, demokratisch-parlamentarischen Gesellschaft gehen. (Amadeo Bordiga)

Es ist schade oder vielmehr bezeichnend, dass mit Erscheinen des fünften und letzten Bandes von Hans-Peter Duerrs großer Studie »Der Mythos vom Zivilisationsprozeß« vor fast neun Jahren das öffentliche Interesse an dieser Studie erlahmte und die hiesige Linke, die in den Jahren nach 9/11 und bis heute lieber über Zivilisation, Kultur, Religion und Universalismus sinniert als über die hard facts – Kapital, Lohnarbeit, Grundrente – (Haupt- und Nebenwiderspruch revisited, nicht wahr?) und somit aus Marx einen öden Zivilisationstheoretiker macht, weder von dem Fortgang von Duerrs 1988 begonnener Studie noch von ihrem Ende großartig Notiz nahm.
Dabei zählt »Der Mythos vom Zivilisationsprozeß« zu den wirklichen Knallern im Wissenschaftsbetrieb, sie war einer der ganz großen Skandale der 80er und 90er Jahre. Die einzelnen Bänder der Studie sind zwar durchaus redundant (was leseökonomisch immerhin den Vorteil hat, dass man beliebig einsteigen kann und also nicht alle Bände hintereinander gelesen haben muss). Das hat aber wesentlich damit zu tun, dass die Angriffe auf die Studie dermaßen furios und zahlreich waren, dass Duerr regelrecht genötigt war, sie jeweils in einem langen Vorspann wieder und wieder zu entkräften1.
Was war denn nun der Skandal? »Der Mythos vom Zivilisationsprozeß« ist eine vollständige Destruktion – nicht Dekonstruktion, sondern genau das: Destruktion – von Norbert Elias berühmter, sagen wir ruhig: paradigmatischer Studie »Über den Prozeß der Zivilisation« (1939). Duerr zeigt in ausschweifenden, akribischen Detailstudien, dass Elias’ Forschungsresultate –kurz gesagt: in der Herausbildung der (immer als westlich verstandenen) Zivilisation nehmen Schamschwellen, Peinlichkeitsschwellen, Psychologisierung und Rationalisierung immer weiter zu, bis das vernünftige Individuum fix und fertig ist – einfach falsch sind. Duerr kam zu dem Schluss, »daß von einer allgemeinen Evolution der Gesittung hin zu stärkerer Triebkontrolle und ›Affektmodellierung‹ innerhalb der letzten Jahrtausende nicht die Rede sein kann«. Elias’ Forschungen stehen auf sehr wackeligen empirischen Grundlagen und verdanken sich einem – oh ja! – imperialistischen Weltbild. Für viele eine schmerzhafte Einsicht, wenn man bedenkt, dass Elias Emigrant und Antifaschist war.
Man hat Duerr, gerade mit Bezug auf seine frühen Werke »Traumzeit. Über die Grenze zwischen Wildheit und Zivilisation« (1978) und »Sedna oder die Liebe zum Leben« (1984), Irrationalismus und Aufklärungsfeindlichkeit vorgeworfen. Das Gegenteil ist der Fall: Er zeigt vielmehr die lebens- und also vernunftfeindliche Beschränkung des westlichen Rationalitätskonzepte auf (er tut das ethnologisch-historisch, politisch fand er seine Verbündeten einst bei den Anarchisten – Duerr selbst hatte 1974 die Skizze einer anarchistischen Erkenntnistheorie vorgelegt »Ni Dieu, ni mètre« [sic! Eine Anspielung auf den libertären Schlachtruf »Ni Dieu, ni maitre«] –, philosophisch-theoretisch war Duerr ein Genosse des wunderbaren Paul Feyerabend, der bekanntlich Karl Poppers Werk ebenso gründlich zerlegt hat – richtig gelesen: Wer Popper kritisieren will, muss Feyerabend lesen, nicht Adorno!). Nicht nur, dass die Menschen aus anderen Gesellschaften und anderen Zeiten ebenfalls rational gehandelt haben (nämlich ihren Lebensumständen angepasst), unter Umständen waren sie auch viel rationaler – weil sie um »die Grenze zwischen Wildheit und Zivilisation« sehr genau wussten.
Duerr hat das einst so ausgedrückt,

daß die ›archaischen Menschen‹ rationaler waren als wir heutigen, weil sie ein vernünftiges Verhältnis zu dem hatten, was jenseits der Vernunft liegt, und daß man deshalb sagen kann, daß sie die Weisheit geliebt haben, also Philosophen gewesen sind.

Später (im Sedna-Buch) relativierte er diese These dahingehend,

daß die ›archaischen Menschen‹ weniger das Wissen liebten als das Leben und daß sie es unternahmen, das Leben zu erhalten und immer wieder zu regenerieren. Sie waren keine Intellektuellen, sondern Ritualisten, und wenn es auch unwahrscheinlich klingen mag, so dachten sie doch nicht tiefer als, sagen wir, Karl Popper oder Jürgen Habermas. Damit will ich nicht sagen, daß sie an der Wirklichkeit desinteressiert gewesen sind; aber liebten sie die Wahrheit, dann handelte es sich, wie Nietzsche sagte, um »Wahrheiten für ihre Füße, Wahrheiten, nach denen sich tanzen läßt«.

Von Duerr, der sich einst das frohe, optimistische Motto Gustav Landauers auf die schwarze Fahne geschrieben hatte

Jawohl, wir wollen machen, was ihr Experimente nennt, wir wollen versuchen … und wir wollen denn, wenn’s sein muß, so lange Schiffbruch leiden und Niederlagen auf uns nehmen, bis wir den Sieg haben und Land sehen.

konnte man in letzter Zeit eher vergnatzte, pessimistelnde Töne vernehmen (wobei seine Spekulation, dass der Untergang ›unserer‹ Zivilisation, den er für unausweichlich hält, für die Menschen nicht die schlechtesten Folgen hätte, schon wieder ganz charmant ist, siehe das Interview-Bändchen »Vom Nomaden zur Monade«, 2002). Auch ist sein Forschungsinteresse mittlerweile ein anderes.
Aber es geht ja nicht um die Person, es geht um Duerrs Kritik und die schier unglaublich reichen Entdeckungen, die diese Kritik als positive Wissenschaft nach sich zog. Und dass der anarchistische Impuls kein Gestus ist, keine coole Pose, um die vor dreißig Jahren erschütternd verschnarchte Ethnologie zu schocken, was ihm nachhaltig gelang, sondern eben ein Impuls: etwas, was sich im historischen Material selbst findet, das macht dieser Brief, den Duerr am 24.12.1980 an seinen Freund Paul Feyerabend schrieb sofort klar (entnommen aus dem Band »Briefe an einen Freund«, Suhrkamp 1995):

Bei den ganz alten Völkern, den Wildbeutern, gab’s überhaupt keine Kriege, nur kleine Scharmützel, bei denen kaum jemand verletzt wurde. Kamen Konflikte auf, zog man sich meist unter Verwendung von Lügen (»… ach Gitte, da fällt mir ein, daß ich ja schon lange meine Tante besuchen wollte …«) und Ausreden zurück. Im Sinne unsere Zivilisation etwas weiter entwickelte Jäger und Sammler wie die Eskimos haben stark ritualisierte Singwettbewerbe, die australischen Ureinwohner beleidigen sich meist, die Schlachtreihen standen sich gegenüber und warfen sich Obszönitäten (»Arschloch«, Motherfucker«) an die Köpfe, bis sie keine Wut mehr hatten. D.h. entwicklungsgeschichtlich stehen Tapferkeit, Mut usw. nicht am Anfang, sondern ziemlich am Ende (Pflanzer, Hochkulturen, Nomaden). Der Wildbeuter-Held ist eher eine Mischung aus Nestor und Odysseus, weise, gutmütig, aber auch raffiniert – er überlistet als Jäger die Tiere eher als daß er sie mit Stärke und Mut verfolgt. Besonnenheit und Gerechtigkeit sind Wildbeuter-Tugenden par exellence, d.h. wir (homo sapiens) waren 99% unserer Geschichte besonnen und gerecht – das ist ein ganz anderes Bild von unserem Archaikum, was wir sonst so vorgeführt bekommen. Die Wildbeuter kennen auch keine Häuptlinge und keine institutionelle Macht, sie sind empfindlich anti-autoritär. Allerdings diskutieren sie die Dinge nicht wie unsere Antiautoritären ad nauseam durch, sondern weichen den Problemen aus – ihre Wirtschaftsform erlaubt ihnen das. Sie haben auch keine tiefen Wahrheiten – das kann man sehr gut bei den Mbuti-Pygmäen sehen, die über die Mythen und Rituale der Bantu-Neger feixen und sich amüsieren, aber hinter dem Rücken der Neger, denn sie wollen die Neger ja nicht vor dem Kopf stoßen. Den Ethnologen gegenüber verhalten sie sich oft nach dem Motto »Wie hätten sie’s denn gerne« und liefern ihnen, was immer die letzteren wollen.

  1. Zwei aussagekräftige Rezensionen zu einzelnen Bänden finden sich hier und hier. [zurück]

Prosa des Lebens #11

Es gibt eine alte Anekdote über eine Gruppe von Ethnologen, die auf der Suche nach einem mysteriösen Stamm, der Gerüchten zufolge einen gruseligen Totentanz mit Masken aus Schlamm und Holz praktizierte, in das Herz der Finsternis Neuseelands vordrangen. Eines Tages erreichten sie endlich spät am Abend den Stamm. Sie erklärten den Eingeborenen mit Händen und Füßen, was sie suchten, und legten sich schlafen; am nächsten Morgen führten die Stammesmitglieder einen Tanz auf, der all ihren Erwartungen entsprach, und so konnten die Ethnologen zufrieden in die Zivilisation zurückkehren und einen Bericht über ihre Entdeckung schreiben. Unglücklicherweise besuchte aber einige Jahre später eine andere Expedition den gleichen Stamm, versuchte ernsthafter, mit den Menschen zu kommunizieren, und erfuhr die Wahrheit über die erste Expedition: Die Stammesmitglieder hatten irgendwie verstanden, daß die Fremden einen furchterregenden Totentanz sehen wollten. Also bastelten sie, geleitet von ihrem hohen Sinn für Gastfreundschaft und der Hoffnung, ihre Gäste nicht zu enttäuschen, die ganze Nacht hindurch an den Masken und studierten einen erfundenen Tanz ein, um die Ethnologen zufriedenzustellen – die Europäer, die einen Blick auf ein seltsames exotisches Ritual zu erhaschen meinten, bekamen tatsächlich eine hastig improvisierte Aufführung ihres eigenen Wunsches präsentiert …

Der lange Schatten des Jürgen E.

Subprole hat hier einen älteren Kommentar von mir zitiert (das Beste ist freilich nicht von mir, sondern der Schwanengesang des Ex-ISF’lers, auf den ich mich beziehe).
Ich möchte das gerne ergänzen, denn ein wichtiger Baustein fehlte in meinem damaligen Kommentar1.
Es ist nicht so, dass Antideutsche die »Peripherie« (die längst keine Peripherie mehr ist) vergessen oder übersehen hätten, dass sie ganz der Logik ihres Existenzialismuswahns folgend – bei dem das Subjekt immer wieder Setzung um Setzung um Setzung vornehmen muss, um sich seiner moralischen Einzigartigkeit und Überlegenheit zu vergewissern: antideusch = kommunistisch = israelsolidarisch = prowestlich = antideutsch = … und wieder von vorne – nie dahin gelangen , wo etwas passiert, ohne dass sie darin vorkommen (»Politik in der ersten Person« wurde das mal, ich glaube sogar vom Bruhn, hämisch genannt).
Denn es gab ja in den 1990er Jahren tatsächlich eine »Abrechnung« mit der sogenannten Dritten Welt2, die nunmehr Monster gebiert, raffgierige, gealterte Befreiungskrieger, sich metzelnde Stämme, Indios mit einem notorischen Hang zur Selbst- und Lynchjustiz, kurzum: Neo-Wilde, die unter das Niveau der bürgerlichen Gesellschaft fallen und also nicht mal kritikwürdig sind3.
Was Antideutsche genussvoll ihren Hassobjekten vorrechnen – Ihr seid so maßlos israelobsessiv, dass ihr euch für das Unrecht auf dieser Welt gar nicht interessiert, deshalb ist eure Solidarität mit den Erniedrigten und Beleidigten nur geheuchelt! –, fällt auf sie selbst zurück. Zur Erinnerung: Die Parole »Keine Träne für Tschetschenien« war genuin antideutsch, die Srebrenica-Leugnung (die hat es für mehre Monate gegeben…) war es auch.
Ist heute alles verdammt peinlich, kann man aber prima abspalten, denn es war Jürgen Elsässer, der diese Parole ausgegeben hatte und der im jugoslawischen Bürgerkrieg sozusagen eineindeutig Stellung bezog4. Den Elsässer hat man hinter sich gelassen, der ist aus dem Kanon gestrichen, der war nie antideutsch, sondern schon immer mehr oder weniger verkappter Antiimp. Aber bitte, man lese seine KONKRET-Artikel aus den 1990ern: seine Sehnsucht nach den starken Männern, dem Kurzen-Prozess-Machen, den großen Imperien, die das ganze Gewürm und Gesocks zertreten, kurzum: sein »Toast auf die Fremdherrschaft« – das sind dermaßen arschklare antideutsche Topoi… Nur die Namen der Länder und der großen Männer wechselten: Ersetze Russland durch USA, Serbien durch Israel, Tschetschenien durch Afghanistan, Putin durch Bush, Stalin durch Churchill.

  1. Was der naiven Annahme Vorschub leisten könnte, es würde eine Konfrontation der jungen Burschen, mit dem, was in der großen weiten Welt wirklich vor sich geht, ausreichen, um sie aus ihrem Germanozentrismus zu locken. [zurück]
  2. Stichwort Haiti: Die Wiedereinsetzung des gewählten und dann weggeputschten linken Präsidenten Aristide 1994 durch amerikanische Streitkäfte wird als Vorgang gewertet, der klassische antiimperialistische Schemata entwertet. Jörn Schulz in der Jungle World:

    Meist wird George W. Bush dafür gescholten oder gelobt, dass er die Demokratie mit militärischen Mitteln verbreiten wollte. Doch Bill Clinton hatte es ihm schon vorgemacht, er hatte das US-Militär bereits im Jahr 1994 zur ›Operation Uphold Democracy‹ nach Haiti geschickt, um dem von rechtsextremen Putschisten gestürzten Präsidenten Jean-Bertrand Aristide wieder zu seinem Amt zu verhelfen. Diese Episode wird gerne unterschlagen, wenn Linke nun die militärischen Interventionen aufzählen, denn die zeitweilige Unterstützung für den linken Populisten Aristide passt nicht so recht ins Bild. Diese Lücke verweist auf grundsätzliche Schwächen der gängigen linken Theorien, besser sollte man wohl sagen der diffusen Vorstellungen über den ›Imperialismus‹.

    Nein, man muss keine unermüdliche Archivwühlmaus zu sein, um dahinter zu kommen, dass die USA Aristide erst wieder ins Land gelassen haben, als der zu weitgehenden Konzessionen an die Putschisten bereit war und mehrfach gegenüber den starken Herren beteuert hatte, keinerlei sozialreformerische (Sic! Aristide war nie einRevolutionär gewesen) Flauseln mehr zu verfolgen. Man kann das alles bequem bei Alex Dupuy, »Haiti in the new world order. The limits of the democratic revolution« (Westview Press, 1997) nachlesen. [zurück]

  3. Um mit Gegnern, die man im Grunde längst als nichtswürdige Gegenstände einer allerdings sich selbst missverstehenden Polemik abgetan hat, abzurechnen (noch einmal und noch einmal und immer wieder), werden auch schon mal Bilder von Eingeborenen bemüht. So heißt es in einem aktuellen Flugblatt der Kölner Georg-Weerth-Gesellschaft:

    Wertmüller wird als prominenter Exponent der Ideologiekritik dafür gehasst, dass er trotz der abschnurrenden Behauptung seiner totalen Irrelevanz immer wieder die niederträchtige Bewusstlosigkeit sieht und offen ausspricht, die sich gerade dort einstellt, wo es um die Befreiung des Menschen von Ausbeutung, Unterdrückung und Beschränktheit gehen sollte; bei denen, die sich mit den Adjektiven kommunistisch, feministisch, emanzipatorisch, solidarisch drapieren und die sich in ihrer unschuldigen Selbstgerechtigkeit vom bösen Blick dennoch so bedroht und zu wüstem Treiben berechtigt fühlen, wie blaue Amulette tragende Eingeborene, die den Raub ihrer Seelen durch das Objektiv der Kamera fürchten.

    »Unschuldige Selbstgerechtigkeit« und »wüstes Treiben« liegen ganz auf der Seite der Wertmüller-Hasser – und darin handeln sie so »wie blaue Amulette tragende Eingeborene«. In ihrem Hass auf Wertmüller erniedrigen sie sich so weit, bis sie auf dem Niveau jener legendären Eingeborenen (von denen wir alle schon gehört haben, die aber noch kein Mensch je entdeckt hat) angelangt sind. [zurück]

  4. Zu Elsässers Srebrenica-Skeptizismus siehe die Informationen in seinem Wikipedia-Eintrag. In den frühen 1990ern reagierten viele hiesige Linke auf die manifeste Anti-Serbien- und Anti-Jugoslawien-Hetze in deutscher Politik und deutschen Medien – gerade an dieser Hetze knüpften sich die Angstvorstellungen eines Vierten Reiches! – mit einer kaum hinterfragten Parteinahme für Milosevic und seinen angeblich bundesstaatlichen Visionen. Triumph der Verblödung: Deutsche Linke nutzten den jugoslawischen Bürgerkrieg für ihre Sehnsucht, auf der richtigen Seite zu stehen. Gegen Deutschland sollten vor allem alternative (entlang der alten antifaschistisch-alliierten Koalition sich gruppierende) Nationalismen stark gemacht werden. Dieses Geschwätz hat sich heute weitgehend ent-nationalisiert, sodass ganz allgemein von »dem Westen« die Rede ist, den es zu verteidigen gilt. [zurück]