Prosa des Lebens #9

In den letzten Tagen (Wochen, Monaten) habe ich schon nicht mehr sehr gut gesehen. Oft geschah es bei einer Vorlesung, daß ich einen Text vorlesen wollte: »Also der Platon, der sagt das so…« und dann nahm ich den Plato her, schaute hinein, konnte aber gar nichts sehen und so habe ich den Text einfach erfunden und wenn Leute hinterher zu mir kamen und sagten: »Wo ist diese Stelle?« Dann schaute ich bei ihnen herum und sagte schließlich: ja so, Sie haben ja eine andere Übersetzung. Und, irrational wie ich bin, habe ich nie an Brillen gedacht. Da ging ich nun eines schönen Tages mit dem Präsidenten der Schweizer Forschungsgemeinschaft zum Mittagessen und, wie immer, wenn ich mit jemand zum Essen gehe, bat ich ihn, mir die Speisekarte vorzulesen. »Warum denn?« sagte er, »weil ich das nicht sehe«, sagte ich. »Sie brauchen eine Brille« sagte seine Frau und lieh mir ihre. Und, siehe da, ich konnte deutlich alles sehen. Hinterher gingen wir zu einem Brillenladen und als ich schließlich den Busen der mir die Brille aufsetzenden busenreichen Dame klar und groß vor mir sah, wußte ich, daß ich auf dem richtigen Wege war. Jetzt habe ich drei Brillen. Sehen tu ich klar, nur Kopfschmerzen habe ich immer, möglicherweise wohl darum, weil mir das so klar Gesehene Kopfschmerzen bereitet.