Der Individualkommunist

Peter Chotjewitz ist tot.
Er starb gestern, am 15.12., nach »schwerer Krankheit«, wie es heißt. Wie im Fall Martin Büssers ist das für mich eine bizarre, ja eigentlich unglaubliche Nachricht. Chotjewitz war doch bis zuletzt präsent. Letztes Jahr erschien seine kommentierte Balestrini-Übersetzung »Tristano«, er betreute im Verbrecher-Verlag die Ausgabe seiner gesammelten Erzählungen, schrieb bis vor einigen Wochen noch für Konkret.
Im Netz-Feuilleton sprießen die Nachrufe, aber soweit ich das überblicke, drücken sie sich um zwei konstitutive Merkmale seines literarischen Schaffens und seiner künstlerisch-politischen Persönlichkeit: Chotjewitz ist neben Christian Geissler der große RAF-Sympathisant in der deutschsprachigen Literatur gewesen. Was im Kunst- und Literaturbetrieb natürlich eine tiefe, peinliche Betroffenheit ausgelöst hat. Naja, er war halt mit Baader befreundet (und deshalb sein Wahlverteidiger), und er war es auch mit dem legendären RAF-Anwalt Klaus Croissant und dem Anarcho-Drucker Peter Paul Zahl. Seine Sympathie mit der RAF scheint also im bloß Privaten zu wurzeln, und so schleicht man sich aus der Peinlichkeit. In Chotjewitz’ gesamten literarischen Schaffen gibt es aber eine unbedingte Parteinahme für Kämpfer auf verlorenem Posten. Für die Rebellen, die noch in aussichtsloser Lage nach den Rissen im System suchen, um dort ihre Sprengsätze zu platzieren. Anders als Geissler, der, als alter Militanter der illegalen KPD, die RAF – bis hin zum Wahn – tatsächlich als notwendigen, ja: entscheidenden Abschnitt in der Kontinuität kommunistischer Politik (miss-)verstand, dürfte Chotjewitz an der RAF vor allem fasziniert haben, dass sie für zwei Jahrzehnte in dem von ihm zutiefst verabscheuten militärisch-industriellen Komplex für Verunsicherung, schließlich Panik sorgte. Chotjewitz – Jahrgang 1934 – durchlebte die Adenauer-Zeit in dem Bewusstsein, dass nahezu alle Großnazis unbehelligt weitermachen konnten. Sie waren unangreifbar, das schon, aber man konnte ihnen wenigstens Angst machen.
Chotjewitz war ein Individualkommunist, er hat nie die Klassenlinie gesucht, nie sich einem organisierten Parteiwillen unterworfen, hatte aber einen untrüglichen Instinkt für alles Untergründig-Subversive, für plebejischen Eigensinn. Diesen Instinkt übersetzte er nicht in sich anbiedernden Authentizismus, im Gegenteil. Seine Romane, Erzählungen und Reportagen sind im besten Sinne »künstlich«, ästhetische Anstrengungen, keine politischen: Es sind verschachtelte Montagen, in denen sich Bilder und Geschichten überlagern, zahlreiche Fallen und Irrwege angelegt sind – was wie ein Essay anfängt, entpuppt sich als Roman, und eine kafkaeske Geschichte (»Die Herren des Morgengrauens«, 1978) ist de facto nüchterne Autobiographie.
Chotjewitz legte in seinem literarischen Schaffen eine – und das ist der zweite Punkt, der vom Betrieb peinlich beschwiegen wird – bemerkenswerte Inkonsequenz an den Tag, die sich in einem geradezu verschwenderisch-nachlässigen Umgang mit seinem Talent äußerte. Seine ersten Romane, »Hommage à Frantek« (1965) und »Die Insel« (1968), sind typsische westdeutsche Avantgarde irgendwo zwischen Oswald Wiener, mit dem er befreundet war, und Peter Handke. Das nächste große Werk, »Malavita« (1973), ist allerdings eine Reportage, eine vielschichtige, subtile Auseinandersetzung mit der sizilianischen Mafia, die er gründlich ent-romantisiert, indem er herausschält, dass es die vermeintlich heroischen Ursprünge der Mafia im Banditentum der armen Leute nie gegeben hat, die Mafiosi immer schon Büttel der Herrschenden waren.
Sein ganzes Werk hangelt sich an Brüchen entlang: Chotjewitz hat sich nie um eine immanente Entwicklung seiner Literatur, um eine typische Handschrift geschert. Immer dann, wenn es ihm zu komplex, zu bunt, zu abgedreht wurde, lässt er seine Romane und Reportagen scheitern, sie brechen ab, bleiben Fragment, verlieren sich in Ausschweifungen, veräppeln sich selbst in gedrechselten Selbstbezüglichkeiten. Und dann passierte es, dass Chotjewitz zwanzig Jahre nichts mehr publizierte (zumindest nichts von Bedeutung). Zu seiner Inkonsequenz zählt übrigens auch die Abweichung von ihr – die Inkonsequenz der Inkonsequenz. »Als würdet ihr Leben« (2001) ist eine wunderschöne, tja, wie sagt man heute?, Coming-of-Age-Geschichte, sehr genau, sehr diszipliniert, ohne jede Larmoyanz geht es um Magersucht und Weltbehauptung.
Wenn es jetzt heißt, er fehlt, dann muss man das so Fehlen präzise wie möglich benennen: Ich denke, er hat mit seiner große Leonardo-da-Vinci-Recherche (2004) und seiner Hommage à Klaus Croissant (»Mein Freund Klaus«, 2007) sein Werk abgeschlossen. Was fehlt, ist demnach nicht der große, ungeschriebene Roman.
Wenn man bedenkt, dass die deutsche Linke wahrscheinlich noch nie so herrschaftskonform war wie heute, weil die einen immer noch von Lafontaine besoffen sind, während die anderen jeden Hass auf die Verhältnisse mit großem Misstrauen begegnen, könnte doch dahinter, uiuiui, »verkürzte Kapitalismuskritik« zum Vorschein kommen, dann wird sofort klar, wofür Chotjewitz stand, was er verkörperte – und was also jetzt fehlt: Das große Nein, die tiefe Weigerung, sich mit den Herrschenden in irgendeiner Art gemein zu machen, das Wissen um die Verkommenheit der Bourgeoisie und die Anstrengung, auch dann nach den Spuren der Subversion zu suchen, wenn man sie selbst nicht mehr zu entdecken glaubt.