Krisen-Prosa

Wir hatten an dieser Stelle bereits auf den vor knapp zwei Jahren verstorbenen ebenso verschrobenen wie genialen Christian Enzensberger hingewiesen. Anlass war ein kleines Nachlass-Bändchen, mit »Gedichten in Prosa«, das kürzlich erschienen ist: »Eins nach dem anderen« (Hanser Verlag München).
Darin findet sich auf ein fragmentarisch gebliebener autobiographischer Text, »Die Verbesserung«, der sehr lustig, aber eben nicht brüllend komisch ist. Und dort wiederum findet sich ein Abschnitt, in dem Enzensberger eine wunderschöne Krisen-Phänomenologie anstellt. Dass er die Worte der VWL benutzt, »Wettbewerb«, »Investitionsneigung« etc.pp., und also auf marxistisches Vokabular verzichtet (Christian Enzensberger war übrigens Marxist), ist volle Absicht.

Wie der Kapitalismus sich weiterentwickeln würde, war nun schon absehbar. Der Wettbewerb würde Rationalisierungen erzwingen. Die Rationalisierungen würden Arbeitsplätze vernichten. Die Arbeitslosigkeit würde die Kaufkraft vermindern. Die verminderte Kaufkraft würde Kapazitäten freisetzen. Die ungenutzten Kapazitäten würden die Profite und damit die Investitionsneigung dämpfen. Die stockenden Investitionen würden die Rationalisierung bremsen. Die gebremste Rationalisierung würde die Wettbewerbsfähigkeit verschlechtern. Die schlechte Wettbewerbsfähigkeit würde die Pleiten vermehren. Die vermehrten Pleiten würden Arbeitsplätze vernichten.
Ausweg eins: man mußte die Investitionsneigung stärken. Dazu mußte man Investitionshilfen bewilligen. Die Rationalisierung würde sich beschleunigen, Arbeitsplätze vernichten und die Kaufkraft vermindern. Ausweg zwei: man mußte die Kaufkraft vermehren, das Arbeitslosengeld erhöhen. Die Kaufkraft würde zunehmen, die Kapazitäten wären ausgelastet, die Profite und damit die Investitionsneigung würden steigen, damit die Rationalisierung, und Arbeitsplätze vernichten.
Für die Investitionshilfe wie für die Kaufkrafterhöhung mußte man die Steuern anheben. Die erhöhten Steuern konnte man von der Industrie abschöpfen, die Profite und damit die Investitionsneigung würden abnehmen, die Pleiten würden sich vermehren und Arbeitsplätze vernichten. Oder man konnte die erhöhten Steuern von den Arbeitsplätzen abschöpfen, die Arbeitsplätze würden dadurch teurer werden, die Wettbewerbsfähigkeit würde sich verschlechtern, die Pleiten sich vermehren und Arbeitsplätze vernichten.
Ausweg drei: man konnte das erhöhte Arbeitslosengeld durch Kredite finanzieren, das Geld würde knapp und teuer, das Kapital würde sich an die besseren Profite im Bankgeschäft halten, die Investitionsneigung würde sinken, damit die Wettbewerbsfähigkeit, und Arbeitsplätze vernichten. Oder man konnte die ungedeckte Geldmenge erhöhen, die Inflationsrate würde steigen, die Profite würden sinken, es würde eine Kapitalflucht einsetzen, die Investitionsneigung würde sich mindern, die Rationalisierung sich verlangsamen und Arbeitsplätze vernichten. Das waren so im Wesentlichen die möglichen Antworten.