Chronistenpflicht

… es gibt zwar hierzulande (noch ?!) keine ernsthafte linke Debatte um den kommenden Aufstand, aber zumindest ein linkes Interesse an der bürgerlichen um das Traktat. Jedenfalls hat unser letzter Eintrag, der nicht viel mehr geleistet hat, als ein paar prominente Feuilleton-Statements einzusammeln, diesem Blog die bis dato meisten Klicks verschafft. Als angemessene Reaktion darauf werden wir wohl in den nächsten zwei Monaten ausschließlich Informationen und Hinweise zur Biographie und zum Werk Amadeo Bordigas bringen müssen, damit sich mittels staubtrocknener Pfennigfuchserei die uns standesgemäße Langeweile wieder einstellt.
Vorab aber noch ein paar Nachträge —

„Der kommende Aufstand“ in den
(früher plural west-marxistischen, jetzt eher linksbürgerlich ultranegristisch orientierten) Grundrissen

in der FR

und dann noch einmal (als Entgegenung auf diesen TAZ-Beitrag) in der SZ.

[Update 26.11. Ein Remake des oben genannten TAZ-Beitrags findet sich jetzt auch in der Jungle World. Wie schon in der TAZ fordert der Autor „sich stattdessen zu den stets neu zu verwirklichenden Zielen von 1776 und 1789 (zu) bekennen“. „stattdessen“ zielt auf „Politische Theologie und Romantik“. Vielleicht ist ja der brave Glaube, die Ziele von 1776 und 1789 seien stets neu zu verwirklichen (Was wäre das denn? Nach der „Verwirklichung“ des Privateigentums noch mal die „Verwirklichung“ des Privateigentums? Interessant!), nichts anderes als „Politische Theologie“? Der Autor Johannes Thumfart wird darüber lange und tiefsinnig nachdenken.]

[Noch ein Update / 27.11. / Die TAZ legt nach, und damit befinden wir uns bereits im Zustand der Meta-Debatte: Feuilleton-Ritter fangen an, über ihresgleichen zu sprechen. Da dieser TAZ-Beitrag unfreiwillig freiwillig bestätigt, dass die ganze Debatte once more das Selbstgespräch halbgebildeter Kleinbürger ist, und zudem die ultimative Verflachung der „Debatte“ anzeigt, Zitat: „Zu dem antimodernen Reflexen aus dem Revolutionsmuseum gehört auch die Behauptung von angeblich entfremdeter und angeblich nicht entfremdeter Arbeit.“ (Rechtschreibung im Original), ist dieses Update das letzte.]

Wem seine Zeit zu schade ist, dem bieten wir hier ein wenig Mülltrennung. Denn es ist müßig, auf die Beiträge im Feuilleton en detail einzugehen. Ihr Muster ist dieses: 1. die Autorinnen und Autoren des Manifests werden als Angehörige der eigenen Klasse identifiziert (im Feuilleton hält sich im Kontrast dazu das hartnäckige Vorurteil, dass Arbeiter entweder positiv spießige, ordentliche, bildungsbeflissene Sozis sind oder aber degeniert-sprachloses Prekariat); 2. dementsprechend wird das Manifest in die Reihe bürgerlicher Kulturkritik eingeordnet — Spengler, Schmitt, Heidegger, Jünger (im Manifest selbst gibt es keinen einzigen direkten Bezug auf diese Autoren, but who cares. Dass die Kritiker diese Bezüge identifizieren, hat vor allem mit dem ihnen eigenen Bildungsdünkel zu tun. Die völlig offensichtlichen Bezüge auf eine spezifisch französische Tradition der Entfremdunsgkritik1 — man denke bloß an Lefebvre, Castoriadis, Debord —, können deutschen Wald-und-Wiesen-Denkern gar nicht in den Sinn kommen); 3. weil die Autoren Angehörige der eigenen Klasse sind, fallen sie unter die eigentümlich bürgerliche Klassensolidarität2: Man gesteht dem Manifest ein aufrichtiges Unbehagen zu, zeigt sich beeindruckt von dem hohen Bildungsniveau der Autoren und ist empört über den Umgang der Staatsmacht mit dem vermeintlichen Chef-Theoretiker Julien Coupat; 3.1 Einschränkung: Während die meisten Rezensenten die Autoren als verlorene (enttäuschte) Söhne und Töchter des Bürgertums ansehen, sind sie für die TAZ eher die feindlichen Brüder und Schwestern: als anständiger Linksliberaler zeigt man sich entsetzt über das vermeintliche Ausmaß urdeutscher Kulturkritik, 4. die Grenze der Begeisterung zeigen sich nicht erst, wenn die Rezensenten auf die praktischen Vorschläge der Autoren zu sprechen kommen, sondern schon vorher: Man darf soviel über die Gesellschaft ätzen, nur eines darf man nicht: die Demokratie ablehnen. Das Manifest ist im wesentlichen anti-demokratisch (Einschub: dies können sich alle Rezensenten bloß schmittianisch erklären, dass es im französischen Gauchismus vermittelt über Bordiga, dessen eigensinnigste Schüler im Guten wie im Schlechten nun mal Franzosen sind — to name but a few: Roger Dangeville, Jacques Camatte, Giles Dauvé, eine lange Tradition der Demokratiekritik gibt —, kann natürlich kein Feuilletonist wissen wollen, und wir ärgern uns schon jetzt, dass wir es hier verraten haben) — und deshalb fällt es natürlich in allen Besprechungen schlussendlich durch.
Der Taz-Rezensent kann dem blindwütigen staatlichen Umgang mit der Coupat-Gruppe dann doch noch was abgewinnen, „zwar verfahrensmäßig skandalös, aber inhaltlich nicht ganz unberechtigt“ (ein Satz wie ihn Carl Schmitt nicht schöner hätte formulieren können!), und Minkmar in der FAZ weiß schon jetzt, dass nach Demokratie immer alles nur schlimmer werden kann bzw. „Wenn die Züge nicht mehr fahren, folgt nichts Besseres.“

  1. Diese Kritik hat nichts mit dem vielbeschworenen Heidegger-Import (Sartre!) zu tun. Ihre Wurzeln liegen im Surrealismus und Trotzkismus. [zurück]
  2. Nur wenige Marxisten sprechen über diese Art der Solidarität, dabei hat sie sich als nachhaltiger und zäher erwiesen als aller proletarischer Eigensinn! [zurück]