Archiv für November 2010

Die schlussendliche Klärung der Organisationsfrage

sind sie / fragte der zöllner / in staten island / nadelöhr zum paradies / für emigranten / sind sie / mitglied / der kommunistischen partei / oder einer ihrer / unterorganisationen? / aber nein / sagte bakunin / und lachte laut

(Aus: Peter-Paul Zahl, „Aber nein, sagte Bakunin und lachte laut. Gedichte“, Rotbuch, Berlin 1983)

Chronistenpflicht

… es gibt zwar hierzulande (noch ?!) keine ernsthafte linke Debatte um den kommenden Aufstand, aber zumindest ein linkes Interesse an der bürgerlichen um das Traktat. Jedenfalls hat unser letzter Eintrag, der nicht viel mehr geleistet hat, als ein paar prominente Feuilleton-Statements einzusammeln, diesem Blog die bis dato meisten Klicks verschafft. Als angemessene Reaktion darauf werden wir wohl in den nächsten zwei Monaten ausschließlich Informationen und Hinweise zur Biographie und zum Werk Amadeo Bordigas bringen müssen, damit sich mittels staubtrocknener Pfennigfuchserei die uns standesgemäße Langeweile wieder einstellt.
Vorab aber noch ein paar Nachträge —

„Der kommende Aufstand“ in den
(früher plural west-marxistischen, jetzt eher linksbürgerlich ultranegristisch orientierten) Grundrissen

in der FR

und dann noch einmal (als Entgegenung auf diesen TAZ-Beitrag) in der SZ.

[Update 26.11. Ein Remake des oben genannten TAZ-Beitrags findet sich jetzt auch in der Jungle World. Wie schon in der TAZ fordert der Autor „sich stattdessen zu den stets neu zu verwirklichenden Zielen von 1776 und 1789 (zu) bekennen“. „stattdessen“ zielt auf „Politische Theologie und Romantik“. Vielleicht ist ja der brave Glaube, die Ziele von 1776 und 1789 seien stets neu zu verwirklichen (Was wäre das denn? Nach der „Verwirklichung“ des Privateigentums noch mal die „Verwirklichung“ des Privateigentums? Interessant!), nichts anderes als „Politische Theologie“? Der Autor Johannes Thumfart wird darüber lange und tiefsinnig nachdenken.]

[Noch ein Update / 27.11. / Die TAZ legt nach, und damit befinden wir uns bereits im Zustand der Meta-Debatte: Feuilleton-Ritter fangen an, über ihresgleichen zu sprechen. Da dieser TAZ-Beitrag unfreiwillig freiwillig bestätigt, dass die ganze Debatte once more das Selbstgespräch halbgebildeter Kleinbürger ist, und zudem die ultimative Verflachung der „Debatte“ anzeigt, Zitat: „Zu dem antimodernen Reflexen aus dem Revolutionsmuseum gehört auch die Behauptung von angeblich entfremdeter und angeblich nicht entfremdeter Arbeit.“ (Rechtschreibung im Original), ist dieses Update das letzte.]

Wem seine Zeit zu schade ist, dem bieten wir hier ein wenig Mülltrennung. Denn es ist müßig, auf die Beiträge im Feuilleton en detail einzugehen. Ihr Muster ist dieses: 1. die Autorinnen und Autoren des Manifests werden als Angehörige der eigenen Klasse identifiziert (im Feuilleton hält sich im Kontrast dazu das hartnäckige Vorurteil, dass Arbeiter entweder positiv spießige, ordentliche, bildungsbeflissene Sozis sind oder aber degeniert-sprachloses Prekariat); 2. dementsprechend wird das Manifest in die Reihe bürgerlicher Kulturkritik eingeordnet — Spengler, Schmitt, Heidegger, Jünger (im Manifest selbst gibt es keinen einzigen direkten Bezug auf diese Autoren, but who cares. Dass die Kritiker diese Bezüge identifizieren, hat vor allem mit dem ihnen eigenen Bildungsdünkel zu tun. Die völlig offensichtlichen Bezüge auf eine spezifisch französische Tradition der Entfremdunsgkritik1 — man denke bloß an Lefebvre, Castoriadis, Debord —, können deutschen Wald-und-Wiesen-Denkern gar nicht in den Sinn kommen); 3. weil die Autoren Angehörige der eigenen Klasse sind, fallen sie unter die eigentümlich bürgerliche Klassensolidarität2: Man gesteht dem Manifest ein aufrichtiges Unbehagen zu, zeigt sich beeindruckt von dem hohen Bildungsniveau der Autoren und ist empört über den Umgang der Staatsmacht mit dem vermeintlichen Chef-Theoretiker Julien Coupat; 3.1 Einschränkung: Während die meisten Rezensenten die Autoren als verlorene (enttäuschte) Söhne und Töchter des Bürgertums ansehen, sind sie für die TAZ eher die feindlichen Brüder und Schwestern: als anständiger Linksliberaler zeigt man sich entsetzt über das vermeintliche Ausmaß urdeutscher Kulturkritik, 4. die Grenze der Begeisterung zeigen sich nicht erst, wenn die Rezensenten auf die praktischen Vorschläge der Autoren zu sprechen kommen, sondern schon vorher: Man darf soviel über die Gesellschaft ätzen, nur eines darf man nicht: die Demokratie ablehnen. Das Manifest ist im wesentlichen anti-demokratisch (Einschub: dies können sich alle Rezensenten bloß schmittianisch erklären, dass es im französischen Gauchismus vermittelt über Bordiga, dessen eigensinnigste Schüler im Guten wie im Schlechten nun mal Franzosen sind — to name but a few: Roger Dangeville, Jacques Camatte, Giles Dauvé, eine lange Tradition der Demokratiekritik gibt —, kann natürlich kein Feuilletonist wissen wollen, und wir ärgern uns schon jetzt, dass wir es hier verraten haben) — und deshalb fällt es natürlich in allen Besprechungen schlussendlich durch.
Der Taz-Rezensent kann dem blindwütigen staatlichen Umgang mit der Coupat-Gruppe dann doch noch was abgewinnen, „zwar verfahrensmäßig skandalös, aber inhaltlich nicht ganz unberechtigt“ (ein Satz wie ihn Carl Schmitt nicht schöner hätte formulieren können!), und Minkmar in der FAZ weiß schon jetzt, dass nach Demokratie immer alles nur schlimmer werden kann bzw. „Wenn die Züge nicht mehr fahren, folgt nichts Besseres.“

  1. Diese Kritik hat nichts mit dem vielbeschworenen Heidegger-Import (Sartre!) zu tun. Ihre Wurzeln liegen im Surrealismus und Trotzkismus. [zurück]
  2. Nur wenige Marxisten sprechen über diese Art der Solidarität, dabei hat sie sich als nachhaltiger und zäher erwiesen als aller proletarischer Eigensinn! [zurück]

Der morgige Aufstand ist auch schon wieder von gestern

Ein Freund hatte mir gegenüber die Vermutung geäußert (mir die Wette angeboten), dass Der kommende Aufstand (zumindest in Deutschland= von der Gegenseite gehypt werden wird und nicht von der Subkultur und erst nicht in den linken Verlautbarungsorganen. Mindestens der Tendenz nach hat er recht, Besprechungen in der Jungle World, in KONKRET, in der Jungen Welt und im AK sind mir noch nicht untergekommen (Debatten im AK verfolge ich allerdings nicht regelmäßig). In der Phase 2 stand auch (noch?) nichts; die Wildcat, sonst immer schnell, wenn es darum geht, auf wichtige revolutionspraktische globale Debatten hinzuweisen, schweigt; auf Blogsport resp. Planet X-Berg habe ich (bis auf den Hinweis, wo man sich die Broschüre – in einer von der Nautilus-Ausgabe abweichenden, etwas ungelenkigeren Übersetzung – herunterladen kann) wenig resp. nichts gefunden.
Immerhin, einen längeren, wohlwollenden, insgesamt eher darstellenden als diskutierenden Text kann man hier lesen, Raum gegen Zement (wer sonst?!) hat eine längere, aus Frankreich stammende Kritik auf seinem Blog dokumentiert.
Mir mag hier und da was durchgegangen sein, aber im Großen und Ganzen ist es das. Auch wenn die deutsche Startauflage angeblich schon vergriffen sein soll (wie hoch war die denn? 2000 Stück?) – in der Subkultur, in der Szene, in den »Zusammenhängen« findet das Manifest, ein Bestseller in Frankreich, der Schweiz, in Griechenland und den USA … nicht statt, zumindest nicht öffentlich. Und so wahnsinnig hochgestochen und irre abgefahren, dass eine Rotte überbildeter Marxisten wochen- und monatelange darüber grübeln müsste, um auch nur irgendwas Substantielles zum »Aufstand« sagen zu können, ist das Manifest nun wiederum nicht. (Lesen Sie Debord durch die Brille Agambens, fühlen Sie sich in Ihrem heimeligen Berliner Kiez mal für einen Moment so richtig unwohl, erinnern Sie sich an Ihre Jugend in Neumünster oder Düren, als Sie ab und an mal einen BILD-Zeitungsautomaten oder ’nen Telefonhäuschen platt gemacht haben, lassen Sie sich von Ihren WG-Mitbewohnern Dante, Rimbaud und Sorel LAUT vorlesen, legen Sie danach Kollaps auf, vergessen auch nicht die ein oder andere stark aufputschende Pille --- dann können Sie das Manifest glatt selber schreiben. Und das alles in einer Nacht!)
So ist der bürgerlichen Presse vorbehalten, für den wohligen Schauer des Entsetzens zu sorgen.

Der Spiegel (bringt Auszüge – und eine kleine Einleitung – auf drei Seiten, noch nicht online)

FAZ bzw. FAS

NZZ

TAZ 1

TAZ 2

Die Zeit I

Die Zeit II

SZ

Arte (Die Doku über die Jugend- und Arbeiteraufstände ist im Prinzip der Film zum Buch.)

Was von dem Buch sonst noch zu halten ist? Steht vielleicht demnächst mal an dieser Stelle.

Die beste, weil präziseste, verständigste, um Kontextualisierung aufrichtig bemühte und auch respektvollste Besprechung stammt freilich von Glenn »Teaparty« Beck. (Achtet auf das feine, maliziöse Lächeln, wenn er »France« ausspricht.)

Prosa des Lebens #6

Er kannte eigentlich nur den Marxismus. Selbst Hegel nur vom Hörensagen. Ziemlich am Anfang meiner – wie soll ich es nennen: Bekanntschaft ist viel zuwenig, Freundschaft viel zuviel – hatte er so eine Bemerkung gemacht über Hegel als »Idealist«. Er benutzte diese Schablonenwörter ziemlich ungeniert. Daß Hegel »gar nicht in Frage komme«, und wenn man daneben Marx lese, dann sehe man, »welch ungeheure Kraft« das sei. Als ich das nächste Mal zu ihm kam, erklärte ich ihm: »Ich habe einen Text von Hegel und einen Text von Marx zum Vorlesen mitgebracht; ich werde das in chronologischer Reihenfolge tun, also mit Hegel anfangen.« Las aber Marx. Er fing an, zu höhnen. Dann las ich Hegel vor und behauptete, der Text sei von Marx. Er war ungeheuer angetan. Nun, schon in der damaligen Zeit, obwohl er erst ein Mittdreißiger war, war Brecht daran gewöhnt, gefeiert und vergöttert zu werden. Auch Männer behandelten ihn so, als seien sie Frauen. Was ich da getan, war eine Frechheit, die ihm noch nie vorgekommen war (die aber gar nicht unbrechtisch war). Als ich ihm meinen Trick gestand, schmiß er mich raus.

Beschimpft, bedroht, geprügelt

Kürzlich mit der Bahn gefahren, dort im verlumpten Bahnmagazin (»Ihr persönliches Exemplar«) geblättert. Titelstory: Harald Schmidt unterhält sich mit Bahnchef Grube. Beide in bester Herrenlaune. Harald Schmidt vermisst die Schuhputzer, sei doch ein ehrenwerter Beruf. Typen wie Schmidt genießen einfach den Anblick von Leuten, die vor einem knien und die man mit seinem harten Geld herumkommandieren kann.
Hier hatten wir auf einen Bericht hingewiesen, in dem über Gewalt gegen Zugbegleiter berichtet wird, die nicht selten / immer häufiger von bildungsfernen Managern, diesen Schmidts aus der Ersten Klasse, ausgeht.
Ein Freund (Danke, Genosse!) hat mich nun auf eine erschütternde1 Fernsehreportage hingewiesen, der auch die Gewalt gegen Zugbegleiter zum Thema hat, aber mehr noch den immensen Druck schildert, den die Kolleginnen und Kollegen durch die Unternehmensleitung erleiden. Es sind widerliche Arbeitsverhältnisse, in denen Demütigungen alltäglich sind – Demütigungen, die dann nach »unten«, an die Fahrgäste weitergegeben werden. Auch so eine Strategie der Macht: Die Leute sollen sich das Leben schön untereinander zur Hölle machen. (Und sie geht auf! Wer mag schon Zugbegleiter?)

  1. Erschütternd sind nicht drastische Opferschilderungen, hier fließt kein Blut. Erschütternd ist das Banale, die Permanenz, die Willkür, die IMMER zuschlagen kann. Das nagt an dir, das macht dich fertig. Das soll es auch. [zurück]