Ruhe und Ordnung auf Haiti – eine Erfolgsgeschichte

Jetzt regiert also die Cholera auf Haiti. Die Menschen sind in Panik, manche haben sogar eine Klinik, die Cholera-Patienten pflegt, angegriffen, weil sie die Klinik als Herd weiterer Erkrankungen vermuten. Dass die Cholera um sich greift liegt an den immer noch katastrophalen hygienischen Zuständen (zehn Monate nach dem Erdbeben!). Zudem sind die vielen Unterernährten und HIV-Infizierten zu schwach, als dass ihr Körper sich überhaupt gegen die Cholera wehren könnte.
Was ist da schief gelaufen?, ist die Frage, die nun wieder die periodisch aufwallende Haiti-Berichterstattung beherrscht. Die Frage kennt man auch aus den Reportagen zum Halbjahrestag des verheerenden Erdebebens, die registrieren mussten, wie wenig an Wiederaufbau bislang passiert ist. Oder aus einer Rede Bill Clintons in Port-au-Prince, als er schnelle, unbürokratische Hilfe und einen zügigen (auch politischen) Wiederaufbau versprach und sich verdruckst für die neoliberale Handelspolitik entschuldigte, die Haiti bereits in den Jahren vor dem Erdbeben regelrecht verwüstete1.
Ja, was läuft da schief – in einem Land von der Größe Brandenburgs, das seit 2004 de facto ein Protektorat der UN ist und das nach dem Erdbeben u.a. von 14.000 US-Soldaten geflutet wurde? Wie ist es angesichts dieser geballten Militärkraft (die doch wohl die Rettungsaktionen und die Wiederaufbaumaßnahmen wenn nicht selbst durchführen, so doch zumindest flankieren müssten) möglich, dass so wenig passiert?
Die Frage ist falsch gestellt. Es passiert doch tatsächlich eine Menge, ja, vielleicht das Wichtigste, was die westliche Welt so zu bieten hat: die Aufrechterhaltung von Ruhe und Ordnung. Von dieser Friedhofsstille wusste zum Beispiel Kevin Pina, Regisseur des Dokumentarfilms »Haiti. We must kill the bandits« (2007), zu berichten, als er auf die Rolle der lateinamerikanischen UN-Soldaten des MINUSTAH-Einsatzes (Mission des Nations Unies pour la stabilisation en Haïti) einging:

Es gibt eine direkte Parallele zwischen der militärischen Taktik, die UN-Truppen unter dem Kommando brasilianische Generäle in Haiti verfolgen und ähnlichen militärischen Operationen in ihrem eigenen Land. Es handelt sich um dieselben Kommandeure, die den Soldaten in den Favelas von Sao Paolo und Rio de Janeiro Schießbefehle erteilen. Ein Bericht von Amnesty International über ›Todesschwadronen‹ in Rio de Janeiro und Sao Paolo legt dar, dass die brasilianische Militärpolizei bei ihren Einsätzen in den Favelas zum Mittel der ›Invasion‹ greift – gewaltsame Massenrazzien, die häufig gar nicht begründet werden und gleich die ganze Community pauschal für kriminell erklären. Die Mehrheit der Opfer dieser Polizeigewalt sind arme schwarze oder farbige Jugendliche. Als auf Haiti Demonstranten durch die Forderung nach einer Rückkehr von Präsident Aristide die Autorität der UNO herausforderten, haben ähnliche Taktiken im Slum von Cité Soleil zu mehreren schweren Massakern geführt. Jedes Mal wurden sämtliche Einwohner des Viertels von den Vereinten Nationen und der bürgerlichen Presse als Verbrecher und Gangster oder als deren Helfershelfer bezeichnet.

Aber eines der erschütterndsten Ereignisse aus der Zeit nach dem Erdbeben gibt der Schriftsteller, Publizist und Haiti-Kenner Hans Christoph Buch wieder2. Der Terror hat nie aufgehört.

Nichts charakterisiert die chaotische Situation Haitis besser als die Tatsache, dass 4000 Häftlinge am 12. Januar in Port-au-Prince aus dem Zuchthaus flohen, rechtskräftig verurteilte Mörder, aber auch Unschuldige, die seit Jahren auf ihren Prozess warteten – allen voran der Gefängnisdirektor, der sich auf diesem Weg kritische Fragen entzog. Die Zeche für den Massenausbruch zahlten andere Häftlinge in Les Cayes im Süden Haitis, die während des Bebens zu meutern begannen, weil sie den Einsturz des baufälligen Gebäudes befürchteten. Daraufhin wurde das Gelände von UN-Truppen umstellt: Haitianische Polizisten feuerten in die mit Häftlingen überbelegten Zellen, töteten neunzehn wehrlose Menschen und verletzten Dutzende. Der Gefängnisdirektor wurde belobigt und befördert, die Toten verscharrt und ihre Habe verbrannt, um das Blutbad zu vertuschen, dessen Aufdeckung Reportern der New York Times zu verdanken ist.

  1. Verwüstung ist wörtlich zu nehmen: die diktierte Monokultur in der Agrarwirtschaft führte zur anhaltenden Auslaugung und schließlich Erosion der Böden, die letzten Wälder wurden abgeholzt. Das alles leistet Erdrutschen Vorschub, die nach dem Erdbeben viele Menschen unter sich begruben. Zudem provoziert die anhaltende Armut auf dem Land eine anhaltende Stadtflucht – in jene Städte, die bereits überlaufen sind und über keine gesicherte Infrastruktur verfügen. Ein Erdbeben von einer gewissen Stärke trifft diese Städte und ihre Bewohner, insbesondere Port-au-Prince, tödlich. [zurück]
  2. Die Passage findet sich im Vorspann zu seinem »neuen« Buch »Haiti. Nachruf auf einen gescheiterten Staat« (Wagenbach), das in Wirklichkeit eine verschleierte Neuausgabe seines – in der Tat sehr verdienstvollen – Frühwerks »Die Scheidung von San Domingo. Wie die Negersklaven von Haiti Robespierre beim Wort nahmen« (1976, ebenfalls Wagenbach) ist. [zurück]