Der Wert des Kompromisses

Zufall oder »Zufall«? Junge Welt meets Ofenschlot?
Die Junge Welt bringt in ihrer vergangenen Wochenendausgabe einen längen Auszug aus Lenins »Der ›linke Radikalismus‹ eine Kinderkrankheit im Kommunismus«1 und moderiert den Text entsprechend an: »1920 setzte sich Lenin mit der These ›linker‹ Kommunisten auseinander, in der Politik dürften keine Kompromisse eingegangen werden«, so als würde es sich bei dem Abdruck um eine Antwort auf unsere Dokumentation von Bordigas »Der Wert der Isolierung« handeln.

Tatsächlich richtete sich Lenins Schrift auch gegen den Abstentionismus – den Wahlboykott und die konsequente Weigerung, in den Institutionen des bürgerlichen Staates mitzuarbeiten, pardon, zu »agitieren« – der kommunistischen Fraktion in der damals noch nicht gespaltenen, der III. Internationale angehörenden Sozialistischen Partei Italiens. Bordiga war der herausragende Sprecher dieser »wahlboykottistischen« Fraktion.

Aber es ist natürlich ein Zufall. Die Junge Welt reagiert nicht auf Ofenschlot, sondern viel eher darauf, dass es eine hartnäckige, kleine linksradikale Szene gibt, die der Jungen Welt ihr angebliche kommunistische Opposition bestreitet (einige aus dieser Szene haben in den vergangenen Jahren auch für die Junge Welt geschrieben – so viel zum Thema Kompromisse –, wurden aber schließlich doch rausgeekelt).

Aber zum Text Lenins selber – und seiner Präsentation. Schon wieder gibt es eine subtile Verfälschung (wir haben kürzlich erst hier auf einen besonders ekligen Zug hingewiesen): Sie schreiben von »linken« Kommunisten, also in Anführungszeichen, ironisieren damit deren Linkssein. In Worte übersetzt müsste es demnach heißen: angeblich linke Kommunisten; oder: sogenannte linke Kommunisten. Diese Anführungszeichen spiegeln aber nicht die Wahrheit: diese Linkskommunisten waren ihrem eigenen Anspruch gar keine, sondern wurden – im Zuge der Bolschewisierung und der Parteisäuberungen – erst dazu gemacht. Die Etikettierung stammt nicht von Bordiga oder Anton Pannekoek (auch eine Zielscheibe von Lenins Polemik), sondern von denen, die die Missbeliebigen stigmatisieren wollten. Die später von Pannekoek oder Bordiga inspirierten Gruppen haben sich denn auch nicht »linkskommunistisch«genannt, sondern internationale resp. internationalistische Kommunisten. Was die Junge Welt in Anführungszeichen setzt, ist keine Selbstbezeichnung, sondern eine Zuschreibung.

Lenin schrammt, zumindest in dieser dokumentierten Passage, harrt an der Phrase vorbei (»Man muß selbst einen Kopf auf den Schultern haben, um sich in jedem einzelnen Fall zurechtzufinden.« Ach nee…), macht aber doch klar, in der ihm eigentümlich, häufig doch arg formalistischen Ausdrucksweise, dass es den revolutionären Kompromiss geben kann, jenen nämlich, den aufständischer Arbeiter einzugehen gezwungen sind, weil ein Weiterführen des Kampfes zur Zerstörung nicht der gegnerischen, sondern der eigenen Kräfte führen würde: Es ist dies ein Kompromiss, der nicht eine »wahre Reform« anzeigt und keine Etappe im friedlichen Stück-für-Stück-Hineinwachsen in den Sozialismus ist, sondern der die Grenze zwischen den eigenen Truppen und denen des Kapitals neu festlegt und scharf zeichnet; eine Grenze, hinter der sich die Truppen geordnet aufstellen können, um bei der nächsten günstigen Gelegenheit wieder losschlagen zu können.

Genau diese Art des Kompromisses hat der orthodoxe Marxist Bordiga immer begrüßt, und er hat Lenin deshalb für einen großen Kommunisten gehalten, weil dieser in der Lage war, solche Kompromisse zu schließen. Mit dem Friedensschluss von Brest-Litowsk, mit dem sich die junge Sowjetunion aus dem ersten Weltkrieg verabschiedete und der an der Ostfront das Deutsche Reich als Sieger und auch Besatzer anerkannte, verstieß Lenin gegen seine eigene Doktrin, den Weltkrieg in einen Klassenkrieg umzuwandeln – und verschaffte der Revolution die dringend benötigte Atempause.2
Genau diese Art des Kompromisses verteidigte Bordiga in Schriften wie »Der Wert der Isolierung«, Kompromisse sind dann sinnvoll, wenn die Initiative bei den Kommunisten bleibt, wenn sie selbst die Kraft zum Kompromiss haben und die Übersicht über seine Reichweite, seine Implikationen besitzen.

In anderen Fragen korrigierte Bordiga Lenin (bis zu diesem Punkt kommt freilich kein Junge-Welt-Redaktor), etwa in der Frage der Wahlbeteiligung. Bordiga hatte stets den Weltpartei-Charakter der Komintern betont, was eine gewisse Unterordnung der russischen Kommunisten unter diese Weltpartei bedeutete und was weiter implizierte, dass die Erfahrungen der russischen Revolution kein universales Revolutionsmodell hergeben – können! Bordiga hat ein Hineintragen des Kampfes in die bürgerlichen Staatsapparate (à la ›das Parlament als Tribüne revolutionärer Propaganda nutzen‹) für die Länder, in denen das Bürgertum schon lange regiert und somit über eine gewachsene Erfahrung in der Verteidigung der eigenen Macht verfügt – Länder wie Deutschland, England, Frankreich, Italien …– für illusorisch erachtet.

Vierzig Jahre später widmete Bordiga Lenins Traktat eine eigene Abhandlung, in der er das hier skizzierte und polemisch von den Intentionen der sozialdemokratisch-stalinistischen Jungen Welt abgegrenzte noch einmal in extenso entfaltete: »Lenins Schrift ›DER ‚LINKE RADIKALISMUS‘, DIE KINDERKRANKHEIT IM KOMMUNISMUS‹ – Die Verurteilung der künftigen Renegaten«, darin das Kapitel »Der Schlüssel für die ›von Lenin erlaubten Kompromisse‹« (siehe Anm. 2).
Und noch einmal zehn Jahre später, in einem Interview, das sein Vermächtnis wurde, antwortete Bordiga exemplarisch und erwähnt jene schwachen und stumpfen Schüler Lenins, deren legitime Nachfahren u.a. die Redaktionsräume der Jungen Welt bevölkern:

Die Anschuldigung, sektiererisch und zu wenig flexibel zu sein, bekam ich oft zu hören, aber sie haben mich nie vom Weg, von dem ich überzeugt und nicht abzubringen war, abweichen lassen. Die Anschuldigungen sind auf den Moskauer Kongressen nie von Lenin vorgebracht worden, sondern von seinen sklavischen Nachahmern, die vielleicht willens, aber doch sehr weit davon entfernt waren, den wirklichen Inhalt seines Denkens zu erfassen. Ich glaube, dies in meiner Schrift über den ›Linken Radikalismus‹ Lenins sowie über die falschen Überlegungen, die die späteren Renegaten darüber anstellten, richtig erläutert zu haben. Wenn es stimmt, dass man der Klassenrevolution nicht durch ein banales konspiratives Komplott näher kommen kann, wie es in den Revolutionen der Fall ist, die nur darauf abzielen, einen Führer durch einen anderen zu ersetzen, muss man auch erkennen, dass es besser ist, wenn die Klassenpartei die strenge Form einer ›Sekte‹ annimmt statt hinzunehmen, dass sich das durch strenge Disziplin geprägte Verhältnis ihrer starken zentralisierten Organisation in einen losen Zusammenhang auflöst, in dem jedem Mitglied oder jeder Basisgruppe immer wieder erlaubt ist, im Namen der Partei aus dem Stegreif hervorgebrachte und unbeherrschbare Aktionen vorzuschlagen und auszuprobieren: Aktionen, die trügerischerweise angeraten zu sein scheinen, weil sie sich den mit politischem Geschick Begabten als durch neue Umstände bedingte Opportunität darbieten. An die Stelle der unflexiblen Ernsthaftigkeit, der der revolutionäre Kämpfer verpflichtet ist, tritt so eine Reihe akrobatischer Verrenkungen oder wie man zu sagen pflegt: jäher Meinungsänderungen – was nichts weiter als eine beleidigende Parodie auf das Andenken Lenins ist, da man den Respekt vor der ›Elastizität‹ von Manövern mit einer solchen Reihe erbärmlicher Umschwünge verwechselt, die nur schwache und stumpfe Schüler gewagt haben, Lenin zuzuschreiben.

  1. Da die Junge Welt nach einer gewissen Zeit ihre Online-Angebote entfernt, hier die Quellenangabe: Lenin Werke, Band 31, Berlin (DDR) 1966, S. 52-54. [zurück]
  2. »Lenin zählt die verschiedenen Übereinkünfte, die die Bolschewiki bis zur Revolution mit den Menschewiki und den Volkstümlern schlossen, auf und rechtfertigt sie mit dem Beispiel der schrecklichen Niederlage und Auflösung dieser Parteien. Schließlich nimmt er sich mit seiner ganzen polemischen Kunst des berühmtesten Kompromisses an, des Kompromisses mit den linken Sozialrevolutionären, einer Partei der kleinbürgerlichen Bauernschaft, zum Zeitpunkt nach der Oktoberrevolution. Wir übernahmen – schreibt er – voll und ganz das Agrarprogramm der Sozial revolutionäre. Dieser ›Block‹ wurde nach der Machteroberung verwirklicht, nach der bürgerlichen Zeit – er sicherte die Mehrheit in den Sowjets und ermöglichte das Auseinanderjagen der Konstituante. Dieser letzte Block wurde von den Sozialrevolutionären selbst gesprengt, die mit dem Frieden von Brest-Litowsk nicht einverstanden waren: Die Verbündeten sprengten den Block aus ›Unnachgiebigkeit‹, aus ›Hass vor Kompromissen‹. Während man in der bolschewistischen Partei selbst an den Rand einer Spaltung gelangt war, versuchten die Ex-Verbündeten einen Aufstand gegen die Bolschewiki zu entfesseln, und man musste sie unterdrücken. Im Laufe dieser ganzen Reihe von dramatischen Ereignissen blieb Lenin immer auf der Linie des revolutionären Marxismus. Die ›Linksradikalen‹ konnten ihn nicht verstehen, wir in Italien waren aber mit ihm, selbst als es noch keine direkten Verbindungen gab. Es handelte sich – erklärt Lenin – um den Kompromiss mit einer ganzen nichtproletarischen Klasse, mit der kleinbürgerlichen Bauernschaft. Dieser Kompromiss gelang, und die Bauern hielten im epischen Kampf gegen die Weißen aller Richtungen, die sie von den städtischen Arbeitern abspalten wollten, ihre revolutionäre Verpflichtung ein. Aber Lenin führte alle diese schwierigen Manöver, ohne ein Komma an der marxistischen Agrartheorie zu ändern und ohne das Endziel eine Sekunde lang aus dem Auge zu verlieren. Erst unter Stalin wurde das Ziel umgekehrt und verraten, erst unter ihm wurde die Vorherrschaft des Proletariats über die Bauernschaft vernichtet, um schließlich die kleinbürgerliche Organisation der Kolchosen ins Leben zu rufen. An Stelle des elastischen revolutionären Manövers traten die Kapitulation und der Verrat, die aus Russland ein nichtproletarisches Land, ein Land, das von kleinbürgerlichen Dienern des Weltkapitals regiert wird, machten. Und die ›Theorie‹ der friedlichen Koexistenz ist Ausdruck jener Art von Kompromissen, die Lenin in seiner Untersuchung als Verrat bezeichnet.«
    Aus: Amadeo Bordiga, »Der Schlüssel für die ›von Lenin erlaubten Kompromisse‹« (1960), Hervorhebung von Ofenschlot. [zurück]