Der Ideologiekritiker

Die Übung, theoretisch alles ungeschehen zu machen oder wenigstens halb so schlimm, ist in Kunst und Religion seit Jahrhunderten schwer in Mode – und als erbauliche Begleitmusik wird sie von jeher von den Machern der Wirklichkeit geschätzt und genossen. Das aller Utopie innewohnende Bekenntnis, mit der Einbildungskraft die Lasten des jeweils praktizierten Geschäfts zu überwinden, also in der Möglichkeitsform da zu sein, wo noch niemand war, macht ihren Genuß so bequem. Da, wo solches Bekenntnis Programme setzen will, wird es nicht minder bequem für untauglich erklärt, eben mit dem »Realismus«, der weiß, daß für wirtschaftliche und politische Belange noch lange nicht zählt, was das Gemüt beflügelt.

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Bis auf den heutigen Tag billigen die Vertreter des Reichtums und der politischen Macht in schöner Regelmäßigkeit und im Fernsehen jedes Ideal: ob es nun »Frau« oder »Symbiose von Menschen und Baum« heißt, ob nun ein »Friedensgedanke« oder eine »Vollbeschäftigungsinitiative« propagiert werden, stets schlagen sich die Zuständigen, ungerührt von der ihnen zugedachten Rolle des Angeklagten, auf die Seite der Idee eines besseren Zustands — allerdings mit dem kleinen Zusatz, daß das jeweilige Programm, der beschworene Wert bei ihnen in den besten Händen sei.

Aus einem Interview mit Karl Held (»Der schöne Hohepriester selbst«, Rainald Goetz), 1985.