Von der Bündnispolitik: »Der Wert der Isolierung«

Einleitung
Die Sprache ist sehr roh, weil der Inhalt so wenig freundlich ist.
Das muss man vorweg sagen, denn sonst kriegen die Zartbesaiteten, die in den Sphären des schönen Geistes gar nicht genug davon bekommen können, Kritik als Polemik zu proklamieren (das, liebe Pohrtianer und Wertmüller-Adepten, sind aber immer noch zwei Paar Schuhe), die aber sofort Totalitarismus oder gar »verkürzte Kapitalismuskritik« wittern, wenn einer die praktische Realität theoretischer Vorwegnahmen formuliert, Muffensausen.
(Also besser nicht weiterlesen.)
Es ist ein Text aus dem Bürgerkrieg, der ein Klassenkrieg ist, dementsprechend die Wortwahl.
Nun denn, wir schreiben das Jahr 1921, die Phase der Fabrikbesetzungen in Italien ist abgeklungen, die Revolutionsromantik wurde fast zwangsläufig enttäuscht, die alte sozialistische Partei Italiens musste von den bis dato noch in ihr organisierten Kommunisten gesprengt und gespalten werden, um weiterhin einen Pol für alle revolutionären Kräfte zu bilden. Noch steht der Faschismus nicht ganz oben auf der Tagesordnung, aber dass die Reaktion der italienischen Bourgeoisie auf die zwei roten Jahre des Aufruhrs blutig ausfällt, ist bereits unbestreitbar.
International ebbt die revolutionäre Welle ab: Die deutschen Kommunisten sind – vorerst – aufgerieben und ihrerseits gespalten, ihre mitteldeutsche März-Aktion war ein dramatischer Flop, die finnischen Kommunisten werden gerade ausgelöscht (physisch! nicht bloß politisch), die ungarischen sind illegalisiert. Die faschistische Epoche bricht langsam, aber sicher an.
Noch aber haben die internationalen Kommunisten die Initiative (immerhin, die Macht der Bolschewiki in Russland ist konsolidiert, die Tragweite der Tragödie von Kronstadt ist für viele Kommunisten noch nicht abzusehen), noch können sich die Kommunisten als aktive, vorwärtstreibende Elemente der Weltrevolution begreifen, zumal in Italien.
Das ist der Hintergrund, vor dem Amadeo Bordiga seinen legendären, später skandalisierten Artikel »Der Wert der Isolierung« veröffentlicht. Es ist die Darlegung, was kommunistische Bündnispolitik in Zeiten des forcierten Klassenkampfes ist. Diese Situation gibt es aktuell nicht, und sie wird sich wohl auch nie wiederholen. Das ist ein historischer Text, das darf man bei der Lektüre auch nicht vergessen.
Aber gerade weil der Text so radikal ist, so unverblümt und anti-diplomatisch bis zur Skurrilität lotet er die Bedingungen revolutionärer Bündnispolitik überhaupt aus. Nämlich »keine Abkommen mit Leuten zu schließen, die eine offensive proletarische Aktion gegen das Regime und den Staat grundsätzlich ausschließen und lediglich bereit sind, einer defensiven Aktion gegen das, was sie verschwommen ›Auswüchse‹ der Bourgeoisie nennen, zuzustimmen. Der einzige Auswuchs der Bourgeoisie besteht heute darin, an der Macht zu sein.«
Die Zentralaussage, die sich mitunter in militärisches Vokabular kleidet, ist diese: Bündnisse müssen sich inhaltlich legitimieren. Taktische Bündnisse, an denen Kommunisten nur teilnehmen, weil sie sich über und durch sie Kontakt zu »den Massen« erhoffen, und zu denen sie ein rein instrumentelles, wenn nicht konspiratives Verhältnis haben, führen nicht nur zur Selbstzerstörung dieses Bündnisses, sondern zur Auflösung des kämpfenden proletarischen Lagers schlechthin. Bordiga bekämpft den »theatralischen bzw. belletristischen Begriff der Revolution«: Instrumentalisierte Bündnisse, in denen Kommunisten sich entristisch einschmuggeln sind genauso reaktionär, wie Bündnisse, in denen von vorneherein irgendwelche »Minimalziele« (die gewiss nicht die Minimalziele der Kommunisten sind) formuliert werden und in denen Kommunisten vorab als Unterworfene, Anhängsel und nützliche Idioten sich einreihen.
»An diesen wesentlichen Grundlagen für taktische Bündnisse halten wir nicht etwa deshalb fest, weil wir eine abstrakte Freude daran hätten zu erklären: Bei der praktischen Vorbereitung der Revolution werden wir nur mit den Leuten zusammenarbeiten, die unsere kommunistischen theoretischen Auffassungen im Wesentlichen teilen. Nein, es handelt sich um keinen theoretischen Luxus, wenn auch die Überlegungen, die zu dem genannten Kriterium führen, einmal mehr bestätigen, welch großartige Anleitung zum Handeln unsere marxistische Theorie ist. In Wirklichkeit handelt es sich darum, die praktischen Lehren aus den Erfahrungen richtig anzuwenden.« Die Lage ist zu ernst, um auf Palastrevolten zu setzen.
Die Antwort auf die sich an diese Erwägungen sofort einstellende Kritik – das sei doch maximalistischer Wahnsinn (»maximalistisch«, also maß- und wahllos sind vielmehr die zeitgenössischen Urteile über Bordiga – er sei unpolitisch oder ein reiner Kommunist oder ein dem Proletariat fremd gegenüber stehender Stratege, der die Partei zu einer militärischen Eliteorganisation hätte umfunktionieren wollen) – muss in der Sprache des Militärs erfolgen, denn schließlich geht es um Strategie und um Taktik:
»In der aktuellen fürchterlichen Lage kann in der Tat kein Trennungsstrich zwischen Klassenverteidigung und Klassenangriff gezogen werden, gerade weil – der Faschismus ist hier ein ausgezeichneter Lehrmeister – der Klassenkampf heute zu einem wirklichen Klassenkrieg geworden ist. Im Krieg aber, jeder Militärexperte wird das bestätigen, verteidigt man sich, indem man angreift, und umgekehrt. Würde ein General oder Soldat sagen, die Armee müsse sich nur verteidigen und dürfe niemals zum Angriff übergehen, so würde er als Defätist erschossen – ›eben zur Verteidigung‹«.

(Alle angezeigten Kürzungen sind bereits in der deutschen Übersetzung enthalten.)

»Der Wert der Isolierung«

II.

[…]
Wir sagen, dass die kommunistische Bewegung jedes Organisationsabkommen mit Bewegungen, deren Vorbereitungsarbeit nicht auf den Entscheidungskampf gerichtet ist, generell ablehnen muss. […] Es ist sehr einfach zu erklären, was wir unter »Organisationsabkommen« verstehen. Jede Aktion bedarf einer Vorbereitung, daher einer Organisation und eben deshalb einer Disziplin. Die Kommunisten dürfen niemals die organisatorische Disziplin ihrer eigenen Partei einer anderen Disziplin unterstellen, wie es der Fall wäre, wenn sie sich verpflichten würden, den Anweisungen einer aus Vertretern verschiedener Parteien gebildeten »Einheitsfront«-Führung Folge zu leisten […].

Wohlverstanden, die Ablehnung von Organisationsabkommen schließt nicht aus, Aktionen durchzuführen, an denen sich mit gleicher Zielsetzung Kommunisten und andere politische Kräfte beteiligen. Doch müssen wir die volle Kontrolle über unsere Kräfte für den Zeitpunkt behalten, wo sich die zeitlich befristeten Aktionsbündnisse auflösen können und müssen und sich die Frage der Revolution in ihrer Gesamtheit stellt. Die Hypothese, solche Organisationsabkommen in der Absicht zu schließen, sie bei der ersten Gelegenheit zu »verraten« oder die dahinterstehenden Kräfte auszunutzen, steht nicht zur Debatte. Wir schließen diese Taktik aus, nicht aus moralischen Skrupeln, sondern weil angesichts der verheerenden »revolutionären« Bündnisschließerei (die leider auch die Massen, die unserer Partei folgen, nicht verschont) das Spiel viel zu gefährlich wäre und das Trennungsmanöver zu unseren Lasten gehen würde. Um die Massen auf die strenge Disziplin der revolutionären Aktion vorzubereiten, sind äußerst klare Haltungen und Handlungen vonnöten. Man muss sich daher von Beginn an auf eine sehr deutliche und feste Plattform stellen, d.h. auf unsere. Andernfalls würden wir den Boden für andere bereiten, für Bewegungen, die trotz bzw. wegen ihrer Neurerposen reaktionär sind oder zwar auf dem Boden der Revolution stehen, aber nicht das Zukunftsbild vom revolutionären Prozess haben.

[…]

Wir denken, dass unsere Taktik auf folgendem Kriterium beruhen soll: Kein Organisationsabkommen, d.h. keine Einheitsfront mit jenen Elementen, die sich nicht den bewaffneten revolutionären Kampf des Proletariats gegen den bestehenden Staat zum Ziel setzen, die diesen Kampf nicht als eine Offensive, eine revolutionäre Initiative zur Abschaffung der parlamentarischen Demokratie und des bürgerlichen Staatsapparates verstehen, die das Ziel der Errichtung der politischen Diktatur des Proletariats (deren revolutionäres Gesetz alle Gegner der Revolution für vogelfrei erklären wird) nicht teilen.

An diesen wesentlichen Grundlagen für taktische Bündnisse halten wir nicht etwa deshalb fest, weil wir eine abstrakte Freude daran hätten zu erklären: Bei der praktischen Vorbereitung der Revolution werden wir nur mit den Leuten zusammenarbeiten, die unsere kommunistischen theoretischen Auffassungen im Wesentlichen teilen. Nein, es handelt sich um keinen theoretischen Luxus, wenn auch die Überlegungen, die zu dem genannten Kriterium führen, einmal mehr bestätigen, welch großartige Anleitung zum Handeln unsere marxistische Theorie ist. In Wirklichkeit handelt es sich darum, die praktischen Lehren aus den Erfahrungen richtig anzuwenden.
[…]

III.

Angenommen, den Kommunisten würde es durch eine zusammen mit anderen politischen Bewegungen geplante »proletarische Verteidigungsaktion« gelingen, dem Faschismus in die Defensive zu drängen, dann würden wir diese Teilschwächung des Feindes sofort ausnutzen wollen, um weiter zu gehen und für die Zerschlagung der bürgerlichen Macht zu kämpfen. Unsere gestrigen Verbündeten indes, die nur die Wiederherstellung des Normalzustandes im Visier haben, müssten in uns natürlich die Unruhestifter sehen und würden zu unseren schlimmsten Feinden werden. Man könnte dagegen einwenden: Wir werden bis dahin ihre Kräfte benutzt und außerdem unsere Propaganda unter den Massen entfaltet haben; wenn wir dann die Zügel in die Hand nehmen, können wir sie abdrängen und unsere spezifisch kommunistische Aktion weiterverfolgen. Solche Überlegungen zeugen nur von einem theatralischen bzw. belletristischen Begriff der Revolution. Es wird übersehen, dass die Voraussetzungen für ihren Erfolg vor allem in der organisatorischen Vorbereitung der für sie kämpfenden Kräfte bestehen – einer Vorbereitung, die in der letzten Phase, bei Strafe der Niederlage, technisch den Charakter einer disziplinierten militärischen Organisation annehmen muss. Solange mit Reden, Tageslosungen und politischen Erklärungen gekämpft wird, sind taktische Manöver leicht durchzuführen, aber vom organisatorischen Standpunkt aus ist ein Frontwechsel unmöglich. Die politische Spaltung ist eine Realität und eine historische Notwendigkeit; die Spaltung einer bereits im Kampf stehenden Armee jedoch bedeutet unweigerlich den Ruin. Sie hinterlässt nicht zwei Armeen, sondern gar keine, denn die militärische Kampforganisation steht und fällt mit der hierarchischen Zentralisierung der Kommunikations- und Befehlsstrukturen und der festen Eingliederung aller ihrer Verbände. Denn das Lager einer geteilten Armee, das zum zwar geschlagenen, aber nicht durch Spaltung geschwächten Feind überliefe, würde dort einen sicheren Stützpunkt und Aktionsraum finden, während der andere Teil, der allein weiter kämpfen müsste, ohne organisatorische Festigkeit, ohne funktionierende Organisationsstruktur und somit kampfunfähig zurückbleiben würde.

Deshalb sind wir gegen die Verteidigungskomitees, erst recht, wenn sie der Reaktion nicht bloß mit liberalen Jeremiaden, sondern mit Gewaltaktionen entgegentreten wollen. Im ersten Fall erreicht man nichts, im zweiten Fall wird sogar die Orientierung der revolutionären Vorbereitung verfälscht.

Diese rein taktischen Überlegungen führen zu dem genannten Kriterium, keine Abkommen mit Leuten zu schließen, die eine offensive proletarische Aktion gegen das Regime und den Staat grundsätzlich ausschließen und lediglich bereit sind, einer defensiven Aktion gegen das, was sie verschwommen »Auswüchse« der Bourgeoisie nennen, zuzustimmen. Der einzige Auswuchs der Bourgeoisie besteht heute darin, an der Macht zu sein. Und sie wird auch dort bleiben, solange das demokratisch-parlamentarische System besteht. Nebenbei bemerkt: ein Beispiel für diese pseudorevolutionären Verbündeten sind Leutnant Secondari und der Abgeordnete Mingrino. Beide sprechen von bewaffneter Organisation, um die bürgerliche Ordnung wiederherzustellen – und dann nach Hause zu gehen. Dies stellt für uns ein Defätismus dar, der vielleicht noch schlimmer ist als derjenige der Sozialdemokraten mit ihrer Losung der »Befriedung, indem wir klein beigeben und defensive wie offensive bewaffnete Massenaktionen missbilligen«. In der aktuellen fürchterlichen Lage kann in der Tat kein Trennungsstrich zwischen Klassenverteidigung und Klassenangriff gezogen werden, gerade weil – der Faschismus ist hier ein ausgezeichneter Lehrmeister – der Klassenkampf heute zu einem wirklichen Klassenkrieg geworden ist. Im Krieg aber, jeder Militärexperte wird das bestätigen, verteidigt man sich, indem man angreift, und umgekehrt. Würde ein General oder Soldat sagen, die Armee müsse sich nur verteidigen und dürfe niemals zum Angriff übergehen, so würde er als Defätist erschossen – »eben zur Verteidigung«.

[…]

In Anbetracht der Schwere des Problems sicherlich unvollständig, können wir abschließend sagen: Zahlreiche Erfahrungen dieser komplexen politischen Phase in Italien liefern uns die Bestätigung, dass es richtig ist, die Frage der revolutionären Vorbereitung auf folgende Grundlage zu stellen: Die Kräfte, die darauf abzielen, die Basis des Staates umzuwälzen, müssen gebündelt, eingegliedert, organisiert werden, und zwar auch militärisch, aber nur jene Kräfte, die diese Umwälzung im Sinne der Antithese zwischen zwei historischen Lösungen begreifen, nämlich entweder Erhaltung des demokratischen und gleichzeitig reaktionären Staates, oder Errichtung des proletarischen, auf der Klassendiktatur basierenden Staates.

Die unzähligen, über andere Lösungen debattierenden Grüppchen, die die heutige revolutionäre Verwirrung gefährlich verbreitern, lassen sich in zwei große Kategorien einteilen: Bei der einen handelt es sich um eine Falle, bei der anderen um Irrtum. Den politischen Organisationen, die sich der zweiten Gruppe zuordnen lassen, bringen wir verständlicherweise größere Sympathie entgegen, und sie stehen uns auch näher als diejenigen der ersten Gruppe, doch mit keiner von beiden dürfen wir organisatorische Bündnisabkommen schließen.

Zahllose »revolutionäre« Strömungen bieten ihre Programme und Methoden feil, die sich gar untereinander »kreuzen« (was merkwürdige Ergebnisse zur Folge hat) oder miteinander vermischen (wie z.B. beim Typus »Einheitsfront«), und die auch bei Teilen der Arbeiterklasse Anklang finden. So zeichnet sich das ab, was heute aus unserer Sicht die spezifische Aufgabe der Kommunistischen Partei ist: Theoretisch wie praktisch muss die Kommunistische Partei mitten in diesem Chaos als Faktor der Orientierung, der unermüdlichen Richtigstellung sowie der festen theoretischen und praktischen Kontinuität handeln.

Mögen andere glauben, einen kürzeren Weg zu kennen. Doch ist der Weg, der leichter scheint, nicht immer der kürzere, und man macht sich nicht um die Revolution verdient, nur weil man es »eilig« hat, sie zu »machen« – dies ist entschieden zu wenig.

Quellen
Original: »Il valore dell‘isolamento«. Il Comunista, Nr. 47, 7. August 1921.
Internet: alter-maulwurf.de/alfa/186-1921-07-24-der-wert-der-isolierung.html