Christian Enzensberger: »Die Erfindung des Königs«

Ein Freund hat mich auf diese Besprechung eines Gedicht/Prosa-Bandes aus dem Nachlass des vor knapp zwei Jahren verstorbenen Schriftstellers, Übersetzers und Anglisten Christian Enzensberger aufmerksam gemacht und mich damit erinnert, dass an dieser Stelle schon länger ein Prosatext Enzensbergers stehen solle. Was hiermit nachgeholt wird.
Christian ist derjenige aus der Bruderschaft der Enzensberger, der tatsächlich schreiben konnte, wovon er in der Öffentlichkeit aber nur sporadisch Gebrauch machte. Immerhin, in seinem Nachlass sollen sich umfangreiche naturphilosophische Manuskripte finden. Einmal, vor 25 Jahren, hat er alles auf eine Karte gesetzt und mit »Was ist Was« einen waghalsigen Roman veröffentlicht, der die Geschichte der Menschheit als Geschichte des Einzelnen erzählt und umgekehrt die Autobiographie des Individuums als Gattungsgeschichte. Der geplante Untertitel sollte lauten: »Eine allgemeine Geschichte meiner selbst.« So gut wie Hegels Phänomenologie des Geistes. Mindestens.
Der Roman ist maßloses Ding, der dementsprechend kommerziell zum Misserfolg geriet. Die Linke hatte natürlich nicht geblickt, was in dem Werk an subtilen Widerspruchserfahrungen steckt, zum Beispiel wie der König erfunden wurde (dabei hat die Linke in ihren Parteien, Sekten und Zirkeln doch selbst zahllose Könige hervorgebracht und bringt sie noch hervor). Bis heute sind zahllose Antiquariate mit »Was ist Was« gestraft, das dem berüchtigten Bücherregalblei doch verdächtig nahe kommt.

Folgende Episode wurde im Dezember 1982 im Kursbuch Nr. 70 (»Macht«) vorab gedruckt (S.114-117).

Die Erfindung des Königs

Gegen meine Trauer ankämpfend, die mich mit sich fortreißen will, und mich anklammernd an meine selbstauferlegte Pflicht zur getreuen Nachschrift, habe ich jetzt von der neuen und bösen Erfindung zu berichten, die später ’die Erhöhung des Werks’1 geheißen hat. Das ist ein zutreffender, aber auch beschönigender Name für diesen tiefen Einschnitt in unsere Geschichte: aber keiner von uns will mehr als nötig an das furchtbare Ereignis erinnert werden, das diese Erfindung auslöste, und an das unabsehbare Unglück, das ihr folgte und folgt bis auf den heutigen Tag.

Es war wieder einer von diesen Eckensitzern und Rauchbläsern, von dem das Ganze seinen Anfang nahm, ein eher schmächtiger und schweigsamer Mensch, dessen Abwesenheit niemanden sonderlich störte, und so hatten wir bis zuletzt nicht gemerkt, womit er heimlich zugange war, obwohl von seiner Frau schon seit längerem ein gewisses Getuschel Gemurmel ausgegangen und uns zu Ohren gekommen war; aber wir hielten es für den üblichen geistlosen ängstlichen Weibertratsch und gaben nichts drauf.

Wir hatten unsere Männerversammlung einberufen und saßen im Kreis, und zum ersten Mal seit langer Zeit war es uns gelungen, ohne wehtuendes Zwangsgelächter über die Probleme des abgeschiedenen Werks zu sprechen. Bedächtig und konzentriert berieten wir Strategien, wie seine ungewollte Wiederkehr zu verhindern war, bekräftigten die Notwendigkeit unserer Lossagung und trösteten und ermutigten einander durch einen Beschluß, die daraus fließenden Verbotenheiten nicht blind weiterwuchern zu lassen, sondern sie mit klarer Vernunft einzuschränken aufs Unabdingbare.

In diesem Augeblick von sem, Zusammenhalt und Sippe, hörten wir vom Rande her ein lautes Scharren, und als wir uns umdrehten, kam von dort eine sehr hohe Gestalt auf uns zu. Sie war aber nur ungenau zu erkennen, weil sie ein Schwirren und Flattern um sich verbreitete, das uns ins Auge stach und blinzeln machte; und das Nächste, was wir wieder deutlich wahrnehmen konnten, war der schon genannte schmächtige Mensch, wie er mit starrem Blick einen riesenhohen Stuhl hinter sich in unseren Kreis zog, ihn aufrichtete, auf einer schlampig gebastelten Leiter daran hinaufkletterte, und sich dann dort oben, genau in unserer Mitte, niederließ.

Das war nun so unerhört, daß uns der Atem stockte; ja es gab noch nicht einmal einen Beschluß, der dies untersagte, ganz einfach weil noch keiner von uns, auch der Stumpfsinnigste nicht, jemals auf einen so völlig abartigen Gedanken verfallen war. Ins Große Runde einzutreten, das war – wir wußten nicht was: und natürlich wäre der Schmächtige augenblicklich in hohem Bogen wieder hinausgeflogen, normalerweise. Aber das ging nicht: denn er hatte eben seine neue Erfindung mitgebracht, mit deren Zauber er uns so fesselte, daß wir uns nicht mehr rühren konnten.

Sie war schamlos ohne Zweifel, und löste doch kein Gelächter aus, sondern im Gegenteil ein kopfverwirrendes Staunen, eine Beklemmung und Atemnot. Denn mit ihr war unser Beschluß vom apagora, von ’nicht auf dem Platz’, nicht etwa nur beleidigend verletzt oder lächerlich angetastet, sondern in einer geradezu unfaßlichen Weise umgestülpt und schwindelerregend verdreht.

Auf seinem Kopf nämlich, an einem Ort mithin, wo es am allerwenigsten zu suchen hatte, ja mehr noch, über allen unseren Köpfen und somit dem Himmel zugekehrt, hatte der Schmächtige, man kann es nicht erraten! und meine Hand wird zittrig noch bei der Niederschrift – auf seinem Kopf also und über unsere Köpfe hinweg hatte er ein turmhohes künstliches Werk befestigt, öffentlich zur Schau gestellt und es dann, mit teuflischem Witz, seinem unerhörten Platz entsprechend so abgeschirmt und gefeit, daß es trotzdem unangreifbar blieb. Dazu hatte er als erstes dieses Kopfwerk mit Federn geschmückt, die überall abstarrten und durcheinanderflatterten und somit ausdrückten, ’ich bin das Gelächter und der Schwarm’, so daß uns unsere eigene Fähigkeit zum ausstoßenden Lachen und Schwärmen mit einem Schlag entrissen und geraubt war. Als Zweites hatte er sich in sein künstlich nachgebildetes Werk alle möglichen Blinkersteine vom Fluß eingeflochten, glühendrotes Mennige und pechschwarze Holzkohle, die bei jeder Bewegung anfingen zu glitzern und zu schimmern, unerträglich dem Auge, und somit zu uns sagten, »ich bin das Werk in blendender Gestalt, ich bin Ra und die Sonne«. Und schließlich trug er in seiner rechten Hand noch einen geglätteten Stock, fast meterlang und also von tatsächlich vollkommen unrealistischen Ausmaßen, um damit zu behaupten, »ich bin die enorm lange Stand des guig, des Lebendigen und des Geistes«.

Mit einem Wort, was da über uns saß, war kein Mensch mehr. Oder besser: sein Menschsein war verborgen, verhüllt und zugedeckt vor lauter Ausdrücken und Zusammenwerfungen unseres eigenen Innern, und darin lag wohl auch der tiefere Grund für unsere Erstarrung. Denn durch die Verkehrung der natürlichen Örter war ja auch unser eigenes Verhältnis zum Werk, und damit wir selbst, innerlich auf den Kopf gestellt. Was konnte da nicht alles unterlaufen an Durchdringung und ungewollter Wiederkehr! Und wenn es außerdem stimmte, daß unsere neue Stoffwelt auf der Trennung vom Werk und seiner liebenden Aufbewahrung im gdhem, der fruchtbaren Erde, überhaupt ruhte und von ihr in den Fugen gehalten war, wer konnte da noch sicher sein, daß der Boden sich nicht auftat, daß der Himmel nicht einstürzte und uns unter seinen Trümmern begrub?

Es war entsetzlich. Aus Angst vor jeder weiteren Zerrüttung des Weltgebäudes wagten wir keine Bewegung. Wir hielten uns die Hände vor die Augen und lugten dann doch wieder, aus Neugier, durch die Finger. Denn der saß nicht einfach da und blinkte. Sondern mit einer hohen Fistelstimme, wie noch keiner sie je hatte erschallen lassen, näselnd und schrill, fing das Wesen dort oben zu singen an, daß es uns durch Mark und Bein ging. »Ich bin ich, ich bin ich, ich bin ich«, sang es, und fistelte weiter, wie groß es sei, wie hoch, wie geistig, wie beispiellos enorm seine Stange, wie riesig, glänzend und unvergleichlich kostbar sein Werk: einzigartig sei es und einzig, außer ihm gebe es nichts, bei ihm sei alles nur oben und Himmel und Nicht-Ma, und schließlich, in den höchsten Tönen, »nie mehr nie mehr das Untere, nieder mit dem gdhem, ich scheiße darauf!«

Wie er das nun sagte, diesen grausigen Satz, und wir alle auf den Platz pißten vor Angst, in diesem furchtbarsten Augenblick unseres bisherigen Daseins, da stand auf und erhob sich, ich hätte ihn dafür küssen können und herzen drei Tage lang, unser Stärkster und Schönster, schweißnaß, die Knie taumelten ihm, als müßte er einen schweren Stein hochstemmen und weit von sich werfen – aber er erhob sich, kam auf die Füße, nahm einen Anlauf und warf sich mit der ganzen Wucht seiner herrlichen Schultern gegen das Klappergerüst. Es krachte um, unter einem Geflatter von Federn und Bändern stürzte das Wesen zu Boden, und war wieder der Schmächtige.

Große Pause. Geduckt lag er da und wartete mit schrägen Augen auf seine Standpauke. Und die bekam er auch. »Wir zerbrechen uns mit Gedanken die Köpfe im sem und kratzen grebh für das bheu, die schwellende Erdfrucht«, rief unser Retter, »und du holst dir so lange einen runter am Rauchtisch und faselst hanebüchenes und lästerliches Zeug über das gdhem, so daß innerlich alles durcheinandergerät und uns stocksteif macht wie die Ölgötzen. Und dann käme der feine Herr daher mit seinem selbstgebastelten Thron, und durchdringt unseren Kreis bis zur Mitte, in der unser Wille zusammenfließt und aufeinanderprallt, und will ihn aufsaugen in seinen Flitter, dieser Einzige mit seiner einzigartigen Stange. Du blöde Tunte!« rief unser Retter – und wie hat er uns da aus der Seele gesprochen! – »bei dir piept’s wohl, mach sofort diesen Fummel ab oder ich schlag dich ungespitzt ins gdhem, daß du’s von unten siehst!«

Da endlich, und zum ersten Mal waren wir darüber froh, kam Gelächter in uns auf. Aber der Schmächtige, er hatte eben doch etwas Geiststarkes an sich, und eine so wirksame (wenn auch gräßliche) Erfindung macht nicht ein jeder, rappelte sich hoch, das Kunstwerk scheps auf dem Kopf, und trat unserem Retter angstlos entgegen. »Du hirnloser square!«, so hat er zurückgeschrien, »Klotz, Kloß und Ochse, geh fick doch deine fette Alte, was weißt du schon von Mannesdurchdringung und Geist? In dir ist der Funke nicht, du Fleischwurst und Muskelmensch, du Lehm! Einen Dreck verstehst du vom Höheren, und ich will’s dir beweisen: ’Friß nicht das Nichts, sonst spuckt es dich aus.’ Na, was sagst du dazu? ’Lebe im Morgen, dann wird dir das Jetzt zum Gestern.’ Wo bleibt dein Kommentar? ’Sei du selbst, sonst werden es die anderen.’ Da verschlägt’s dir die Sprache, was? Soweit reicht’s wohl nicht ganz bei dir, das ist dir denn doch etwas zu hoch, wie? ’Wirf die Perlen nicht vor die Säue’, kann ich da nur sagen, ’sonst wirst du selber zum Schwein.’«

Und unser Stärkster und Schönster, was hätte er darauf wohl entgegnen sollen? Uns fiel ja selbst nichts ein. Wir sahen, wie es in ihm arbeitete, wie er sich mühte, etwas Treffendes dagegen vorzubringen, aber es kam kein Wort aus ihm heraus, nur »ööh« und »schmampf« wie bei einer Kuh, wenn sie grast. Und weil dieses Treffende unbedingt aus ihm herauswollte, nehme ich an, und nirgends einen Ausweg fand, fing es in ihm auf eine erschreckende Weise an hörbar zu brodeln und zu blubbern, so daß er, mächtig wie er ohnehin war, sich immer noch weiter aufblähte und, schwarzgeschwollen vor unausgedrückt Treffendem, schließlich dem Platzen nahe war.

Und da geschah es. Bin ich schon soweit, muß ich mich schon daran machen, das furchtbare Ereignis nachzuschreiben unter Bauchweh und Übelkeit? Er ist mit dem geglätteten Stock in ihn hinein und hat ihn kaputtgemacht. Bevor wir uns dazwischenwerfen konnten – aber wollten wir es denn hindern? War es uns heimlich nicht recht? Denn ich denke sehr oft nach über diesen Moment, in dem wir das Unglück noch hätten abwenden können, unsere letzte Chance, denn danach war sie vorbei: da hatte er den Schmächtigen gepackt und bäuchlings zu Boden geworfen …

Nein, ich beschreibe es nicht. Was so wehtut, ist auch die getreueste Nachschrift aufzuzeichnen nicht mehr verpflichtet. Und wozu auch? Wir alle haben doch diesen schneidenden Schmerz mitgespürt, und spüren ihn, wenn wir ihn suchen, noch heute in uns – aber am tiefsten, tödlichsten unter den Überlebenden war davon unser Retter getroffen. Er hat fast noch lauter geschrien als der Schmächtige, und ist tatsächlich auch ein Stück mit ihm gestorben. Denn als er aufstand, ist sein Gesicht zugegangen, ja ich finde kein anderes Wort dafür, es legte sich eine Schale, ein Panzer darüber, seine Augen wurden zu Glas, es lief etwas seinen Leib entlang, und sein Fleisch war versteinert. Und dann hat er sich gebückt, zum letzten Mal in seinem Leben gebückt, sich das flirrende funkelnde künstliche Werk aufs Haupt gesetzt und gesagt, »ich bin euer König«.

  1. Unter ’Werk’ wurde zur Zeit der geschilderten Ereignisse die leibliche Ausscheidung in ihrer damals noch nicht zensierten Gestalt verstanden. Den übrigen inzwischen veralteten Ausdrücken ist vorsorglich die heutige Bedeutung im Text jeweils beigegeben. [zurück]