»… die aber die lebendige Arbeit, die Arbeit der Lebendigen und die Lebendigen selbst, verschlingt und tötet«: Die Linie Bordiga-Panzieri

Bereits letztes Jahr ist bei Assoziation A ein Sammelband erschienen, der eine andere Neue Marx Lektüre vorschlägt, nämlich eine sozialgeschichtliche, an die Subjektivität von Arbeiterselbstbefreiungsbewegungen (die im 21. Jahrhundert anders aussehen als im 20. oder 19.) anknüpfende. »Über Marx hinaus« heißt der überaus heterogen zusammengestellte Band, in dem längst nicht alle Beiträge empfehlenswert sind. Denn in Teilen wird eine diffuse postoperaistische Szene angesprochen, die mit einer um ein wenig Klassenkampf-Geschichte angereicherten dekonstruktivistischen Marx-Lektüre vor allem ihre Subjektivität bestätigt und geadelt sehen will. Dann kann es gut passieren, dass ein wichtiger, ja entscheidender Hinweis über den Nexus von »alteuropäischer« Arbeiterradikalität und neuen »operaistischen Horizonten« geflissentlich überlesen wird.
In dem allerdings empfehlenswerten Essay »Lesarten des Maschinenfragments. Perspektiven und Grenzen des operaistischen Ansatzes und der operaistischen Auseinandersetzung mit Marx« (S. 407-432) zeichnen der immer inspirierte Riccardo Bellofiore und sein Mitstreiter Massimiliano Tomba die Linie Bordiga – Panzieri nach. Raniero Panzieri, zusammen mit Romano Alquati und Mario Tronti der wichtigste Denker des Operaismus (Alquati ist der Soziologe des O., Tronti sein Philosoph und Panzieri der kühne Stratege, der theoretische Kritik mit praktischer Zielsetzung immer grundsätzlich zu verbinden wusste), hat Anfang der 60er Jahre gegen den demokratischen Fortschrittswahn westlicher Stalinisten wie östlicher Sozialdemokraten (oder umgekehrt?) die Technologiekritik Marxens herausgearbeitet. Einen entscheidenden Schlüssel dafür fand er im sogenannten »Maschinenfragment«, einer sehr freigeistigen und assoziativen Passage in den Grundrissen, in der Marx, na, sagen wir es so: den Kommunismus ableitet – und zwar aus der historischen Tendenz des Wertgesetzes, das sich in der rasanten Entwicklung der Produktivkräfte selbst ad absurdum führt. Dieses Fragment ist in der späteren Entwicklung des Operaismus zu seinem ultimativeb Kulttext avanciert. Die Spekulation Marxens, die er in allen späteren Schriften zur Kritik der politischen Ökonomie nie wieder aufnehmen sollte, wurde (und wird immer noch) als Realanalyse gelesen, die – wir reden hier von vielleicht zehn Druckseiten! – alles andere an Kritik bei Marx weit in den Schatten stellen soll. Das klingt überhitzt, das ist es auch, aber darum geht es hier nicht.
Die (Wieder-)Entdeckung der Technologiekritik (wenn man so will: die Klassenstruktur der Maschinerie) bei Marx ist jedoch nicht die originäre Leistung Panzieris, sondern sie fußt auf einigen programmatischen Schriften Amadeo Bordigas. Genau dies haben Bellofiore und Tomba in dankenswerter Klarheit herausgestellt, weswegen wir die Passage hier dokumentieren (in »Über Marx hinaus« auf den Seiten 409-412 zu finden, Übersetzer: Max Henninger).

Zwei Hinweise: 1. Die Zählweise der Fußnoten entspricht nicht dem Originaltext. 2. Der erwähnte Text Bordigas »I fondamenti del comunismo rivoluzionario marxista nella dottrina e nella storia della lotta proletaria internazionale« liegt auch auf Deutsch vor (in etwas holpriger Übersetzung): »Grundlagen des revolutionären marxistischen Kommunismus in der Lehre und in der Geschichte des internationalen proletarischen Kampfes«.

Der erste, der in Italien die Bedeutung des Maschinenfragments unterstrich, war Amadeo Bordiga.1 Auf den Text aufmerksam gemacht hatte ihn Roger Dangeville, Mitglied der Internationalistischen Kommunistischen Partei (Partito Comunista Internazionalista, PCInt) und Herausgeber der ersten französischen Ausgabe der Grundrisse, die 1967 in den Éditions Anthropos erschienen war.2 Möglicherweise lässt sich, über Danilo Montaldi [viel zu früh verstorbener Historiker, ein Linkskommunist zwischen Bordiga, Korsch und den frühen Operaisten, Anm. Ofenschlot] und andere, ein genealogischer Zusammenhang oder eine indirekte Verbindung zwischen der Redaktion der Quaderni Rossi [Panzieri war zumindest ihr ideeller Chefredakteur, Anm. Ofenschlot] und diesen Texten von Bordiga rekonstruieren.3 Das ist aber nicht das Problem, mit dem wir uns hier beschäftigen wollen. Uns interessieren in erster Linie die von Bordiga 1957 aufgeworfenen theoretischen und politischen Fragen.

Bordiga lag daran, die Automatisierung der Produktion, die sowohl bei den »bürgerlichen Ökonomen« als auch bei »jener Arbeiterbande des falschen russischen Sozialismus« Verwirrung gestiftet hatte,4 aus marxistischer Perspektive zu analysieren. Mit der Automatisierung stellten sich die Probleme einer drastischen Reduzierung der industriellen Arbeitskraft, einer neuen Arbeitslosigkeit und der voraussehbaren Schwierigkeiten, denen eine große Menge Frauen und Männer nicht nur beim Geld verdienen begegnen würden, sondern vor allem auch beim Ausgeben von Geld, also beim Erwerb der ungeheuren Warenmassen, die in den halbleeren und automatischen Fabriken produziert werden sollten. Einerseits wollte Bordiga die Epigonen des sowjetischen Konzepts der »Vollbeschäftigung« und jene sozialdemokratischen Kommunisten angreifen, die die Demokratisierung des Kapitals betrieben. Andererseits waren da aber auch die »halbgaren Marxisten«, die angesichts der Perspektive einer »totalitär automatischen Produktion« keine andere Sorge hatten, als dass mit ihr das Gesetz, demzufolge die Gesamtheit des Wertes auf die Arbeit der Lohnarbeiter zurückgeht, zusammenbrechen würde. Bordiga antworte ihnen: »Auf den Abfallhaufen mit den Gesetzen des Wertes, des Äquivalententausches und des Mehrwerts: Mit ihrer Auflösung bricht die Form der bürgerlichen Produktion selbst zusammen.«5 Bordiga ging es darum, die Notwendigkeit des Kommunismus unmittelbar aus kapitalistischen Phänomenen zu beweisen.

Soweit der allgemeine Rahmen. Aus der Analyse einiger Textpassagen, die stets im Kontext von Bordigas glühender Polemik gegen den sowjetischen und den fortschrittsgläubigen Marxismus geschrieben wurden, wird die Stoßrichtung der Politik Bordigas ersichtlich. Bordiga schreibt: »Die Wissenschaft, die die unbeseelten Glieder der Maschinerie entsprechend ihrer Konstruktionsweise zwingt, wie Automaten zu agieren, existiert nicht im Bewusstsein des Arbeiters, sondern wirkt über die Maschine wie eine fremde Macht, wie die Macht der Maschine selbst, auf ihn ein.«6 Die verschiedenen Glieder des Maschinensystems wirken wie ein einziger Automat, denn eben das ist das Ziel, um dessen willen die Maschinen entworfen und gebaut werden. Es ist die Funktion der Maschinen, »durch ihre Konstruktion zweckgemäß als Automat zu wirken.« Dieses Ziel, das mit der Herstellung von Maschinen, die die Arbeit zugleich potenzieren und intensivieren, verfolgt wird, existiert nicht nur im Bewusststein des Arbeiters, sondern es ist ihm sogar entgegengesetzt: Die Maschinen sollen zu einer »fremden Macht« werden.

Darauf folgt nicht nur, dass das »ganze System der automatischen Maschinerie ein Ungeheuer bildet, unter dessen Gewicht eine versklavte und unglückliche Menschheit erdrückt wird, ein Ungeheuer, welches das Bild, das Marx von der gegenwärtigen Gesellschaft zeichnet, dominiert«, sondern auch, dass die Wissenschaft »vor allem technische Wissenschaft und Überlegenheit ist, das Monopol einer ausbeutenden Minderheit.«7 Bordiga endet sich gegen den fortschrittsgläubigen Optimismus der Reformisten, der im wissenschaftlichen und technischen Fortschritt einen weiteren Schritt in Richtung einer Anhebung des allgemeinen Wohlstands sieht. Was Bordiga zur Diskussion stellt, ist nicht so sehr der wissenschaftliche Fortschritt an sich als vielmehr sein Klassencharakter: die Tatsache, dass die Herstellung des Wohlstands zugleich auch die des Elends einer anderen Klasse ist. Gegen die begeisterten Apologeten jenes technischen Fortschritts, den er in seiner unverwechselbaren Prosa das »Unheil der toten Arbeit« nennt, schreibt Bordiga: »Die sich das von der lebendigen Arbeit produzierte Kapital (den Mehrwert) aneignen, sind weder Menschen noch eine menschliche Klasse: Sie sind das Monster, die objektivierte Arbeit, das fixe Kapital, Monopol und feste Burg der Kapitalform an sich, eine seelenlose und sogar leblose Bestie, die aber die lebendige Arbeit, die Arbeit der Lebendigen und die Lebendigen selbst, verschlingt und tötet.«8

Bordigas Polemik zielt auf den russischen Marxismus und trifft gleich mehrere Varianten des stalinistischen Marxismus. Zunächst einmal die sowjetische Ideologie, die die Ausweitung der russischen Industrieproduktion als Mittel zur Herstellung eines stählernen Sozialismus darstellte. Während es doch die Verwandlung der Mehrarbeit nicht in freie Zeit sondern in Mehrwert ist, die die kapitalistische Produktionsweise kennzeichnet: »Das fixe Kapital in Form der Maschinerie ist das, was sie heute, im Osten wie im Westen, den Komplex der Instrumentalgüter nennen und gleichermaßen als Mittel zur Steigerung der Masse der Produktivkräfte loben – das neue Monster, das heute die Menschheit erstickt. Dies ist wahrhaftig ein aneichen für die Dominanz der kapitalistischen Produktionsweise.«9 Aber Bordiga greift nicht nur die russische Ideologie an, die die Entwicklung der Produktivkräfte als Sozialismus ausgibt und sich auch bei so manchem erklärten Antistalinisten findet. Er wendet sich ebenso gegen die Vorstellung, das Monströse der kapitalistischen Produktionsweise bestehe schlichtweg in der privaten Aneignung des Mehrwerts durch die Kapitalisten. Ungeheuerlich ist vielmehr das fixe Kapital, das die lebendige Arbeit verschlingt. »Die Bestie«, schreibt Bordiga, »ist der Betrieb, nicht die Tatsache, dass er einen Betriebsleiter hat.«10 Ebenso greift Bordiga die gegen die Arbeiter gerichteten Varianten des verwirklichten Sozialismus an. Das Bild eines Sozialismus der Selbstverwaltung oder Arbeiterkontrolle wird von ihm verworfen, denn ein solcher Sozialismus bereitet der Fabrikdespotie, die nicht auf die Bösartigkeit des Kapitalisten, sondern auf die Gesetze des Kapitals zurückgeht, kein Ende: sie verlängern vielmehr den Prozess der Kapitalverwertung. Die Erniedrigung der lebendigen Arbeit im kapitalistischen Betrieb lässt sich nicht beheben, indem der Betrieb in den besitz anderer übergeben wird, sondern einzig durch die Revolutionierung der Arbeitsweise und der Arbeitsbedingungen. Für Bordiga »ergibt sich die Antithese von Kapitalismus und Sozialismus nicht auf der Ebene des Eigentums oder der Betriebsverwaltung, sondern auf der der Produktion.«11

Die Apologie des technischen Fortschritts war gut geeignet, sowohl die kapitalistische Akkumulation in Russland als auch den sozialdemokratischen Gradualismus im Westen zu rechtfertigen. In beiden Fällen handelt es sich um die Vorstellung eines mit dem Sozialismus versöhnbaren Kapitalismus. Der Stalinismus und die westliche Sozialdemokratie waren für Bordiga die Gefahr: das, was das Wiederaufleben der revolutionären Klassenbewegung noch auf Jahre hinaus blockieren würde.

  1. Amadeo Bordiga, Traiettoria e catastrofe della forma capitalistica nella classica monolitica costruzione teorica del marxismo, in: il programma comunista 19/20 (1957), wieder abgedruckt in: ders., Economia marxista ed economia controrivoluzionaria, Mailand 1976, S.189-208. [www.alter-maulwurf.de übersetzt den Titel mit »Katastrophischer Verlauf der kapitalistischen Produktionsweise im klassischen, in sich geschlossenen theoretischen Bauwerk des Marxismus«, dieses Grundsatzreferat liegt noch (??) nicht auf Deutsch vor, es gibt aber ein anderes Referat Bordigas, das auf dieses verweist: »Das revolutionäre Programm der kommunistischen Gesellschaft beseitigt jede Form des Eigentums am Boden, an den Produktionsanlagen und an den Produkten der Arbeit« (1958), Anm. Ofenschlot] [zurück]
  2. Vgl. Liliana Grilli, Amadeo Bordiga: capitalismo sovietico e comunismo, Mailand 1982, S.253. [zurück]
  3. Einige Analogien im Denken Bordigas und Panzieri behandelt Pier Aldo Rovatti, Il problema des comunismo in Panzieri, in: AutAut 149/150 (1975), S.75-101. [zurück]
  4. Bordiga, Economia marxista (wie Anm.1), S.189. [zurück]
  5. Ebd., S.190. [zurück]
  6. Ebd., S.193. [zurück]
  7. Ebd., S.193-194. [zurück]
  8. Ebd., S.200. [zurück]
  9. Ebd., S.211. [zurück]
  10. Amadeo Bordiga, I fondamenti del comunismo rivoluzionario marxista nella dottrina e nella storia della lotta proletaria internazionale, in: il programma comunista 13-15 (1957), S.56. [zurück]
  11. Grilli, Amadeo Bordiga (wie Anm.2), S.264. [zurück]