Das Stichwort: Faschistoid

Wenn ich ein Mäuschen wäre, dann wäre ich es gerne im Archiv des Blog-Kollegen Espace contre ciment und würde dort an seinen erlesenen Dokumenten knabbern.
Auf seinem (ihrem?) Blog hat er (sie?) kürzlich einen Text von Klaus Heinrich gebracht, der mich daran erinnert hat, was das doch für ein großartiges Buch war, aus dem der Text stammt: »Deutsche Stichworte. Anmerkungen und Essays« (Autoren: Günther Anders. Ilse Bindseil, Ulrich Enderwitz, HM Enzensberger, Erich Fried, WF Haug, Klaus Heinrich, Alexander Kluge, Horst Kurnitzky, Marion Schmid, Friedrich Stenzler), erschienen 1984 bei Neue Kritik / Frankfurt.
Aus diesem Band wir hier dokumentiert: Ilse Bindseils Überlegungen zum (damals schon halb-, heute komplett vergessenen) Stichwort »Faschistoid«.
Interessant ist, dass sie dieses Wort als schillernden rechten Kampfbegriff dechiffriert, auch wenn er wohl zuerst von den revoltierenden 68er-Studenten in Anschlag gebracht worden war. Aber man kennt ja noch so einige Beschimpfungen: Habermas’ »Linksfaschismus« (auf Dutschke gemünzt – Habermas hat später dann diesen Vorwurf zumindest in seiner Krassheit zurückgenommen), Springers Rede von den Studenten als »rotlackierte Faschisten«. Heute, Götz Aly und Henryk M. Broder sei Dank, geht der Zug auch wieder in diese Richtung, mit einer leicht anderen Akzentuierung: »1968« als postfaschistische, pardon: postnazistische Veranstaltung.
Eine kleine Erläuterung vorweg. Die Erwähnung der Bauarbeiter an einer Stelle in Bindseils Essay spielt darauf an, dass die von Springer & Co. aufgehetzten Berliner Bauarbeiter sich in antistudentischen Protest- und Gewaltaktionen (angeblich?) besonders hervortaten.

Bleibt noch darauf hinzuweisen, dass hiermit der Besuch von Bindseils Homepage ausdrücklich empfohlen sei, und es sei auch noch mal erwähnt, dass sie schon recht früh die systematischen antideutschen »Entgleisungen«, z.B. in einem offenen Brief an Gerhard Scheit (2001), beschrieben und kritisiert hat.

Faschistoid

Es ist ein musealer Begriff, der die objektive Aussage, die ihm einmal angehaftet haben mag, restlos abgestreift hat. Das hat natürlich auch damit zu tun, daß er heute, zumal nach der Wende [gemeint ist die damals von Helmut Kohl verkündete geistig-moralische Wende, Anm. Ofenschlot], kaum noch gebraucht wird. In dem Schweigen, das sich, seit geraumer Zeit schon, über ihn gelegt hat, hat er sich selber verändert und seine Schalheit zu erkennen gegeben.
Mit Rührung denke ich daran, daß dieser Begriff einmal, in der Zeit studentischer Auseinandersetzungen als Waffe gegen den Staat geschleudert wurde. Dabei war er damals schon ein kunstvoller Kompromiß, hervorgegangen aus dem Streit zwischen Anhängern der Jugendrevolte und den Zeugen des ’wirklichen’, des historischen Faschismus, wobei die letzteren in ultimativer Form vor einer leichtfertigen, jugendlichen Ineinssetzung des brutalen Rechtsstaats mit dem erklärten Unrechtsstaat warnten. ’Wenn ihr das macht, dann könnt ihr auf mich nicht mehr rechnen’, war die klassische Beschwörungsformel der konservativen Linken. Uns war, als würden wir von der Tradition, an der wir mühsam genug angeknüpft hatten, wieder abgeschnitten.
In Wirklichkeit war faschistoid wohl von Anfang an auf die Revolte selber gemünzt. Eigentlich als theoretischer Vorbehalt gegen die halluzinative Projektion ’jetzt ist der Faschismus da’ ebenso wie gegen das naive Mißverständnis vom ’bißchen Faschismus’ konzipiert, tauchte er doch allzu schnell auf der anderen Seite auf: Den Professor unterbrechen, Leute niederschreien, die eigene Zahl und Masse ins Feld führen, das war, der innersten Definition nach, faschistoid.
Was das Kunstwort bei allem Realitätsverlust immerhin festhielt, war das Systemmoment, das den anarchischen Studenten offensichtlich und per definitionem fehlte, das aber, vermittels einer halsbrecherischen Kasuistik, auch noch dem Staat als der eigentlichen verkörperung des Systems abgesprochen werden konnte; denn ’noch ’ hatte ja der Staat als ganzes sich nicht auf die Seite seiner faschistischen Einzelhandlungen geschlagen, noch hatte seinen, wie wir es damals nannten, latenten Faschismus nicht manifest gemacht. Da faschistoid aber nie bloß ein theoretisches Kunstwort, sondern immer schon eine politische Beschwörungsformel gewesen ist, die aus einer geradezu mythologischen Furcht vorm Faschismus entstanden, die übermütigen Studenten einschüchtern und den Staat beruhigen sollte, diente der Begriff letzten Endes zu nichts anderem als dazu, den Faschismus insgesamt aus der Bundesrepublik zu verbannen und in extraterritoriale Rahmenbestimmungen, in die Systembestimmungen des Faschismus zu verlegen. Kein Wunder, wenn diese extraterritorialen Bestimmungen im demokratischen Staat als gefährliche Spontananeignungen auftauchten, als eine spontaneistische Verachtung der Institutionen und eine offenbar ebenso spontane Neigung dieser Institutionen zu ’kippen’. Einzelerscheinungen hatte es ja immer gegeben, prekäre Stellen – die Bauarbeiter, den Innenminister, die Polizei –, aber schuld, im Sinne des Faschismus, waren die, die durch übertriebenes Einwirken auf diese prekären Stellen und eine damit verbundene Nötigung des demokratischen Staates diesen in seiner spontanen Neigung zu ’kippen’ bestärkten. Im Grunde hat faschistoid nie etwas anderes gemeint als das Verhältnis einer revoltierenden jugendlichen Bildungselite, die durch Provokationen den Faschismusgehalt ihres Staates eruiert, zu eben diesem Staat, der aller demokratischen, antifaschistischen Selbstdarstellung zum Trotz und jedenfalls der insgeheimen öffentlichen Meinung nach jederzeit zu einem spontan-faschistischen Staatsstreich sich bewegen lassen könnte.
Daß faschistoid heute kaum mehr gebraucht wird, daß dieses Wort eigentlich unmodern geworden ist, unterstreicht einmal mehr, wie sehr dieser Begriff auf eine historische Konstellation, der der damaligen ’außerparlamentarischen Opposition’, begrenzt ist. Der heutigen Friedensbewegung fehlt das willkürliche, das abstrakte, das neugierig-explodierende, leichtsinnig-provozierende Moment, das die Studentenrevolte charakterisierte, aber es fehlt ihr auch das politische Moment. Weder ist sie ’faschistoid’ im damaligen Sinn einer auf die innerste Seele des Staates zielenden Provokationsaneignung, noch ist sie geneigt, den bürgerlichen Staat überhaupt systematisch in Frage zu stellen. Die Zurücknahme der Konfrontation mit dem Staat – zugunsten globaler, außenpolitisch-militärischer, ökologischer Auseinandersetzungen, die den Staat in Mitleidenschaft ziehen, aber ihn nicht als Staat angreifen – hat das Faschismusthema vom Tisch gebracht. Faschismus ist wieder zu dem geworden, was das Kunst- und Kompromißwort faschistoid in all seiner angstgeladenen Naivität und seinem ressentimentgeladenen Unverständnis zu widerlegen und zu verhindern suchte: zu einem ’natürlichen ’, unexpliziten, integrierenden, durch keine Kunst- und Beschwörungsformeln wegzuschaffenden Bestandteil unseres bürgerlichen Staates.