Die »Sarrazin-Debatte« hat den erwarteten Verlauf genommen und ist jetzt – once more – zur »Integrationsdebatte« geworden. Überall liest man, Sarrazin liege zwar mit einigen (durchaus auch zentralen) Begründungen daneben, wenn man aber dieses oder jenes Kapitel aus seinem Buch wegließe, dann stünden da ernstzunehmende, absolut diskussionswürdige Sachen! Ja, jetzt erst, nach dem Sarrazin-Schock, beginne die Integrationsdebatte ohne Tabus. Man will den Autor nicht, aber man will seine Leser ins Boot holen. Geschickt – aus der Sicht des bekanntlich erschütternd anspruchslosen bürgerlichen Mainstreams – machen es jene Autoren der Achse des Guten, die sich gar nicht auf den pseudo-wissenschaftlichen Murks resp. die Kritik daran einlassen, sondern von vornherein auf einer Metaebene diskutieren, Sarrazin werde mal wieder Opfer einer linksliberalen, politisch korrekten Diskurslogik.
Die neue Debatte ist natürlich absurd, weil es die letzten Jahre eine äußerst intensiv geführte Integrations-Debatte gegeben hat, die selbstverständlich ohne die viel beschworenen Tabus geführt wurde. Der einzige Grund, warum jetzt abermals eine Integrationsdebatte gefordert und schließlich auch geführt werden wird, liegt darin, den Spielraum zu nutzen, den Sarrazin rammbockartig geöffnet hat. Das ist eine Verschiebung nach rechts oder besser (weil es müßig ist, alles immer in den doch so urparlamentarischen Kriterien rechts/links auszudrücken): eine Verschiebung, die mehr Kontrolle und mehr Sortierung der Menschen mit sich bringen wird. Integration wird immer einseitig – von der Seite des Staates aus – definiert, und zwar so, dass die Leute, von denen Integration gefordert wird, beständig daran scheitern müssen: Sie sind nie gut genug, sie können es auch gar nicht sein. So produziert die Integration ihr eigenes – gewolltes – Scheitern, das dazu dient, bestimmte Bevölkerungsgruppen weiterhin und unablässig unter Beobachtung zu halten. Das Geschwätz davon übrigens, dass die Staatsmacht angesichts von Jugend- und Ausländer- und Extremisten-Kriminalität kapituliere, zeigt niemals eine reale, dauerhafte Schwäche an, sondern ist der Auftakt einer weiteren Offensive zur Verfeinerung von Kontrollmechanismen1.
So weit, so bekannt.
Niemand redet aber über die andere Seite – die Leser Sarrazins. Wer ist das eigentlich? Die allermeisten seiner Leser dürften mit den Phänomenen, die Sarrazin korrekt zu beschreiben meint (oder mit den Vorfällen, die die verstorbene Jugendrichterin Kirsten Heisig in ihrem Vermächtnis »Das Ende der Geduld« schildert), nichts zu tun haben, rein faktisch ist das schon nahezu ausgeschlossen: Die angeblichen No-Go-Areas und Megapoblemkieze in Deutschland kann man, wenn man die entsprechenden Stadtteile von Berlin und Hamburg überhaupt so bezeichnen will, immer noch an einer Hand abzählen. Hinzukommt, dass Sarrazin eigentlich auf die gesamte »Unterschicht« abzielt: Er spricht gerade nicht die Ressentiments des Mob an, sondern verachtet die Prolos genauso wie die Kopftuchmädchenfamilien, mit dem Unterschied, dass er die armen Deutschen für passiv-faul hält und die türkischen und arabischen Muslime für aggressiv-expansiv. Kurzum: Sarrazin schreibt für die Leute in Wilmersdorf und Charlottenburg über die aus Neukölln und SO36.
Er schreibt für Leute, die in ihrer überwältigenden Mehrheit noch nie mit Unterschichtskriminalität in Berührung gekommen sind, deren Kinder niemals mit den Rütli-Kids auf eine Schule gehen werden und die garantiert nicht wissen, wo in ihrem Viertel die Moschee liegt (wenn es denn überhaupt eine gibt).2 Es sind die Leute, die aber ständig darum fürchten, ihre schäbigen Privilegien zu verlieren und sich also an den Orten wiederzufinden, vor denen Sarrazin sie ständig gewarnt hat. So gesehen wird auch die neue, »sarrazinistische« Integrationsdebatte ein Dialog der deutschen Mittelklasse (der Kleinbürger!) mit sich selbst sein – mit den üblichen fatalen Effekten für die Menschen, über die gesprochen wird.
Sarrazin schmiedet an keinem »Bündnis von Mob und Elite«3, sondern mobilisiert die Leute, die niemals Elite sein werden und Angst davor haben, bald selbst zum Mob zu gehören. Der Klassenkompromiss, den der Staat mit diesen Leuten schließt, besteht darin, die biologistischen Spitzen Sarrazins zu kappen4, die Befunde aber voll und ganz zu akzeptieren.
- Anders in Staaten, wo das staatliche Gewaltmonopol tatsächlich bröckelt oder partiell schon außer Kraft gesetzt ist, siehe zum Beispiel die von Drogenclans kontrollierten Regionen Mexikos, wo der Staat dann stolz soundsoviele Tonnen sicher gestelltes Kokain vor der gelangweilten Presse ausbreitet und damit nur seine Machtlosigkeit demonstriert, denn das Bild der beschlagnahmten Drogen impliziert, dass es irgendwo noch viel mehr von dem Zeug gibt.) [zurück]
- Es gibt in Deutschland sehr wohl Banden, die umherziehen, sich gezielt ihre Opfer aussuchen, gnadenlos zuschlagen und auch vor scheinbaren ziellosen Willkürtaten nicht zurückschrecken. Es sind die Neonazis, die freien Kameradschaften. [zurück]
- Man sollte mit diesem Begriff Hannah Arendts, eine pointierte Beschreibung der Strategie des klassischen Faschismus, vorsichtig umgehen. Das Zeitalter des Faschismus (und des Nationalsozialismus) ist vorbei, oder – auch dafür gibt es Argumente, das müssten wir mal an anderer Stelle diskutieren – es hat sich durchgesetzt, universalisiert. Jedenfalls setzen die Massaker der Demokratie dieses Bündnis als Massenbasis, Massenlegitimation und Vehikel zur Durchsetzung von Gewalt gerade nicht voraus. Heute geht es eher darum, den Mob sozial zu atomisieren, um ihn zur vollends kontrollierbaren Minimalgröße schrumpfen zu lassen. [zurück]
- Interessant ist das Schwanken Frank Schirrmachers, der zunächst Sarrazins Biologismus andeutungsweise mitmacht (mit dem Tenor, ich bin derjenige, der S. wirklich versteht), dennoch weichere »Lösungen« vorschlägt, aber nur einen Tag später auf faz.net zurückrudert und sich den Reihen der Kritiker anschließt. Ein erstaunlicher Vorgang. Er zeigt, wie locker die Biologie-Karte sitzt. Sind genug Kopflanger bereit, das Spiel mitzugehen, dann wird sie auch ausgespielt. [zurück]