Archiv für September 2010

Sprachschrott

Es handelte sich um ein »Einleitungsreferat«, man hätte nicht im Publikum sitzen wollen.
Neoprene hat auf eine Kritik der Neuen Marx Lektüre des DKP-Matadoren Werner Seppmann hingewiesen. (Seppmann ist formal mittlerweile aus der DKP ausgetreten, hat aber dabei Herz und Seele der Partei wohl mitgenommen, trotzig wird er sich damit trösten können: Nicht er hat die DKP verlassen, sondern sie ihn.) Neue Marx Lektüre? Mir hat bislang noch niemand erklären können, was damit gemeint ist, außer das sie irgendwas mit Backhausreicheltheinrich zu tun hat. Das liegt aber auch daran, dass noch niemand erklärt hat, was die Alte Marx Lektüre gewesen sein soll (Korsch? Lukacs? Luxemburg? Engels? Horkheimer? Sartre? Lenin? Tronti? Camatte?), außer dass sie was mit Derarbeiterbewegungunddemrealensozialismus zu tun hatte. Man weiß es alles nicht so genau, und deshalb schreiben »sie«, die Elbes dieser Welt, so schrecklich dicke Bücher und deshalb antwortet »er«, der Seppmann, so schrecklich verstockt und verhockt. Meint er doch tatsächlich seinem Publikum von Wuppertaler Marx-Engels-Stiftung erst mal erklären zu müssen, was Marx eigentlich so ganz generell gedacht hat, wenn ich im Publikum der Marx-Engels-Stiftung gesessen hätte, ich käme mir nach Strich und Faden verarscht vor. Zumal, und das lesen wir gleich, Seppmann ebenso weihevoll wie zwanghaft daherredet und seine Zuhörer bzw. seine Leser mit der wahllose Präzision nicht enden wollender Substantivismen zumüllt. Aber was soll’s, das ist Weihrauch für die Gemeinde, sie wird es goutieren.
Die substantivistische Sprache ist die Sprache der autoritären Bürokratie resp. der bürokratischen Autorität. Es hämmern die Substantive dem armen Leser die jeweils einzuleuchtende Wahrheit um die Ohren, Sachverhalte werden nicht aufgehoben in ruhigen, erklärenden, raumgreifenden Sätzen, sondern zusammengezwängt in Wortungetümen. Bezeichnend, dass Seppmann seinen Ungetümen selbst so wenig über den Weg traut, dass er sie noch mit einer Heerschar von Adjektiven einhegen, umzäunen, abstützen muss. Herauskommt ein abgestandener Neusprech, in dem auch das verräterische Wort von den »weltanschaulichen Motiven« nicht fehlen darf.
Voilá, es spricht der Apparat.

… verwertungszentrierte Entwicklungsdynamik … ökonomischen Reproduktionsmuster … sozialen Widerspruchstendenzen … periodischen Ausbruch von Krisen … individuelle Zukunftsaussichten … Phasen der Prosperität des Kapitalismus …dramatische Weise … volkswirtschaftliche Fachwissenschaft … die Frage nach den Bedingungen einer reibungslosen Kapitalverwertung … der Kapitalismus als historisch entstandene Gesellschaftsformation … Haltlosigkeit von Vorstellungen über eine überhistorische Festgefügtheit der kapitalistischen Gesellschaftsformation … verzerrte Vorstellungen über die Ausbeutungsstrukturen und die Funktionsweise kapitalvermittelter Herrschaft … Charakter kapitalistischer Machtreproduktion … die Selbstverpflichtung der 11. Feuerbachthese … intensiven Blick in sein Denklaboratorium … Reflexionen über seine methodischen Prinzipien und weltanschaulichen Motive … Entwicklungsprozeß … konkreten Klassenkämpfen und gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen … des engen Geflechts von Selbstreflexion, Selbstkommentierung und politischer Perspektivität … diese Grundorientierungen sowie die Annahme eines konstitutiven Theorie-Praxis-Zusammenhanges … das Negationssubjekt der bürgerlichen Gesellschaft … historischen Fortschrittspotentialen … Interpretationsversuche seiner Theorie von Grundannahmen mit desorientierenden Konsequenzen … Theoriesystem … Ökonomiebeschäftigung… Korrespondenzverhältnis … Realitätsabstinenz … theoretisches Kategoriensystem … undialektische Theorie gesellschaftlicher Praxisverhältnisse …Originalitäts- und Novitätsanspruch … Konstitutionsprinzipien … sozialtheoretischen Basisbestimmungen … dialektischen Gesellschaftskonzept … wechselseitigen Bezüglichkeit … sozialen Strukturgefüge … den Aspekt der historischen Selbsttätigkeit der Menschen … … objektivistische Sichtweise … Handlungssubjekte … theoretischen Vorstellungshorizont … im Windschatten logizistischer Vorgaben …Argumentationsrahmens … Form eines logischen Kategoriengeflechts … die allgemeinen Reproduktionsprinzipien … konkreten Existenzformen … einer Logik des Gesamtzusammenhangs … Leitfaden einer analytischen Durchdringung sozialer Realitäten … des empirischen Aneignungs- und theoretischen Rückvermittlungsprozesses … erneute Durchdringungsversuche der gesellschaftlichen Totalität … einer präziseren Grundlage … Referenztexte … theoretischen Vorentscheidungen und Reduktionismen … die sozialtheoretischen Grundannahmen des Historischen Materialismus … Basisbedeutung … die geschichtstheoretischen Grundannahmen … abgesichertes Marxismusverständnis … Theoriewerkstatt … die Begründungs- und Darstellungsprobleme … peripheren Einflußmomente … sozialtheoretischen Kontext … unüberschreitbare Vermittlungsinstanz …

Arbeitswertlehre

Kam doch gestern in der Tagesschau der Dr. Westerwelle zu Wort.
Es ging um die Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze um fünf Euro und darum wie diese Erhöhung sich berechnet, und man wurde in der Tagesschau (in allen anderen Medien natürlich auch) ausführlich anschaulich darüber belehrt, dass jeder Cent des Hartz-Satzes genau abgestimmt ist auf die Kontrollmechanismen des Staates und dass allein schon die Zuteilung des Geldes eine Reichweite der sozialen Überwachung impliziert, wie sie jeden Geheimdienstler vor Neid erblassen lassen muss. Dann flackerte Dr. Westerwelle kurz ins Bild und sprach anlässlich der Debatte um die Höhe der Hartz-IV-Bezüge zwei Sätze, die quasi im Vorbeigehen alle Dogmen der zeitgenössischen Volkswirtschaftslehre über den Haufen warfen.

Man muss beides immer im Blick haben, einmal diejenigen, denen wir helfen wollen. Aber auch diejenigen, die das alles erarbeiten müssen.

Ein Loblied auf die ehrliche Arbeit, von der aller Reichtum abhängt. Wer hätte das gedacht.
Aber in Westerwelles Ausspruch steckt freilich noch mehr: Dass die staatlichen Transferleistungen, die die Hartzler beziehen, direkt oder indirekt aus der Zwangsbewirtschaftung der Löhne stammen, dass also die, die den Reichtum erarbeiten, auch alle (gegen sie geltend gemachten) Kosten der Reichtumsproduktion tragen, dass – weiter – der Lohn und die Arbeitskraft, die der Lohn im System der VWL repräsentiert, die Stellschrauben sind, an denen man drehen muss, wenn es um die Regulation des Elends geht und um die Zementierung der Spaltung der Lohnabhängigen in die, die noch erwerbstätig sind und die, die zur Reservearmee gehören, kurzum: dass die Anerkennung der Arbeit als Quelle des Reichtums DIESER Gesellschaft jene spezifisch bürgerliche Gerechtigkeit hervorbringt, nach der es vor allem geboten ist, den finanziellen Abstand zwischen Erwerbslosen und Erwerbstätigen so groß zu gestalten, dass bloß niemand auf die Idee kommen soll, sich als glücklicher Arbeitsloser durchzuschummeln. Nota bene: Es kommt auf den Abstand an, nicht auf die Höhe der Löhne, die dürfen sinken, so tief es das Kapital will (und die Arbeiter es zulassen). Solange garantiert ist, dass die, die ihre Almosen aus dem von anderen Erarbeiteten beziehen müssen, unter existenziellem Druck stehen, solange ist alles in Butter – moralisch vertretbar, politisch korrekt und sozial vollverträglich.

Das weiß jedes Kind und jeder Hartzler, auch jeder Gewerkschafter und für »sie« und »uns« alle ist es normal, völlig normal. Wir führen das alles deshalb noch mal aus, weil man das Staunen darüber, wie in einem mehr oder weniger gedankenlos in irgendeine Kamera geredeten Satz eines austauschbaren Repräsentanten eines sich als ewig darstellenden Systems sich dessen ganze Gewalt bahn bricht, nicht durch abgeklärten Zynismus eintauschen sollte.

Das Stichwort: Faschistoid

Wenn ich ein Mäuschen wäre, dann wäre ich es gerne im Archiv des Blog-Kollegen Espace contre ciment und würde dort an seinen erlesenen Dokumenten knabbern.
Auf seinem (ihrem?) Blog hat er (sie?) kürzlich einen Text von Klaus Heinrich gebracht, der mich daran erinnert hat, was das doch für ein großartiges Buch war, aus dem der Text stammt: »Deutsche Stichworte. Anmerkungen und Essays« (Autoren: Günther Anders. Ilse Bindseil, Ulrich Enderwitz, HM Enzensberger, Erich Fried, WF Haug, Klaus Heinrich, Alexander Kluge, Horst Kurnitzky, Marion Schmid, Friedrich Stenzler), erschienen 1984 bei Neue Kritik / Frankfurt.
Aus diesem Band wir hier dokumentiert: Ilse Bindseils Überlegungen zum (damals schon halb-, heute komplett vergessenen) Stichwort »Faschistoid«.
Interessant ist, dass sie dieses Wort als schillernden rechten Kampfbegriff dechiffriert, auch wenn er wohl zuerst von den revoltierenden 68er-Studenten in Anschlag gebracht worden war. Aber man kennt ja noch so einige Beschimpfungen: Habermas’ »Linksfaschismus« (auf Dutschke gemünzt – Habermas hat später dann diesen Vorwurf zumindest in seiner Krassheit zurückgenommen), Springers Rede von den Studenten als »rotlackierte Faschisten«. Heute, Götz Aly und Henryk M. Broder sei Dank, geht der Zug auch wieder in diese Richtung, mit einer leicht anderen Akzentuierung: »1968« als postfaschistische, pardon: postnazistische Veranstaltung.
Eine kleine Erläuterung vorweg. Die Erwähnung der Bauarbeiter an einer Stelle in Bindseils Essay spielt darauf an, dass die von Springer & Co. aufgehetzten Berliner Bauarbeiter sich in antistudentischen Protest- und Gewaltaktionen (angeblich?) besonders hervortaten.

Bleibt noch darauf hinzuweisen, dass hiermit der Besuch von Bindseils Homepage ausdrücklich empfohlen sei, und es sei auch noch mal erwähnt, dass sie schon recht früh die systematischen antideutschen »Entgleisungen«, z.B. in einem offenen Brief an Gerhard Scheit (2001), beschrieben und kritisiert hat.

Faschistoid

Es ist ein musealer Begriff, der die objektive Aussage, die ihm einmal angehaftet haben mag, restlos abgestreift hat. Das hat natürlich auch damit zu tun, daß er heute, zumal nach der Wende [gemeint ist die damals von Helmut Kohl verkündete geistig-moralische Wende, Anm. Ofenschlot], kaum noch gebraucht wird. In dem Schweigen, das sich, seit geraumer Zeit schon, über ihn gelegt hat, hat er sich selber verändert und seine Schalheit zu erkennen gegeben.
Mit Rührung denke ich daran, daß dieser Begriff einmal, in der Zeit studentischer Auseinandersetzungen als Waffe gegen den Staat geschleudert wurde. Dabei war er damals schon ein kunstvoller Kompromiß, hervorgegangen aus dem Streit zwischen Anhängern der Jugendrevolte und den Zeugen des ’wirklichen’, des historischen Faschismus, wobei die letzteren in ultimativer Form vor einer leichtfertigen, jugendlichen Ineinssetzung des brutalen Rechtsstaats mit dem erklärten Unrechtsstaat warnten. ’Wenn ihr das macht, dann könnt ihr auf mich nicht mehr rechnen’, war die klassische Beschwörungsformel der konservativen Linken. Uns war, als würden wir von der Tradition, an der wir mühsam genug angeknüpft hatten, wieder abgeschnitten.
In Wirklichkeit war faschistoid wohl von Anfang an auf die Revolte selber gemünzt. Eigentlich als theoretischer Vorbehalt gegen die halluzinative Projektion ’jetzt ist der Faschismus da’ ebenso wie gegen das naive Mißverständnis vom ’bißchen Faschismus’ konzipiert, tauchte er doch allzu schnell auf der anderen Seite auf: Den Professor unterbrechen, Leute niederschreien, die eigene Zahl und Masse ins Feld führen, das war, der innersten Definition nach, faschistoid.
Was das Kunstwort bei allem Realitätsverlust immerhin festhielt, war das Systemmoment, das den anarchischen Studenten offensichtlich und per definitionem fehlte, das aber, vermittels einer halsbrecherischen Kasuistik, auch noch dem Staat als der eigentlichen verkörperung des Systems abgesprochen werden konnte; denn ’noch ’ hatte ja der Staat als ganzes sich nicht auf die Seite seiner faschistischen Einzelhandlungen geschlagen, noch hatte seinen, wie wir es damals nannten, latenten Faschismus nicht manifest gemacht. Da faschistoid aber nie bloß ein theoretisches Kunstwort, sondern immer schon eine politische Beschwörungsformel gewesen ist, die aus einer geradezu mythologischen Furcht vorm Faschismus entstanden, die übermütigen Studenten einschüchtern und den Staat beruhigen sollte, diente der Begriff letzten Endes zu nichts anderem als dazu, den Faschismus insgesamt aus der Bundesrepublik zu verbannen und in extraterritoriale Rahmenbestimmungen, in die Systembestimmungen des Faschismus zu verlegen. Kein Wunder, wenn diese extraterritorialen Bestimmungen im demokratischen Staat als gefährliche Spontananeignungen auftauchten, als eine spontaneistische Verachtung der Institutionen und eine offenbar ebenso spontane Neigung dieser Institutionen zu ’kippen’. Einzelerscheinungen hatte es ja immer gegeben, prekäre Stellen – die Bauarbeiter, den Innenminister, die Polizei –, aber schuld, im Sinne des Faschismus, waren die, die durch übertriebenes Einwirken auf diese prekären Stellen und eine damit verbundene Nötigung des demokratischen Staates diesen in seiner spontanen Neigung zu ’kippen’ bestärkten. Im Grunde hat faschistoid nie etwas anderes gemeint als das Verhältnis einer revoltierenden jugendlichen Bildungselite, die durch Provokationen den Faschismusgehalt ihres Staates eruiert, zu eben diesem Staat, der aller demokratischen, antifaschistischen Selbstdarstellung zum Trotz und jedenfalls der insgeheimen öffentlichen Meinung nach jederzeit zu einem spontan-faschistischen Staatsstreich sich bewegen lassen könnte.
Daß faschistoid heute kaum mehr gebraucht wird, daß dieses Wort eigentlich unmodern geworden ist, unterstreicht einmal mehr, wie sehr dieser Begriff auf eine historische Konstellation, der der damaligen ’außerparlamentarischen Opposition’, begrenzt ist. Der heutigen Friedensbewegung fehlt das willkürliche, das abstrakte, das neugierig-explodierende, leichtsinnig-provozierende Moment, das die Studentenrevolte charakterisierte, aber es fehlt ihr auch das politische Moment. Weder ist sie ’faschistoid’ im damaligen Sinn einer auf die innerste Seele des Staates zielenden Provokationsaneignung, noch ist sie geneigt, den bürgerlichen Staat überhaupt systematisch in Frage zu stellen. Die Zurücknahme der Konfrontation mit dem Staat – zugunsten globaler, außenpolitisch-militärischer, ökologischer Auseinandersetzungen, die den Staat in Mitleidenschaft ziehen, aber ihn nicht als Staat angreifen – hat das Faschismusthema vom Tisch gebracht. Faschismus ist wieder zu dem geworden, was das Kunst- und Kompromißwort faschistoid in all seiner angstgeladenen Naivität und seinem ressentimentgeladenen Unverständnis zu widerlegen und zu verhindern suchte: zu einem ’natürlichen ’, unexpliziten, integrierenden, durch keine Kunst- und Beschwörungsformeln wegzuschaffenden Bestandteil unseres bürgerlichen Staates.

Wittgensteinsche Stille

Kleiner Zufallsfund: In einer Besprechung Cristina Corradis (»dottore di ricerca in Filosofia dell‘Università di Bari«) angeblich maßgeblicher Theoriegeschichte »Storia dei marxismi in Italia« (2005) muss auch Peter Thomas, der Rezensent für die New Left Review1 und größerer Sympathien für den Linkskommunismus bestimmt unverdächtig, verwundert feststellen, dass auf 438 Seiten nicht ein einziges Mal der Name Bordiga fällt. Das ist eine Leistung, die wir erwähnen, nicht weil sie uns betroffen macht und wir Bordiga mit am Tisch der marxistischen Ökumene sitzen sehen wollen, sondern weil es immer wieder erstaunlich ist (man sollte sich dieses Staunen in der Tat bewahren und nicht gegen intelligenzlerische Abgebrühtheit eintauschen), wie groß die Anstrengungen sein müssen, die ein/e bürgerliche/r Wissenschaftler/in unternimmt, um sich selbst zu verdummen. Man muss ja 438 Seiten erst mal voll schreiben…
Thomas macht da nicht so ganz mit, sondern ringt sich zu einer schönen, treffenden Charakterisierung Bordigas durch:

… a ferocious critic of Stalinism from the outset, intransigent ultra-leftist opponent of parliamentary deviations and novel theorist of the tyranny of the capitalist labour process, the mention of his name, revealingly, still has the capacity to prompt a Wittgensteinian silence in some areas of the Italian left.

Diese Stille – gedeiht sie immer noch im langen Schatten Stalins? Nein, vielmehr erweist sich der Stalinismus als durch und durch kompatibel mit bürgerlicher Wissenschaft, mindestens was die Selbstbefreiungsversuche des Proletariats anbetrifft. Man nimmt bis heute Bordiga übel, dass für ihn beides – Parteilichkeit und Wissenschaft – kein Widerspruch war und er seine radikale Wissenschaftskritik, die ganz am Anfang seiner Tätigkeit als kommunistischer Aktivist (1912/1913) stand, niemals als Überleitung zu einem weltflüchtigen Skeptizismus verstand.

Wenn ein 23-24jähriger Ingenieur wie Bordiga mit dem ihm zuhandenen Marxismus Religions- und Philosophiekritik treibt, um die politische Selbstverständigung unter den jungen Sozialisten voranzubringen, dann akzeptiert er als orthodoxer Marxist, daß der Sozialismus als Wissenschaft aufzufassen sei; gleichzeitig warnt er davor, die unter dem Kapitalismus vorhandene Wissenschaft unbesehen zur (heute hieße es: »schöpferischen«) Weiterentwicklung des Marxismus zu akzeptieren. Vorsichtig versucht Bordiga, »die sozialistische Konzeption in ihren großen Linien« als im Klassenkampf voll ausreichend zu verteidigen; Engels Ausspruch, die Grundlagen der Wissenschaft des Sozialismus seien gelegt, es komme darauf an, die Wissenschaft detailliert zu entwickeln, wird von ihm bezweifelt, was die Folgerungen betrifft:
»Wir würden von neuem die proletarische Aktion vom bürgerlichen Intellektualismus abhängig machen, oder würden mindestens von diesem die formale Anerkennung jener erbitten. Wir würden das Absurde fordern. Wir sind der Auffassung, daß die gegenwärtige ›Wissenschaft‹ nicht mehr Glauben verdient als wir der Philosophie zuerkannt haben. Wir glauben, daß jener wissenschaftlichen Entwicklung des Sozialismus die Möglichkeit fehlt, genuine wissenschaftliche Elemente zu haben, denn die bürgerliche Wissenschaft denkt daran, sie zeitig zu fälschen. Haben wir vielleicht eine andere Gottheit, die Dame Wissenschaft, amtsbeleidigt? Das ist uns unwichtig. An die wahre Wissenschaft als Summe von Gegebenheiten, Untersuchungen und der menschlichen Tätigkeit können wir glauben, aber wir halten nicht ihre Existenz für möglich in der gegenwärtigen, vom Prinzip der ökonomischen Konkurrenz und der Jagd nach individuellem Profit unterminierten Gesellschaft. Wir stoßen so mit einem anderen allgemeinen Vorurteil zusammen, dem der Überlegenheit der Welt der Wissenschaft. Heute werden die Entscheidungen der Akademien undiskutiert geglaubt wie im Mittelalter die der Sakristeien. Und fürwahr wäre ein Buch und nicht ein Artikel notwendig, um die miserablen und geschäftlichen Hintergründe der Wissenschaft zu enthüllen.« (aus: »Per la concezione teorica del socialismo«, Avanguardia, 13.4.1913)

Aus: Christian Riechers, »Arbeiterbewegung, Kultur und Antimilitarismus« (1983), in Ders., »Die Niederlage in der Niederlage. Texte zu Arbeiterbewegung, Klassenkampf, Faschismus«, S. 409/410, Unrast Verlag 2009 (Übersetzung des Bordiga-Zitats: C.R.).

  1. Erschienen in New Left Review 59, July-August 2009. [zurück]

Der Knackpunkt

Zur Vertiefung zweier Texte, die sich hier und hier mit dem von der Regierung schon beschlossenen, zur Zeit im Bundestag noch verhandelten Sparpaket auseinandersetzen.

Dass das Sparprogramm ungerecht ist, liegt auf der Hand, eine taugliche Kritik an dieser »drastischen Anhebung der Mehrwertrate« (sehr richtige Beobachtung von Günther Sandleben) kann jedoch gerade nicht an diesem Faktum (ungerecht vs. gerecht) ansetzen, weil die Frage nach der (Un-)Gerechtigkeit gar nicht die Erhöhung der Mehrwertrate berührt – allenfalls ihre »soziale Verträglichkeit«, soll heißen: Abmilderung. Tatsächlich müsste die Kritik am Sparparadox ansetzen: steigende Arbeitsproduktivität selbst oder vielmehr: gerade in Zeiten der Krise, die aber nicht zur Verringerung de Arbeitszeit führt, sondern zum Gegenteil (oder aber zur Auslöschung von Arbeitszeit, dann nämlich, wenn die Leute arbeitslos werden). Es gibt nicht zuwenig, es gibt zuviel, um sich aber einen Teil des »Zuviel« anzueignen, müssen die Lohnabhängigen für immer weniger Geld immer mehr arbeiten.
Deshalb also: keine Kritik an der sozialen Unausgewogenheit des Sparpakets, sondern Kritik der Hyperproduktivität, eine Kritik, die sich positiv etwa im Kampf um Arbeitszeitverkürzung (Abwesenheit von Druck, Konkurrenz, Überstunden und Lohnverzicht) auflöst. Die Perspektive davon: Aufhebung der Lohnarbeit, ganz klar.

Die Referenzstellen bei Marx, die den prozessierenden Grundwiderspruch der bürgerlichen Gesellschaft, ihren Knackpunkt benennen, lauten wiefolgt:

Das Kapital ist selbst der prozessierende Widerspruch [dadurch], daß es die Arbeitszeit auf ein Minimum zu reduzieren stört, während es andrerseits die Arbeitszeit als einziges Maß und Quelle des Reichtums setzt. Es vermindert die Arbeitszeit daher in der Form der notwendigen, um sie zu vermehren in der Form der überflüssigen; setzt daher die überflüssige in wachsendem Maß als Bedingung – question de vie et de mort – für die notwendige. Nach der einen Seite hin ruft es also alle Mächte der Wissenschaft und der Natur, wie der gesellschaftlichen Kombination und des gesellschaftlichen Verkehrs ins Leben, im die Schöpfung der Reichtums unabhängig (relativ) zu machen von der auf sie angewandten Arbeitszeit. Auf der andren Seite will es diese so geschaffnen riesigen Gesellschaftskräfte messen an der Arbeitszeit, und sie einbannen in die Grenzen, die erheischt sind, um den schon geschaffnen Wert als Wert zu erhalten.

(Grundrisse, 593, zitiert nach der 1953er Ausgabe)

Je mehr dieser Widerspruch sich entwickelt, um so mehr stellt sich heraus, daß das Wachstum der Produktivkräfte nicht mehr gebannt sein kann an die Aneignung fremder surplus labour, sondern die Arbeitermasse selbst ihre Surplusarbeit sich aneignen muß. Hat sie das getan – und hört damit die disposable time auf, gegensätzliche Existenz zu haben –, so wird einerseits die notwendige Arbeitszeit ihr Maß an den Bedürfnissen des gesellschaftlichen Individuums haben, andrerseits die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkraft so rasch wachsen, daß, obgleich nun auf den Reichtum aller die Produktion berechnet ist, die disposable time aller wächst. Denn der wirkliche Reichtum ist die entwickelte Produktivkraft aller Individuen. Es ist dann keineswegs mehr die Arbeitszeit, sondern die disposable time das Maß des Reichtums. Die Arbeitszeit als Maß des Reichtums setzt den Reichtum selbst als auf der Armut begründet und die disposable time nur existierend im und durch den Gegensatz zur Surplusarbeitszeit oder Setzen der ganzen Zeit des Individuums als Arbeitszeit und Degradation desselben daher zum bloßen Arbeiter, Subsumtion unter die Arbeit. Die entwickeltste Maschinerie zwingt den Arbeiter daher, jetzt länger zu arbeiten, als der Wilde tut oder als er selbst mit den einfachsten, rohsten Werkzeugen tat.

(Grundrisse, 596, s.o.)