»Das Recht auf nationale Autonomie und staatliche Souveränität ist nur ein anderer Name für das Unrecht, Leute zu schikanieren, auszuweisen und abzuschieben.«

Wolfgang Pohrt gegen seine Liebhaber verteidigen? Überflüssig. Das macht der selber, hat er immer schon gemacht. Pohrt ist der Anarch der kritischen Theorie – immer wenn man denkt, das oder dies läge doch voll auf seiner Linie, hat er sich, ganz Partisan der bösen Provokation, bereits abseits dieser in die Büsche geschlagen. Dabei ist Pohrt immer ein Dialektiker geblieben, denn seine Beweglichkeit, sein notorisch negativer Geist beruht auf verhältnismäßig wenigen Einsichten über die Geschichtlichkeit des Wertgesetzes, die er in seiner frühen Marx-Exegese (»Theorie des Gebrauchswerts«, 1976) gewonnen hatte1. Beliebig, ein Querulant gar, ist er nie gewesen. Lässt man sich auf ihn ein, glaubt man ihm erst mal alles – das liegt daran, dass er den historisch-gesellschaftlichen Ausschnitt, der jeweils Gegenstand seiner Polemiken ist, messerscharf seziert. Erst später und mit einigem Abstand erkennt man, dass der Ausschnitt eben ein Ausschnitt war und dass sich so manche stillschweigende Voraussetzung eingeschlichen hat, die einfach unzulässig ist. Beispiele? Findet ihr selber, wenn ihr seine Texte nicht als in sich geschlossene, quasi-wissenschaftliche Abhandlungen lest (wie das jahrelang seine falschen antideutschen Freunde gemacht haben), sondern als tagespolitische Nahkampfübungen.
Warum wir hier auf Pohrt zu sprechen kommen, ist nicht sein 65. Geburtstag, den sein Stammverlag Edition Tiamat just mit einem repräsentativem Auswahlband »Gewalt und Politik« gewürdigt hat. Sondern eine Frage, die einfach so vom Himmel fiel: Hat sich Wolfgang Pohrt eigentlich zu Israel geäußert?
Blöde Frage, oder? Dahinter steckt aber folgende Überlegung: Den »klassischen« Antideutschen, jene also, die sich gegen den deutschen Großmachtsnationalismus der 1990er Jahre zuerst formierten, ging es nicht um Israel. Israel war eigentlich völlig uninteressant. Es ging um die (Entlarvung der) deutschen Obsessionen, die sich mit Israel verknüpften: »Eine Israelreise geriet zum Kuraufenthalt, woraus die Deutschen, von ihrer Vergangenheit geheilt, zurückkehrten; die kurze Geschichte Israels wurde zum belebenden Elixier, nach welchem die Zuhausegebliebenen gierig griffen.«2 Es ging um die Schlupflöcher eines Antisemitismus, der offiziell verboten, gesellschaftlich gleichwohl virulent war (immer noch ist) und der sich politisch korrekt nur als Antizionismus artikulieren konnte (es immer noch tut). DIESE politischen Verschiebungs- und Übertragungsleistungen galt es, gerade auch in der Linken, zu decodieren. Von Israel als Vorposten des Westens (Wächterstaat für unser aller Freiheit), als »einzige Demokratie im Nahen Osten«, als »bewaffneten Versuch der Juden, den Kommunismus lebend zu erreichen« (ISF Freiburg), selbst von Israel als »Staat der Überlebenden« war nicht die Rede. Zumindest eine zeitlang nicht: Übergänge zur unbedingt positiven Besetzung des linksdeutschen Israel-Bildes mag man schon in den Debatten den frühen 1990er Jahre finden – etwa wenn man jede Solidarität mit der palästinensischen Bevölkerung unter Antizionismus- vulgo: Antisemitismus-Verdacht gestellt hat.
Pohrt ist so häufig so penetrant zum Stichwortgeber und (wie wir heute wissen: unfreiwilligen) Stilberater der Antideutschen avanciert – inklusive der bis zum Überdruss getriebenen Polemiksucht, die schlicht eine Pohrt-Verballhornung ist –, dass in dem ganzen Getöse untergegangen ist, dass sich Pohrt selten zu Israel geäußert hat und sich die einzige uns bekannte wirklich zusammenhängende Äußerung wiefolgt liest5.
Dieser Text – es handelt sich um »Linksradikalismus und nationaler Befreiungskampf«, erschienen in der taz vom 3.8.1982, auch in Wolfgang Pohrt: »Kreisverkehr, Wendepunkt. Über die Wechseljahre der Nation und die Linke im Widerstreit der Gefühle«, Edition Tiamat, Berlin 1984, S. 16-19 (allerdings nicht wieder aufgenommen in »Gewalt und Politik«)3 – lässt an Klarheit und Deutlichkeit wenig zu wünschen übrig4. Basisbanalitäten – der Begriff kursierte doch immer mal wieder in den letzten Jahren bei ganz besonders erleuchteten Antifas, na, hier sind sie tatsächlich!

Der gegen Israel oder den Zionismus üblicherweise erhobene Vorwurf ist der, daß dieser Staat dort gegründet wurde, wo vorher andere Menschen lebten. Die Gründungsakte aller bisherigen Gemeinwesen aber waren keine der Gerechtigkeit, sondern stets solche der Gewalt. Sogar der Bilderbuchfrieden idyllischer Stämme und Völker, die einträchtig und in Harmonie mit den Nachbarn das Land der Väter nach alter Sitte bestellen, ist in der Regel ein Frieden, der auf dem ursprünglichen Gewaltakt der Landnahme und Vertreibung anderer beruht. Das von Nationen, Völkern, Stämmen untrennbare, weil logisch zwingend zu ihrem Begriff gehörende Recht, zwischen sich selbst und dem Fremden zu unterscheiden, und den Fremden als fremden Eindringling zu betrachten und zu verjagen, wenn er sich niederlassen will – dies Recht ist nur der legalisierte und kontinuierlich gewordene ursprüngliche Gewaltakt der Landnahme und Vertreibung.

Kein Volk erhielt seinen Platz auf der Erde zugesprochen nach Maßgabe rechtmäßiger Besitzansprüche von überirdischen Instanz, sondern jedes Volk hat sich irgendwann in der Geschichte seinen Platz mit Gewalt genommen; nicht nur aus praktischen Gründen – weil es eine überirdische gerechte Verteilungsinstanz nicht gibt, – sondern viel mehr noch deshalb, weil es im emphatischen Sinn kein Exklusivrecht für Deutsche, Franzosen, Israelis geben kann, irgendein Fleckchen Erde ausschließlich zu besitzen, und weil es ein Unrecht ist, wenn auf irgendeinem Fleckchen Erde Menschen nicht leben dürfen, nur deshalb, weil sie Türken, Vietnamesen, Juden oder Palästinenser sind. Das Recht auf nationale Autonomie und staatliche Souveränität ist nur ein anderer Name für das Unrecht, Leute zu schikanieren, auszuweisen, abzuschieben mit der Begründung, daß sie den falschen Paß oder die falsche Geburtsurkunde besäßen, und dieses Unrecht ist keine Verfälschung der Nationalstaatsidee, sondern ihr – bisweilen durch die Toleranz einsichtiger Menschen freilich gemildertes – Wesen.

Der Rechtsanspruch von Menschen, Völkern, Nationen auf ein Stück Erde ist nur ein anderer Name für den Anspruch, andere von diesem Stück Erde zu vertreiben. In jeder feierlichen Proklamation des Existenzrechts eines Volkes steckt die Drohung, das Existenzrecht diesem oder einem anderen Volk zu entziehen. In Wahrheit aber besitzt der Mensch ein Existenzrecht so wenig, wie er auch kein Recht, sich dort aufzuhalten, wo er gerade ist, oder kein Recht zu atmen, besitzt – ganz einfach deshalb, weil weder die bloße Existenz, noch das mit dieser Existenz verbundene Dasein auf einem Stück erde, noch das Atmen Dinge sind, welche unter die Rechtsverhältnisse fallen. Kein Mensch hat ein Recht darauf, an einem bestimmten ort zu leben, weil dieses bloße Dasein an irgendeinem Ort kein Unrecht sein kann und deshalb keiner Rechtfertigung bedarf. Nicht weil sie durch fleißige Arbeit ein Anwesenheitsrecht erworben haben, sondern weil sie da sind, müssen alle Türken in Deutschland bleiben dürfen. Nicht weil die Palästinenser ein Recht auf Palästina besaßen, sondern weil sie dort waren, war es ein Unrecht, daß sie von Israel vertrieben wurden.

Das Schachspielen mit den Gebietsansprüchen haben die Linksradikalen deshalb früher den Machthabern überlassen, denn nicht die Bevölkerung stand für die Linksradikalen zur Disposition, sondern das Produktionsverhältnis, die Machtverhältnisse, die Regierung. Ein krieg zwischen zwei Bevölkerungsgruppen, deren beider Ziel es ist, die jeweils andere von einem Stück Land zu vertreiben, hätte eben deshalb die Linksradikalen theoretisch bestätigt und praktisch ratlos gemacht. Ein solcher Krieg, wie er zwischen Israel in der Rolle des vertriebenen Vertreibers und den Palästinensern in der Rolle der Vertriebenen seit Jahrzehnten geführt wird, hätte die Linksradikalen in ihrer Erkenntnis bestätigt, daß es für soziale Probleme keine nationale Lösung gibt, oder jedenfalls keine andere als endloses Blutvergießen. Dieser Krieg hätte die Linksradikalen gleichzeitig praktisch ratlos gemacht, denn er bietet keine Möglichkeit, Partei zu ergreifen, weil

1. beide Parteien dasselbe wollen: den exklusiven Besitzanspruch auf ein und dasselbe Fleckchen Erde; die eigene Flagge, die eigene Armee, den eigenen Staat.

2. die Entwicklung Israels nur noch einmal zeigt, daß jeder Nationalstaat, auch dann, wenn humanitär gesonnene Leute ihn aus lautersten Motiven und mit den besten Absichten gründen, dazu neigt, ein gefräßiges Ungeheuer zu werden.

3. die schlimme Vergangenheit und Gegenwart Israels als Zukunftsprognose für einen Palästinenserstaat und als Warnung vor ihm begriffen werden muß, denn dieser Staat könnte sich von Israel nur dadurch unterscheiden, daß seine Bewohner nicht Israelis, sondern Palästinenser heißen. Im Libanon wurden die israelischen Truppen als Befreier gefeiert und waren die Palästinenser verhasst; kaum deshalb, weil sich die Palästinenser im Libanon wie freundliche, verständige und bescheidene Gäste benahmen, wenn sie selbst die Mehrheit hatten und die PLO die Macht; kaum deshalb, weil Palästinenser unsympathische Leute sind, sondern deshalb, weil Menschen dann, wenn sie als Volk auftreten, im Umgang mit Minderheiten niemals besonders zartfühlend und zimperlich sind.

4. also der nationale Befreiungskampf der PLO kein Kampf für die Abschaffung aller Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse ist, sondern ein Kampf für den Erwerb der Voraussetzungen, unter denen sich mit Sicherheit alle Ausbeutungs- und Unterdrückungsverhältnisse wiederholen.

5. schließlich Linksradikale weder den Vorteil noch den feinen Unterschied sehen können, der angeblich darin besteht, wenn Menschen nicht von fremden Truppen massakriert werden, wie jetzt im Libanon, sondern von den Truppen des eigenen Landes, wie in Hama, oder doch von den Truppen wenigstens verwandter Völker, wie jetzt im Krieg zwischen Iran und Irak; weil Linksradikale nicht mit jener Unterdrückern nicht nur nationaler Minderheiten, sondern auch der großen Mehrheit der Bevölkerung paktieren können, die sämtliche arabischen Regimes heute sind.

Wenn trotzdem heute militante Linke im idiotischen Konflikt zweier völkischer Nationalismen keinen Grund zur Ratlosigkeit sehen, fast zur Resignation, sondern eine willkommene Gelegenheit, mitzumischen, blindlings und fanatisch Partei zu ergreifen und sich mit aller Einbildungskraft uns Schlachtgetümmel des ’nationalen Befreiungskampfes’ zu stürzen, dann hat das nichts mit Linksradikalismus zu tun, sondern mit den bösen verschwiegenen Sehnsüchten, die im Herzen dieses Volkes schlummern. Den Nutzen davon werden nicht die Palästinenser und den Schaden davon wird nicht Israel haben, sondern die Leidtragenden werden die Ausländer in der Bundesrepublik sein – dann, wenn die deutschen den nationalen Befreiungskampf nicht mehr stellvertretend für andere Völker, sondern bei sich selber führen, dann, wenn das Bündnis zwischen Militanz und Mob […] eine realistische politische Basis bekommt.

  1. Hier entwickelte er seinen Grundgedanken, dass der Kapitalismus die eigenen Grundlagen zerstört, ohne dass die erhoffte Zusammenbruchskrise naht, aus der das Proletariat siegreich hervorgeht. Vielmehr hebt sich der Kapitalismus auf seiner eigenen Grundlage auf: Wir treten in eine geschichtslose Zeit ein, die faschistische Epoche gibt uns darauf den ersten Vorgeschmack. [zurück]
  2. Eike Geisel: »Die Reise nach Jerusalem als Pilgerfahrt nach Deutschland. Oder: Die Kunst, in der Fremde daheim zu sein.«, in Ders.: »Lastenausgleich, Umschuldung. Die Wiedergutwerdung der Deutschen«, Edition Tiamat, Berlin 1984, S. 73 (ursprünglich in Konkret 3/84 erschienen). [zurück]
  3. Wir dokumentieren den Text leicht gekürzt. In letzter Sekunde ist uns aufgefallen, dass der Text sich in ganzer Länge auf der Homepage von Martin Blumentritt, lustigerweise einem antideutschen Aktivisten, findet. [zurück]
  4. Wenig heißt nicht nichts. So bezeichnet Pohrt den Krieg zwischen Iran und Irak als Krieg verwandter Völker. Das lässt stirnrunzeln – Iraner und Iraker sind so nah oder so entfernt verwandt wie, sagen wir, Deutsche und Marokkaner, Briten und Serben, Spanier und Kambodschaner. [zurück]
  5. Aber hat nicht Pohrt 1991, im Golfkriegsmonat, in einem skurrilen Text für Konkret auf einen Kernwaffen-Einsatz Israels gegen Saddams Irak gehofft? 1. Ist auch das kein spezifischer Israel-Text, 2. Hat er seine Polemik sieben Jahre später in einem Interview, dass – those were the days – Jürgen Elsässer für die Jungle World führte, relativiert. Wir zitieren nach der Buchfassung, Wolfgang Pohrt: »FAQ«, Edition Tiamat, Berlin 2004, S.63:
    Frage: […] Wie würden Sie heute, mit einigem Abstand, diese Kritik an Ihrer Position sehen – etwa an Ihrer Zuspitzung, Israel möge eine B- und C-Waffen-Attacke [der irakischen Armee] ›hoffentlich mit Kernwaffen zu verhindern wissen‹?
    Antwort: Wenn der Hass auf Israel das Motiv für den Pazifismus ist und die Konsequenz aus diesem Pazifismus im Erfolgsfall eine Gefährdung Israels wäre, weiß ich nicht , wie man den sogenannten Antizionismus ablehnen soll, ohne auch den Pazifismus abzulehnen. Dass eine Bedrohung und Gefährdung Israels bestand, haben amerikanische und irakische Propaganda behauptet. Irakische Raketen auf Tel Aviv machten die Behauptung glaubhaft. Dass sie auch gestimmt hat, würde ich heute bezweifeln.
    Nachträglich muss ich ferner einräumen, dass mein nur in Konkret erschienenes Pamphlet die Schwäche derer teilt, gegen die es sich richtet. Mischt man sich in aktuelle Kontroversen ein, teilt man halt zwangsläufig deren Niveau. […] [zurück]