Nicht gesucht, deswegen gefunden

Bizarres Erlebnis. Da hat man einen Text schon zweimal gelesen und immer jene Belegstelle überlesen bzw. natürlich nicht überlesen, aber irgendwie abgehakt, verbucht unter anderem, nach der alle suchen – »alle« das ist in diesem Fall die linkskommunistische-rätekommunistische-situationistische-post-GSP’lerische Szenerie, deren Protagonisten, so meinte mal ein Genosse mir gegenüber, bequem in ein ICE-Zugabteil auf der Fahrt von Berlin nach Kassel passen. Ja nun, so viele Bekannte habe ich nicht.
Nun aber, Heaven!, ploppt einen diese Stelle an wie ein Springteufelchen. Weil ich nicht nach ihr gesucht habe, mich eigentlich für einige Fragen betr. A. Gramsci interessiert habe: Ich hatte plötzlich die Ahnung, dass das Problem mit Gramsci weniger mit diesem selbst zu tun habe, sondern mit all den Arschlöcher angefangen von Togliatti über die Jungen-Welt-Gruftis bis zu den Heinis rund um RLS- und irgendwelche DGB-Thinktanks. Die Ergründung dieser Ahnung wollen wir mal hintanstellen, und stattdessen die Stelle aller Stellen präsentieren.
Es geht, mal wieder (sorry for that), um Amadeo Bordiga, der vor allem wegen dieses Satzes bei jüngeren Leute, häufig mit leidvoll-öder Antifa-Vergangenheit, berühmt/berüchtigt ist: »Das schlimmste Produkt des Faschismus ist der Antifaschismus.« Nun gibt es leider dazu keine Quelle, und wo es keine gibt, fehlt auch der Kontext, das Zitat-Umfeld. Mal heißt es, es hätte jemand anderes gesagt (Quelle?), dann wieder, es stünde in einem noch nicht übersetzten italienischen Text Bordigas (Quelle?). Man weiß es nicht.
Aber es gibt auf deutsch vorliegend mindestens eine Passage, die dem Sinn dieses Aphorismus entspricht! Zu lesen ist sie in einem Interview, das Bordiga schriftlich wenige Wochen vor seinem Tod gegeben hat und auf das wir bereits an dieser Stelle hingewiesen hatten (es gibt noch ein zweites Interview mit ihm, das die RAI damals aufgezeichnet hatte. Ausschnitte finden sich hier, ich bin des Italienischen nicht mächtig und weiß also nicht, was diese Einrahmung samt dramatischer Allein-gegen-die-Mafia-Musik soll. 1970 hatte Bordiga einige Infarkte hinter sich, weswegen er schon sehr gebrechlich wirkte und man seine Rede untertitelte. Vielleicht liegt’s aber auch am napolitanischen Dialekt, who knows…).
Grundsätzlich gilt natürlich: sich nicht auf die Stellen verlassen, die ich hier ausschnipsle, sondern sich das ganze Zeug »reinziehen« (reinziehen ist typischer Wildcat-Jargon, ständig müssen sich die Genossen da irgendwelche Bücher und umfangreichste Texte reinziehen, was mir arg nach Würgen und Schlingen und Vertilgen klingt, wenig genussvoll, wo bleibt da der Spaß an der bösen Erkenntnis?).

Den Faschismus halten wir nur für eine der Formen, worin der kapitalistische bürgerliche Staat seine Herrschaft behauptet, wobei diese Form, wenn es für die herrschenden Klassen vorteilhafter zu sein verspricht, mit der der liberalen Demokratie, also dem Parlamentarismus, abwechselt, die in bestimmten historischen Phasen auch eher geeignet ist, die Interessen der privilegierten Schichten zu wahren. Für die Politik der starken Hand und repressiven und polizeilichen Übergriffe gibt es gerade auch in Italien Vorbilder, die für sich sprechen: Die an die Namen [Francesco] Crispi, [Luigi] Pelloux und viele andere geknüpften Episoden, in denen es dem bürgerlichen Staat oblag, die gerühmten Rechte der Propaganda- und Versammlungsfreiheit mit Füßen zu treten. Die geschichtlich älteren, ebenfalls blutigen Beispiele dieser Methode zur Unterdrückung der unteren Klassen zeigen also, dass das Rezept nicht von den Faschisten oder Mussolini erfunden oder eingeführt wurde, sondern sehr viel älter ist. […] Wir teilten nicht die Theorie Gramscis und auch der Zentristen, die den Faschismus als Konflikt zwischen Agrarbourgeoisie und Rentenempfängern aus Grund- oder Immobilienbesitz und auf der anderen Seite Industrie- und Handelsbourgoisie darstellten. Sicherlich kann man die Agrarbourgeoisie mehr der rechten und auch klerikalen Bewegung zuordnen, die Industriebourgeoisie mehr den Parteien der politischen, auch laizistisch genannten, Linken. Die faschistische Bewegung indes richtete sich nicht gegen einen der beiden Pole, sondern hatte das Ziel, die Erhebung des revolutionären Proletariats zu verhindern, indem sie für die Erhaltung aller gesellschaftlichen Formen der Privatwirtschaft kämpfte. Wir sagen seit vielen Jahren und ohne im Geringsten zu zögern, dass man den Feind Nr. 1 nicht im Faschismus oder gar Mussolini ausmachen kann, sondern dass das größere Übel der Antifaschismus darstellt, ein größeres Übel, als es der Faschismus verursachen könnte, trotz aller Schäbigkeit und Niedertracht. Der Antifaschismus hatte einem giftspeienden Ungeheuer historisches Leben eingehaucht: Nämlich dem großen Block, der die ganze Bandbreite der kapitalistischen Ausbeutung und ihrer Nutznießer umfasst, von den großen Plutokraten bis hinunter zu den lächerlichen Scharen von Halb-Bourgeois, Intellektuellen und Laizisten.

[Ergänzend dazu auch diese beiden Stellen.]

Der von mir und großen Teilen der Partei vertretene „Wahlboykottismus“ bedeutete nicht Verzicht auf tagespolitische Tätigkeit, sondern auf eine ihrer technischen und praktischen Formen, also Wahltätigkeit und Parlamentarismus, und zwar, weil dies die ganze Energie und Dynamik der Partei absorbiert und abgezogen und damit lebenswichtigere Formen der politischen Klassenpartei lahm gelegt hätte, die viel wichtiger sind, wie der offene und auch militante Kampf gegen die regulären und irregulären Verbände, die die kapitalistische Ordnung verteidigen. Der Wahlboykottismus stellte daher ein wirkliches Gegengift gegen eben die Unbeweglichkeit dar. Denn gefördert worden wäre diese gerade durch eine Bündnispolitik mit anderen Parteien – darunter solchen, zu denen wir die materiellen Verbindungen auf organisatorischem Gebiet gekappt hatten, welche nur in pathologischer Form eines Bündnisses hätten wieder aufleben können –, und das wäre nicht mal von unseren Anhängern und Parteigenossen verstanden worden. […] Die von den sogenannten antifaschistischen Parteien entwickelte Aktivität in den Jahren 1923 und 24, besonders nach der [faschistischen] Ermordung [des sozialistischen Parlamentsabgeordneten Giacomo] Matteottis, wurde von mir und sehr vielen anderen Genossen offen missbilligt, denn sie schuf die Grundlagen für eine Arbeitsgemeinschaft zwischen der Arbeiterbewegung und anderen ideologisch eindeutig bürgerlich orientierten Parteien. So wurde hier das vorweg genommen, was heute die Struktur der italienischen Regierung ausmachen sollte, und worin sich die KP Italiens, die seit ihren großen Anfängen mit der Spaltung von Livorno und dem hartnäckigen Kampf gegen jede Form bindender Kompromisse extrem heruntergekommen war, kopfüber stürzte, und zwar im Namen der „Demokratie für Italien und Europa“, was völlig antimarxistisch und antiproletarisch ist.

Ich zog damals [1924] die Formulierung der „politischen Komödie“ derjenigen des „Staatsstreiches“ vor, insofern die Schwarzhemden die bewaffnete Staatsgewalt, die den real bestehenden Belagerungszustand nicht zu nutzen verstanden hatte, nicht militärisch geschlagen hatten: Mussolinis „Marsch auf Rom“ bestand darin, die Strecke Mailand-Rom bequem im Schlafwagen zurückzulegen, um im Quirinal mit König Vittorio zusammenzutreffen. Die soziale Basis des Faschismus lässt sich nicht nur, wie Gramsci sagte, in der Klasse der Landeigentümer ausmachen, sondern umfasst ebenso die modernen industriellen Klassen; und die Mitglieder der faschistischen Partei rekrutierten sich nicht nur aus den reichen, sondern auch aus den Mittelschichten, wie Akademikern, Handwerkern und Studenten.