Methodenphobie (berechtigte)

Es gibt ja bei den Genossen vom Gegenstandpunkt eine regelrechte Methoden-Phobie. Komme ihnen bloß keiner mit der Marx’schen Methode oder der Hegel’schen (und sowieso nicht der Karl Held’schen). Mag Marx auch von der dialektischen Methode gesprochen haben, der er nach Abschluss seines KAPITAL-Projekts ein eigenständiges Bändchen widmen wollte, hah!, dann springt er halt selbst unter der eigenen Hürde der richtigen Theorie durch. Na, und dass die GSP’ler, die Alten wie die Jungen, selbst eine Methode haben, was man einfach daran erkennt, dass alle GSP’ler den gleichen Tonfall pflegen und jeder Vortrag derselben Struktur entspricht (zu Beginn ein paar ideologiekritische Bemerkungen, die den Alltagsverstand aufmischen sollen, dann eine allgemeine, abstrakte Darstellung des Gegenstandes, dann die Bezugnahme auf aktuelle Erscheinungen und Ausprägungen, zum Abschluss eine Kritik an den falschen – linken – Ansichten zu dem eben besprochenen Gegenstand) – auf diese rhetorische Finte der gemeinen GSP-Verächter (»Hetzer«) lässt man sich gleich gar nicht ein!
Ihre Methoden-Phobie – Die Methode vom Gegenstand der Untersuchung zu lösen und also dem Postulat folgen: Erst die richtige Methode, dann das richtige Erkennen, ist, frei nach Hegel (ihre ganze entsprechende Kritik haben sie vom Alten, was hier übrigens nicht als Kritik gemeint ist, sondern einfach als sachliche Feststellung), ungefähr so, als würde man Schwimmen lernen wollen, ohne sich nass zu machen. – bringt sie fast schon in die Nähe des köstlichen Paul Feyerabend, der die Methoden-Fetischisten tief und innig gehasst hat (die größten Kritiker der Elche…) und dessen beschwingtes Meisterwerk brutal ehrlich »Against Method« heißt (»Wider den Methodenzwang« übersetzte man hier, doch etwas verkleinernd…). Aber diese Assoziation ist selbst wieder eklektizistisch, denn die gewisse Naivität der einen (Wissenschaft als abgeschlossener Prozess, der dann zu seinem richtigen Abschluss kommt, wenn man sich nicht mehr von den kantischen Methoden-Heinis irre machen lässt.) ist unvereinbar mit der gewissen Naivität des anderen (Die Auflösung der Wissenschaft in einen offenen Prozess der Erkenntnisspiele und –experimente ist gleichbedeutend mit der gesellschaftlichen Emanzipation der Individuen.)
Dennoch – Feyerabend kann man mal wieder lesen, ist eine erfrischende, heitere Sommerlektüre (und wer Feyerabend richtig [sic!] kritisiert, der ist eigentlich ganz nah dran – an der dialektischen Methode).
Im Folgenden soll nicht gegen den GSP gestänkert (»gehetzt«), sondern, Überraschung, dem ZK, dem Zentralkomputer, soll voll und ganz recht gegeben werden! Jawohl, die Methodenphobie hat ihre Berechtigung!
In der FAZ findet sich ein recht interessanter Artikel über die Marx-Welle in China, die gerade über chinesische Universitäten hereinbricht. Die Partei gibt zur Zeit Unsummen aus, um allerlei Marx-Institute aus dem Boden zu stampfen, eine neu übersetzte Marx-(und-Engels?-)Ausgabe ist auch in Arbeit. China und Marx-Renaissance, das passt nicht zusammen, das wäre ja so, als würde demnächst ein neu übersetztes Buch von Paul Mattick bei Ca Ira erscheinen – undenkbar!
Aber so ist es – die Partei will Marx, und die Wissenschaftler spuren. Warum das ganze?
Weil Marx im großen Stil als wesentlicher Teil einer Legitimationsstrategie der Herrschenden neu definiert wird. Und wie geht das? Indem man Marx, den METHODIKER, vom Marx, dem KAPITALISMUSKRITIKER, abspaltet, die Methode für gültig (»wahr«) erklärt und den Kritiker für überholt. Der FAZ-Autor (Oh Gott, jetzt lernen wir bei denen noch Materialismus…) hat das richtig erkannt: Sie – Wissenschaftler wie Parteiideologen – spielen »die Methode des Marxschen Denkens systematisch gegen dessen Ergebnisse« aus:

Statt auf Themen wie Antikapitalismus, Planwirtschaft oder Revolution zu beharren, hielten sie allein an der materialistischen und dialektischen Perspektive auf die Welt fest, die den Gang der Geschichte in deren innerer Widersprüchlichkeit zu überblicken verheißt. Der Vorteil der Methode liegt darin, dass sie äußersten Pragmatismus mit dem Nachweis der historischen Notwendigkeit einer alle historischen Prozesse gleichzeitig in den Blick nehmenden und planenden Institution, der Kommunistischen Partei also, verbindet.

Und weiter

Von Marx‘ Thesen übernimmt (man) nur den Fokus auf die Entwicklung der Produktivkräfte in ihren Widersprüchen, um diesen dann aber zur Theorie eines permanenten Ausgleichs jeglicher Gegensätze auszuweiten; den Funktionären wird dabei ein immer dialektischeres Denken abverlangt: „Die Entwicklung ist ein zyklischer Prozess, bei dem sich die Dinge vom Ungleichgewicht zu einem relativen Gleichgewicht und dann wieder zurück zum Ungleichgewicht bewegen“, heißt es in einem Kommentar des Zentralen Übersetzungsbüros, das als direkt dem Zentralkomitee unterstellte Einrichtung eine besonders wichtige Rolle bei der Theoriebildung spielt.
Der Marxismus ist unterdessen zu einem Gehäuse mutiert, in dem sich so ziemlich jede Art Politik unterbringen lässt, solange sie nur als Einheit der Gegensätze unter dem Dach einer autoritären Partei interpretiert werden kann – und insofern auch als Gegenmodell zur westlichen Demokratie taugt.

Lassen wir mal den Nachsatz beiseite, diese Konzession an die FDGO, wie sie einfach tagtäglich in der FAZ und allen anderen größeren Medien eingeräumt werden MUSS, dann fallen die methodischen (!) Ähnlichkeiten auch zu hiesigen Marxismen und diversen Neuen Marx-Lektüren auf. Es gibt nicht das Dach einer autoritären Partei, aber z.B. den wärmenden Schoß der Rosa-Luxemburg-Stiftung, den man, ist man erst mal untergekommen, nicht so schnell wieder verlassen will, und es gibt natürlich auch die etwas ungemütlichere Heimat eines antideutschen (»ideologiekritischen«) Zentralorgans. Jede Identität hat ihre Methode. Jede Methode hat ihren Auftraggeber. Das ist Klassenkampf von oben, nicht von unten.
Gut erkannt, Genossen aus München. Und wenn die jungen GSP’ler sich bald mal den baierisch-fränkischen Slang abgewöhnen und nicht immer blau anlaufen, wenn das Wort »Geschichte« fällt, wird alles gut.