Letzte Worte …

… und zwar von und zu Thomas Maul.

Update (3.8.)
Mittlerweile hat Rhizom hier eine erste Liste veröffentlicht, mit insgesamt neun Belegen für Plagiate. (Immer wieder putzig: Die Bemühungen des Plagiators, das Original noch irgendwie abzuändern, was das Plagiat aber bloß unsinnig aufschwemmt. So wird aus Rhizoms ‚So klagt der ehemalige Ingenieur‘ Mauls ‚So klagt etwa der ehemalige Ingenieur‘. Das ist also der an Karl Kraus [und Wolfgang Pohrt, Eike Geisel etc.pp.] geschulte Sprachwitz, der in Bahamas-Kreisen so unfassbar verfeinert gepflegt wird.)

Wenn es stimmt, was Rhizom hier behauptet und wofür er zumindest einen eindeutigen Beleg bringt, dass Thomas Maul nämlich sein Magnus Opum nicht nur mit minimalen literarischen und kompositorischen Mitteln geschrieben, naja wohl eher: zusammengestellt hat (»… zitiert er seine Vorlage (…) ohne Unterbrechung teils über ganze vier Seiten hinweg.«, Rhizom), sondern es über weite Strecken ein Plagiat darstellt, dann wäre das, wie sagt man im Westen Deutschlands?, ›an und für sich‹ ein Skandal.
Wäre. Ist es aber nicht. Ganze zwölf Kommentare gibt es bei Rhizom (Stand: 31.7., 20.30 Uhr), kein Vergleich zu früheren Blog-Battles, der Widerhall im Netz ist gleich null. Das ist m.E. kein Indiz dafür, dass Maul den Schutz eines ominösen Kartells des Schweigens genießt, sondern eines dafür, wie wenig Relevanz das Buch tatsächlich besitzt. Die einen warten nicht auf den Beweis des Plagiats, um zu wissen, was von dem Buch zu halten ist. Die anderen ließen sich auch durch zehn (hundert) weitere Belege nicht von ihrer Ansicht abbringen, dass Maul sich Sachen traut, die sich keines der verweichlichten Islam-Versteher-Arschlöcher traut. Dazwischen gibt es offensichtlich keine Öffentlichkeit, keinen »Mainstream«, der sich auch nur ansatzweise für das Buch interessieren würde, nicht mal die WELT mit ihrer offenen post-antideutschen, »ideologiekritischen« (J. Wertmüller) Flanke, siehe Ingo Way, wird, darauf sei gewettet, das Buch besprechen lassen. »Viel Lärm um nichts« heißt auf Mauls Blog der Eintrag, in dem er die kritischen Stimmen zu seinem Buch bilanziert – ach, das hat er ja wunderbar ausgedrückt!
Warum hier trotzdem noch mal auf »Sex, Djihad und Despotie« eingegangen wird (es wird keinen weiteren Kommentar geben), hat einzig darin seinen Grund, weil Maul am Ende seiner Vorbemerkung – es sind dort buchstäblich seine letzten Worte – sich einen metaphysisch-verfassungstheoretischen Schlenker erlaubt und wieder ganz bei sich, bei der ultrawestlichen, post-antideutschen, neokonservativen Linken ist, deren »Ideologiekritik« weiter verbreitet und tiefer verankert ist, als z.B. viele Maul-Kritiker das wahrhaben wollen.

Maul leitet wie folgt zur letzten Passage über:

Einer Feindaufklärung [damit meint Maul sein eigenes Buch, Anm. Ofenschlot] endlich, die für die kleinste gesellschaftliche Minderheit, die es gibt, nämlich das Individuum, Partei ergreift, verbietet sich daher jedes unkritische Bekenntnis zum realexistierenden Westen. Denn, was den Islam unmittelbar gefährlich werden läßt, das ist die in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft sich reproduzierende Bereitschaft, die zentrale Errungenschaft der eigenen Geschichte sowie den jüdisch-christlichen Anteil an ihr zu verraten.

(Mindestens) Zwei Fehler auf so kleinem Raum! 1. ist »›das Individuum« mitnichten »die kleinste gesellschaftliche Minderheit«, sondern wird in der entfalteten bürgerlichen Gesellschaft in jeder Hinsicht geradezu absolut vergöttert – politisch (»jede Stimme zählt«), ökonomisch (»alles ganz perfekt auf ihre [Kunden-]Bedürfnisse zugeschnitten«), sozial (»There is no such thing as society«, M. Thatcher) und kulturell (s. den anhaltenden Genie-Kult in den Künsten, aber auch im Sport). Weil »das Individuum« (niemals identisch mit den konkreten, realen Menschen) dermaßen zum Popanz aufgeblasen wird, geht es den Menschen schlecht …
2. Dieser Satz »… was den Islam unmittelbar gefährlich werden läßt, das ist die in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft sich reproduzierende Bereitschaft …« ist rein logisch schon Unsinn (abgesehen davon, dass »Mitte der Gesellschaft« keine materialistische Kategorie ist): Wenn sich in der »Mitte der Gesellschaft« eine spezifische Bereitschaft »reproduziert«, die »den Islam« erst so richtig gefährlich werden lässt, dann ist der Islam niemals »unmittelbar gefährlich«, weil jene spezifische Bereitschaft schon die Vermittlung ausdrückt.

Die Passage, zu der Maul überleitet, ist die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung:

Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen wurden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind. Daß zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; daß sobald eine Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volkes ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket.

Das ist natürlich süß, dass Maul, der sich in einer Fußnote seiner Vorbemerkung indirekt als »orthodoxen Kommunisten« bezeichnet, so emphatisch auf einen Text beruft, der die »unveräußerlichen Rechte« der Menschen auf einen – außer ihrer selbst herrschenden – Schöpfer zurückführt (eine Revision der radikalen Aufklärung), der diese Rechte nur im Rahmen einer durch staatliche Gewalt garantierten Ordnung akzeptiert und gleich auch vorschreibt, wie eine korrekte Revolte auszusehen hat: nämlich nicht in der Abschaffung jeglicher Staatsgewalt, sondern in der Ersetzung einer »schlechten« Regierung durch eine »bessere«, ein Text also, der die »unveräußerlichen Rechte« erwähnt, um sie gleich zu relativieren und sie also als Material hernimmt, um staatliche Gewalt zu legitimieren: Womit die Verkehrung von Subjekt und Prädikat perfekt ist.
Pikant aber ist es, dass diese Passage in einem Buch jenes Verlages steht, dessen Programmmacher bzw. Cheflektor einst im Zweifelsfall immer den anarchistischen Bakunin resp. den spontaneistischen Weitling dem jakobinischen Marx vorgezogen hat. Tempora mutantur nos et mutamur in illis.

Dass in der Präambel sich eine Herrschaftskonformität ausdrückt, das weiß natürlich auch Maul, der diese Passage nicht aus romantischer Schwärmerei zitiert, sondern gerade weil sie diese Konformität ausdrückt. So erläutert er in einer Fußnote – die u.M.n. entscheidende Passage haben wir hervorgehoben:

Drei erfreulich anti-ideologische und in ihrer Dialektik schwer zu übertreffende Gedanken enthält die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776. Erstens: es ist – eben nicht beweisbar – für wahr zu halten, daß ein über den Menschen stehendes, transzendentes Prinzip (Schöpfer-Gott) jeden Einzelnen mit unveräußerlichen Freiheitsrechten ausstattet. Zweitens: den Schutz dieser Rechte kann nur inner-weltliche Gewalt (Regierung, Staat) – nicht der Schöpfer selbst – gewährleisten, was im Grunde gegen seine Existenz spricht. Drittens: wenn auch die Legitimität der Regierung vom Willen der people sich herleitet (Volkssouveränität, Demokratie), so bleibt umgekehrt der “Volkswille” selbst an die übergeordneten Prinzipien gebunden, womit eben einerseits nicht jede umstürzlerische Schandtat verfassungskonform oder jeder “Volksstaat” gerecht genannt werden kann, nur weil dergleichen sich eventuell auf eine Bevölkerungsmehrheit stützt, andererseits Gott als Urheber und Bürge der Prinzipien aber wieder ins Spiel kommt. Das Individuum und die bürgerliche Gesellschaft also brauchen den fürwahrgehaltenen Willen Gottes, auch dann, wenn sie areligiös sind. Das Paradox ist moralphilosophisch zwingend, weil andernfalls etwa die Hamas-Regierung legitim wäre, d.h. akademisch-wissenschaftlich nicht aufzulösen, ohne in einen relativistischen Voluntarismus zu verfallen.

Was »orthodoxe Kommunisten« heutzutage alles von sich zu geben gezwungen sind … »moralphilosophisch zwingend«. Da pfeifts aus dem letzten Loch! Alles, was Maul in naher und ferner Zukunft schreiben wird, kann nichts anderes sein, als eine Fußnote zu dieser Fußnote.