Ach, Grüß Gott, DER KRITIKER, immer auf der Hut, nicht wahr?

Kürzlich in der Jungle World geblättert. Einen Artikel von Magnus Klaue gelesen: seinen Verriss von Badious, Negris und Zizeks Berliner Kommunismus-Konferenz. Geschenkt. Dass diese Veranstaltung selbst im heißesten Sommer es fertig brachte, noch heißere Luft (und dies ausschließlich) zu produzieren – dazu brauche ich keinen Magnus Klaue1.
Bemerkenswert ist sein Text wegen folgender Sentenz. Da dekretiert Klaue, der sich ja so’n bisschen in der Rolle des Szene-Schöngeists gefällt, folgendes: »Zur Natur des Kritikers gehört es, nichts gelten zu lassen und jede kleine Freude ihrer Schalheit zu überführen.« Ohne Zweifel sieht sich Klaue höchstselbst in der Rolle des Kritikers (schließlich zerpflückt er die Berliner K-Konferenz nach Strich und Faden, wobei ihm Streich und Faden, soll heißen: der Maßstab, einzig der, Überraschung!, Antisemitismus-Verdacht ist).
Und was soll man sagen? Dass Klaue bei der Lektüre der Jungle World »nichts gelten lässt«, dass Klaue, der Bahamas-Autor, sich sein Stammblatt zur Brust nimmt und die kleinen Freuden, die Praeceptor Antigermaniae J. Wertmüller seiner Anhängerschaft bereitet, ihrer Schalheit überführt, darauf dürfen wir gespannt sein! Und wie! Zum Gipfeltreffen kommt es, wenn der Kritiker Klaue sich zum Satz des Kritikers Klaue »Zur Natur des Kritikers gehört es, nichts gelten zu lassen und jede kleine Freude ihrer Schalheit zu überführen.« verhalten muss, und auch diesen Satz in seiner ganzen Schalheit selbstverständlich nicht gelten lassen kann.
Kein Wunder, dass soviel wahnhafter, in diesem Fall wohl eher schlicht gedankenloser Nihilismus sich dann doch nach festen Werten sehnt, nach klaren Einsichten und unumstößlichen Gewissheiten, z.B. nach der unendlichen Überlegenheit des Westens. Aber da fängt schon das nächste Abenteuer der Dekadenz an.

  1. Dazu reicht ein Merve-Katalogtext. (Zwar ist es immer billig, ein Buch nach dem Klappentext oder dem Waschzettel zu beurteilen, aber gerade bei kleinen Verlagen sind es keine enthirnten Marketing-Abteilungen, sondern entweder die Lektoren oder die Autoren selbst, die diese Textlein verfassen. So verstanden dürfte die Ankündigung von Alain Badious »Die kommunistische Hypothese«, das im Herbst bei Merve erscheinen wird, von hoher Authentizität sein.) Was lesen wir da?
    »(…) kommunistisch kann heute kein Adjektiv mehr sein, das eine Partei, einen Staat oder eine Politik programmatisch qualifiziert. Emanzipatorische Politik wird nicht mehr von gesicherten Referenzen, die ihre Inhalte und Methoden vorschreiben, ausgehen können.« Für einen Autor, der eine Kommunismus-Konferenz mitveranstaltet eine bemerkenswerte Bankrotterklärung (egal ob er sie selbst geäußert oder sie sich hat in den Mund legen lassen). Gesicherte Referenzen? Gibt es nicht mehr? War da nicht irgendwas mit Warenfetisch, Mehrwert, Profitrate, Kommandomacht der Geldes, Ökonomie der Zeit? »Muss aber letztlich somit das Projekt der Emanzipation überhaupt fallengelassen werden?« Diese Frage beantwortet sich nicht etwas praktisch, dafür brauchen wir schon unseren Vordenker Badiou.
    »Heute gilt: der Kommunismus ist gescheitert und die parlamentarisch organisierte Demokratie im Verbund mit dem zeitgenössischen Kapitalismus ist die einzige und zugleich beste Wahl, die wir haben. Badiou setzt dagegen die Frage, ob wir uns heute nicht in einer vergleichbaren Situation wie der junge Marx um 1840 befinden (…)«, garantiert nicht, was jedes Kind mit IPod und Playstation weiß, bloß nicht der kommunistisch aufgeschlossene imaginäre Merve-Leser, der sich kurz vor der Debatte um die Holzdiebstahls-Gesetze wähnt. »Sollten wir nicht, wie Marx, in Zeiten der Unmöglichkeit gerade das Unmögliche affirmieren und der kommunistischen Hypothese, diesem Namen eines weiterhin bestehenden Problems, den Versuch einer neuen Lösung wiederfahren lassen?« 1840 war Marx noch Demokrat, 1842 hatte er sogar kurzzeitig damit geliebäugelt, eine Polemik gegen den französischen Kommunismus zu schreiben, ein Jahr später war er aber selber Kommunist und zwar nicht, weil er unbedingt das »Unmögliche affimieren« wollte, dafür hätte er ganz bestimmt nicht das ungemütliche Schicksal eines politischen Flüchtlings gewählt. »Müssen wir nicht folglich die Unmöglichkeit kommunistisch-emanzipatorischer Politik fundamental neu denken um Schritt für Schritt die Wahrheit der kommunistischen Hypothese zu belegen?« Nur, wenn wir uns unrettbar in Hypothesen verguckt haben und dafür auf Welterkenntnis, die Wissen schafft, verzichten.
    »Das vorliegende Buch Badious (…) versucht neue Antworten auf diese Fragen zu geben.« Das steht zu befürchten. [zurück]