Horkheimer gegen seine Kritiker (und Liebhaber) verteidigt

Habe ich gestern Max Horkheimer bloßstellen wollen? Nicht doch.
Von Horkheimer gibt es einen umfangreichen Werkcorpus, der in die Schatzkammer des Materialismus resp. des wissenschaftlichen Kommunismus gehört. Ich denke da an die veröffentlichten wie nicht-veröffentlichten Schriften vor allem aus den 1930er aber auch noch aus den 1940er Jahren. Die finden sich in der Gesamtausgabe in den Bänden 3 und 4 [veröffentlichte Schriften] und 11 und 12 [aus dem Nachlass], wer es ganz genau wissen will, nimmt noch die Bände 2 und 5 [Dialektik der Aufklärung – die Erstveröffentlichung, die ganz klar marxistischer argumentiert als die von Hork. und Adorno geglättete zweite – heute immer noch gebräuchliche – Auflage]. Zwar warnen seine Herausgeber, u.a. Alfred Schmidt, dass man Horkheimers Werk nicht einfach in ein marxistisches Früh (besser: Mittel-)Werk und ein resigniert-vergnatztes, regelrecht gottesanbeterisches Spätwerk aufteilen könne (aufteilen DÜRFE). Stimmt ja auch – die großen Themen Horkheimers ziehen sich durch das ganze Werk: deutscher Idealismus, Liberalismus des 19. Jahrhundert, Bürokratisierung der Welt, schließlich Antisemitismus. Und auch ist es so, dass sich im Spätwerk manch brillante Einsicht findet (allerdings nur im zu Lebzeiten unveröffentlichten …).
Aber man wird doch nicht leugnen können, dass sich eine Notiz wie diese (von 1925), gerichtet gegen den Kant’schen Kritizismus –

Bei der rationalen Analyse hie Verstand hie sinnloses Material geht das Entscheidende des wirklichen Gehalts verloren, aber man meint, wenn man die so gewonnenen Elemente wieder zusammensetzt , habe man die Welt konstruiert, und es kommt doch nur ein leer klappernder Apparat heraus – Leerformen, die Nichtse verarbeiten. (…) jener »Konstruktion« der Welt aus Nichtsen, wobei die letzteren die Wahrheit und Wirklichkeit der ersten sein soll, entspricht ( – fast! – ) ganz die Menschheit, die sie vornimmt. Diese Art Philosophie enthält also doch eine Selbsterkenntnis. Ein Material, dessen Wesen bloß in der Möglichkeit besteht, durch Mechanismen verarbeitet zu werden, oder umgekehrt: Mechanismen, deren Wesen bloß in der Möglichkeit besteht, es zu verarbeiten: – Amerika.

– erheblich von dem geistigen Amerikahaus-Gesäusel des späten Horkheimers unterscheidet. (Die Notiz findet sich im Band 11 der Gesammelten Schriften, S.100).

Im Folgenden dokumentieren wir zwei Notizen (beide wiederum aus dem Band 11, S. 264f., und S.268f) aus dem Umkreis der Dämmerung, ohnehin eine der stärksten Schriften des kommunistischen Materialismus aus dem 20. Jahrhundert. Sie sind wohl 1931 verfasst und lesen sich wie eine prophetische Warnung vor z.B. jenen Horkheimer-Liebhabern, die einst »antideutsch« waren und heute davon träumen, Stipendiaten der Friedrich-Naumann-Stiftung (www.freiheit.org!!!) zu werden und die in ihrer hitzigen Übergangsphase gar nicht genug davon bekamen, möglichst laut »Für den Kommunismus!« zu schreien.
Aber natürlich taugen die Aphorismen auch als Gegengift zum Diskursgedrechsel der Schönschwätzer Badiou, Zizek, Negri etc.pp.

Metaphysische Verklärung der Revolution
Manche Intellektuelle, und zwar besonders geistreiche, sympathisieren mit der Revolution aus philosophischen Gründen. Ihnen ist der Kapitalismus das Reich der vollendeten Sündhaftigkeit, der schlechten Vereinzelung der Menschen, der Lüge und der Angst. Sie sind überzeugt, daß in der [Aufhebung der] kapitalistischen Ordnung die gegenwärtige Struktur des Bewusstseins, ja des Menschen sich radikal wandeln und die ewige Wahrheit auf die Erde kommen wird. Um diese erhabene Vision zu entwickeln, kommt es ihnen in Gedanken auf eine Übergangszeit der Zerstörung und des Chaos gar nicht an, und man kann sie leicht zu der Äußerung veranlassen, daß jeder denkbare Zustand besser sei als der gegenwärtige.
Aber die utopische Überspanntheit ihrer Rede, die Ableitung ihrer Forderungen aus der Sphäre des Überbaus verraten den idealistisch religiösen Charakter dieser Radikalität. In Wirklichkeit kämpft das Proletariat darum, daß seine primitivsten Bedürfnisse in einem dem Stand der Technik angemessenen Ausmaß befriedigt werden. Die Erkenntnis, daß dies im Kapitalismus unmöglich ist, gibt seinem Kampf das sozialistische Ziel. Weil die ökonomischen Gesetze die Wirkung von Reformen, die in seinem Rahmen getroffen werden, immer wieder aufheben; weil die Arbeiter jeden Tag erfahren, daß die gegenwärtige Gesellschaftsform in ihrer Entwicklung einen Punkt erreicht hat, auf dem die neuen Erfindungen, soweit sie nicht überhaupt hintan gehalten werden, ihnen ebenso wenig in entsprechendem Maße zugute kommen wie der schon vorhandene Wirtschaftsapparat; weil sie von der herrschenden Ordnung nichts zu erwarten haben als die Fortsetzung ihres in Anbetracht des gesellschaftlichen Reichtums keineswegs berechtigten Elends, ihrer selbst in den immer kürzer werdenden Konjunkturperioden andauernden materiellen Unsicherheit, es sei denn, daß irgendwelche Konkurrenzkonstellationen zu diplomatischen Verwicklungen führen und die Misere des kapitalistischen Friedens durch den alle Greuel der Weltgeschichte überbietenden Schrecken der kapitalistischen, für das Proletariat völlig sinnlosen Kriege abgelöst wird; – weil sie diesen Tatbestand erkennen, deshalb betreiben die fortgeschrittensten Schichten des Proletariats die sozialistische Revolution Gegen die »rational-kalkulierende« Denkweise etwa (Anspielung auf Georg Lukacs, Anm. Ofenschlot), welche von den philosophierenden Sozialisten heute u.a. als kapitalistische Todsünde angegeben wird, hat das Proletariat ursprünglich nicht das Geringste. Im Gegenteil: es muß sich dieses fein ausgebildeten Instruments ebenso wie der übrigen im Kapitalismus entwickelten Produktivkräfte so gut wie möglich bedienen, wenn es sein Ziel erreichen will. Seine Motive, welche der wirklich revolutionäre Intellektuelle verstehen und aussprechen muß, sind in der tat nicht philosophische sondern materialistische. Die metaphysische Begründung und Rechtfertigung der Revolution ist überflüssig. Freilich ist es gewiß, daß mit den gesellschaftlichen Bedingungen sich auch die Menschen fundamental ändern werden. Die Wandlungsfähigkeit der Menschen geht aus der Geschichte und selbst aus der Gegenwart klar hervor und sie übertrifft freilich alles, was unsere durch die kapitalistischen Verhältnisse getrübte Erfahrung für möglich hält. Aber nicht um den problematischen, sozialistischen Typus Mensch, sondern um eine zweckmäßigere Form der Wirtschaft geht der Kampf. Die Erreichung dieses Ziels wäre für die Philosophen eine Kleinigkeit, für die Menschen eine Erlösung.
Die Verteidigung der Revolution aus philosophischen Gründen erinnert an die alte Lehre von der Notwendigkeit der Leiden und Opfer um des Geistes willen. Aber die Revolution hat nichts mit den Kreuzzügen zu tun. Wegen der Maßlosigkeit ihrer Erwartungen werden die Metaphysiker der Revolution von der Bourgeoisie auch gar nicht so ernst genommen und in einigermaßen ruhigen Zeiten ganz gern gesehen. Ihr Geist wirkt im großbürgerlichen Milieu als ein ästhetischer Schmuck, und jene Philosophen pflegen mit ihrer Weisheit in den Salons auch ebensowenig zu geizen wie andere Virtuosen auf dem gebiet der schönen Künste. In Deutschland hat nach dem krieg vornehmlich die Großbourgeoisie ihre Schriften gelesen, nicht bloß, weil sie so schwer verständlich waren, sondern auch weil in dieser scheinradikalen, religiösen Form den Problemen ihre materialistische Schärfe genommen ist. (…)

Marx und der Messianismus
Nur die dümmsten unter den philosophischen Lakaien des Kapitals ziehen heute offen über Marx und seine Lehre her. [Die anderen] nehmen vielmehr marxistische Worte in ihren Jargon hinüber und »vertiefen« sie in der Kloake ihrer neusten Metaphysik, bis sie schließlich den gleichen Gestank verbreiten wie der »Urgrund des Seins« (Anspielung auf Max Scheler, Anm. Ofenschlot) oder die »Rangordnung der Werte« (Dito, Anm. Ofenschlot). – so kann man vom Sozialismus als der »vollkommenen Gesellschaft« reden hören und erfahren, dieser Begriff sei bei Marx identisch mit der »unbedingten Wahrheit«. Aber was die Wahrheit betrifft, unterscheidet sich die bessere Gesellschaftsordnung vom Kapitalismus wesentlich darin, daß dieser »in Wahrheit« existiert, während jene erst zur Wahrheit werden soll. Vorerst ist sie ein Ziel – nicht »das« Ziel »der Geschichte«, sondern das Ziel bestimmter Menschen! – und seine metaphysische Verhimmelung als absolute Wahrheit oder als messianisches Reich Gottes drückt bloß die beruhigende Gewißheit aus, daß die sozialistische Ordnung erst am Ende der Zeiten steht und keine historische Realität diesem hohen Maßstab genügen wird.