Der alte Mann und der Krieg

Hier hatte ich geschrieben, dass Max Horkheimer den Vietnam-Krieg rechtfertigte und eine regelrechte Chinesen-Phobie (ist das noch Westlertum oder schon Rassismus?) ausbildete. Irgendwo hatte ich das mal gelesen, und ich habe gegrübelt und diese Stellen wiedergefunden.

Max Horkheimer: South Vietnam und die Intellektuellen. (Aus: Späne – Notizen über Gespräche mit Max Horkheimer in unverbindlicher Formulierung aufgeschrieben von Friedrich Pollock, Mai 1966. Fundstelle: Horkheimer, Gesammelte Schriften Bd.14, Frankfurt 1988, S. 360f.)

Die Lage Amerikas in Südvietnam ist ein großes Unglück. Wir haben viel zu wenig Informationen, um beurteilen zu können, was für die Erhaltung der Reste individueller Freiheit in den westlichen Ländern besser wäre: weitermachen wie bisher und auf die Zermürbung des Gegners hoffen? Eskalieren? Sich zurückziehen?
Aber mit einiger Sicherheit läßt sich sagen, daß der Rückzug nicht bloß ein fürchterliches Blutbad in Südvietnam bedeuten, sondern auch den Weg der Chinesen zum Rhein beschleunigen würde.
Ganz Asien würde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Krieges, die unglücklichen Vietnamesen, die scorched earth policy [Verbrannte Erde. Es ist ein pikantes Detail, dass Horkheimer resp. sein Chronist auf den englischen Ausdruck ausweicht, um bloß keine Wehrmachts-Assoziation aufkommen zu lassen? Anm. Ofenschlot] der amerikanischen Kriegsführung. Was sie nicht sehen, ist die Hölle einer chinesischen Weltherrschaft.
Man könnte eine Parallel ziehen zwischen der Haltung viele Intellektueller heute und derjenigen der Oxforder Studenten vor dem Zweiten Weltkrieg: »We will not fight for King and Country.« (…)

Max Horkheimer: »Diejenigen, die gegen den Krieg in Vietnam hier in Frankfurt demonstrieren …« Vortrag im Amerikahaus Frankfurt, 7.5. 1967 (Fundstelle: Gesammelte Schriften Bd.18, Frankfurt 1996, S. 646f.)

(…)
Wenn in Amerika es gilt, einen Krieg zu führen – und nun hören Sie wohl zu – einen Krieg zu führen, so ist es nicht so sehr die Verteidigung des Vaterlandes, sondern es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? Sie können mit Recht all das Furchtbare darstellen – wenn Sie es können – was in Vietnam sich ereignet. Aber diese jungen Menschen, die da hinausgehen, glauben, sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß. Das kann ein Fehler sein, das kann ein Denkfehler sein, es kann verkehrt sein, aber derjenige, der urteilt, der soll wenigstens sich auch um diese Dinge kümmern; der soll wenigstens, wenn er von Vietnam redet, daran denken, daß wir hier nicht zusammen wären und frei reden könnten, wenn Amerika nicht eingegriffen hätte und Deutschland und Europa von dem furchtbarsten totalitären Terror schließlich gerettet hätte. (Beifall)
(…)
[Aus einem Antwortschreiben Horkheimer vom 18.5. 1967 an den Frankfurter SDS, der in einem offenen Brief merklich irritiert und zornig auf diese Rede reagiert hatte.] Für die Fortsetzung des Krieges in Vietnam Amerika allein verantwortlich zu machen, setzt ein simples Bild der Welt voraus, das ich dem SDS, dem so viele Menschen guten Willen angehören, nicht zutrauen möchte. Kritische Theorie betrifft das Bestehende; sie im gegenwärtigen historischen Augenblick in solcher Weise zu beschränken, bedeutet ihre schlichte Negation.

[Anm. Ofenschlot: Dass einem Kritiker vorgeworfen wird, seine Meinung würde er letztendlich nur der Erlaubnis der von ihm kritisierten Instanzen verdanken, ist eines der groteskesten Argumente unter Demokraten. Wer eine Meinung hat, der hat sie sich selber gemacht, sicherlich auch unter Zuhilfenahme von anderer Leute Gedanken. Aber dass der Staat, der die Meinungsfreiheit in einem Grundgesetzartikel garantiert, gewissermaßen die Hebamme sämtlicher Meinungen in seinem Lande wäre, ist eine nachgerade absurde Behauptung. Es wird aber von den Rittern der Toleranz so getan, dass der, der eine Meinung hat und sie auch vertritt, als erstes pflichtschuldigst den Dank bei den Instanzen abzuliefern hätte, die ihm überhaupt gestatten, das Maul aufzureißen. – Aus einigen Notizen, die ich mir während eines Vortrags von Karl Held gemacht hatte.]