Ciao Romano. Erinnerung an Romano Alquati

(Vorbemerkung Ofenschlot: Der lange angekündigte Kommentar zu den [Früh-]Schriften Romano Alquatis steht noch aus. Wir fühlen uns durchaus in der Pflicht, diesen nachzuholen, allerdings wird das nichts mehr vor der Sommerpause.
In der Zwischenzeit, Espace contre ciment hat bereits darauf hingewiesen, ist die neue Ausgabe von Sozial.Geschichte Online erschienen, einem Kompendium, das im weiteren Sinne der operaistischen Tradition zugehört und immer wieder lesenswerte Essays und Themensammlungen publiziert. In der aktuellen Ausgabe findet sich auch ein weiterer Nachruf auf Romano Alquati. Diesen fügen wir unserer kleinen Alquati-Sammlung zu.
Schön ist, dass in diesem Nachruf das Konzept der ›militanten Untersuchung‹, aus der ja einige Genossen regelrecht einen Fetisch gemacht haben, schlicht und sachlich erklärt wird. Dennoch können sich die Autoren zumindest einen pathetischen Begriff nicht verkneifen – den des ›militanten Seminars‹, was auch immer das sein mochte… Ein Widerspruch in der Übersetzung lässt schmunzeln: Es gibt zwar ›AktivistInnen‹, die die Klasse erforschen. Die Klasse ist aber die ›Arbeiterklasse‹, die eine ›Arbeitersubjektivität‹ ausbildet und sich zu einer ›Arbeiterbewegung‹ aufrafft. Großes Binnen-I, where have you gone?)

Emiliana Armano / Raffaele Sciortino
Ciao Romano. Erinnerung an Romano Alquati

Am vergangenen 3. April starb Romano Alquati in Turin im Alter von 75 Jahren. Alquati war ein herausragender Vertreter des operaistischen Gedankenguts, ein systematischer und intelligenter Denker jenseits der konventionellen Schemata. Er war einer der differenziertesten Erforscher der Subjektivität und der Zusammensetzung der Arbeiterklasse.

Die politische Biographie Romanos beginnt in der minoritären, aber wichtigen Gruppe der jungen »Barfuß-Forscher« der 1950er Jahre, die – trotz ihrer kritischen Verbundenheit mit der Arbeiterbewegung und insbesondere ihren gewerkschaftlichen Organisationen – bald einen grundlegenden Bruch mit der institutionellen Repräsentation und dem nationalen Weg zum Sozialismus vollzog. Dabei unterscheidet sich diese Gruppe zugleich von der »historischen« antistalinistischen Opposition, nicht zuletzt, weil sie einer anderen Generation angehört. Sie nimmt jene außergewöhnliche Zäsur voraus, die erst 1968 zur Reife kommen sollte. Romano Alquati entwickelt sich in einer kulturell anregenden Umgebung, die sich in jenen Jahren auf der Suche nach einem von Verkrustungen befreiten Marxismus befindet. Statt die Arbeiterklasse gemäß dem Kanon der kommunistischen »Kirche« zu begreifen, sollen die AktivistInnen es ermöglichen, die Klasse zu erforschen und ihr zuzuhören, so wie sie ist. Zudem bereichert eine kritische Neulektüre der soziologischen Klassiker diesen Ansatz, der für einen phänomenologischen Zugang zur Subjektivität der Arbeiterklasse offen ist.

In Cremona – einer Stadt auf der Poebene, in der sich die Kämpfe des bäuerlichen Proletariats und die stürmische Industrialisierung des Nachkriegswirtschaftsbooms kreuzen – durchläuft Romano gemeinsam mit seinem Freund Renato Rozzi und dem »häretischen« Kommunisten Danilo Montaldi seine politische Bildung. Und es ist auch Montaldi, unter dessen Einfluss Alquati die ersten Erfahrungen mit der militanten Untersuchung sammelt. Die Erfahrungen aus den Kämpfen in Cremona im Gepäck, zieht der fünfundzwanzigjährige Romano in die »Fabrik-Stadt« Turin. Dort beteiligt er sich mit Raniero Panzieri aktiv an der Redaktion der Zeitschrift Quaderni Rossi, die für die Entstehung der neuen Linken von grundlegender Bedeutung ist. Ab 1963 arbeitet er dann mit Mario Tronti und Toni Negri im Redaktionskollektiv der Zeitschrift Classe Operaia, dem wahren Geburtsort dessen, was später als operaismo bekannt werden sollte. In diesem Schmelztiegel kollektiver Erfahrungen, in engem Kontakt mit einer neuen Figur der Arbeiterklasse, mit jenen »neuen Kräften« des Massenarbeiters, die zum Neokapitalismus in einem potenziell antagonistischem Verhältnis stehen und sich in ihrem Verhalten und ihrer Denkweise erheblich von der alten Arbeiterbewegung unterscheiden, werden grundlegende analytische Kategorien wie etwa die der Klassenzusammensetzung erarbeitet.

Dabei wird mit der »Methode« der conricerca oder Mit-Untersuchung auch ein Untersuchungs- und Interventionsansatz vorgelegt. Die conricerca, die Anfang der 1960er Jahre als militante Feldrecherche mit den Arbeitern von Fiat Mirafiori und anderen Fabriken des Piemonts (Olivetti, Lancia) entstand, ist zugleich Untersuchungsaktivität und Erkenntnisprozess. Sie verändert sowohl die Identität des Untersuchenden als auch das, was von nun an Arbeitersubjektivität genannt wird. Es handelt sich um eine Interventionspraxis, die den militanten Untersuchenden und die erforschten Subjekte auf dieselbe Ebene stellt. Die gesonderte Figur der »Avantgarde«, die der Tradition und politischen Logik der Linken bis heute so teuer ist, wird aufgehoben. Ziel ist, das Verhältnis Theorie-Praxis-Organisation horizontal und als zyklische Bewegung neu zu formulieren. Aber die militante Untersuchung ist keine als Methode formalisierbare Praxis. Sie ermöglicht – auch in den Perioden der Inaktivität – eine Lektüre der durch den Unterschied von technischer und politischer Zusammensetzung sich abzeichnenden Konfliktivität. Als Grundlage dienen dabei die Analyse und Diskussion der informellen Organisation und der konstituierenden Ambivalenzen der Klasse. Es ist kein Zufall, dass diese Untersuchungen in dem neuen Zyklus der Arbeiterkonflikte, der in Turin mit der Revolte auf der piazza Statuto im Juni 1962 einsetzt und das lange italienische 1968 antizipiert, eine aktive Rolle spielen.

Romanos große Fähigkeit, jene Zäsuren zu erfassen, die bei jeder politischen und organisatorischen Entwicklung vorrangig sind, veranlasst ihn bereits in den frühen 1970er Jahren – die auch den Höhepunkt der Konfliktualität des Massenarbeiters darstellen –, über den Tellerrand hinauszugucken und in den Prozessen der Industrialisierung menschlicher Aktivität, die sich in der beginnenden Tertiarisierung zeigen, die Verlagerung der kapitalistischen Subsumtion aus der Fabrik in das »Gesellschaftliche« zu erkennen. Auf diese Periode gehen die in Università di ceto medio e proletariato intellettuale veröffentlichten Untersuchungen zurück. Sie ebnen den Weg für die nachfolgenden Analysen der Bildung, Kommunikation und Intellektualität der Massen: Analysen der Dienstleistungen als Produkt des Kapitals und, allgemeiner, der Reproduktion der zur Ware gewordenen menschlich-lebendigen Fähigkeit. Dort wird festgestellt, dass ein Zyklus der Klassenzusammensetzung und eine Phase des Kapitalismus an ihr Ende gekommen sind – und nun über die operaistischen Lesarten hinausgegangen werden muss. Neue Instrumente müssen entwickelt werden, eine Einsicht, die sich auch im Denken Romanos Bahn bricht.

Romano Alquati führt seit den 1970er Jahren einen konstanten aber isolierten Dialog mit den großen Soziologen, etwa mit dem Zygmunt Bauman der Flüssigen Moderne und mit Alain Touraine. Am Ende dieser Überlegungen definiert er die Hyperindustrialisierung als tatsächlich stattfindende reelle Subsumtion aller menschlichen Erfahrung und als Inwertsetzung der gesamten gesellschaftlichen Reproduktion. Die Ambivalenz bildet dabei im Grunde immer noch den Kern: Wissen und Handlungen der Personen können der Autonomie der Subjekte unterworfen sein oder in der Kodifizierung der formalisierten technisch-wissenschaftlichen Sprache des Kapitals enteignet werden. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen sich die Hyperproletarier, die von den flexiblen Technomaschinen der kapitalistischen Produktion und Reproduktion sozialisiert worden sind, für eine emanzipatorische Praxis öffnen können.

In den 1980er Jahren werden diese Themen in militanten Seminaren behandelt, wobei immer noch auf die Massenuniversität als möglichen Ort der kollektiven Produktion und des kritischen Bewusstseins rekurriert wird. Es sind Jahre der Bildung für diejenigen, die später zu seinen Schülern wurden. Doch kommt es ab den 1990er Jahren zur endgültigen Zerstörung dieser Orte. Die Distanz zu einer offiziellen Linken, die den Veränderungen gegenüber taub bleibt, ist abgrundtief, für Romano kommt es zum Verlust des Kontakts mit ehemaligen Genossen des operaistischen Weges. All dies kennzeichnet die Isolation Romanos, der dennoch nicht aufhört, immer wieder zu seinen letzten, zweifelnden, neue Probleme erforschenden und unveröffentlicht gebliebenen Arbeiten zurückzukehren – Werke, die sicherlich seine komplexeste und dichteste Hinterlassenschaft darstellen.

Wir haben am 7. April 2010 im Garten des Turiner Centro Sociale Askatasuna von Romano Alquati Abschied genommen. Gerne erinnern wir uns an ihn mit seinen Worten: »In Zeiten ausbleibender Revolutionen ist es weder unterhaltsam noch beneidenswert, halsstarrig eine revolutionäre Haltung einzunehmen. Ende der 50er Jahre hatte man das Gefühl, am Anfang von etwas zu stehen […], das für die Zukunft offen war.« Auch in den letzten, nicht einfachen Jahren, hat Romano nie der Nostalgie nachgegeben.

Aus dem Italienischen von Lars Stubbe