Segnungen des Rechtsstaats

Auf der Achse des Guten hat ein Hansjörg Müller ein Lob des Kolonialismus verfasst. Weil nämlich die Briten Indien als Nation überhaupt erst erschaffen hätten und dem tumben Völkergewusel »demokratische Institutionen« hinterließen, die maßgeblich den wirtschaftlichen Aufschwung des Subkontinents zur Weltmacht in spe möglich machten. Als entscheidendes Merkmal der britischen Kolonialherrschaft in Indien stellt Müller the rule of law, »die Herrschaft des Gesetzes, vor dem alle – Engländer wie Inder – gleich sind« heraus. Empirische Grundlage seiner Behauptung ist eine Begebenheit aus Jules Vernes Roman »Reise um die Erde in 80 Tagen«, und wer weiß, vielleicht löst Verne in diesem Buch auch das Rätsel um die unbefleckte Empfängnis, Müller würde es uns auch noch mitteilen.
Vielleicht werde ich ins Bockshorn gejagt, und Hansjörg Müller ist ein Prankster aus dem Blogsport-Universum, der einfach durch diese übelste aller Apologien beweisen will, wie verkommen das neokonservativ-liberale Milieu in Deutschland in Wirklichkeit ist. Oder Hansjörg Müller ist das Pseudonym von Alan Posener, dem einzigen Neocon mit, nun ja, historischem Taktgefühl und Augenmaß, der sich an seinen Ex-Kollegen von der Achse rächen will. Gute Scherze sind in Deutschland aber nach wie vor weitestgehend unbekannt, so dürfen wir davon ausgehen, dass es Hansjörg Müller blutiger Ernst ist.
Salut, Hansjörg, für Dein Poesiealbum hier noch eine Aufnahme von Indern, die vor 110 Jahren in den Genuss des rule of law und also diesen Barbaren unendlich überlegener Rechtssicherheit kamen, und die ganz sicher vor einem britischen Gericht mit ihrer Klage Recht bekommen hätten, wonach die britischen Kolonialmacht traditionelle Nahrungsvorräte vernichtete, jede Nothilfe bei Unwetterkatastrophen verweigerte und die lokale Wirtschaft so nachhaltig zersetzte, dass die Menschen ihre durch Unwetter und Hitze natürlich verursachten Ernteausfälle nicht kompensieren konnten. Ein paar Millionen gingen dabei drauf, Mike Davis, der diese ganz und gar nicht natürliche Katastrophe bis zum Erbrechen akribisch erforscht hat. nennt seine politische Ökologie des Hungers folgerichtig »Late Victorian Holocausts«, für uns schamhaft mit »Die Geburt der 3. Welt« übersetzt. (Aber diese Geburtsmetapher – na ja, wo es doch dabei um Leben geht – ist doch eigentlich erst recht obszön.)
Late Victorian Holocausts