Mit den Methoden des Rechtsstaats

Hat jemand letzten Freitag Die letzten dreißig Jahre gesehen? Aus Gründen, die hier keine Rolle spielen, war ich an Heim und Herd gefesselt und habe mir diese Schmonzette, die in der Münchner Post-68er-Zeit spielt, also angeschaut. Ein Hetero-Pärchen kommt kurz zusammen, geht auseinander, kommt wieder zusammen, er lässt’s platzen, 25 Jahre später sehen sie sich wieder und bei aller Trauer um das verspielte Liebesglück kommen sie dann doch nicht wieder zusammen. Die Schauspieler haben das sehr nuancenreich gespielt und ihre Rollen wirklich ernst genommen, keine Kritik daran.
Inhaltlich geht es darum, dass sie Karrieren machen will, aber es nicht darf, weil sie mal bei den Roten Zellen war; während er, der es nie wollte, Karriere macht, obwohl er bei den Roten Zellen war. Rote Zellen? München? Die MG-Vorgänger? Richtig, der Film spielt in deren Milieu, aber das darf man natürlich nicht ernst nehmen, denn Linke, Marxisten, Kommunisten kommen im Fernsehen grundsätzlich als ihre eigene Karikatur (und zwar als sehr schlechte) vor. So heißen die Kapital-Schulungen »Politische Ökonomie« und nicht »Kritik der politischen Ökonomie« (versteht ja keiner), und die Marx-Lektüre sieht so aus, dass das brave Mädchen krampfhaft eifrig schlecht exzerpierte Passagen auswendig lernt, Marx versteht nämlich erst recht keiner.
Alles nicht der Rede wert, bis auf eine wunderbare Passage, die mir den ganzen Abend gerettet hat.
Die Roten Zellen verteilen Flugblätter gegen einen Jura-Prof, weil der einst in der Waffen-SS war. Die Tatsache, dass er in der Waffen-SS war ist denn auch der einzige Kritikpunkt, der gegen das alte Ekel vorgebracht wird. Waffen-SS? Der muss ja böse gewesen sein! So appelliert der Film schnurstracks an die niederen Instinkte der demokratisch erzogenen Zuschauer. Aber jetzt kommt’s: Der Professor verweist die Flugblatt-Verteiler barsch des Saals. Ruft der Agitator: »Sind sie traurig, dass ihnen dazu die Methoden der Waffen-SS nicht mehr zur Verfügung stehen?« Darauf der Jurist: »Mir reichen die Methoden des Rechtsstaats.«
Ach, herrlich! Kann man besser ausdrücken, dass die Repression im demokratischen Rechtsstaat exakt so gut funktioniert wie es für die jeweilige Staatsräson erforderlich ist?

Nachtrag
Wird im obigen Beitrag die Tatsache, dass jemand in der Waffen-SS, einer der fanatischsten Killer-Organisationen des deutschen Faschismus, für eine Verurteilung der Person gering geschätzt, ja: »relativiert«, wie man heute zu sagen pflegt? Der Punkt ist nicht, dass jemand verachtens- und bestrafenswert ist, weil er ein alter Nazi ist. Geschenkt. Darin ist sich jeder einig. Der Punkt ist, dass im öffentlich-rechtlichen und selbstverständlich auch im privaten Fernsehen nie und nimmer gegen einen Jura-Prof agitiert würde, weil er, sagen wir, Aussperrungen als Arbeitskampfmaßnahme legitimiert.
Um es direkt auf die Linke zu beziehen: Dass Johannes Agnoli in seiner Jugend begeisterter Faschist gewesen ist (und daraus keinen großen Hehl gemacht hat), der unbedingt zur Wehrmacht wollte; dass der junge Italiener germanophil bis in die Haarspitzen war und an die gerechte Sache des Nazikrieges geglaubt hat – das hat keinen Bruhn und keinen Dahlmann, keinen Grigat und Nachtmann, keinen Wertmüller und keinen Krug abgehalten, seine Schriften zu verlegen, zu verbreiten, zu loben und Agnoli als einzig wahren Anarchomarxisten zu verhimmeln. No problem with that, weil das eine auf das andere eben nicht zurückzuführen ist (auch wenn der Geistespolizist Wolfgang Kraushaar etwas anderes behauptet und die Liberalismus- und Staatskritik Agnolis an die Bürgertumsverachtung der Nazis koppelt).
Und umgekehrt: Es gibt Flüchtlinge, Verfolgte, Widerstandskämpfer, in einem Wort: Antifaschisten, die in der Nachkriegszeit sich als knallharte Antikommunisten betätigten oder, wie Max Horkheimer, den Vietnam-Krieg rechtfertigten und eine regelrechte Chinesen-Phobie entwickelten (Iihh, die sind ja im Vormarsch auf den Rhein!).
Aus dem moralischen Anstandstitel Antifaschist folgt noch lange keine kritische Theorie.