Thomas Maul und der Bankrott

Der moderne Rassismus verzichtet bekanntlich auf die Anrufung der Natur und bezieht sich auf kulturelle Werte und Strukturen, die nahezu unveränderbar sind bzw. deren Veränderung eine (Mehrheits-)Gesellschaft, die mit einer »fremden Kultur« konfrontiert ist und die sie sich anzuverwandeln hat, dermaßen beanspruchen würde, dass sie daran zerbräche. Letztlich ist der kulturalistische Rassismus natürlich biologistisch oder »naturalistisch«, aber er kann auf das alte Vokabular verzichten, kann ausweichen auf ein linkes, »geisteswissenschaftliches Feld«.
Thomas Maul resp. seine Verteidiger betonen, dass es ihnen nicht um eine muslimische Rasse gehe oder eine Stigmatisierung der Muslime zu »ganz anderen«. Indem Maul aber die Religion nicht als Ausdruck eines bestimmten gesellschaftlichen Verhältnisses, sondern umgekehrt als Verursacherin gesellschaftlicher Blockaden und Missstände nimmt, haftet er ihr etwas Überzeitliches, Ungesellschaftliches an. Sie wird zu einem Naturverhältnis, zu einer historisch-gesellschaftlichen Invariante, deren Träger sie folglich nicht so ohne weiteres abschütteln können.
Die wahnhafte Verdrehung von Subjekt und Prädikat ist bei Maul so offensichtlich – und dieser Webfehler kommandiert geradezu unheimlich konsequent alle weiteren Passagen –, dass nicht die Aufdeckung dieses Fehlers das Entscheidende ist, sondern die Frage: Warum gibt es verhältnismäßig viele sich als Marxisten, Aufklärer und Materialisten verstehende Zeitgenossen, die diesen Wahn mitmachen?
Es reicht völlig, die auf der Ca-Ira-Homepage vorabveröffentlichten Vorbemerkungen Mauls zu seinem Machwerk anzuschauen.
Ausgangspunkt sind zwei Setzungen – a) dass es tendenziell keinen Unterschied zwischen Islam und Islamismus gibt und b) der Islamismus Ausdruck einer nicht näher definierten Krise ist –

Das Ideal, jede Lebensäußerung, jede individuelle Handlung, den repressiven Anforderungen des Kollektivs unterzuordnen bzw. – was dasselbe ist – an den Verboten und Geboten der Scharia auszurichten, ist nämlich gerade keineswegs ›fundamentalistisch‹ oder ›islamistisch‹ geschweige denn gar auf einen ›vorislamischen Tribalismus‹ zurückzuführen, sondern genuiner Kern des hegemonialen islamischen Selbstverständnisses. (…)
So ist auch die unter Islamismuskritikern mittlerweile recht gängige Auffassung zu präzisieren, derzufolge der politische Islam eine – mehr oder weniger pathologische – Reaktion auf die Krise muslimischer Gesellschaften sei, wobei die Faktizität der Krise selbst keiner näheren Erläuterung bedarf: schließlich macht niemand – nicht einmal die Regime des Orients oder die Muslim-Verbände im Westen – einen Hehl aus Krisenindikatoren wie Massenarbeitslosigkeit, Verarmung, Analphabetismus insbesondere unter Frauen im Nahen Osten oder der im Vergleich zur Mehrheitsgesellschaft und anderen Migrationskollektiven schlechten sozialen Stellung von Muslimen in der Diaspora.

– Ausdruck einer Krise, die er, der Islam, überhaupt erst hervorgebracht hat! Es muss nämlich, laut Maul, zur Kenntnis genommen werden,

… daß der ordinäre Alltagsislam selbst Verursacher der Krise bzw. entscheidender Entwicklungshemmer war und ist, weshalb die Muslime – folgen sie den Islamisten, Postmodernisten und Linken –, indem sie den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben versuchen [also auf den Islam als Krisenlösungsversuch setzen, Ofenschlot], immer weiter verelenden werden, bis sich ihnen nur noch die Alternative stellt: Abkehr vom Islam oder suizidaler Amoklauf in seinem Namen.

Glaubt Maul wirklich, dass ein Text, ein Textcorpus, eine Ansammlung von ideologischen Leitsätzen, die irgendwann vor 800 oder 1000 Jahren aufgestellt worden sind, alle Zeitläufte überdauern, alle gesellschaftlichen Brüche wegstecken, sie regelrecht überdecken, wenn nicht gar ursächlich bewirken? Einen größeren Idealismus als anzunehmen, Thomas von Aquin, Augustinus, al-Ghazali etc.pp., würden das Handeln heutiger Priester leiten, gibt es nicht. Umgekehrt läuft’s doch: Die Kirchen legitimieren ihre Praxis unter Berufung auf vermeintlich unumstößliche Größen.
Wäre es so, wie Maul es skizziert, wie wären dann die nationale Emanzipationsbewegungen, die vor sechzig, fünfzig, vierzig Jahren auch (und gerade) das gesamte muslimische Einflussgebiet erfassten, zu erklären? Gewiss, sie waren national und autoritär (auch wenn sie wie z.B. im Irak von starken kommunistischen Parteien getragen wurden) – aber religiös? Islamisch-Fundamentalistisch? Wieso hat es den so häufig beschworenen Aufstand gegen den dekadenten Westen nicht in dem Moment gegeben, als die alten imperialistischen Mächte Frankreich und England sichtbar geschwächt abtraten?
Man könnte nahezu jeden geschichtlichen Vorgang hinzuziehen – Der Dschihad? In seiner modernen »islamistischen« Spielart eine imperialistische Instrumentalisierung deutscher Diplomaten im ersten Weltkrieg (allen voran Max von Oppenheim), um eine weitere Front gegen den britischen Feind zu eröffnen. – und sich fragen, wo denn da der ordinäre Alltagsislam (seit 1000 Jahren unverändert!) wirkmächtig eine Krise verursacht haben könnte?
Hier und da dringt das historische Material durch die Ritzen seines sonst so hermetischen Textes – »An die Stelle der Scholastik tritt im Islam (…) gewissermaßen eine Restauration der Patristik im Zeichen der politischen Krise des Kalifatszerfalls.« –, man kann sich aber sicher sein, nichts weiter über jene »politische Krise« und ihre ökonomischen Ursachen zu erfahren.
Es gibt in den Vorbemerkungen sogar eine Passage, in der Maul den Islam ganz klar als etwas Abgeleitetes benennt – das ist aber keine überraschende Wende hin zu einer realistischeren Einschätzung des Islams, sondern der Gipfel der Demagogie:

Wie groß auch immer die Anziehungskraft des Islam auf moralisch verwahrloste und autoritäre Charaktere ist, die akute Bedrohung individueller Freiheit geht weltweit weniger vom Islam und den bekennenden Muslimen selbst aus. Im Gegenteil: deren Aggressivität, Gewaltbereitschaft und Irrationalität sind Ausdruck eines ökonomischen und kulturellen Bankrotts, der sich nicht zuletzt auch in militärischer Impotenz niederschlägt. Daher ist es vielmehr der vom Westen praktizierte ›Dialog der Kulturen‹, der sich dem Islam als Viagra andient. Schließlich beginnt auch das proislamische Appeasement bzw. die Kollaboration nicht erst da, wo diplomatische und wirtschaftliche Beziehungen zu Regimen unterhalten werden, die Israel mit einem zweiten Holocaust drohen und/oder Terrorbanden unterstützen, die die systematische Ermordung von Juden bereits organisieren, sondern schon bei den regelmäßigen Integrations- und Islamgipfeln mit den Mullahs des bundesrepublikanischen Verbandsislam.

Aggressivität, Gewaltbereitschaft und Irrationalität bekennender Muslime sind also plötzlich Ausdruck »eines ökonomischen und kulturellen Bankrotts« (wie gesagt – man erfährt nichts Näheres über diesen Bankrott), der irgendwie (!) nicht identisch mit dem Islam zu sein scheint. Worauf ist dieser Bankrott dann zurückzuführen? Vielleicht doch auf Biologie? Das sind die Umschlagsmomente, in denen die kulturalistische Kritik sich nahezu unverhüllt als ordinärer Rassismus zeigt. Ja, man ist versucht zu sagen: als moralisch verwahrloster Rassismus, wäre »moralisch verwahrlost« nicht eine Kategorie, die man als Kommunist unweigerlich mit Verurteilungen von Deserteuren vor Feldgerichten und den entsprechenden Ansprachen der Militärrichter assoziiert.
Aber natürlich geht es in obiger Passage nicht um ein rassistisches Coming-Out, die Pointe steckt darin, dass die Hauptschuldigen, diejenigen, die den Islam heutzutage am Leben erhalten und überhaupt erst stark machen, die Appeaser aus dem Westen sind. Was unterstreicht, dass die Schrift in erster Linie eine Einschwörung gegen den Feind ist, dem Maul ein perfekt funktionierendes Wahnsystem aus Koran, Sunna, Fiqh-Orthodoxie Scharia, schließlich noch al-Ghazalis »Buch der Ehe« unterstellt.
Man könnte dazwischen rufen, anderen ein solch perfektes, wasser- und wirklichkeitsdichtes System zu unterstellen, geht nur, wenn man selber in einem solchen verstrickt ist. Aber das ist ein bisschen zu tresendialektisch, und Tresendialektik ist unzweifelhaft die Spielwiese Mauls (»…wobei kritische Vernunft beim Nachvollzug von Pathologien auf einem nicht-erklärbaren Rest beharren muß, will sie sich als sittliche und humane nicht preisgeben.« Was für eine aparte Selbstbeschränkung des Erkenntnisinteresses – und nebenbei: was für ein Kniefall vor einer real existierenden Pathologie…).
Marx und Engels charakterisierten den Siegeszug des Kapitals bekanntlich so: »Alles Ständische und Stehende verdampft, alles Heilige wird entweiht«. Mauls Anliegen ist das Gegenteil zu behaupten und zu »beweisen«: Der Islam geht als Sieger, gepäppelt von einer dekadenten westlichen Elite, aus der Geschichte hervor. Weil er mit sich selbst identisch geblieben ist. – Wenn das so ist, dann ist das Kapital klar dem Islam untergeordnet, ist im Vergleich das schwächere, schützenswertere Pflänzchen (weil das Kapital »unsere« westliche Lebensweise darstellt).

Die Haltung, Kapital und Staat abschaffen zu wollen, weil sie einer weitgehenden Verwirklichung des u.a. in Zins und Bürgerrecht aufbewahrten Versprechens individuellen Glücks im Wege stehen, ist mit der Verpflichtung identisch, die antikapitalistischen Feinde dieses Versprechens – Rechte wie Linke – zu bekämpfen.

Kommunismus ist also Kapitalismus ohne Staat. Man kann das im Sinne Mauls so zuspitzen. Alles Weitere steht bei Hayek und Friedman – mit Grüßen an Pinochet!