Archiv für Juli 2010

Letzte Worte …

… und zwar von und zu Thomas Maul.

Update (3.8.)
Mittlerweile hat Rhizom hier eine erste Liste veröffentlicht, mit insgesamt neun Belegen für Plagiate. (Immer wieder putzig: Die Bemühungen des Plagiators, das Original noch irgendwie abzuändern, was das Plagiat aber bloß unsinnig aufschwemmt. So wird aus Rhizoms ‚So klagt der ehemalige Ingenieur‘ Mauls ‚So klagt etwa der ehemalige Ingenieur‘. Das ist also der an Karl Kraus [und Wolfgang Pohrt, Eike Geisel etc.pp.] geschulte Sprachwitz, der in Bahamas-Kreisen so unfassbar verfeinert gepflegt wird.)

Wenn es stimmt, was Rhizom hier behauptet und wofür er zumindest einen eindeutigen Beleg bringt, dass Thomas Maul nämlich sein Magnus Opum nicht nur mit minimalen literarischen und kompositorischen Mitteln geschrieben, naja wohl eher: zusammengestellt hat (»… zitiert er seine Vorlage (…) ohne Unterbrechung teils über ganze vier Seiten hinweg.«, Rhizom), sondern es über weite Strecken ein Plagiat darstellt, dann wäre das, wie sagt man im Westen Deutschlands?, ›an und für sich‹ ein Skandal.
Wäre. Ist es aber nicht. Ganze zwölf Kommentare gibt es bei Rhizom (Stand: 31.7., 20.30 Uhr), kein Vergleich zu früheren Blog-Battles, der Widerhall im Netz ist gleich null. Das ist m.E. kein Indiz dafür, dass Maul den Schutz eines ominösen Kartells des Schweigens genießt, sondern eines dafür, wie wenig Relevanz das Buch tatsächlich besitzt. Die einen warten nicht auf den Beweis des Plagiats, um zu wissen, was von dem Buch zu halten ist. Die anderen ließen sich auch durch zehn (hundert) weitere Belege nicht von ihrer Ansicht abbringen, dass Maul sich Sachen traut, die sich keines der verweichlichten Islam-Versteher-Arschlöcher traut. Dazwischen gibt es offensichtlich keine Öffentlichkeit, keinen »Mainstream«, der sich auch nur ansatzweise für das Buch interessieren würde, nicht mal die WELT mit ihrer offenen post-antideutschen, »ideologiekritischen« (J. Wertmüller) Flanke, siehe Ingo Way, wird, darauf sei gewettet, das Buch besprechen lassen. »Viel Lärm um nichts« heißt auf Mauls Blog der Eintrag, in dem er die kritischen Stimmen zu seinem Buch bilanziert – ach, das hat er ja wunderbar ausgedrückt!
Warum hier trotzdem noch mal auf »Sex, Djihad und Despotie« eingegangen wird (es wird keinen weiteren Kommentar geben), hat einzig darin seinen Grund, weil Maul am Ende seiner Vorbemerkung – es sind dort buchstäblich seine letzten Worte – sich einen metaphysisch-verfassungstheoretischen Schlenker erlaubt und wieder ganz bei sich, bei der ultrawestlichen, post-antideutschen, neokonservativen Linken ist, deren »Ideologiekritik« weiter verbreitet und tiefer verankert ist, als z.B. viele Maul-Kritiker das wahrhaben wollen.

Maul leitet wie folgt zur letzten Passage über:

Einer Feindaufklärung [damit meint Maul sein eigenes Buch, Anm. Ofenschlot] endlich, die für die kleinste gesellschaftliche Minderheit, die es gibt, nämlich das Individuum, Partei ergreift, verbietet sich daher jedes unkritische Bekenntnis zum realexistierenden Westen. Denn, was den Islam unmittelbar gefährlich werden läßt, das ist die in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft sich reproduzierende Bereitschaft, die zentrale Errungenschaft der eigenen Geschichte sowie den jüdisch-christlichen Anteil an ihr zu verraten.

(Mindestens) Zwei Fehler auf so kleinem Raum! 1. ist »›das Individuum« mitnichten »die kleinste gesellschaftliche Minderheit«, sondern wird in der entfalteten bürgerlichen Gesellschaft in jeder Hinsicht geradezu absolut vergöttert – politisch (»jede Stimme zählt«), ökonomisch (»alles ganz perfekt auf ihre [Kunden-]Bedürfnisse zugeschnitten«), sozial (»There is no such thing as society«, M. Thatcher) und kulturell (s. den anhaltenden Genie-Kult in den Künsten, aber auch im Sport). Weil »das Individuum« (niemals identisch mit den konkreten, realen Menschen) dermaßen zum Popanz aufgeblasen wird, geht es den Menschen schlecht …
2. Dieser Satz »… was den Islam unmittelbar gefährlich werden läßt, das ist die in der Mitte der bürgerlichen Gesellschaft sich reproduzierende Bereitschaft …« ist rein logisch schon Unsinn (abgesehen davon, dass »Mitte der Gesellschaft« keine materialistische Kategorie ist): Wenn sich in der »Mitte der Gesellschaft« eine spezifische Bereitschaft »reproduziert«, die »den Islam« erst so richtig gefährlich werden lässt, dann ist der Islam niemals »unmittelbar gefährlich«, weil jene spezifische Bereitschaft schon die Vermittlung ausdrückt.

Die Passage, zu der Maul überleitet, ist die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung:

Wir halten diese Wahrheiten für ausgemacht, daß alle Menschen gleich erschaffen wurden, daß sie von ihrem Schöpfer mit gewissen unveräußerlichen Rechten begabt wurden, worunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glückseligkeit sind. Daß zur Versicherung dieser Rechte Regierungen unter den Menschen eingeführt worden sind, welche ihre gerechte Gewalt von der Einwilligung der Regierten herleiten; daß sobald eine Regierungsform diesen Endzwecken verderblich wird, es das Recht des Volkes ist, sie zu verändern oder abzuschaffen, und eine neue Regierung einzusetzen, die auf solche Grundsätze gegründet, und deren Macht und Gewalt solchergestalt gebildet wird, als ihnen zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit am schicklichsten zu seyn dünket.

Das ist natürlich süß, dass Maul, der sich in einer Fußnote seiner Vorbemerkung indirekt als »orthodoxen Kommunisten« bezeichnet, so emphatisch auf einen Text beruft, der die »unveräußerlichen Rechte« der Menschen auf einen – außer ihrer selbst herrschenden – Schöpfer zurückführt (eine Revision der radikalen Aufklärung), der diese Rechte nur im Rahmen einer durch staatliche Gewalt garantierten Ordnung akzeptiert und gleich auch vorschreibt, wie eine korrekte Revolte auszusehen hat: nämlich nicht in der Abschaffung jeglicher Staatsgewalt, sondern in der Ersetzung einer »schlechten« Regierung durch eine »bessere«, ein Text also, der die »unveräußerlichen Rechte« erwähnt, um sie gleich zu relativieren und sie also als Material hernimmt, um staatliche Gewalt zu legitimieren: Womit die Verkehrung von Subjekt und Prädikat perfekt ist.
Pikant aber ist es, dass diese Passage in einem Buch jenes Verlages steht, dessen Programmmacher bzw. Cheflektor einst im Zweifelsfall immer den anarchistischen Bakunin resp. den spontaneistischen Weitling dem jakobinischen Marx vorgezogen hat. Tempora mutantur nos et mutamur in illis.

Dass in der Präambel sich eine Herrschaftskonformität ausdrückt, das weiß natürlich auch Maul, der diese Passage nicht aus romantischer Schwärmerei zitiert, sondern gerade weil sie diese Konformität ausdrückt. So erläutert er in einer Fußnote – die u.M.n. entscheidende Passage haben wir hervorgehoben:

Drei erfreulich anti-ideologische und in ihrer Dialektik schwer zu übertreffende Gedanken enthält die Präambel der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung von 1776. Erstens: es ist – eben nicht beweisbar – für wahr zu halten, daß ein über den Menschen stehendes, transzendentes Prinzip (Schöpfer-Gott) jeden Einzelnen mit unveräußerlichen Freiheitsrechten ausstattet. Zweitens: den Schutz dieser Rechte kann nur inner-weltliche Gewalt (Regierung, Staat) – nicht der Schöpfer selbst – gewährleisten, was im Grunde gegen seine Existenz spricht. Drittens: wenn auch die Legitimität der Regierung vom Willen der people sich herleitet (Volkssouveränität, Demokratie), so bleibt umgekehrt der “Volkswille” selbst an die übergeordneten Prinzipien gebunden, womit eben einerseits nicht jede umstürzlerische Schandtat verfassungskonform oder jeder “Volksstaat” gerecht genannt werden kann, nur weil dergleichen sich eventuell auf eine Bevölkerungsmehrheit stützt, andererseits Gott als Urheber und Bürge der Prinzipien aber wieder ins Spiel kommt. Das Individuum und die bürgerliche Gesellschaft also brauchen den fürwahrgehaltenen Willen Gottes, auch dann, wenn sie areligiös sind. Das Paradox ist moralphilosophisch zwingend, weil andernfalls etwa die Hamas-Regierung legitim wäre, d.h. akademisch-wissenschaftlich nicht aufzulösen, ohne in einen relativistischen Voluntarismus zu verfallen.

Was »orthodoxe Kommunisten« heutzutage alles von sich zu geben gezwungen sind … »moralphilosophisch zwingend«. Da pfeifts aus dem letzten Loch! Alles, was Maul in naher und ferner Zukunft schreiben wird, kann nichts anderes sein, als eine Fußnote zu dieser Fußnote.

Ach, Grüß Gott, DER KRITIKER, immer auf der Hut, nicht wahr?

Kürzlich in der Jungle World geblättert. Einen Artikel von Magnus Klaue gelesen: seinen Verriss von Badious, Negris und Zizeks Berliner Kommunismus-Konferenz. Geschenkt. Dass diese Veranstaltung selbst im heißesten Sommer es fertig brachte, noch heißere Luft (und dies ausschließlich) zu produzieren – dazu brauche ich keinen Magnus Klaue1.
Bemerkenswert ist sein Text wegen folgender Sentenz. Da dekretiert Klaue, der sich ja so’n bisschen in der Rolle des Szene-Schöngeists gefällt, folgendes: »Zur Natur des Kritikers gehört es, nichts gelten zu lassen und jede kleine Freude ihrer Schalheit zu überführen.« Ohne Zweifel sieht sich Klaue höchstselbst in der Rolle des Kritikers (schließlich zerpflückt er die Berliner K-Konferenz nach Strich und Faden, wobei ihm Streich und Faden, soll heißen: der Maßstab, einzig der, Überraschung!, Antisemitismus-Verdacht ist).
Und was soll man sagen? Dass Klaue bei der Lektüre der Jungle World »nichts gelten lässt«, dass Klaue, der Bahamas-Autor, sich sein Stammblatt zur Brust nimmt und die kleinen Freuden, die Praeceptor Antigermaniae J. Wertmüller seiner Anhängerschaft bereitet, ihrer Schalheit überführt, darauf dürfen wir gespannt sein! Und wie! Zum Gipfeltreffen kommt es, wenn der Kritiker Klaue sich zum Satz des Kritikers Klaue »Zur Natur des Kritikers gehört es, nichts gelten zu lassen und jede kleine Freude ihrer Schalheit zu überführen.« verhalten muss, und auch diesen Satz in seiner ganzen Schalheit selbstverständlich nicht gelten lassen kann.
Kein Wunder, dass soviel wahnhafter, in diesem Fall wohl eher schlicht gedankenloser Nihilismus sich dann doch nach festen Werten sehnt, nach klaren Einsichten und unumstößlichen Gewissheiten, z.B. nach der unendlichen Überlegenheit des Westens. Aber da fängt schon das nächste Abenteuer der Dekadenz an.

  1. Dazu reicht ein Merve-Katalogtext. (Zwar ist es immer billig, ein Buch nach dem Klappentext oder dem Waschzettel zu beurteilen, aber gerade bei kleinen Verlagen sind es keine enthirnten Marketing-Abteilungen, sondern entweder die Lektoren oder die Autoren selbst, die diese Textlein verfassen. So verstanden dürfte die Ankündigung von Alain Badious »Die kommunistische Hypothese«, das im Herbst bei Merve erscheinen wird, von hoher Authentizität sein.) Was lesen wir da?
    »(…) kommunistisch kann heute kein Adjektiv mehr sein, das eine Partei, einen Staat oder eine Politik programmatisch qualifiziert. Emanzipatorische Politik wird nicht mehr von gesicherten Referenzen, die ihre Inhalte und Methoden vorschreiben, ausgehen können.« Für einen Autor, der eine Kommunismus-Konferenz mitveranstaltet eine bemerkenswerte Bankrotterklärung (egal ob er sie selbst geäußert oder sie sich hat in den Mund legen lassen). Gesicherte Referenzen? Gibt es nicht mehr? War da nicht irgendwas mit Warenfetisch, Mehrwert, Profitrate, Kommandomacht der Geldes, Ökonomie der Zeit? »Muss aber letztlich somit das Projekt der Emanzipation überhaupt fallengelassen werden?« Diese Frage beantwortet sich nicht etwas praktisch, dafür brauchen wir schon unseren Vordenker Badiou.
    »Heute gilt: der Kommunismus ist gescheitert und die parlamentarisch organisierte Demokratie im Verbund mit dem zeitgenössischen Kapitalismus ist die einzige und zugleich beste Wahl, die wir haben. Badiou setzt dagegen die Frage, ob wir uns heute nicht in einer vergleichbaren Situation wie der junge Marx um 1840 befinden (…)«, garantiert nicht, was jedes Kind mit IPod und Playstation weiß, bloß nicht der kommunistisch aufgeschlossene imaginäre Merve-Leser, der sich kurz vor der Debatte um die Holzdiebstahls-Gesetze wähnt. »Sollten wir nicht, wie Marx, in Zeiten der Unmöglichkeit gerade das Unmögliche affirmieren und der kommunistischen Hypothese, diesem Namen eines weiterhin bestehenden Problems, den Versuch einer neuen Lösung wiederfahren lassen?« 1840 war Marx noch Demokrat, 1842 hatte er sogar kurzzeitig damit geliebäugelt, eine Polemik gegen den französischen Kommunismus zu schreiben, ein Jahr später war er aber selber Kommunist und zwar nicht, weil er unbedingt das »Unmögliche affimieren« wollte, dafür hätte er ganz bestimmt nicht das ungemütliche Schicksal eines politischen Flüchtlings gewählt. »Müssen wir nicht folglich die Unmöglichkeit kommunistisch-emanzipatorischer Politik fundamental neu denken um Schritt für Schritt die Wahrheit der kommunistischen Hypothese zu belegen?« Nur, wenn wir uns unrettbar in Hypothesen verguckt haben und dafür auf Welterkenntnis, die Wissen schafft, verzichten.
    »Das vorliegende Buch Badious (…) versucht neue Antworten auf diese Fragen zu geben.« Das steht zu befürchten. [zurück]

Horkheimer gegen seine Kritiker (und Liebhaber) verteidigt

Habe ich gestern Max Horkheimer bloßstellen wollen? Nicht doch.
Von Horkheimer gibt es einen umfangreichen Werkcorpus, der in die Schatzkammer des Materialismus resp. des wissenschaftlichen Kommunismus gehört. Ich denke da an die veröffentlichten wie nicht-veröffentlichten Schriften vor allem aus den 1930er aber auch noch aus den 1940er Jahren. Die finden sich in der Gesamtausgabe in den Bänden 3 und 4 [veröffentlichte Schriften] und 11 und 12 [aus dem Nachlass], wer es ganz genau wissen will, nimmt noch die Bände 2 und 5 [Dialektik der Aufklärung – die Erstveröffentlichung, die ganz klar marxistischer argumentiert als die von Hork. und Adorno geglättete zweite – heute immer noch gebräuchliche – Auflage]. Zwar warnen seine Herausgeber, u.a. Alfred Schmidt, dass man Horkheimers Werk nicht einfach in ein marxistisches Früh (besser: Mittel-)Werk und ein resigniert-vergnatztes, regelrecht gottesanbeterisches Spätwerk aufteilen könne (aufteilen DÜRFE). Stimmt ja auch – die großen Themen Horkheimers ziehen sich durch das ganze Werk: deutscher Idealismus, Liberalismus des 19. Jahrhundert, Bürokratisierung der Welt, schließlich Antisemitismus. Und auch ist es so, dass sich im Spätwerk manch brillante Einsicht findet (allerdings nur im zu Lebzeiten unveröffentlichten …).
Aber man wird doch nicht leugnen können, dass sich eine Notiz wie diese (von 1925), gerichtet gegen den Kant’schen Kritizismus –

Bei der rationalen Analyse hie Verstand hie sinnloses Material geht das Entscheidende des wirklichen Gehalts verloren, aber man meint, wenn man die so gewonnenen Elemente wieder zusammensetzt , habe man die Welt konstruiert, und es kommt doch nur ein leer klappernder Apparat heraus – Leerformen, die Nichtse verarbeiten. (…) jener »Konstruktion« der Welt aus Nichtsen, wobei die letzteren die Wahrheit und Wirklichkeit der ersten sein soll, entspricht ( – fast! – ) ganz die Menschheit, die sie vornimmt. Diese Art Philosophie enthält also doch eine Selbsterkenntnis. Ein Material, dessen Wesen bloß in der Möglichkeit besteht, durch Mechanismen verarbeitet zu werden, oder umgekehrt: Mechanismen, deren Wesen bloß in der Möglichkeit besteht, es zu verarbeiten: – Amerika.

– erheblich von dem geistigen Amerikahaus-Gesäusel des späten Horkheimers unterscheidet. (Die Notiz findet sich im Band 11 der Gesammelten Schriften, S.100).

Im Folgenden dokumentieren wir zwei Notizen (beide wiederum aus dem Band 11, S. 264f., und S.268f) aus dem Umkreis der Dämmerung, ohnehin eine der stärksten Schriften des kommunistischen Materialismus aus dem 20. Jahrhundert. Sie sind wohl 1931 verfasst und lesen sich wie eine prophetische Warnung vor z.B. jenen Horkheimer-Liebhabern, die einst »antideutsch« waren und heute davon träumen, Stipendiaten der Friedrich-Naumann-Stiftung (www.freiheit.org!!!) zu werden und die in ihrer hitzigen Übergangsphase gar nicht genug davon bekamen, möglichst laut »Für den Kommunismus!« zu schreien.
Aber natürlich taugen die Aphorismen auch als Gegengift zum Diskursgedrechsel der Schönschwätzer Badiou, Zizek, Negri etc.pp.

Metaphysische Verklärung der Revolution
Manche Intellektuelle, und zwar besonders geistreiche, sympathisieren mit der Revolution aus philosophischen Gründen. Ihnen ist der Kapitalismus das Reich der vollendeten Sündhaftigkeit, der schlechten Vereinzelung der Menschen, der Lüge und der Angst. Sie sind überzeugt, daß in der [Aufhebung der] kapitalistischen Ordnung die gegenwärtige Struktur des Bewusstseins, ja des Menschen sich radikal wandeln und die ewige Wahrheit auf die Erde kommen wird. Um diese erhabene Vision zu entwickeln, kommt es ihnen in Gedanken auf eine Übergangszeit der Zerstörung und des Chaos gar nicht an, und man kann sie leicht zu der Äußerung veranlassen, daß jeder denkbare Zustand besser sei als der gegenwärtige.
Aber die utopische Überspanntheit ihrer Rede, die Ableitung ihrer Forderungen aus der Sphäre des Überbaus verraten den idealistisch religiösen Charakter dieser Radikalität. In Wirklichkeit kämpft das Proletariat darum, daß seine primitivsten Bedürfnisse in einem dem Stand der Technik angemessenen Ausmaß befriedigt werden. Die Erkenntnis, daß dies im Kapitalismus unmöglich ist, gibt seinem Kampf das sozialistische Ziel. Weil die ökonomischen Gesetze die Wirkung von Reformen, die in seinem Rahmen getroffen werden, immer wieder aufheben; weil die Arbeiter jeden Tag erfahren, daß die gegenwärtige Gesellschaftsform in ihrer Entwicklung einen Punkt erreicht hat, auf dem die neuen Erfindungen, soweit sie nicht überhaupt hintan gehalten werden, ihnen ebenso wenig in entsprechendem Maße zugute kommen wie der schon vorhandene Wirtschaftsapparat; weil sie von der herrschenden Ordnung nichts zu erwarten haben als die Fortsetzung ihres in Anbetracht des gesellschaftlichen Reichtums keineswegs berechtigten Elends, ihrer selbst in den immer kürzer werdenden Konjunkturperioden andauernden materiellen Unsicherheit, es sei denn, daß irgendwelche Konkurrenzkonstellationen zu diplomatischen Verwicklungen führen und die Misere des kapitalistischen Friedens durch den alle Greuel der Weltgeschichte überbietenden Schrecken der kapitalistischen, für das Proletariat völlig sinnlosen Kriege abgelöst wird; – weil sie diesen Tatbestand erkennen, deshalb betreiben die fortgeschrittensten Schichten des Proletariats die sozialistische Revolution Gegen die »rational-kalkulierende« Denkweise etwa (Anspielung auf Georg Lukacs, Anm. Ofenschlot), welche von den philosophierenden Sozialisten heute u.a. als kapitalistische Todsünde angegeben wird, hat das Proletariat ursprünglich nicht das Geringste. Im Gegenteil: es muß sich dieses fein ausgebildeten Instruments ebenso wie der übrigen im Kapitalismus entwickelten Produktivkräfte so gut wie möglich bedienen, wenn es sein Ziel erreichen will. Seine Motive, welche der wirklich revolutionäre Intellektuelle verstehen und aussprechen muß, sind in der tat nicht philosophische sondern materialistische. Die metaphysische Begründung und Rechtfertigung der Revolution ist überflüssig. Freilich ist es gewiß, daß mit den gesellschaftlichen Bedingungen sich auch die Menschen fundamental ändern werden. Die Wandlungsfähigkeit der Menschen geht aus der Geschichte und selbst aus der Gegenwart klar hervor und sie übertrifft freilich alles, was unsere durch die kapitalistischen Verhältnisse getrübte Erfahrung für möglich hält. Aber nicht um den problematischen, sozialistischen Typus Mensch, sondern um eine zweckmäßigere Form der Wirtschaft geht der Kampf. Die Erreichung dieses Ziels wäre für die Philosophen eine Kleinigkeit, für die Menschen eine Erlösung.
Die Verteidigung der Revolution aus philosophischen Gründen erinnert an die alte Lehre von der Notwendigkeit der Leiden und Opfer um des Geistes willen. Aber die Revolution hat nichts mit den Kreuzzügen zu tun. Wegen der Maßlosigkeit ihrer Erwartungen werden die Metaphysiker der Revolution von der Bourgeoisie auch gar nicht so ernst genommen und in einigermaßen ruhigen Zeiten ganz gern gesehen. Ihr Geist wirkt im großbürgerlichen Milieu als ein ästhetischer Schmuck, und jene Philosophen pflegen mit ihrer Weisheit in den Salons auch ebensowenig zu geizen wie andere Virtuosen auf dem gebiet der schönen Künste. In Deutschland hat nach dem krieg vornehmlich die Großbourgeoisie ihre Schriften gelesen, nicht bloß, weil sie so schwer verständlich waren, sondern auch weil in dieser scheinradikalen, religiösen Form den Problemen ihre materialistische Schärfe genommen ist. (…)

Marx und der Messianismus
Nur die dümmsten unter den philosophischen Lakaien des Kapitals ziehen heute offen über Marx und seine Lehre her. [Die anderen] nehmen vielmehr marxistische Worte in ihren Jargon hinüber und »vertiefen« sie in der Kloake ihrer neusten Metaphysik, bis sie schließlich den gleichen Gestank verbreiten wie der »Urgrund des Seins« (Anspielung auf Max Scheler, Anm. Ofenschlot) oder die »Rangordnung der Werte« (Dito, Anm. Ofenschlot). – so kann man vom Sozialismus als der »vollkommenen Gesellschaft« reden hören und erfahren, dieser Begriff sei bei Marx identisch mit der »unbedingten Wahrheit«. Aber was die Wahrheit betrifft, unterscheidet sich die bessere Gesellschaftsordnung vom Kapitalismus wesentlich darin, daß dieser »in Wahrheit« existiert, während jene erst zur Wahrheit werden soll. Vorerst ist sie ein Ziel – nicht »das« Ziel »der Geschichte«, sondern das Ziel bestimmter Menschen! – und seine metaphysische Verhimmelung als absolute Wahrheit oder als messianisches Reich Gottes drückt bloß die beruhigende Gewißheit aus, daß die sozialistische Ordnung erst am Ende der Zeiten steht und keine historische Realität diesem hohen Maßstab genügen wird.

Der alte Mann und der Krieg

Hier hatte ich geschrieben, dass Max Horkheimer den Vietnam-Krieg rechtfertigte und eine regelrechte Chinesen-Phobie (ist das noch Westlertum oder schon Rassismus?) ausbildete. Irgendwo hatte ich das mal gelesen, und ich habe gegrübelt und diese Stellen wiedergefunden.

Max Horkheimer: South Vietnam und die Intellektuellen. (Aus: Späne – Notizen über Gespräche mit Max Horkheimer in unverbindlicher Formulierung aufgeschrieben von Friedrich Pollock, Mai 1966. Fundstelle: Horkheimer, Gesammelte Schriften Bd.14, Frankfurt 1988, S. 360f.)

Die Lage Amerikas in Südvietnam ist ein großes Unglück. Wir haben viel zu wenig Informationen, um beurteilen zu können, was für die Erhaltung der Reste individueller Freiheit in den westlichen Ländern besser wäre: weitermachen wie bisher und auf die Zermürbung des Gegners hoffen? Eskalieren? Sich zurückziehen?
Aber mit einiger Sicherheit läßt sich sagen, daß der Rückzug nicht bloß ein fürchterliches Blutbad in Südvietnam bedeuten, sondern auch den Weg der Chinesen zum Rhein beschleunigen würde.
Ganz Asien würde chinesisch werden. Aber die Intellektuellen sehen nur das Grauen dieses Krieges, die unglücklichen Vietnamesen, die scorched earth policy [Verbrannte Erde. Es ist ein pikantes Detail, dass Horkheimer resp. sein Chronist auf den englischen Ausdruck ausweicht, um bloß keine Wehrmachts-Assoziation aufkommen zu lassen? Anm. Ofenschlot] der amerikanischen Kriegsführung. Was sie nicht sehen, ist die Hölle einer chinesischen Weltherrschaft.
Man könnte eine Parallel ziehen zwischen der Haltung viele Intellektueller heute und derjenigen der Oxforder Studenten vor dem Zweiten Weltkrieg: »We will not fight for King and Country.« (…)

Max Horkheimer: »Diejenigen, die gegen den Krieg in Vietnam hier in Frankfurt demonstrieren …« Vortrag im Amerikahaus Frankfurt, 7.5. 1967 (Fundstelle: Gesammelte Schriften Bd.18, Frankfurt 1996, S. 646f.)

(…)
Wenn in Amerika es gilt, einen Krieg zu führen – und nun hören Sie wohl zu – einen Krieg zu führen, so ist es nicht so sehr die Verteidigung des Vaterlandes, sondern es ist im Grunde die Verteidigung der Verfassung, die Verteidigung der Menschenrechte, und Sie können heute sagen: ja, und was passiert denn da in Vietnam? Sie können mit Recht all das Furchtbare darstellen – wenn Sie es können – was in Vietnam sich ereignet. Aber diese jungen Menschen, die da hinausgehen, glauben, sie verteidigen die Welt, in der es noch ein bißchen so etwas wie Freiheit gibt, gegen das Gegenteil, selbst wenn man dazu auch totalitäre Mächte leider benutzen muß. Das kann ein Fehler sein, das kann ein Denkfehler sein, es kann verkehrt sein, aber derjenige, der urteilt, der soll wenigstens sich auch um diese Dinge kümmern; der soll wenigstens, wenn er von Vietnam redet, daran denken, daß wir hier nicht zusammen wären und frei reden könnten, wenn Amerika nicht eingegriffen hätte und Deutschland und Europa von dem furchtbarsten totalitären Terror schließlich gerettet hätte. (Beifall)
(…)
[Aus einem Antwortschreiben Horkheimer vom 18.5. 1967 an den Frankfurter SDS, der in einem offenen Brief merklich irritiert und zornig auf diese Rede reagiert hatte.] Für die Fortsetzung des Krieges in Vietnam Amerika allein verantwortlich zu machen, setzt ein simples Bild der Welt voraus, das ich dem SDS, dem so viele Menschen guten Willen angehören, nicht zutrauen möchte. Kritische Theorie betrifft das Bestehende; sie im gegenwärtigen historischen Augenblick in solcher Weise zu beschränken, bedeutet ihre schlichte Negation.

[Anm. Ofenschlot: Dass einem Kritiker vorgeworfen wird, seine Meinung würde er letztendlich nur der Erlaubnis der von ihm kritisierten Instanzen verdanken, ist eines der groteskesten Argumente unter Demokraten. Wer eine Meinung hat, der hat sie sich selber gemacht, sicherlich auch unter Zuhilfenahme von anderer Leute Gedanken. Aber dass der Staat, der die Meinungsfreiheit in einem Grundgesetzartikel garantiert, gewissermaßen die Hebamme sämtlicher Meinungen in seinem Lande wäre, ist eine nachgerade absurde Behauptung. Es wird aber von den Rittern der Toleranz so getan, dass der, der eine Meinung hat und sie auch vertritt, als erstes pflichtschuldigst den Dank bei den Instanzen abzuliefern hätte, die ihm überhaupt gestatten, das Maul aufzureißen. – Aus einigen Notizen, die ich mir während eines Vortrags von Karl Held gemacht hatte.]

Ciao Romano. Erinnerung an Romano Alquati

(Vorbemerkung Ofenschlot: Der lange angekündigte Kommentar zu den [Früh-]Schriften Romano Alquatis steht noch aus. Wir fühlen uns durchaus in der Pflicht, diesen nachzuholen, allerdings wird das nichts mehr vor der Sommerpause.
In der Zwischenzeit, Espace contre ciment hat bereits darauf hingewiesen, ist die neue Ausgabe von Sozial.Geschichte Online erschienen, einem Kompendium, das im weiteren Sinne der operaistischen Tradition zugehört und immer wieder lesenswerte Essays und Themensammlungen publiziert. In der aktuellen Ausgabe findet sich auch ein weiterer Nachruf auf Romano Alquati. Diesen fügen wir unserer kleinen Alquati-Sammlung zu.
Schön ist, dass in diesem Nachruf das Konzept der ›militanten Untersuchung‹, aus der ja einige Genossen regelrecht einen Fetisch gemacht haben, schlicht und sachlich erklärt wird. Dennoch können sich die Autoren zumindest einen pathetischen Begriff nicht verkneifen – den des ›militanten Seminars‹, was auch immer das sein mochte… Ein Widerspruch in der Übersetzung lässt schmunzeln: Es gibt zwar ›AktivistInnen‹, die die Klasse erforschen. Die Klasse ist aber die ›Arbeiterklasse‹, die eine ›Arbeitersubjektivität‹ ausbildet und sich zu einer ›Arbeiterbewegung‹ aufrafft. Großes Binnen-I, where have you gone?)

Emiliana Armano / Raffaele Sciortino
Ciao Romano. Erinnerung an Romano Alquati

Am vergangenen 3. April starb Romano Alquati in Turin im Alter von 75 Jahren. Alquati war ein herausragender Vertreter des operaistischen Gedankenguts, ein systematischer und intelligenter Denker jenseits der konventionellen Schemata. Er war einer der differenziertesten Erforscher der Subjektivität und der Zusammensetzung der Arbeiterklasse.

Die politische Biographie Romanos beginnt in der minoritären, aber wichtigen Gruppe der jungen »Barfuß-Forscher« der 1950er Jahre, die – trotz ihrer kritischen Verbundenheit mit der Arbeiterbewegung und insbesondere ihren gewerkschaftlichen Organisationen – bald einen grundlegenden Bruch mit der institutionellen Repräsentation und dem nationalen Weg zum Sozialismus vollzog. Dabei unterscheidet sich diese Gruppe zugleich von der »historischen« antistalinistischen Opposition, nicht zuletzt, weil sie einer anderen Generation angehört. Sie nimmt jene außergewöhnliche Zäsur voraus, die erst 1968 zur Reife kommen sollte. Romano Alquati entwickelt sich in einer kulturell anregenden Umgebung, die sich in jenen Jahren auf der Suche nach einem von Verkrustungen befreiten Marxismus befindet. Statt die Arbeiterklasse gemäß dem Kanon der kommunistischen »Kirche« zu begreifen, sollen die AktivistInnen es ermöglichen, die Klasse zu erforschen und ihr zuzuhören, so wie sie ist. Zudem bereichert eine kritische Neulektüre der soziologischen Klassiker diesen Ansatz, der für einen phänomenologischen Zugang zur Subjektivität der Arbeiterklasse offen ist.

In Cremona – einer Stadt auf der Poebene, in der sich die Kämpfe des bäuerlichen Proletariats und die stürmische Industrialisierung des Nachkriegswirtschaftsbooms kreuzen – durchläuft Romano gemeinsam mit seinem Freund Renato Rozzi und dem »häretischen« Kommunisten Danilo Montaldi seine politische Bildung. Und es ist auch Montaldi, unter dessen Einfluss Alquati die ersten Erfahrungen mit der militanten Untersuchung sammelt. Die Erfahrungen aus den Kämpfen in Cremona im Gepäck, zieht der fünfundzwanzigjährige Romano in die »Fabrik-Stadt« Turin. Dort beteiligt er sich mit Raniero Panzieri aktiv an der Redaktion der Zeitschrift Quaderni Rossi, die für die Entstehung der neuen Linken von grundlegender Bedeutung ist. Ab 1963 arbeitet er dann mit Mario Tronti und Toni Negri im Redaktionskollektiv der Zeitschrift Classe Operaia, dem wahren Geburtsort dessen, was später als operaismo bekannt werden sollte. In diesem Schmelztiegel kollektiver Erfahrungen, in engem Kontakt mit einer neuen Figur der Arbeiterklasse, mit jenen »neuen Kräften« des Massenarbeiters, die zum Neokapitalismus in einem potenziell antagonistischem Verhältnis stehen und sich in ihrem Verhalten und ihrer Denkweise erheblich von der alten Arbeiterbewegung unterscheiden, werden grundlegende analytische Kategorien wie etwa die der Klassenzusammensetzung erarbeitet.

Dabei wird mit der »Methode« der conricerca oder Mit-Untersuchung auch ein Untersuchungs- und Interventionsansatz vorgelegt. Die conricerca, die Anfang der 1960er Jahre als militante Feldrecherche mit den Arbeitern von Fiat Mirafiori und anderen Fabriken des Piemonts (Olivetti, Lancia) entstand, ist zugleich Untersuchungsaktivität und Erkenntnisprozess. Sie verändert sowohl die Identität des Untersuchenden als auch das, was von nun an Arbeitersubjektivität genannt wird. Es handelt sich um eine Interventionspraxis, die den militanten Untersuchenden und die erforschten Subjekte auf dieselbe Ebene stellt. Die gesonderte Figur der »Avantgarde«, die der Tradition und politischen Logik der Linken bis heute so teuer ist, wird aufgehoben. Ziel ist, das Verhältnis Theorie-Praxis-Organisation horizontal und als zyklische Bewegung neu zu formulieren. Aber die militante Untersuchung ist keine als Methode formalisierbare Praxis. Sie ermöglicht – auch in den Perioden der Inaktivität – eine Lektüre der durch den Unterschied von technischer und politischer Zusammensetzung sich abzeichnenden Konfliktivität. Als Grundlage dienen dabei die Analyse und Diskussion der informellen Organisation und der konstituierenden Ambivalenzen der Klasse. Es ist kein Zufall, dass diese Untersuchungen in dem neuen Zyklus der Arbeiterkonflikte, der in Turin mit der Revolte auf der piazza Statuto im Juni 1962 einsetzt und das lange italienische 1968 antizipiert, eine aktive Rolle spielen.

Romanos große Fähigkeit, jene Zäsuren zu erfassen, die bei jeder politischen und organisatorischen Entwicklung vorrangig sind, veranlasst ihn bereits in den frühen 1970er Jahren – die auch den Höhepunkt der Konfliktualität des Massenarbeiters darstellen –, über den Tellerrand hinauszugucken und in den Prozessen der Industrialisierung menschlicher Aktivität, die sich in der beginnenden Tertiarisierung zeigen, die Verlagerung der kapitalistischen Subsumtion aus der Fabrik in das »Gesellschaftliche« zu erkennen. Auf diese Periode gehen die in Università di ceto medio e proletariato intellettuale veröffentlichten Untersuchungen zurück. Sie ebnen den Weg für die nachfolgenden Analysen der Bildung, Kommunikation und Intellektualität der Massen: Analysen der Dienstleistungen als Produkt des Kapitals und, allgemeiner, der Reproduktion der zur Ware gewordenen menschlich-lebendigen Fähigkeit. Dort wird festgestellt, dass ein Zyklus der Klassenzusammensetzung und eine Phase des Kapitalismus an ihr Ende gekommen sind – und nun über die operaistischen Lesarten hinausgegangen werden muss. Neue Instrumente müssen entwickelt werden, eine Einsicht, die sich auch im Denken Romanos Bahn bricht.

Romano Alquati führt seit den 1970er Jahren einen konstanten aber isolierten Dialog mit den großen Soziologen, etwa mit dem Zygmunt Bauman der Flüssigen Moderne und mit Alain Touraine. Am Ende dieser Überlegungen definiert er die Hyperindustrialisierung als tatsächlich stattfindende reelle Subsumtion aller menschlichen Erfahrung und als Inwertsetzung der gesamten gesellschaftlichen Reproduktion. Die Ambivalenz bildet dabei im Grunde immer noch den Kern: Wissen und Handlungen der Personen können der Autonomie der Subjekte unterworfen sein oder in der Kodifizierung der formalisierten technisch-wissenschaftlichen Sprache des Kapitals enteignet werden. Die Frage ist, unter welchen Bedingungen sich die Hyperproletarier, die von den flexiblen Technomaschinen der kapitalistischen Produktion und Reproduktion sozialisiert worden sind, für eine emanzipatorische Praxis öffnen können.

In den 1980er Jahren werden diese Themen in militanten Seminaren behandelt, wobei immer noch auf die Massenuniversität als möglichen Ort der kollektiven Produktion und des kritischen Bewusstseins rekurriert wird. Es sind Jahre der Bildung für diejenigen, die später zu seinen Schülern wurden. Doch kommt es ab den 1990er Jahren zur endgültigen Zerstörung dieser Orte. Die Distanz zu einer offiziellen Linken, die den Veränderungen gegenüber taub bleibt, ist abgrundtief, für Romano kommt es zum Verlust des Kontakts mit ehemaligen Genossen des operaistischen Weges. All dies kennzeichnet die Isolation Romanos, der dennoch nicht aufhört, immer wieder zu seinen letzten, zweifelnden, neue Probleme erforschenden und unveröffentlicht gebliebenen Arbeiten zurückzukehren – Werke, die sicherlich seine komplexeste und dichteste Hinterlassenschaft darstellen.

Wir haben am 7. April 2010 im Garten des Turiner Centro Sociale Askatasuna von Romano Alquati Abschied genommen. Gerne erinnern wir uns an ihn mit seinen Worten: »In Zeiten ausbleibender Revolutionen ist es weder unterhaltsam noch beneidenswert, halsstarrig eine revolutionäre Haltung einzunehmen. Ende der 50er Jahre hatte man das Gefühl, am Anfang von etwas zu stehen […], das für die Zukunft offen war.« Auch in den letzten, nicht einfachen Jahren, hat Romano nie der Nostalgie nachgegeben.

Aus dem Italienischen von Lars Stubbe