Archiv für Juni 2010

Die Untauglichkeit von Freud …

… für eine materialistische Theorie/ Kritik der kapitalistischen Warenproduktion und der sie ummäntelnden/ regulierenden/ »definierenden« Rechtsformen.

Die Funktion des Rechts ist »den Widerspruch von Freiheit/ Gleichheit (in der Beziehung zwischen Privateigentümern überhaupt) und der Unfreiheit/ Ungleichheit (in der Beziehung zwischen Privateigentümern und Nichteigentümern an Produktionsmitteln) in der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu vermitteln, d.h. die Form abzugeben, in der sich freie und gleiche Individuen in einem Prozeß der Verwirklichung von Unfreiheit und Ungleichheit bezüglich der Zwecke der gesellschaftlichen Produktion und Aneignung handelnd aufeinander beziehen können. Und die mystifizierende Funktion des Rechts ergibt sich wiederum daraus, daß diese für den gesellschaftlichen Produktionsprozeß notwendige Abstraktion als das Ganze und als die einzige Form der Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit aufgefaßt werden – und hier ist allerdings der Arbeit der Ideologen in der Rechtswissenschaft und anderswo wirklich Tür und Tor geöffnet. Ob das Ergebnis allerdings „Verdrängung“ genannt werden kann, bleibe ganz dahingestellt.
Daß es ideologische Prozesse gibt, die mit der Freudschen Tradition entstammenden Mittel analysiert und als kollektive Verdrängungsprozesse begriffen werden können, ja müssen, möchte ich ganz und gar nicht bestreiten – die jüngste deutsche Geschichte, aber sicher nicht nur sie, ist voller Beispiele dafür. Aber weder der Warenfetischismus noch die Widerspruchsstruktur von Erscheinung und wesentlichem Vorgang in der Beziehung zwischen Rechtsform der Freiheit und Gleichheit und politökonomischem Inhalt der Unfreiheit und Ungleichheit oder zwischen Äquivalententausch und Aneignung ohne Äquivalent sind mit jenen ideologischen Vorgängen in dieser Rücksicht zu vergleichen: da ist weder an „Urszenen“ noch an Verbrechen und Schuld zu denken, und es geht auch nicht darum, einmalige Ereignisse vergessen zu machen oder therapierend wieder ins Bewußtsein zu heben; vielmehr handelt es sich um ständig reproduzierte und in ihren Erscheinungsweisen in der Tat (…) täglich erfahrbare Vorgänge, die nicht vergessen, sondern – in ihrem Vermittlungscharakter und damit in ihrer nicht der Erfahrung unmittelbar zugänglichen gesellschaftlichen Funktion – nicht begriffen werden. Von der „Therapie“ in beiden Fällen ganz zu schweigen.«

Aus: Burkhard Tuschling, Recht als „Widerspiegelung und Handlungsinstrument“? Eine Auseinandersetzung mit Heinz Wagners gleichnamigem Buch, in: Demokratie und Recht. Vierteljahresschrift, 9. Jg., 1981, S. 20-38.

Überraschung des Tages: Materialismus in der FAZ!

Die Damen und Herren von der FAZ haben zwei Vorzüge gegenüber ihren anderen Kollegen von der bürgerlichen Presse: 1. Dass sie die Sieger der Geschichte sind (sie sich so zumindest sehen), nehmen sie souverän an und verzichten auf billiges, albernes Nachkarten, wie es das Markenzeichen der Springer-Presse ist. 2. Es gibt, vor allem im Feuilleton, einen traditionsreichen anti-liberalen Zug.
Beides hat zufolge, dass die Urteile über Marx, Lenin und den Kommunismus zuweilen überraschend milde und nachsichtig ausfallen und man sich mit Dietmar Dath einen Redakteur bzw. mittlerweile freien Autor gönnt, der offen mit seinem Leninismus kokettiert. Natürlich ist die FAZ »der Feind« und natürlich gilt »der Feind meines Feindes ist mein Feind«, soll heißen: nicht jeder Anti-Liberale ist unser Parteigänger (Carl Schmitt!). Aber wo die Aussicht vor lauter Feinden recht trübe ist, ist es vorläufig ratsam, sich an den intelligentesten zu halten.
Deshalb ist die angekündigte » Überraschung des Tages« eigentlich gar keine.
Der Historiker Jörg Baberowski, einer der bekanntesten Stalin(ismus)-Forscher Deutschlands und dabei wahrlich kein Linker, rezensiert, nein: verreißt in der FAZ vom 31.5. das neueste Machwerk Stéphane Courtois’, dem schon vor gut zehn Jahren in seinem »Schwarzbuch des Kommunismus« kein einziger Gedanke gelang, die gewiss widerwärtige Empirie vernünftig zu ordnen. Jetzt hat Courtois »Das Handbuch des Kommunismus« veröffentlicht, und, konstatiert die FAZ in ihrer Überschrift, »kommt dem Kommunismus wieder nicht auf die Spur«. Der Verriss Baberwoskis pulverisiert im Vorbeigehen einen zentralen Mythos des Antikommunismus – und das in der FAZ… (es gehört freilich zur atemberaubend wasserdichten Inkonsistenz des bürgerlichen Bewusstseins, sich davon nicht beeindrucken zu lassen).
Schon für das Schwarzbuch galt: »Die Historiker [des Schwarzbuchs] sahen Regierungen, die Verbrechen begingen und sie im Verweis auf Ideologien rechtfertigten, [Herausgeber] Courtois sah Ideen, die Regierungen zur Ausübung dieser Verbrechen zwangen.«
Dieser Idealismus – die interessierte Verwechselung von Ideen- mit realer Geschichte – kommt im neuen Buch abermals zur vollen Geltung: »Der Kommunismus sei (…) zwar erst 1917 auf die „weltgeschichtliche Bühne“ getreten, aber er sei als Idee und Vorstellung in der Geschichte der Menschheit schon immer präsent gewesen: als Versprechen, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen. Und so ist die Geschichte, die in diesem Handbuch erzählt wird, eine paradoxe Widerspiegelung kommunistischer Selbstbeschreibungen. Sie läuft auf eine simple Teleologie hinaus, die Ideen mit menschlichen Handlungen verwechselt.«
Und damit es wirklich jeder kapiert, spitzt es Baberowski noch einmal zu: »Eine solche Ideengeschichte aber bleibt die Antwort auf die Frage schuldig, warum ähnliche Vorstellungen in unterschiedlichen Kontexten Verschiedenes bewirken. Denn die marxistischen Lehren haben nicht nur den Bolschewiki, sondern auch den deutschen Sozialdemokraten oder der antiautoritären Studentenbewegung der sechziger Jahre zur Begründung und Rechtfertigung ihres Handelns gedient. Und dennoch handeln nicht Ideen, sondern Menschen. Ideen sind keine Erklärung für das Handeln. Sie bedürfen vielmehr der Erklärung. Davon aber scheint das „Handbuch“ nichts zu wissen.«
[Hervorhebungen jeweils von Ofenschlot]
Ein Muster ohne Wert. Was aber nichts am zu erwartenden Erfolg dieses Wälzers ändern wird, wer zuviel Zeit hat, kann ja mal abwarten, was in der WELT stehen wird.