Der Beton der Erkenntnis: »Zur Hölle mit der Freiheit! Und zur Hölle mit dem Staat!«

Man kann, ein bisschen boshaft, aber durchaus aufrichtig und ernsthaft behaupten, dass sich der Materialismus Amadeo Bordigas (er schon wieder… aber wir sind hier nun mal die einzigen, die auf aktuelle Übersetzungen seiner Schriften hinweisen) aus seiner Tätigkeit als Brückenbau-Ingenieur ableitet.
Schon mal eine demokratisch gebaute Brücke gesehen geschweige denn betreten? Eben.
Tatsächlich ist es so, dass unter Linken Vorstellungen einer »sozialistischen« oder »demokratischen« Naturwissenschaft schon lange nicht mehr kursieren. Das bedeutet aber leider keinen Erkenntnisfortschritt, sondern steht für einen verhärmten Skeptizismus. Dialektik gilt zeitgeistigen Linken als Begriffsreflexion, als geistige Anstrengung, als Spiel der Kategorien. In der Dialektik der Natur die Natur der Dialektik zu finden – um Gottes Willen! Das heißt heute »szientifisch-positivistischer Marxismus«, und als Anhänger eines solchen angeblich »verkürzten« Marxismus gilt Amadeo Bordiga (mal wieder… Wir können das Spiel abkürzen und hier ein für allemal dekretieren, dass Bordiga überhaupt für alles Schlechte und Böse und auch Gemeine im Marxismus steht. Ist der Ruf erst ruiniert …).
Wahr daran ist, dass Bordiga an der Einheit aller Wissenschaften festgehalten hat, somit schon die Aufteilung in Natur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaften für problematisch befand. Damit wusste er sich in bester Gesellschaft. Denn dem Bürgertum in der Phase seines Aufstiegs und seiner wissenschaftlichen – kritizistischen – Revolution gegen den Fideismus und den Solipsismus der Weltanschauung des Feudalismus war das eine Selbstverständlichkeit. Und es war wiederum das Bürgertum, dass das Band zerriss, die Existenz von Gesetzen gesellschaftlicher Entwicklung entweder leugnete oder ihnen jede Dynamik, jede innere Spannkraft, kurzum: jede Dialektik raubte (Kapitalismus als beste aller möglichen Welten): »Die industrielle Bourgeoisie schätzte es, die Wissenschaft der Naturkräfte jenseits gesellschaftlicher und religiöser Normen als mit Sicherheit möglich zu verkünden, und rücksichtslos durchbrach sie alle Hindernisse«, führt Bordiga aus. »Es behagte ihr dann allerdings weniger, als der Anspruch erhoben wurde, sich mit Hilfe der gleichen Waffen – Zweifel, Infragestellung der Autorität, Kritik, Induktion – nicht bloß über das ›Skelett‹ der stofflichen Natur, sondern auch das der menschlichen Gesellschaft und Geschichte klar zu werden.«

Amadeo Bordiga hat in den 1950er Jahren eine Reihe von grundsätzlich-methodischen Aufsätzen und Essays geschrieben, vergleichsweise bekannt ist Zur dialektischen Methode (1950), in denen er das Verhältnis von Kommunismus und Wissenschaft ausleuchtet. Jetzt ist mit Kommunismus und menschliche Erkenntnis. Einleitung zu einer Darstellung der marxistischen Anschauung über die Wissenschaft der Geschichte, des Menschen und der Natur ein weiterer Grundlagentext übersetzt worden (man kann es nicht genug betonen: Es ist eine Erstübersetzung!), der sich nicht zuletzt wegen seiner Kürze als Einführung empfiehlt. Er ist sehr gedrängt, was beim ersten Lesen durchaus Schwierigkeiten bereitet, und er arbeitet sich an einem Gegner ab, den viele noch nicht einmal mehr vom Hörensagen kennen: Benedetto Croce. Nun, das ist der italienische Hegel, der ›Laienpapst der Bourgeoisie‹, eine ganze Reihe seine Werke sind auch auf Deutsch erschienen.
Was Bordiga an Croce so reizt (abgesehen davon, dass es der greise Croce war, der, zur großen Überraschung der Parteikommunisten, die Gramsci-Entdeckerei auslöste), ist natürlich seine zentrale Stellung als Denker des (nicht nur) italienischen Bürgertums. Die Auflösung der Einheit der Wissenschaften, die Degradierung der Dialektik zu einem Geistesspiel, die Reduzierung der Geschichte auf Tatsachen und Ereignisse, die Vergötterung des genialen Individuums als eigentlichen Movens der Geschichte – das alles findet Bordiga in Reinform, in höchster Vollendung bei Croce ausgeprägt.
»Wir stießen bei Croce auf folgenden Passus: ›Die Dialektik findet einzig Anwendung auf die Beziehungen zwischen den Kategorien des Geistes und bezweckt die Lösung des alten, erbitterten, scheinbar hoffnungslos festgefahrenen Dualismus zwischen Wert und Nichtwert, Wahrem und Falschem, Gutem und Bösem, Positivem und Negativem, Sein und Nichtsein.‹ Wir hielten dagegen, dass die Dialektik für Marxisten in jenen Darstellungen ihren Platz hat, mit denen das menschliche Denken die Naturvorgänge reflektiert, und dass diese Art des sich Einprägens, des Überlegens, des Darstellens, des Beschreibens bzw. ›Erzählens‹ von uns wie jede andere Beziehungsgruppe zwischen materiellen Prozessen behandelt wird – wie z.B. zwischen der Chemie des Düngers und der Physiologie der Pflanzenzelle.«
Diese Attacke führt Bordiga im folgenden aus – wir überspringen das (selber lesen!) und kommen zu dem Zitat in unserer Überschrift, das natürlich von Bordiga stammt und das scheinbar mit dem bisher gesagten in keinerlei Zusammenhang steht: »Zur Hölle mit der Freiheit! Und zur Hölle mit dem Staat!«

Als Denker der Bourgeoisie ist Croce bestrebt, die Grundlagen des Handelns des Bürgertums zu verallgemeinern, die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative zu begründen. Das folgt aus seinem tiefen Skeptizismus gegenüber jeder Geschichtslogik. Die Freiheit als Grundlage wie Telos alles Handelns kann er nur ganz formal und ganz abstrakt bestimmen, denn die Freiheit ist ja das Grenzenlose, Unbeschränkte – das folglich in der allseitigen Konkurrenz sich jeweils selbst zu vernichten droht: »Die Freiheit des einen hört auf, wo die Freiheit des anderen beginnt«, lautet doch der bekannte Spruch. Freiheit trägt ihre Beschränkung also immer in sich, sie ist im Wesentlichen ein GEWALTVERHÄLTNIS zwischen den Bürgern. Dieses Gewaltverhältnis richtet der Staat ein und schützt es auch. »Zur Hölle mit der Freiheit! Und zur Hölle mit dem Staat!« – nur so kann folglich die Antwort der Kommunisten lauten.

Hier die längere Passage, in der Bordiga diesen Fluch herleitet. Sie beginnt mit einem Zitat Croces (wer den Text Bordigas in seiner ganzen Länge liest, versteht übrigens unsere Beton-Anspielung…):

„Höchst bezeichnend für das innere Wesen des Kommunismus (…) ist die Abneigung, ja der Widerwille, den er stets gegenüber einem Grundbegriff des geistigen und historischen Lebens gezeigt hat: dem der ‘Freiheit‘, der nicht nur in den alten Utopien vom Typus ‘Sonnenstaat‘ nicht vorkommt, sondern auch von den modernen kommunistischen Parteien bekämpft wird (…).“
Und das trotz der weltweiten Verseuchung durch dem Namen nach kommunistische Parteien, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Freiheit im Munde führen.
Wirklich wichtig ist aber seine Begründung: Croce fällt nämlich über Babeuf her, der in dem ersten kommunistischen Aufruf des „Bundes der Gleichen“ die bürgerlichen (formalen) „Freiheitsrechte“ in gewisser Weise gelten ließ, aber darauf bestand, die „wirkliche Freiheit“ hinzuzufügen. Nicht wenige Anarchisten sprechen noch heute davon, dass nach Erlangung der politischen auch die soziale Freiheit zu erobern sei. „Dummköpfe“, sagt Croce, und hier hat er Recht: „Der Begriff der Freiheit ist immer formal, d.h. ‘moralisch‘ und nie durch den Besitz besonderer wirtschaftlicher Güter bedingt“. Er könnte auch einfacher sagen: Wer frei ist, kann arm sein – und wer arm ist, kann frei sein.
Den wirklichen Wendepunkt benennt Croce nicht schlecht: Marx „riet dazu, die liberalen Kräfte gegen die absolutistischen Regimes zu unterstützen, um sich gleich nach dem Sieg von den Gelegenheits-Verbündeten wieder zu trennen“. Völlig richtig. Zwischen Bourgeois und Proletariern gab es ein historisches – und einmaliges – Zusammentreffen, aber niemals ein, sagen wir, „philosophisches“. Es gibt keinerlei gemeinsame „Ideale“ und keinen gemeinsamen „Kultur-Stammbaum“. Croce hat selbst klar ausgesprochen, dass man sich nicht auf die bürgerlichen liberalen Forderungen stützen kann, um dann weiter zu den sozialen, ökonomischen zu kommen. Es ist nicht so, dass der Liberalismus auf halbem Wege stehen geblieben sei, und wir müssten jetzt allein weitergehen: vielmehr stellt er sich unserem sozialen Ziel in den Weg, und zwar vom ersten Augenblick an.
Müßig also, von formaler oder moralischer Freiheit, oder Freiheit auch ohne Adjektiv, zu reden. Sie ist ein hohles Wort und der Marxist, der es, sei es auch nur zu agitatorischen Zwecken, gebraucht, ist ein Schwindler der schlimmsten Sorte, denn er mystifiziert das, wofür er zu kämpfen vorgibt.
Jawohl, meine Herren, es ist schon so: für Marx „war die Eingangstür zum Kommunismus die Diktatur“. Ihr fürchtet, nicht nur vorübergehend? Man möchte am liebsten wie Michel Ardan, eine Figur Jules Vernes, antworten, der gefragt wurde: Wie wollen Sie vom Mond wieder zurückkommen? – Lassen Sie uns erst mal hinkommen, sagte er, dann werden wir weitersehen.
Für Marx bringe der „Übergang die Abschaffung des Staates mit sich“. Ganz richtig, des Staates „d.h., der ersten Einrichtung, die die Freiheit garantiert, und diese Garantie hat juristische Form“, fügt Croce nicht minder klarstellend hinzu.
Anarchisten, die ihr unbedachterweise den Fuß auf die liberale Stufe setzen wollt (als ob der große alte Babeuf dort stehen würde) – denkt darüber nach.
Wir Marxisten spielen in der Theorie mit offen Karten: Zur Hölle mit der Freiheit! Und zur Hölle mit dem Staat!
Croce, der unsere Aussagen über den Kampf und die Geschichte zu Unrecht überging, fällt dann doch eine Stelle ein, wo Marx die kommunistische Revolution „den Sprung vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit“ nennt.
Wo soll der Widerspruch liegen? Nicht der Geist, der so frei ist, dass er sich in einem fort beim leisesten Windhauch in Luft auflöst, sondern das Individuum soll befreit werden. Wir erklären es euch: Das gewöhnliche oder auch außergewöhnliche Individuum ist dem Gesetz der Determination unterworfen und an die Notwendigkeit gefesselt: nicht nur tut es nicht, was es tun will, sondern es weiß auch nicht, was es tut. Solange Klassen gegen Klassen kämpfen, gehorcht auch die Gesellschaft, die Gattung Mensch diesen Zwängen der Notwendigkeit. Doch wenn die Geschichte das Drama der Klassengesellschaften hinter sich lässt, befreit sich die Gesellschaft als ein Ganzes – nicht ihre individuellen Teile – von ihrer Jahrtausende währenden Ohnmacht; sie leitet die Technik und die Arbeit und die kolossale menschliche Tätigkeit an, und darin liegt die einzige, die wirkliche Befreiung – und auch die erste, insofern Bewusstsein und Erkenntnis zum ersten Mal auftreten, von denen ihr glaubt, dass sie von Anfang an dem Licht des Geistes anhaften.
Babeuf (abermals er) habe als Erster die Grundlage für die Entwertung des Marxismus gelegt, für die Respektlosigkeit „gegenüber allen Formen des geistigen, religiösen, philosophischen, wissenschaftlichen, poetischen Lebens“, denn er habe sich getraut zu sagen (leider kennen wir die großartige Stelle nicht): „der Wert des Denkvermögens ist Ansichtssache; aber man muss untersuchen, ob nicht der Wert der ganz natürlichen und physischen Kraft ihm ebenbürtig ist“.
Nun, eben der Pessimismus, der bei Croce auf jeder Seite durchschimmert, berechtigt dazu, eine negative Bilanz der Denk- und Bewusstseinsarbeit zu ziehen: Wenn sie die absoluten „Werte“ sind, d.h. die einzigen Größen, deren Einnahmen und Ausgaben sich sicher registrieren lassen, führt das selbstredend zu einer Bilanz. Auf dem Gipfel dieser so gerühmten Kultur, die uns zu Recht schuldig befindet, ihr gegenüber respektlos und ikonoklastisch zu sein, könnte die Bilanz kaum katastrophaler sein.
Babeuf, der sich als Verfasser des ersten revolutionären Aufrufs hinsichtlich der Illusionen von Freiheit unglücklich ausgedrückt und geglaubt haben mag, das Proletariat würde sich aus der trügerischen Hülle des Bürgers herausschälen, gab dennoch das Zeichen zum neuen Aufbruch der Klasse.
Nicht die Geister, sondern die Körper bedürfen einer natürlichen und physischen Kraft, die eben Kampf, Revolution und Diktatur heißt; denn wenn die durch die Notwendigkeit erbarmungslos gesetzten Schranken endlich niedergerissen werden, bewegen sich die Menschen auf ungeheure Gebiete zu, in denen sie eine gewaltige und vielschichtige Tätigkeit entfalten werden; und die deformierten und verzerrten Resultate, zu denen der Ge- und Missbrauch der Intelligenz bis anhin geführt hat, werden, ebenso wie die Heuchelei einer Gewissensprüfung, überwunden sein, so dass sie ganz richtig zur Vorgeschichte zählen, in deren Finsternis und Niedertracht wir noch immer versinken.