Die Untauglichkeit von Freud …

… für eine materialistische Theorie/ Kritik der kapitalistischen Warenproduktion und der sie ummäntelnden/ regulierenden/ »definierenden« Rechtsformen.

Die Funktion des Rechts ist »den Widerspruch von Freiheit/ Gleichheit (in der Beziehung zwischen Privateigentümern überhaupt) und der Unfreiheit/ Ungleichheit (in der Beziehung zwischen Privateigentümern und Nichteigentümern an Produktionsmitteln) in der gesellschaftlichen Wirklichkeit zu vermitteln, d.h. die Form abzugeben, in der sich freie und gleiche Individuen in einem Prozeß der Verwirklichung von Unfreiheit und Ungleichheit bezüglich der Zwecke der gesellschaftlichen Produktion und Aneignung handelnd aufeinander beziehen können. Und die mystifizierende Funktion des Rechts ergibt sich wiederum daraus, daß diese für den gesellschaftlichen Produktionsprozeß notwendige Abstraktion als das Ganze und als die einzige Form der Verwirklichung von Freiheit und Gleichheit aufgefaßt werden – und hier ist allerdings der Arbeit der Ideologen in der Rechtswissenschaft und anderswo wirklich Tür und Tor geöffnet. Ob das Ergebnis allerdings „Verdrängung“ genannt werden kann, bleibe ganz dahingestellt.
Daß es ideologische Prozesse gibt, die mit der Freudschen Tradition entstammenden Mittel analysiert und als kollektive Verdrängungsprozesse begriffen werden können, ja müssen, möchte ich ganz und gar nicht bestreiten – die jüngste deutsche Geschichte, aber sicher nicht nur sie, ist voller Beispiele dafür. Aber weder der Warenfetischismus noch die Widerspruchsstruktur von Erscheinung und wesentlichem Vorgang in der Beziehung zwischen Rechtsform der Freiheit und Gleichheit und politökonomischem Inhalt der Unfreiheit und Ungleichheit oder zwischen Äquivalententausch und Aneignung ohne Äquivalent sind mit jenen ideologischen Vorgängen in dieser Rücksicht zu vergleichen: da ist weder an „Urszenen“ noch an Verbrechen und Schuld zu denken, und es geht auch nicht darum, einmalige Ereignisse vergessen zu machen oder therapierend wieder ins Bewußtsein zu heben; vielmehr handelt es sich um ständig reproduzierte und in ihren Erscheinungsweisen in der Tat (…) täglich erfahrbare Vorgänge, die nicht vergessen, sondern – in ihrem Vermittlungscharakter und damit in ihrer nicht der Erfahrung unmittelbar zugänglichen gesellschaftlichen Funktion – nicht begriffen werden. Von der „Therapie“ in beiden Fällen ganz zu schweigen.«

Aus: Burkhard Tuschling, Recht als „Widerspiegelung und Handlungsinstrument“? Eine Auseinandersetzung mit Heinz Wagners gleichnamigem Buch, in: Demokratie und Recht. Vierteljahresschrift, 9. Jg., 1981, S. 20-38.