Überraschung des Tages: Materialismus in der FAZ!

Die Damen und Herren von der FAZ haben zwei Vorzüge gegenüber ihren anderen Kollegen von der bürgerlichen Presse: 1. Dass sie die Sieger der Geschichte sind (sie sich so zumindest sehen), nehmen sie souverän an und verzichten auf billiges, albernes Nachkarten, wie es das Markenzeichen der Springer-Presse ist. 2. Es gibt, vor allem im Feuilleton, einen traditionsreichen anti-liberalen Zug.
Beides hat zufolge, dass die Urteile über Marx, Lenin und den Kommunismus zuweilen überraschend milde und nachsichtig ausfallen und man sich mit Dietmar Dath einen Redakteur bzw. mittlerweile freien Autor gönnt, der offen mit seinem Leninismus kokettiert. Natürlich ist die FAZ »der Feind« und natürlich gilt »der Feind meines Feindes ist mein Feind«, soll heißen: nicht jeder Anti-Liberale ist unser Parteigänger (Carl Schmitt!). Aber wo die Aussicht vor lauter Feinden recht trübe ist, ist es vorläufig ratsam, sich an den intelligentesten zu halten.
Deshalb ist die angekündigte » Überraschung des Tages« eigentlich gar keine.
Der Historiker Jörg Baberowski, einer der bekanntesten Stalin(ismus)-Forscher Deutschlands und dabei wahrlich kein Linker, rezensiert, nein: verreißt in der FAZ vom 31.5. das neueste Machwerk Stéphane Courtois’, dem schon vor gut zehn Jahren in seinem »Schwarzbuch des Kommunismus« kein einziger Gedanke gelang, die gewiss widerwärtige Empirie vernünftig zu ordnen. Jetzt hat Courtois »Das Handbuch des Kommunismus« veröffentlicht, und, konstatiert die FAZ in ihrer Überschrift, »kommt dem Kommunismus wieder nicht auf die Spur«. Der Verriss Baberwoskis pulverisiert im Vorbeigehen einen zentralen Mythos des Antikommunismus – und das in der FAZ… (es gehört freilich zur atemberaubend wasserdichten Inkonsistenz des bürgerlichen Bewusstseins, sich davon nicht beeindrucken zu lassen).
Schon für das Schwarzbuch galt: »Die Historiker [des Schwarzbuchs] sahen Regierungen, die Verbrechen begingen und sie im Verweis auf Ideologien rechtfertigten, [Herausgeber] Courtois sah Ideen, die Regierungen zur Ausübung dieser Verbrechen zwangen.«
Dieser Idealismus – die interessierte Verwechselung von Ideen- mit realer Geschichte – kommt im neuen Buch abermals zur vollen Geltung: »Der Kommunismus sei (…) zwar erst 1917 auf die „weltgeschichtliche Bühne“ getreten, aber er sei als Idee und Vorstellung in der Geschichte der Menschheit schon immer präsent gewesen: als Versprechen, das Himmelreich auf Erden zu verwirklichen. Und so ist die Geschichte, die in diesem Handbuch erzählt wird, eine paradoxe Widerspiegelung kommunistischer Selbstbeschreibungen. Sie läuft auf eine simple Teleologie hinaus, die Ideen mit menschlichen Handlungen verwechselt.«
Und damit es wirklich jeder kapiert, spitzt es Baberowski noch einmal zu: »Eine solche Ideengeschichte aber bleibt die Antwort auf die Frage schuldig, warum ähnliche Vorstellungen in unterschiedlichen Kontexten Verschiedenes bewirken. Denn die marxistischen Lehren haben nicht nur den Bolschewiki, sondern auch den deutschen Sozialdemokraten oder der antiautoritären Studentenbewegung der sechziger Jahre zur Begründung und Rechtfertigung ihres Handelns gedient. Und dennoch handeln nicht Ideen, sondern Menschen. Ideen sind keine Erklärung für das Handeln. Sie bedürfen vielmehr der Erklärung. Davon aber scheint das „Handbuch“ nichts zu wissen.«
[Hervorhebungen jeweils von Ofenschlot]
Ein Muster ohne Wert. Was aber nichts am zu erwartenden Erfolg dieses Wälzers ändern wird, wer zuviel Zeit hat, kann ja mal abwarten, was in der WELT stehen wird.