Archiv für Juni 2010

Sommer! (Aus einem aufgegebenen Projekt, #19)

In eigener Sache
Diesen Blog gibt es mit dem heutigen Tag exakt ein Jahr. Zeit für eine (Sommer-)Pause. In dieser werden sich hier einige Sachen ändern, der Blog wird ein wenig renoviert, u.a. wird es einen eigenen Download-Bereich für längere Texte (Fundstücke, keine eigenen) geben. Dort werden keine inflationären Zustände herrschen, etwa zweimal im Monat werden neue Texte eingestellt, jeweils eingeführt und kommentiert. Es wird wohl noch weitere neue Unterseiten geben, we’ll see.
Ebenfalls mit dem heutigen Tag endet die Serie »Aus einem aufgegebenen Projekt«. Ein bis auf weiteres gescheitertes Projekt zu dokumentieren (siehe Statement), war der unmittelbare Anlass, diesen kleinen Blog zu starten. Es sind längst nicht alle Texte aus diesem Projekt dokumentiert, aber doch einige wesentliche. Damit soll es gut sein.
Aktuelle Ereignisse werden in den folgenden Tagen/Wochen natürlich weiterhin kommentiert.

Unmaßgebliche Bausteine zu einer politischen Ökonomie des Sommers
»Alle reden vom Wetter. Wir nicht«, diesen Slogan entwendete 1968 der SDS der Bundesbahn und montierte dazu die Köpfe von Marx, Engels und Lenin: Während die anderen irgendein Zeug faseln, kommen wir zur Sache .Eine genial schlichte Botschaft.
Tatsächlich gilt vielen das Schwätzchen übers Wetter als Belanglosigkeit par exellence. Warum sich über etwas aufregen, was man nicht beeinflussen kann? Warum etwas anpreisen, was einfach da ist und sich morgen schon geändert haben wird? Weil es um etwas anderes geht. »Die prompten Gespräche über das Wetter – und das Wetter, das ist die Jahreszeit –, die auch zwischen völlig fremden Menschen problemlos in Gang kommen und die wohl zu jeder Zeit Konversationen angestoßen haben«, schrieb die Essayistin Barbara Sichtermann als sie noch Marxistin war, »sind heute insbesondere der Versuch, sich der natürlichen Basis der Zeiterfahrung neben und unterhalb der verordneten Zeit (der Zeit der Fabrik, der Schule, des Fernsehprogramms etc.) zu vergewissern.« Und weiter: »Die menschliche Natur verbietet eine vollkommene Anpassung des Arbeiters an den Apparat; und soweit die natürliche Zeit der Gestirne und der Erdbewegung das größere Muster bleibt, in dem die Entwicklungen und Verrichtungen der menschlichen Körpernatur ihren Platz haben, lässt sich wohl behaupten, dass die vorkapitalistische Zeit der agrarischen Produktionsrhythmen, dass Sonnen- und Sanduhr nie völlig durch den Zeitplan einer modernen Organisation und die Weckuhr haben ersetzt werden können.« Die Linke hätte durchaus vom Wetter sprechen sollen, und nicht nur, wie einst die GRÜNEN, unter dem Gesichtspunkt der Klimakatastrophe. Man muss daran erinnern, dass der heute mythisch verklärte Kölner Ford-Streik von 1973 seinen Anlass darin fand, dass zahlreiche türkische Kollegen ihren Sommerurlaub eigenmächtig verlängerten und dafür mit der Kündigung bedroht wurden.
Der Rhythmus der Jahreszeiten verweist auf keinen unschuldigen Ort der Utopie, sie sind umkämpfte Felder der Klassenbildung – der Herrschaft einer Klasse und der Versuch der anderen, dieser Herrschaft zu entkommen. Das alles verschränkt sich in dem Blick auf die unter dem Einfluss von Sonnenstrahlen gebräunte Haut. In seinem wundersamen Fotobuch »Der Tod« notiert der Schriftsteller Günter Herburger nach einem Streifzug durch einen italienischen Badeort: »Strandleben verspricht Bräune, die für Gesundheit sorgen soll. Früher war es umgekehrt: Blässe verhieß Reichtum, Schutz und Burg. Wer hungerte sah ländlich aus, gehörte kommender Verderbnis an.« Die Sonne verbrannte den Bauern die Haut; Macht drückte sich in der Unabhängigkeit von den Witterungsbedingungen aus. Wir sind nicht die, die aufs Feld müssen, sondern die, die die anderen dorthin schicken.
Das Stigma der gebräunten Haut hob sich mit der Durchsetzung des Industriekapitalismus auf. Die Bauern wurden von ihrem Land vertrieben und in Fabriken gezwungen. Der Kapitalismus macht sich nicht von Jahreszeiten abhängig, anerkennt sie nur als Mittel des Profits (Einrichtung der Tourismusbranche). Die schlechte Haut der Proleten rührte jedenfalls nicht mehr von sengender Sonne, vielmehr von Alkoholsucht und ungesunder Nahrung.
In dem Maß, in dem der proletarisierte Bauer bleich wurde, suchte der Bürger die Sonne. Er musste nicht, er wollte sich die Haut bräunen lassen: Man gönnte sich Urlaub, während die anderen schufteten; man fuhr in die kolonisierten Länder und bestaunte den erbeuteten Reichtum. In der Figur des sonnengegerbten Abenteurers (der Imperialist, der als Kapitalist in seiner Heimat Konkurs gegangen ist) steckt auch die symbolische Ausbeutung der exotisch-braunen Hautfarben derjenigen, die in Afrika, Asien und Südamerika die Wucht der ursprünglichen Akkumulation zu spüren bekamen.
In den Jahrzehnten nach dem zweiten Weltkrieg wurde im Westen der Prolet als Konsument entdeckt (das Subjekt-Objekt eines gesamtgesellschaftlichen Lifestyles war er freilich schon im Faschismus). Und zu einem ordentlichen Konsumparadies gehören die großen Ferien, der Sommerurlaub und damit die massenhafte Verbreitung gebräunter Haut. Was auf die Verkleinbürgerlichung der Lohnabhängigen schließen lässt: »Der Fetischcharakter der Ware ergreift in der Bräune der Haut, die ja im übrigen ganz hübsch sein kann, die Menschen selber; sie werden sich zu Fetischen«, beobachtete Adorno in seinem »Freizeit«-Essay. »Der Gedanke, dass ein Mädchen, dank seiner braunen Haut, erotisch besonders attraktiv sei, ist wahrscheinlich nur noch eine Rationalisierung. Bräune ist zum Selbstzweck geworden, wichtiger als der Flirt, zu dem sie vielleicht einmal verlocken sollte. Kommen Angestellte aus dem Urlaub zurück, ohne die obligate Farbe sich erworben zu haben, so dürfen sie dessen versichert sein, dass Kollegen spitz fragen: ›Sind Sie denn gar nicht in Urlaub gewesen?‹ Der Fetischismus, der in der Freizeit gedeiht, unterliegt zusätzlicher sozialer Kontrolle.«
Mittlerweile ist der Sommer unter Verdacht, ungefilterte Sonnenstrahlen machen die Haut eben doch kaputt. Die Blässe hat wieder ihren festen Platz im Katalog der Klassendominanz, Stars wie Scarlett Johansson, Nicole Kidman, Leonardo DiCaprio sind stolz auf ihre weiße Haut.
Wenn im Sommer die Lohnabhängigen bis in die Morgenstunden vor den Cafés hocken, möglichst weit weg fahren wollen, Hitzefrei verlangen, um sich an Stränden und in Freibädern die Haut, so sagt man, brutzeln zu lassen, dann setzen sie angetrieben von Hitze und kurzen Nächten ihren Reproduktionszyklus gegen den Produktionszyklus des Kapitals. Aber der Wandel des Blicks auf die gebräunte Haut erinnert daran: Es gibt da noch die Gegenseite, die Nutznießer des Kapitals, die Schönen und die Reichen, die sich auch gerne mal im Freibad mit den anderen tummeln, die aber immer ein wenig früher wissen, welches Maß an Sonnenbräune noch als verträglich gilt und die das entscheidende Quantum Geld mehr haben, um den Sommer nicht nur vor Cafés, im Schwimmbad und in spanischen Bettenburgen zu verbringen. So eigensinnig die Menschen im Sommer agieren mögen, am Ende legt sich um das schöne Vergnügen wieder das eiserne Band der Klassenherrschaft.

Hegel, der Materialist!

Et voilà. So geht Materialismus:

»Grabe einen Toten aus und befrage die Made, die an seinem Fleische nagt: Was der Pfaff am Grabe versprochen, hat sie eingelöst – das Leben nach dem Tode. Wäre sie begabt zu Glück, sie wäre dankbarer Christ. Wäre sie Mensch, sie wollte Pabst werden. Wäre sie Philosoph, sie würde Tinte scheißen, die vom Tod als einem Festmahl kündet. Der Mensch, der Christ, der Philosoph aber, sei alle sind aber im Gegensatz zu unserer Made todunglücklich: weil sie leben und die Glückseligkeit erst im Tode erwarten. Sie sind unglücklich, weil sie der Tote sein wollen und nicht die Made.«

(Oder doch eher: Hegel, der Materialist? So schön und trefflich obiges Zitat ist, wir können leider nicht für seine Authentizität bürgen. Überliefert hat es der Schriftsteller Robert Menasse u.a. in seinen 2005 gehaltenen Frankfuter Poetikvorlesungen, bei Suhrkamp veröffentlicht, und in einem Essay für die Süddeutsche Zeitung. Ich habe die Quelle bei Hegel selbst bislang nirgendwo finden können, das kompetente Hegel-Register Helmut Reinickes bleibt stumm, auch die sonst so treffsicheren books.google-Seiten haben mir nicht weiterhelfen können, sondern verweisen stets nur auf Mensasses Suhrkamp-Büchlein. Dort gibt Menasse auch keine Quelle an. Hinzukommt, dass er das Zitat offensichtlich in leicht unterschiedlichen Fassungen überliefert; wir folgen der Fassung, die er einst in jenem Essay für die Süddeutsche, naja, ausgrub. Vielleicht alles doch ein Fake? Dann wäre es zumindest ein hübscher. Zweckdienliche Hinweise werden gerne entgegen genommen.)

Über Prekariat und Prekarisierung (Aus einem aufgegebenen Projekt, #18)

Einer der ersten Texte in dieser Reihe, vielleicht sogar der erste, ich überblicke das selber nicht mehr so genau, jedenfalls ziemlich genau vier Jahre alt. Damals, 2006, war die Rede von der Prekarität und den Prekariern bzw. den Prekarisierten besonders hot hot hot – schon wieder alles vergessen?

Über zerstückelte Erwerbsbiographien, die Zunahme von Zeitarbeit und befristeten Arbeitsverträgen, den traurigen Zirkus der Hinzuverdiener berichten heute die bürgerlichen Medien. Und die Linke? Will vor allem »nicht für eure Krise zahlen«, dabei ist man sich selbst gar nicht so im Klaren darüber, welcher Natur die Krise ist und wie sie sich zum »Normalbetrieb« des Kapitals verhält. Was einen großen Schatten auf die Kenntnisse der Linken von jenem Normalbetrieb wirft. Davon handelt der Text.

Im Vorfeld des 1. Mai kam kaum eine der großen Tageszeitungen, kaum eines der anspruchsvollen Wochenmagazine ohne eine Story, einen Essay, eine Reportage über (mit Vorliebe) prekäre Intellektuelle, (generell) prekär Beschäftigte und (die neue Begriffssensation) das Prekariat aus. Was das Prekariat vom Proletariat unterscheiden soll, ist seine fundamentale soziale Unsicherheit: Man wird nicht nur ausgebeutet, es fallen auch die angeblich stabilen Bedingungen weg, die die Ausbeutung reguliert haben – langfristige Arbeitsverträge, Kündigungsschutz, Sicherheit am Arbeitsplatz, Tarifverträge, gewerkschaftliche Organisierung, Mitbestimmungsrechte.
Anlass des Medienhypes war ein Farbtupfer im tristen Mai-Ritual, in Hamburg und Berlin fand der Euromayday statt (in Hamburg zudem die zweite Runde des Kongresses »Die Kosten rebellieren«). Eine von jungen linken Initiativen getragene und zahlenmäßig recht erfolgreiche Demonstration, die abseits der Totentänze von Gewerkschaften und der müden Kiezrandale einer neuen Arbeiterbewegung Ausdruck verleihen wollen: Akademiker ohne Aussicht auf Karriere; Illegale, für die kein Tarifvertrag gelten kann, da sie offiziell gar nicht hier sein dürfen; Leute aus dem sogenannten Dienstleistungssektor, die sich als gehetzte Postboten oder für Catering-Services krumm arbeiten.
Die Prekarisierungsdebatte markiert gegenüber anderen linken Großthemen der letzten Jahre einen Fortschritt. Während die Antiglobalisierungsbewegung sich in kreuzbrave sozialdemokratische Forderungen nach regulierten Märkten und besteuerten Spekulationen erschöpfte und die Aneignungsdebatte, die den revolutionären Gebrauchswert von kollektivem U-Bahn-Schwarzfahren und Supermarktplündereien abwog, kaum über eine Kritik der Zirkulationssphäre hinausgekommen ist, verspricht die Auseinandersetzung mit den Phänomenen der Prekarisierung den Blick auf das Herz bürgerlicher Reichtumsproduktion zu lenken – die Produktionsverhältnissen. Die lange verdrängte und den Gewerkschaftern überlassene Diskussion über Zusammensetzung und Struktur der Arbeiterklasse soll wieder geführt werden.
Arbeiterklasse? Hier fangen die Probleme an, denn kaum ein Vorkämpfer des Prekariats würde dieses Wort umstandslos in den Mund nehmen. Folgt man den historischen Wurzeln der Debatte, geht es eher um das Gegenteil – um die Flucht aus der Arbeiterklasse, um die Verabschiedung eines Begriffes.
Die Wurzeln führen nach Italien, in die Zeit nach dem heißen Herbst 1969 als militante Streiks in den industriellen Zentren, vor allem bei FIAT, das Land an den Rand einer großen Revolte bringen. Was in der linksdeutschen Italienbegeisterung untergeht: Der heiße Herbst endet mit einer Niederlage der linksradikalen Betriebskader, die ihre Kollegen auch gegen die KP und die Gewerkschaften samt ihrer Appeasement-Politik aufgewiegelt haben und dadurch den Auseinandersetzungen zu Radikalität und Rigidität verhalfen. Den bürokratischen Apparaten gelingt es, die Kontrolle über die Streikbewegung zurückzugewinnen, viele Linksradikale treten schließlich in Partei und Gewerkschaft (wieder) ein. Für die anderen stellt sich die Frage, wie ein neuer Zugang zur Klasse, zu den Subalternen gefunden werden kann. Der Industriearbeiter steht zunehmend weniger in ihrem Mittelpunkt, der Fokus richtet sich auf die subproletarischen Jugendlichen, die überhaupt nicht mehr in die Fabrik wollen, auf die Frauen, die Lohn für Hausarbeit fordern, auf die zahlreichen post-studentischen Subkulturen, in denen alternative Arbeitsformen (selbstverwaltete Klitschen, nur saisonales Arbeiten) durchprobiert werden. Kurzum, der Schwerpunkt linksradikaler Organisierungsversuche liegt bei den Prekären. Prekarität wird hier noch ambivalent, tendenziell sogar positiv gesehen: Die Leute entdecken in der Unsicherheit eine neue Ungebundenheit, die Abwesenheit von patriarchalen Familienverhältnissen, die Verweigerung des täglichen Fabrikrhythmus wird als Autonomie begriffen.
Aus der heutigen Prekarisierungsdebatte ist dieser offene, selbstbewusste umgang mit der Unsicherheit fast verschwunden und scheint maximal noch für die Neoboheme der Kulturarbeiter, Journalisten, Musiker, Künstler, Geisteswissenschaftler mit Patchwork-Jobs, Mediengestalter etc., relevant. Dennoch, die Annahme, dass die Prekären nicht mit »der« Arbeiterklasse, soll heißen: Industriearbeiterschaft, zusammenfallen, sondern eine neue Klasse ausmachen, zieht sich implizit von den italienischen Anfängen bis zum Euromayday. Tatsächlich aber gibt es nicht »die« Prekären. Wer von Prekarität spricht, muss verschiedene Formen unterscheiden, eine grundsätzliche, eine spezifische und eine fetischisierte.
In der grundsätzlichen drückt sich aus, dass Lohnarbeit immer prekär ist. In jeder Buchführung geht der Lohn vom Gewinn ab, Lohn ist für die Kapitalseite eine negative Größe, als solche gilt es, ihn beständig zu verringern – durch innerbetriebliche Rationalisierung (Erhöhung der Arbeitsintensität, Verringerung der Belegschaft), schließlich durch direkte Lohnkürzungen. Daraus – nicht aus der Zerschlagung des Sozialstaates – rührt die fundamentale Unsicherheit. Jede historische Bilanz gewerkschaftlicher Aktivität, auf die eine Gewerkschaft für gewöhnlich sehr stolz ist, enthüllt dies. Sie dokumentiert eine Sisyphosarbeit, in der kein mühsam ausgehandelter Tarifabschluss dauerhaften Bestand hat. Jede Maßnahme zur Arbeitszeitverkürzung hechelt den realen Prozessen der Arbeitsverdichtung und der Produktivitätssteigerung hoffnungslos hinterher.
Die sagenhaften – stabilen, regulierten, durch gewerkschaftliche Gegenmacht abgesicherten – fordistischen Bedingungen der 1950er bis 1970er und auch noch der 1980er Jahre, die sogenannten Normalarbeitsverhältnisse, erweisen sich als ideologisches Trugbild. Sie waren auf einige industrielle Kerne in westlichen Industrienationen beschränkt, galten nur für eine männliche, weiße Minderheit von Facharbeitern und selbst dies nur formal. Der Begriff des Fordismus kann den Prozess der reellen Subsumtion, die völlige Eingliederung der Arbeitskraft in den Verwertungsprozess, nicht erfassen.
Erst von dieser der grundsätzlichen Prekarität her lassen sich die spezifischen Formen bestimmen. Die prekären Beschäftigungsverhältnisse, über die heute so aufgeregt geredet wird, zerstören nicht den regulierten Arbeitsmarkt, sie sind kein von oben installiertes »neoliberales Projekt«. Die Prekarisierung entspringt direkt der inneren Dynamik des Kapitalverhältnisses. Wenn diese Verhältnisse vor allem als atypische, als – wenn auch massenhafte – Abweichung eines – wenn auch verblassenden – Normalzustands kritisiert werden, findet ein Quidproquo statt, die Nobilitierung eines Zustands, der keine verdient. Diese scheinbaren Anomalien sind allesamt reguliert: Tarifverträge beinhalten Ausstiegs- und Ausnahmeklauseln, sanktionieren mittlerweile die Wiedereinführung neuer Niedriglohnsektoren – ein Drittel aller Vollzeitbeschäftigten in Deutschland arbeitet zu Niedriglöhnen. Es gibt da keinen »Wildwuchs«. Planmäßig führen Unternehmen eine betriebsinternen Markt ein: Aus den einzelnen Abteilungen werden eigenständige Firmen, die auf eigene Faust kalkulieren müssen, gleiche Arbeit wird unterschiedlich entlohnt, da die Arbeiter für verschiedene, jeweils ausgegründete Subunternehmer tätig sind.
Was wir als Prekarisierung erleben, ist nichts anderes als eine umfassende Mobilmachung der Arbeitskraft. Das betrifft nicht nur alle Bereiche der produktiven Arbeit. Nicht mal die Arbeitslosigkeit darf als »sicher« gelten, der Arbeitslose soll in einen permanenten Stand-By-Modus versetzt werden, sich in Weiterbildungsmaßnahmen dauerqualifizieren und muss bei mangelndem Wohlverhalten, das immer die Arbeitsagentur definiert, mit Kürzung der Bezüge rechnen.
Die strukturelle Prekarität und ihre aktuelle Tendenz sind nicht Gegenstand der Debatte, wie sie sich im Vorfeld Euromayday manifestiert hat. Hier ist Prekarität nicht Mittel zum Zweck, sondern Grund des Übels. In einem Pamphlet zum Euromayday kritisiert die Berliner Gruppe Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft exemplarisch:
»Weil immer nur von Prekarität die Rede ist, kann man über schlechter werdende Arbeitsbedingungen klagen und von den Produktionsverhältnissen schweigen. Man kann sich einbilden und anderen vorbeten, alle Probleme dieser Welt seien Folge mangelnder Rechte und schlechter Politik. Man kann sogar auf die Idee kommen, der Staat solle zum Garanten all dessen werden, „was Menschen für ein Leben in Würde brauchen”, und sich am grünen Tisch Forderungen aus den Fingern saugen – zum Beispiel die nach einem komfortablen Grundeinkommen für alle, damit man sich über die Abschaffung der Lohnarbeit keine Gedanken mehr zu machen braucht.«
Es liegt ein Gegenstandswechsel vor: Die Linke, die angetreten ist, sich endlich genauer mit der Sache selbst zu beschäftigen, weicht auf das Terrain von Staat und Politik aus. Der Staat feiert ein Comeback als Großregulator gesellschaftlicher Verhältnisse zugunsten der Prekären. Wenn die Arbeit nicht mehr die Existenz sichern kann, dann soll es eben der Staat richten (als ob Lohnarbeit jemals den Zweck der Existenzsicherung gehabt hätte). Damit steht nicht mehr das Lohnarbeitsverhältnis zur Disposition, sondern eine mal mehr, mal weniger sozialverträgliche Politik. Wer vom Staat etwa ein bedingungsloses Grundeinkommen fordert, erkennt den grundsätzlichen Zweck der Ökonomie an, Vermehrung des investierten Kapitals auf Teufel komm raus, und tritt unfreiwillig freiwillig in die Debatte ein, wie hoch das Grundeinkommen sein darf, um noch dem Kapitalzwecken verträglich zu sein. Damit verharrt die Bewegung der Abhängigen genau dort: in der Abhängigkeit.
Prekarisierung wird dann zum Fetisch, wenn aus dem dynamischen sozialen Verhältnis ein geronnener Zustand wird, den es von Außen zu therapieren gilt. Nur als Verdinglichung ergibt der Neologismus Prekariat (schlechten) Sinn: Das Proletariat wird als prinzipiell statisch verstanden, davon setzt sich als ebenso homogen vorgestellte Schicht das Prekariat, die Superausgebeuteten, ab. Natürlich gibt es die faschistoide, mafiöse Ausprägung des Klassenbewusstseins, das sich vor allem nach unten abgrenzt – der gewerkschaftlich organisierte Bauarbeiter mit deutschem Pass, der spontan die illegal Beschäftigten bei der Gewerkschaft denunziert. Aber man entkommt diesen himmelschreienden Widersprüchen und mörderischen Konkurrenzverhältnissen innerhalb der Arbeiterklasse nicht, indem man, darin die Vorgaben staatlicher und gewerkschaftlicher Politik reproduzierend, bestimmte Klassensegmente einfach abspaltet und zum neuen revolutionären Subjekt verklärt.
Der Ausgangspunkt der Gruppen, die das Thema der Prekarisierung derzeit auf die Agenda setzen, unterscheidet sich kaum von dem der italienischen Urahnen. Es geht darum, überhaupt wieder Tritt zu fassen und so etwas wie Generallinie zu formulieren. So wie die italienischen Autonomen lernen mussten, dass es nicht nur den Fabrikkampf gibt, sondern eine Vielzahl von sozialen Kämpfen (Mieterstreiks, Frauenrevolten, Aufstände in den Knästen, besetzte Universitäten), die es zu vernetzen gilt, erleben heutige Aktivisten eine Vielzahl von – kleinen, verschüchterten, defensiven, aber immerhin: präsenten – Auseinandersetzungen. Wer sich genauer den jüngsten Streik im öffentlichen Dienst [Anspielung auf einen durchaus hart geführten Streik der Müllwerker], den sechsmonatigen Arbeitskampf beim Flughafen-Cateringservice Gate Gourmet in Düsseldorf, die an einzelnen Unis überraschend impulsiven Abwehrmaßnahmen gegen die Einführung von Studiengebühren anschaut, entdeckt Momente einer Kampfbereitschaft, die ohne Einhegung und Betreuung durch Polit- und Gewerkschaftsprofis auskommt.
Die Frage ist: Was verbindet die Kämpfe? Was haben die Studentin aus gutem Elternhaus, die das Rektorat besetzt, der Müllwerker, der innerhalb einer Arbeitsstunde die doppelte Menge Müll fahren muss als noch vor ein paar Jahren, die Putzfrau ohne Aufenthaltsgenehmigung, die mit ihren ebenfalls illegalisierten Kolleginnen ein komplexes Überlebensnetzwerk ausgebaut hat, gemeinsam? Antwort: die real bzw. (im Fall der Studentin) erwartbar beschissenen Arbeitsbedingungen. Das soll der Ansatz sein, der die voneinander isolierten Widerstandsformen vereinheitlicht. Aber nur auf einem hochabstrakten Level, zu unterschiedlich sind die Bedingungen vor Ort. Ein Jungakademiker, der keinen geordneten Übergang in das Berufsleben vollzieht, sondern eine Ochsentour als Praktikant, Volontär, Assistent und wissenschaftliche Hilfskraft durchmachen muss, erlebt die schlechten Arbeitsbedingungen anders – in der Regel als Übergangsübel – als der Müllwerker, dem die Einsicht dämmert, dass kein Tarifvertrag mehr den Arbeitsdruck mildern wird.
Dabei leistet das Kapital selbst durch alle Spaltungen der Arbeiterklasse hindurch die Vereinheitlichung. Es ist das Kapital, das eine neue Auffassung von Arbeit durchsetzt. Alles, was Menschen leisten und tun, auch dann, wenn sie gerade in keinem Lohnabhängigkeitsverhältnis stehen, soll direkt auf den Verwertungsprozess bezogen sein. Die Pointe, die denjenigen entgeht, die wie kritisch oder verdruckst auch immer, auf den Staat oder halbstaatliche Organisationen wie Gewerkschaften setzen, um dem Druck Einhalt zu gebieten, die Pointe liegt darin, dass die Prekarisierung, die das Kapital der Arbeitskraft aufherrscht, auf es selber zurückfällt. Wo alles inwertgesetzt ist, wo jede Arbeit buchstäblich produktiv werden muss, vergrößert sich die Angriffsfläche.
Das bleibt eine abstrakte Behauptung, solange diese Angriffsfläche nicht auch genutzt wird. Nirgendwo steht geschrieben, dass aus der universellen Verunsicherung eine universelle Widerstandshaltung erwächst, auf Jahre hinaus dürfte noch das Gegenteil der Fall sein. Es würde vielleicht am meisten helfen, wenn die Euromayday-Aktivisten ihre Klientel auf diesen jahrelangen und gewiss sehr harten Klassenkampf einstimmen würden.

Der Beton der Erkenntnis: »Zur Hölle mit der Freiheit! Und zur Hölle mit dem Staat!«

Man kann, ein bisschen boshaft, aber durchaus aufrichtig und ernsthaft behaupten, dass sich der Materialismus Amadeo Bordigas (er schon wieder… aber wir sind hier nun mal die einzigen, die auf aktuelle Übersetzungen seiner Schriften hinweisen) aus seiner Tätigkeit als Brückenbau-Ingenieur ableitet.
Schon mal eine demokratisch gebaute Brücke gesehen geschweige denn betreten? Eben.
Tatsächlich ist es so, dass unter Linken Vorstellungen einer »sozialistischen« oder »demokratischen« Naturwissenschaft schon lange nicht mehr kursieren. Das bedeutet aber leider keinen Erkenntnisfortschritt, sondern steht für einen verhärmten Skeptizismus. Dialektik gilt zeitgeistigen Linken als Begriffsreflexion, als geistige Anstrengung, als Spiel der Kategorien. In der Dialektik der Natur die Natur der Dialektik zu finden – um Gottes Willen! Das heißt heute »szientifisch-positivistischer Marxismus«, und als Anhänger eines solchen angeblich »verkürzten« Marxismus gilt Amadeo Bordiga (mal wieder… Wir können das Spiel abkürzen und hier ein für allemal dekretieren, dass Bordiga überhaupt für alles Schlechte und Böse und auch Gemeine im Marxismus steht. Ist der Ruf erst ruiniert …).
Wahr daran ist, dass Bordiga an der Einheit aller Wissenschaften festgehalten hat, somit schon die Aufteilung in Natur-, Gesellschafts- und Geisteswissenschaften für problematisch befand. Damit wusste er sich in bester Gesellschaft. Denn dem Bürgertum in der Phase seines Aufstiegs und seiner wissenschaftlichen – kritizistischen – Revolution gegen den Fideismus und den Solipsismus der Weltanschauung des Feudalismus war das eine Selbstverständlichkeit. Und es war wiederum das Bürgertum, dass das Band zerriss, die Existenz von Gesetzen gesellschaftlicher Entwicklung entweder leugnete oder ihnen jede Dynamik, jede innere Spannkraft, kurzum: jede Dialektik raubte (Kapitalismus als beste aller möglichen Welten): »Die industrielle Bourgeoisie schätzte es, die Wissenschaft der Naturkräfte jenseits gesellschaftlicher und religiöser Normen als mit Sicherheit möglich zu verkünden, und rücksichtslos durchbrach sie alle Hindernisse«, führt Bordiga aus. »Es behagte ihr dann allerdings weniger, als der Anspruch erhoben wurde, sich mit Hilfe der gleichen Waffen – Zweifel, Infragestellung der Autorität, Kritik, Induktion – nicht bloß über das ›Skelett‹ der stofflichen Natur, sondern auch das der menschlichen Gesellschaft und Geschichte klar zu werden.«

Amadeo Bordiga hat in den 1950er Jahren eine Reihe von grundsätzlich-methodischen Aufsätzen und Essays geschrieben, vergleichsweise bekannt ist Zur dialektischen Methode (1950), in denen er das Verhältnis von Kommunismus und Wissenschaft ausleuchtet. Jetzt ist mit Kommunismus und menschliche Erkenntnis. Einleitung zu einer Darstellung der marxistischen Anschauung über die Wissenschaft der Geschichte, des Menschen und der Natur ein weiterer Grundlagentext übersetzt worden (man kann es nicht genug betonen: Es ist eine Erstübersetzung!), der sich nicht zuletzt wegen seiner Kürze als Einführung empfiehlt. Er ist sehr gedrängt, was beim ersten Lesen durchaus Schwierigkeiten bereitet, und er arbeitet sich an einem Gegner ab, den viele noch nicht einmal mehr vom Hörensagen kennen: Benedetto Croce. Nun, das ist der italienische Hegel, der ›Laienpapst der Bourgeoisie‹, eine ganze Reihe seine Werke sind auch auf Deutsch erschienen.
Was Bordiga an Croce so reizt (abgesehen davon, dass es der greise Croce war, der, zur großen Überraschung der Parteikommunisten, die Gramsci-Entdeckerei auslöste), ist natürlich seine zentrale Stellung als Denker des (nicht nur) italienischen Bürgertums. Die Auflösung der Einheit der Wissenschaften, die Degradierung der Dialektik zu einem Geistesspiel, die Reduzierung der Geschichte auf Tatsachen und Ereignisse, die Vergötterung des genialen Individuums als eigentlichen Movens der Geschichte – das alles findet Bordiga in Reinform, in höchster Vollendung bei Croce ausgeprägt.
»Wir stießen bei Croce auf folgenden Passus: ›Die Dialektik findet einzig Anwendung auf die Beziehungen zwischen den Kategorien des Geistes und bezweckt die Lösung des alten, erbitterten, scheinbar hoffnungslos festgefahrenen Dualismus zwischen Wert und Nichtwert, Wahrem und Falschem, Gutem und Bösem, Positivem und Negativem, Sein und Nichtsein.‹ Wir hielten dagegen, dass die Dialektik für Marxisten in jenen Darstellungen ihren Platz hat, mit denen das menschliche Denken die Naturvorgänge reflektiert, und dass diese Art des sich Einprägens, des Überlegens, des Darstellens, des Beschreibens bzw. ›Erzählens‹ von uns wie jede andere Beziehungsgruppe zwischen materiellen Prozessen behandelt wird – wie z.B. zwischen der Chemie des Düngers und der Physiologie der Pflanzenzelle.«
Diese Attacke führt Bordiga im folgenden aus – wir überspringen das (selber lesen!) und kommen zu dem Zitat in unserer Überschrift, das natürlich von Bordiga stammt und das scheinbar mit dem bisher gesagten in keinerlei Zusammenhang steht: »Zur Hölle mit der Freiheit! Und zur Hölle mit dem Staat!«

Als Denker der Bourgeoisie ist Croce bestrebt, die Grundlagen des Handelns des Bürgertums zu verallgemeinern, die uneingeschränkte Freiheit der privaten Initiative zu begründen. Das folgt aus seinem tiefen Skeptizismus gegenüber jeder Geschichtslogik. Die Freiheit als Grundlage wie Telos alles Handelns kann er nur ganz formal und ganz abstrakt bestimmen, denn die Freiheit ist ja das Grenzenlose, Unbeschränkte – das folglich in der allseitigen Konkurrenz sich jeweils selbst zu vernichten droht: »Die Freiheit des einen hört auf, wo die Freiheit des anderen beginnt«, lautet doch der bekannte Spruch. Freiheit trägt ihre Beschränkung also immer in sich, sie ist im Wesentlichen ein GEWALTVERHÄLTNIS zwischen den Bürgern. Dieses Gewaltverhältnis richtet der Staat ein und schützt es auch. »Zur Hölle mit der Freiheit! Und zur Hölle mit dem Staat!« – nur so kann folglich die Antwort der Kommunisten lauten.

Hier die längere Passage, in der Bordiga diesen Fluch herleitet. Sie beginnt mit einem Zitat Croces (wer den Text Bordigas in seiner ganzen Länge liest, versteht übrigens unsere Beton-Anspielung…):

„Höchst bezeichnend für das innere Wesen des Kommunismus (…) ist die Abneigung, ja der Widerwille, den er stets gegenüber einem Grundbegriff des geistigen und historischen Lebens gezeigt hat: dem der ‘Freiheit‘, der nicht nur in den alten Utopien vom Typus ‘Sonnenstaat‘ nicht vorkommt, sondern auch von den modernen kommunistischen Parteien bekämpft wird (…).“
Und das trotz der weltweiten Verseuchung durch dem Namen nach kommunistische Parteien, die bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit die Freiheit im Munde führen.
Wirklich wichtig ist aber seine Begründung: Croce fällt nämlich über Babeuf her, der in dem ersten kommunistischen Aufruf des „Bundes der Gleichen“ die bürgerlichen (formalen) „Freiheitsrechte“ in gewisser Weise gelten ließ, aber darauf bestand, die „wirkliche Freiheit“ hinzuzufügen. Nicht wenige Anarchisten sprechen noch heute davon, dass nach Erlangung der politischen auch die soziale Freiheit zu erobern sei. „Dummköpfe“, sagt Croce, und hier hat er Recht: „Der Begriff der Freiheit ist immer formal, d.h. ‘moralisch‘ und nie durch den Besitz besonderer wirtschaftlicher Güter bedingt“. Er könnte auch einfacher sagen: Wer frei ist, kann arm sein – und wer arm ist, kann frei sein.
Den wirklichen Wendepunkt benennt Croce nicht schlecht: Marx „riet dazu, die liberalen Kräfte gegen die absolutistischen Regimes zu unterstützen, um sich gleich nach dem Sieg von den Gelegenheits-Verbündeten wieder zu trennen“. Völlig richtig. Zwischen Bourgeois und Proletariern gab es ein historisches – und einmaliges – Zusammentreffen, aber niemals ein, sagen wir, „philosophisches“. Es gibt keinerlei gemeinsame „Ideale“ und keinen gemeinsamen „Kultur-Stammbaum“. Croce hat selbst klar ausgesprochen, dass man sich nicht auf die bürgerlichen liberalen Forderungen stützen kann, um dann weiter zu den sozialen, ökonomischen zu kommen. Es ist nicht so, dass der Liberalismus auf halbem Wege stehen geblieben sei, und wir müssten jetzt allein weitergehen: vielmehr stellt er sich unserem sozialen Ziel in den Weg, und zwar vom ersten Augenblick an.
Müßig also, von formaler oder moralischer Freiheit, oder Freiheit auch ohne Adjektiv, zu reden. Sie ist ein hohles Wort und der Marxist, der es, sei es auch nur zu agitatorischen Zwecken, gebraucht, ist ein Schwindler der schlimmsten Sorte, denn er mystifiziert das, wofür er zu kämpfen vorgibt.
Jawohl, meine Herren, es ist schon so: für Marx „war die Eingangstür zum Kommunismus die Diktatur“. Ihr fürchtet, nicht nur vorübergehend? Man möchte am liebsten wie Michel Ardan, eine Figur Jules Vernes, antworten, der gefragt wurde: Wie wollen Sie vom Mond wieder zurückkommen? – Lassen Sie uns erst mal hinkommen, sagte er, dann werden wir weitersehen.
Für Marx bringe der „Übergang die Abschaffung des Staates mit sich“. Ganz richtig, des Staates „d.h., der ersten Einrichtung, die die Freiheit garantiert, und diese Garantie hat juristische Form“, fügt Croce nicht minder klarstellend hinzu.
Anarchisten, die ihr unbedachterweise den Fuß auf die liberale Stufe setzen wollt (als ob der große alte Babeuf dort stehen würde) – denkt darüber nach.
Wir Marxisten spielen in der Theorie mit offen Karten: Zur Hölle mit der Freiheit! Und zur Hölle mit dem Staat!
Croce, der unsere Aussagen über den Kampf und die Geschichte zu Unrecht überging, fällt dann doch eine Stelle ein, wo Marx die kommunistische Revolution „den Sprung vom Reich der Notwendigkeit ins Reich der Freiheit“ nennt.
Wo soll der Widerspruch liegen? Nicht der Geist, der so frei ist, dass er sich in einem fort beim leisesten Windhauch in Luft auflöst, sondern das Individuum soll befreit werden. Wir erklären es euch: Das gewöhnliche oder auch außergewöhnliche Individuum ist dem Gesetz der Determination unterworfen und an die Notwendigkeit gefesselt: nicht nur tut es nicht, was es tun will, sondern es weiß auch nicht, was es tut. Solange Klassen gegen Klassen kämpfen, gehorcht auch die Gesellschaft, die Gattung Mensch diesen Zwängen der Notwendigkeit. Doch wenn die Geschichte das Drama der Klassengesellschaften hinter sich lässt, befreit sich die Gesellschaft als ein Ganzes – nicht ihre individuellen Teile – von ihrer Jahrtausende währenden Ohnmacht; sie leitet die Technik und die Arbeit und die kolossale menschliche Tätigkeit an, und darin liegt die einzige, die wirkliche Befreiung – und auch die erste, insofern Bewusstsein und Erkenntnis zum ersten Mal auftreten, von denen ihr glaubt, dass sie von Anfang an dem Licht des Geistes anhaften.
Babeuf (abermals er) habe als Erster die Grundlage für die Entwertung des Marxismus gelegt, für die Respektlosigkeit „gegenüber allen Formen des geistigen, religiösen, philosophischen, wissenschaftlichen, poetischen Lebens“, denn er habe sich getraut zu sagen (leider kennen wir die großartige Stelle nicht): „der Wert des Denkvermögens ist Ansichtssache; aber man muss untersuchen, ob nicht der Wert der ganz natürlichen und physischen Kraft ihm ebenbürtig ist“.
Nun, eben der Pessimismus, der bei Croce auf jeder Seite durchschimmert, berechtigt dazu, eine negative Bilanz der Denk- und Bewusstseinsarbeit zu ziehen: Wenn sie die absoluten „Werte“ sind, d.h. die einzigen Größen, deren Einnahmen und Ausgaben sich sicher registrieren lassen, führt das selbstredend zu einer Bilanz. Auf dem Gipfel dieser so gerühmten Kultur, die uns zu Recht schuldig befindet, ihr gegenüber respektlos und ikonoklastisch zu sein, könnte die Bilanz kaum katastrophaler sein.
Babeuf, der sich als Verfasser des ersten revolutionären Aufrufs hinsichtlich der Illusionen von Freiheit unglücklich ausgedrückt und geglaubt haben mag, das Proletariat würde sich aus der trügerischen Hülle des Bürgers herausschälen, gab dennoch das Zeichen zum neuen Aufbruch der Klasse.
Nicht die Geister, sondern die Körper bedürfen einer natürlichen und physischen Kraft, die eben Kampf, Revolution und Diktatur heißt; denn wenn die durch die Notwendigkeit erbarmungslos gesetzten Schranken endlich niedergerissen werden, bewegen sich die Menschen auf ungeheure Gebiete zu, in denen sie eine gewaltige und vielschichtige Tätigkeit entfalten werden; und die deformierten und verzerrten Resultate, zu denen der Ge- und Missbrauch der Intelligenz bis anhin geführt hat, werden, ebenso wie die Heuchelei einer Gewissensprüfung, überwunden sein, so dass sie ganz richtig zur Vorgeschichte zählen, in deren Finsternis und Niedertracht wir noch immer versinken.

Westjunkies gegen Israelobsessive

Leute, die israelische Militäraktionen kritisieren – als systematisch, nicht als Ausrutscher einer an und für sich vorbildlichen Politik –, die ein Problem mit der Besatzungspolitik haben und die an der permanenten, latente Notstandspolitik des Staates nicht die Wirkung einer Ursache sehen, die nicht in der Macht von Regierung und Generalstab liegt (vulgo: der angeblich endemische Judenhass »der Araber« resp. »der Palis«), sondern umgekehrt, eine Ursache, die zahlreiche, gerade auch für die Menschen in Israel verhängnisvolle Folgen hervorruft, solche Leute bekommen genüsslich vorgehalten, sie seien regelrecht obsessiv. Für das wirkliche Elend dieser Welt, für all das Schlachten, was im Sudan, in der Westsahara, an den Grenzen Libyens, in den Bergen Kurdistans und den Gefängnissen Teherans stattgefunden hat, noch stattfindet und immer wieder stattfinden wird, würden sie sich nicht interessieren. Stattdessen würden sie hyperkritisch, ohne Sinn und Verstand, eben obsessiv jeden Zentimeter israelischer Regierungspolitik untersuchen und einer vernichtenden (sic!) Kritik unterziehen. Dabei stünde doch das, was in Israel bzw. in den besetzten Gebieten oder auch schon auf internationalen Gewässern geschieht, in keinem Verhältnis zu einer x-beliebigen Repressionsmaßnahme eines der Tyrannen in der Region.
Dieses Muster der Anti-Kritik ist exemplarisch und weit verbreitet. Henryk M. Broder wendet es reflexhaft an, wenn irgendwelche Intellektuelle Israels Politik kritisieren und fragt höhnisch, wann denn von diesen Vordenkern die letzte Verurteilung Nordkoreas veröffentlicht worden sei. In der Regel hat es nie eine gegeben.

Man könnte also sagen: Wer von den Verbrechen des iranischen Regimes nicht sprechen will, der soll von den Verbrechen der israelischen Politik schweigen.
Ich finde, das ist ein vernünftiger Satz. Ich finde, dass man als Kommunist heutzutage und eigentlich seit jeher sich nicht auf Regierungen als Bündnispartner einlassen sollte, also auch nicht das schale Spiel des Abwägens (die einen – Iran als Bollwerk des Antiimperialismus; die anderen – USA als Verkörperung der welthistorischen Vernunft). Ich finde weiter, dass es dringend notwendig ist, das Gewaltverhältnis, dass der Staat per se darstellt, im Sinne einer Globalanalyse des Kapitalismus jeweils spezifisch auszuleuchten und die Analyse erst recht dann voranzutreiben, wenn der Staat USA oder Iran heißt, und auch nicht zurückschrecken, wenn es um Israel oder (an eine andere Fraktion gerichtet) um Kuba geht. Da die Revolution nur eine Weltrevolution sein kann (dieser Satz gilt, auch wenn sein Prognosegehalt gegen Null geht), muss man vorab das GANZE Weltsystem in seiner kritischen Analyse berücksichtigen. So einfach ist das.

So einfach ist es hier aber nicht gemeint. Der Verweis auf die Verbrechen anderer Regimes und das Schweigen der Kritiker, bedeutet wenig anderes als: Maul halten.
Es ließe sich differenzieren: Dass Mankell kein Wort über Arbeitslager in Nordkorea verliert, ist eine Schande, aber das ändert nichts am Gehalt seiner Aussagen über Israel. Diese klare Trennung wird aber von seinen prowestlichen Kritikern nicht akzeptiert (für die USA gilt diese Trennung freilich: Was sie in Vietnam oder auf Granada angerichtet haben, war schlecht; was sie jetzt im Irak und in Afghanistan tun, ist richtig, sie meinen es schließlich ernst mit der Demokratie … genau so stellt sich das antideutsche Argumentationsmuster dar).

Es stimmt, es gibt sie, die Israelobsessiven, unangenehme Gestalten, die einen Teil des common sense hinter sich wissen, und für die der ganze Imperialismus auf dieses kleine, semiperiphere Land zusammenschrumpft. Für diese Leute gilt nach wie vor: Die Feinde unserer Feinde sind auch unsere Feinde.
Der Spruch – über Israel zerreißt du dir das Maul, aber zum Sudan fällt dir gar nichts ein – fällt in der Regel auf die zurück, die dieses Muster anderen aufpropfen: Die Opfer anderer Regimes sind ihnen bloße Staffage, um Kritiker Israels und genereller: Kritiker des westlichen, immer noch haushoch überlegenden Imperialismus bloßzustellen.
Die Sympathie mit der »grünen Bewegung« Irans würde ganz schnell aufhören, wenn nach einem Regime-Change die neuen Machthaber nicht vom Atomprogramm des alten Regimes abrücken (ich mag mich täuschen, aber die Beibehaltung des Atomprogramms ist gerade KEIN Gegenstand der innenpolitischen Kontroversen Irans). Was sagen eigentlich die neuen Freunde der Kurden dazu, wenn kurdische Partisaninnen und Partisanen ihren Kampf explizit ins Verhältnis zum palästinensischen setzen (ich habe nicht viel Kontakt zu kurdischen Aktivisten, aber jedes Mal ging es um die Gemeinsamkeit: Wir hier in der Türkei; die dort in Israel)? Gleiches dürfte auch für die Bewohner der Westsahara und ihrem Kampf gegen die marokkanischen Besatzer gelten?
Die Begutachtung solcher Freiheitsbestrebungen erfolgt unter dem zutiefst ideologischen Maßstab: Was ist gut für den Westen und was nicht? Das Entzücken über eine us-amerikanische Außenpolitik, die sich – freilich bloß unter Bush jr. – weg von der Realpolitik (Er ist ein Schurke, aber er ist unser Schurke.) hin zum Demokratie-Export entwickelt habe, gibt es gratis. Am imperialen Gehalt der us-amerikanischen Gewaltpolitik ändert das nichts, und falsch ist die Einteilung »damals Realpolitik, heute Demokratieverfechter« sowieso. Auch in Vietnam traten die USA in den 1950er Jahren – durchaus gegen die alte französische Kolonialmacht gerichtet – als Demokratie-Exporteure auf.

Westjunkies gegen Israelobsessive: Ignorante beschimpfen Ignorante. Ich kenne Genossen, die in diesem heil- und trostlosen Zwist meinen, unbedingt Stellung beziehen zu müssen. Es fällt wohl schwer – aber Kommunisten sollten sich von diesem Gezänk verkrachter Staatsvergötterer nicht beeindrucken lassen.