Ich finde, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo man den weiteren politischen Werdegang Jürgen Elsässers einzig auf die Wirkung bestimmter Drogen zurückführen kann.
Else, so muss man sich das vorstellen, kommt spätabends nach Hause, hat, sagen wir, gute Laune und will sich noch ein paar Filmchen runterladen. Dabei stößt er auf, wie kann es auch anders sein in diesen Stunden … LENA.
»…als ich heute spät nach Hause kam und die Nachricht lief, dass sie gewonnen hat, bin ich sofort auf Youtube und hab mir das Ding reingezogen. Und ich sage: Super! Vom Feinsten! Es gibt noch Deutsch-Pop! Es gibt noch deutsche Frauen! Und die können sogar singen! Wer hätte das gedacht?« Ja, wer hätte das gedacht? Dass ein von einem dänisch-amerikanischen Songwriter-Duo geschriebenes Liedchen, das selbstverständlich auch auf Englisch gesungen wird, heute als Deutsch-Pop durchgeht?
Und die in dem Satz »Es gibt noch deutsche Frauen!« zum Ausdruck kommende Überraschung kann man ja einen Moment auf sich wirken lassen. Kann sich jemand eine Welt vorstellen, in der diese Überraschung überhaupt möglich wäre? Ich nicht.
Der Rest von Elses jüngstem Ausfluss wäre ebenfalls zum Brüllen komisch
-- »Im Unterschied zu dem Ganster-Rap und allem Brutalo-Scheiss, den uns die Yankees rübergebracht haben, geht es in [Lenas] Song um etwas Grundsympathisches: um Liebe. Das ist es doch, was dieses Land, dieser Kontinent, die ganze Welt braucht – oder?« —,
würden seine Hate-Speech-Anfälle
-- »Die Schwul-lesbisch-androgyno-Werbung, die ansonsten auf diesem Eurovision Contest läuft, ist beim Publikum nicht angekommen – und das ist auch gut so, WoWi!«--
nicht abermals darauf schließen lassen, dass offenbar auch die härtesten Drogen aus einem Fanatiker keinen Peacenik machen.
Elsässer ist die Leiche im Keller der Antideutschen (je länger ich draufgucke, desto mehr fällt mir auf – ein schöner Satz, er könnte fast Elsässer himself stammen). Das ist ja der Gag: Elsässer hat die Vorzeichen vertauscht: In den 1990ern machte er noch unbedingt jenen Nationalismus mit, der seinen Heil in der Verhimmelung der alliierten Siegermächte des zweiten Weltkriegs fand. Erinnert sich noch jemand an Elses »Keine Träne für Tschetschenien«? Ich empfehle, seine alten KONKRET-Texte einfach mal im Kontrast zu ein paar zeitgenössischen Reportagen zu lesen. Die Rechtfertigung von Massenmorden und Massakern aus Gründen einer übergeordneten historischen Vernunft (als Platzhalterin für »den Kommunismus«) hat mit Elsässer angefangen, im Laufe der Jahre hat er dann seinen Lieblingsstaatswimpel einfach woanders gefunden. Dass es Elsässer und seinen heutigen antideutschen Feinden in erster Linie um Wimpel und Fahnenschwenkerei geht, ist das überwältigend Gemeinsame beider Positionen: Hinter welcher Fahne man sich wiederfindet, ist dann bloß noch Geschmackssache. Nicht mehr, nicht weniger.