Prophetische Sätze

Achtung, TOPler! Hallo, junge GSP-Adepten! Eine Warnung in aller Freundschaft: In folgendes Buch niemals nie nicht reinschauen! Denn es lenkt nur ab, die Gefahr der Irritation ist einfach zu groß. Man kriegt dann keine saubere Ableitung mehr hin, und dann sind all die schönen Agitationsveranstaltungen für die Katz.
Wovon ist die Rede? Hiervon: »Briefe über den historischen Materialismus (1890-1895)« (Dietz Verlag, Berlin Ost, 1979/1988), eine Auswahl aus den sogenannten »Altersbriefen« von Friedrich Engels an Conrad Schmidt, Paul Ernst, Joseph Bloch, Franz Mehring, Walter Borgius und Werner Sombart.

Dort stehen so prophetische Sätze wie:

»Auch die materialistische Geschichtsauffassung hat […] heute eine Menge [fataler Freunde], denen sie als Vorwand dient, Geschichte nicht zu studieren. Ganz wie Marx von den französischen ›Marxisten‹ der letzten 70er Jahre sagte: ›Tout ce que je sais, c’est que je ne suis pas Marxiste.‹« (Brief an Schmidt, 5.8.1890)
Oder:
»Es ist aber leider nur zu häufig, daß man glaubt, eine neue Theorie vollkommen verstanden zu haben und ohne weiteres handhaben zu können, sobald man die Hauptsätze sich angeeignet hat, und das auch nicht immer richtig. Und diesen Vorwurf kann ich manchem der neueren ›Marxisten‹ nicht ersparen, und es ist da dann auch wunderbares Zeug geleistet worden.« (Brief an Bloch, 21.9.1890)
… als wäre er unser Zeitgenosse.

Wir halten es übrigens mit der Maxime, die er seinem missratenen Meisterschüler Eduard »Ede« Bernstein einbläute (vergeblich):

»…nicht sich drehen und winden unter den Schlägen des Gegners, heulen, winseln und Entschuldigungen stammeln: so böse war’s nicht gemeint; – wie noch so viele tun. Wiederhauen muß man, für jeden feindlichen Hieb zwei, drei zurück. Das war unsere Taktik von jeher, und wir haben bis jetzt, glaub’ ich, noch so ziemlich jeden Gegner untergekriegt.« (MEW 35, S.425)

Zwei Nachträge (Media vita in morte sumus)

»Der Hohn gegen die Geschichte, die Nichtachtung der Entwicklung der Menschheit ist ganz auf der andern Seite; es sind wiederum die Christen, die durch die Aufstellung einer aparten ›Geschichte des Reiches Gottes‹ der wirklichen Geschichte alle innere Wesenhaftigkeit absprechen und diese Wesenhaftigkeit allein für ihre jenseitige, abstrakte und noch dazu erdichtete Geschichte in Anspruch nehmen, die durch die Vollendung der menschlichen Gattung in ihrem Christus die Geschichte ein imaginäres Ziel erreichen lassen, sie mitten in ihrem Laufe unterbrechen und nun die folgenden achtzehnhundert Jahre schon der Konsequenz halber für wüsten Unsinn und bare Inhaltslosigkeit ausgeben müssen. Wir reklamieren den Inhalt der Geschichte; aber wir sehen in der Geschichte nicht die Offenbarung ›Gottes‹, sondern des Menschen, und nur des Menschen.«
(Friedrich Engels, »Die Lage Englands«, 1844, MEW 1, S. 545)

»Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst. Bei Marx tritt sie als die letzte geknechtete, als die rächende Klasse auf, die das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende führt. Dieses Bewusstsein war der Sozialdemokratie von jeher anstößig. Im Lauf von drei Jahrzehnten, gelang es ihr den Namen eines Blanqui fast auszulöschen, dessen Erzklang das vorige Jahrhundert erschüttert hat. Sie gefiel sich darin, der Arbeiterklasse die Rolle einer Erlöserin k-ü-n-f-t-i-g-e-r Generationen zuzuspielen. Sie durchschnitt ihr damit die Sehne der besten Kraft. Die Klasse verlernte in dieser gleich sehr den Hass wie den Opferwillen. Denn beide nähren sich an dem Bild der geknechteten Vorfahren, nicht am Ideal der befreiten Enkel.«
(Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen, 1940)

(Ein erhellender Text, warum Engels Marxens nachgelassene Kapital-Manuskripte gerade nicht verfälschenderweise zusammengekloppt hat, findet sich hier.)