Immer beliebter! Wir fragen, Pannekoek antwortet

Das Moskauer Hotel Lux war jener Ort, der zwischen 1937 und 1941 zahlreichen kommunistischen Emigranten zur Todesfalle wurde, alles Linientreue übrigens, was das ganze Ausmaß ihrer Tragödie beschreibt. Lukacs, der täglich mit seinem Abtransport rechnete und der doch überlebt hat, hat das Lux verflucht. Eine allzu lustige Idee, seinen Blog danach zu benennen. Das riecht ein wenig nach jenem breitbeinigen Zynismus, dem der »Stalinismus« vor allem der ausgestreckte Stinkefinger ist, mit dem man sich gegen die Zudringlichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft zu Wehr setzen will.
Wie dem auch sei. Die Autoren (?) von Hotel Lux haben sich zu einem beschwingten Eklektizismus vorgearbeitet, den alten Pannekoek ausgegraben und, sehr hübsch arrangiert!, ihn als Kommentator gegenwärtiger und hoffentlich zukünftiger griechischer Ereignisse neuentdeckt.

Anton Pannekoeks Ruf ist ja nachhaltig von Karl Radek, dem Jose Mourinho der Weltrevolution, beschädigt worden: Radek, vor dem ersten Weltkrieg zusammen mit Pannekoek noch Teil der Bremer Linksradikalen, hat nur wenige Jahre nach der gemeinsamen Bremer Zeit diesen als »Sternengucker« abgekanzelt, als grüblerischer Schöngeist also, der das Weltgeschehen aus der Ferne beobachtet und unbeteiligt an sich vorbei ziehen lässt. Wohingegen Radek (vgl. »Proletarische Diktatur und Terrorismus«, 1920) und die seinen immer bereit waren, sich die Finger schmutzig zu machen, wo dies eben nötig war.
Pannekoek war Astronom in königlichen Diensten, soviel zum Sternengucken, und war gleichzeitig einer der aktivsten Streiter der Linksradikalen, erst in der Sozialdemokratie, dann in der jungen kommunistischen Weltbewegung. Erst als seine Sache verloren war, als das Denunzieren anfing, um den Aufbau des Sozialismus in einem Land abzusichern, zog er sich zurück und wurde zu jenem Nestor rätekommunistischer Debattierkreise, als den wir ihn heute kennen. Unmittelbar verantwortlich für seine politische Abstinenz dürfte allerdings ein Maulkorb gewesen sein, den er vom holländischen Staat verpasst bekam.
Pannekoek und die Rätekommunisten gingen nie von einem edlen, reinen, spontan zum Aufstand bereiten Proletariat aus, das allein von Partei & Gewerkschaft an der Revolte gehindert wird, weswegen sie die Organisationen der Arbeiterklasse fatalerweise zum eigentlichen Hauptfeind gestempelt hätten. Umgekehrt. Wer ihre einschlägigen Aufsätze aus der Epoche der großen Niederlage – 1936ff. – liest, von Mattick (auf Deutsch u.a. in »Spontaneität und Organisation«, Suhrkamp 1975), Henk Canne Meijer, »Das Werden einer neuen Arbeiterbewegung« oder eben auch Pannekoeks Überlegungen zum Scheitern der Arbeiterbewegung, entdeckt eine große Skepsis gegenüber »der« Klasse. Schließlich sind Partei & Gewerkschaft keine Resultate einer Einflüsterung von außen, sondern originäre Bestandteile einer bestimmten Klassenbewegung. Und eben diese galt und gilt es zu kritisieren.
Wenn es noch einmal zu einem allgemeinen Aufstand der Klasse kommen mag, dann wird dieser sich notwendig gegen die Fahnenschwenker, die Zwangneurotiker der Anpassung und die Apparatschiks richten müssen. Das ist der zentrale Satz des Rätekommunismus. Ein Satz, der den Untergang des Rätekommunismus als Bewegung (und auch als »Weltanschauung«) überlebt hat.
Die Pannekoek-Collage auf Hotel Lux ist jedenfalls hochaktuell.

Übrigens stammen die Textschnipsel aus der sogenannten dritten Massenstreik-Debatte der SPD, bei der der zunehmend resignierende Pannekoek noch einmal den äußersten linken, also den realistischen Flügel vertrat. Pannekoek nahm an sämtlichen Massenstreik-Debatten teil. Radikalisiert wurde der höfliche Gelehrte einst durch einen spontanen Streik holländischer Eisenbahner. Schon 1904 (»Der politische Streik. Bericht der Redaktion von „De Nieuwe Tijd“ an den Parteivorstand der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands«) richtete er sich in einem nicht gezeichneten Artikel (auf Deutsch erschien er in Kautskys »Die Neue Zeit«) gegen die Illusionen der Revisionisten:

»Wenn einer glaubt, daß ein ausschlaggebender Teil der Bourgeoisie allmählich auf unsere Seite kommen wird, daß die Liberalen und Fortschrittler allmählich Kompromisse und Bündnisse mit uns werden schließen müssen, in denen wie die Stärkeren sind, die nicht nur dazu dienen, uns zeitweilig zu teilen und durch geringfügige Zugeständnisse an einen Teil des Proletariats das ganze Proletariat zu schwächen, um später, sobald es sich um wirklich wichtige Interessen handelt, uns den Rücken zuzukehren, – wenn einer, mit einem Worte, nicht glaubt, daß die Kluft zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden so tief ist, daß schließlich die Bourgeoisie Gewalt gegen uns brauchen wird, sobald wir ihren Privatbesitz angreifen, was wir durch die geschichtliche Entwicklung gezwungen sind, zu tun, – wenn einer diese Überzeugung hat, ja, dann kann er sagen: ich verwerfe den politischen Streik, denn es gib einen viel sicheren Weg.
Aber von einer solchen Pazifikation eines wirklich großen Teils der Bourgeoisie zeigt sich noch nichts. Im Gegenteil, in allen Ländern hat die Reaktion das Wort. Einfuhrzölle, Militarismus, Imperialismus, das sind überall die Mittel der Bourgeoisie, durch die sie ihre Macht ausbreitet und die Arbeiter noch mehr duckt. Im Vergleich damit ist das bißchen Arbeitergesetzgebung wie ein Butterbrot gegen ein Festessen.«