Über CLR James (Aus einem aufgegebenen Projekt, #17)

Aus einer in den 1940er Jahren in Detroit geführten Diskussion zwischen marxistischen Militanten …
»Together [C.L.R.] James and [Raya] Dunayevskaya hat come to one firm conclusion. This was that the American People were much too sophisticated to be led by a Vanguard Party as Lenin has wanted it to be, a party which would think on behalf of the working class, issue “lines” and slogans and rules on their behalf.
This was what distinguished [their] ›Correspondence Group‹ from the others peddling their ideological line to largely indifferent Detroit workers. With James’s deportation [from the US] Dunayevskaya, however, while having gone along with the theory in his presence, couldn’t see herself functioning without an organization even if it wasn’t called the Vanguard Party. She was of the opinion that if you were a revolutionary you had to do something; James’s increasingly rigorous point of view seemed to be in favour of doing nothing except observing what the people themselves did and describing its revolutionary potential.«
(Farukh Dhondy, »C.L.R. James. A Life«, London 2001, S. 131f.)

Vorbemerkung
Eine Bringschuld. Denn wir hatten bereits hier darauf hingewiesen, einen längeren Beitrag zu CLR James zu bringen, der in England und den USA eine Art Superstar des Marxismus ist (das ist nicht hagiographisch gemeint, der Kult um CLR ist real und dabei durchaus problematisch), der in Deutschland aber nahezu unbekannt ist.
Er ist sogar so unbekannt, dass sein einziges ins Deutsche übersetzte Buch »Die schwarzen Jakobiner. Toussaint L‘Ouverture und die San-Domingo-Revolution« zunächst in der DDR (Verlag Neues Leben, 1984) und dann im DKP-Verlag Pahl-Rugenstein erschienen ist. Als James’ »Die schwarzen Jakobiner« schrieb (1937/38) war er glühender Anhänger Trotzkis, das Buch orientiert sich in Stil und Herangehensweise offensichtlich an Trotzkis »Geschichte der russischen Revolution« und wurde sogar von Trotzki angeregt, der sich gewünscht hatte, dem erwachenden schwarzen Proletariat in den USA ein positives Geschichtsbuch mit auf dem Weg zu geben. Tja, wenn das die Zensoren in der DDR und ihre Weichbirnenableger in der DKP gewusst hätten! Aber offensichtlich hat niemand das Buch genauer gelesen, der »trotzkistische Impetus« (nicht zu verwechseln mit dem späteren abgeschmackten Trotzkismus) liegt jedenfalls auf der Hand …
Folgender Text mag einen etwas zu jubilierenden Ton haben. Dieser erklärt sich dadurch, dass der Text ursprünglich eine auf Anregung eines befreundeten freien Lektors verfasste Werbung für einen Verlag war, der vorläufiges Interesse zeigte, eine kommentierte CLR-James-Anthologie herauszubringen.
Das Projekt hat sich zerschlagen, vorläufig zumindest. Deshalb wird dieser Text in die Kategorie »Aus einem aufgegebenen Projekt eingeordnet.

CLR (Cyril Lionel Robert) James, 4. Januar 1901 – 19. Mai 1989
Das Faszinierende an dem Afro-Trinidadianer CLR James ist weniger die ungeheure Energie, die sich in einer über 50-jährigen Theorie-, Literatur- und Journalismus-Produktion niederschlägt und die sich von den 1920er Jahren bis in die 80er hinein zieht. Aus ihr gehen zahllose Aufsätze, Essays, Polemiken und Kurzgeschichten, ein Dutzend monographischer Werke und eine ganze Reihe von Kollektivschriften hervor. Die Resultate dieser Produktivität spiegeln sich in einer ungeheueren Themenvielfalt, die von Cricket, über die Geschichte der schwarzen Jakobiner und der pan-african Revolts, Polemiken gegen die Politik der Kommunistischen Internationale, die globale Einschätzung des Nachkriegskapitalismus und die neuen Perspektiven einer sozialistischen Revolution, die Analyse des modernen Fabriksystems, die publizistische Unterstützung von Black Power als authentischen Ausdrucks globalen proletarischen Widerstandes, die Kommentierung der Hegelschen Phänomenologie des Geistes, bis zur Darstellung Moby Dicks als Symbol des ebenso unwiderstehlichen wie fatalen Aufstiegs des Kapitalismus im 19. Jahrhundert reicht. Allein die schiere Liste seiner Veröffentlichungen, die große Spannweite seiner Themen und die Souveränität, mit der er sie offenbar bewältigt (egal, auf welchem Gebiet er sich bewegt, er wird – ob als Hegel-Kommentator oder Cricket-Fan): Das ist schon sehr beeindruckend! Genie, Renaissance Man, Olympionik, das sind die Schlagwörter, die fallen.
Aber wie gesagt, das macht noch nicht das Faszinierende aus. James ist kein Wissensanhäufer, kein Tausendsassa, der auf vielen Hochzeiten tanzt, kein intellektueller Hochleistungssportler. Die Stärke seines Denkens liegt darin, dass die Werkkomplexe nicht voneinander zu trennen sind. Es sind immer wieder bestimmte Themen, die sich über die Jahre durchziehen, die in unterschiedlicher Gestalt in den an sich sehr verschiedenen Texten auftauchen: Die Kritik an der Politik der Kommunistischen Internationale unter Stalin (ihre Degradierung zu einer Agentur großrussischer Außenpolitik) ist vor dem Hintergrund seiner strikt internationalistischen Haltung zu verstehen. – Diese internationalistische Haltung führt zu seiner Neubegründung des Universalismus, der sich nicht mehr von den Metropolen her definiert, sondern von den Revolten der Ausgegrenzten und Ausgebeuteten. – Zu den Ausgegrenzten und Ausgebeuteten zählt er aber nicht nur die schwarzen Jakobiner, sondern natürlich auch die Arbeiter der USA oder Englands.
James denkt populäre Kultur (Cricket!), Arbeiterwiderstand und afrikanisch-karibische Emanzipation, Kritik des Stalinismus und des Befreiungsnationalismus, Universalismus und Widerstand »von unten«, der immer aus Not und Begrenztheit heraus sich entwickelt/entwickeln muss, zusammen. Sein Buch über Cricket, »Beyond a Boundary« ist ein Buch über Cricket und gleichzeitig eine literarisch-soziologische Untersuchung über die Durchsetzung kolonialer Kulturpraktiken und ihre subversiv-entwendende Aneignung durch die Kolonisierten. Sein Hegel-Kommentar »Notes on Dialectics« ist, darin ganz dem Impetus des Cricket-Buches gleichend, eine listige Subversion des schwäbisch-preußischen Denkers, immer auf der Suche, die Dialektik radikal als Kraft der Negativität zu verstehen.
Man kann diese Kette der Assoziationen und Verbindungen beinahe endlos fortsetzen!
Diese Spiegelungen, dieses Auftauchen von altbekannten Themen an ganz unerwarteten Text(stell)en, sorgen dafür, dass der Gegenstand »CLR James« nicht nur ein äußerst reichhaltiger, sondern auch ein sehr komplexer ist. Sein Werk ist die Einheit von Bruch und Kontinuität.
Das wäre auch das zentrale Thema einer Anthologie: Nicht ein Füllhorn dem Leser präsentieren, sondern das spezifische James’sche Anliegen vermitteln: Die Begründung eines Universalismus von unten, von den Rändern her; eines Universalismus, der zu gleichen Teilen die Erfahrungen jener pan-african revolts, des dissidenten Marxismus, der Bourgeoisie in der Epoche Herman Melvilles in sich aufgenommen hat; der über Nkrumah so spricht wie über streikende Werftarbeiter im realsozialistischen Polen!
Diese multipolare Denkweise, die nicht in Eklektizismus und Beliebigkeit zerfällt, ist es denn auch, was James für die Diskussionen der Jetztzeit relevant macht. Gab es zu James’ Zeiten schon den Vorwurf des »Eurozentrismus«? James hätte ihn wohl kaum akzeptiert. Er hat sich stets als emphatischer Leser Shakespeares und Melvilles bezeichnet und als Schüler der europäischen Aufklärung (als er 1932 nach England geht, sagt er: »Ein Bürger kehrt heim.«). Seine Parteinahme für die europäische Aufklärung hat er niemals von seiner Unterstützung der schwarzen Befreiungsbewegung losgelöst betrachtet. Er ist ein schwarzer Universalist, jemand der versucht, die Unterschiedlichkeit der sozialen Kämpfe in einer gemeinsamen Perspektive zu denken. Eine Perspektive, deren Einheit nicht mehr durch die Existenz einer Avantgarde-Partei konstituiert wird.
Sicherlich hat James zu verschiedenen Zeitpunkten Führungspersonen anerkannt: Trotzki, Eric Williams, Castro, Nkrumah. Gerade letzterem hat er Huldigungsadressen entgegengebracht, die irritieren (Nkrumah als neuer Lenin etc.pp.). Er ist darin stets enttäuscht worden, und er hat natürlich versucht, diese Illusionen zu verarbeiten.
Die Relevanz von James für die heutige Debatte um globale Emanzipation ist eine doppelte: 1. Er unterläuft die Dichotomie der Debatte um »Post Colonial« auf der einen Seite und den, nun ja, »neuen« Universalisten auf der anderen Seite (jenen Leute, die den Vorwurf des Orientalismus umdrehen und einen Okzidentalismus daraus machen), indem er den kommunistischen Internationalismus aus der Mottenkiste des ML geholt und ihn gründlich entstaubt hat. 2. James selber ist ein historisches Artefakt – ein Mann der Illusionen, Fehler und Enttäuschungen. Er hat keine unumstößlichen Wahrheiten verkündet, wollte das auch nie. Er hat sein Denken immer als eingreifendes, die Kämpfe begleitendes verstanden, auch aus seinen Fehlern lässt sich einiges lernen. , Sein provokantes, rasantes, niemals »nur« theoretisches, sondern immer auch artistisches Denken und Schreiben ist selbst dann anregend, wenn er sich verrannt hat: Die Illusionen, die sich James gemacht hat, waren ja Illusionen ganzer Befreiungsbewegungen. Sich heute darüber zu verständigen, ist für die Neubegründung von Emanzipation von einiger Dringlichkeit.
Natürlich war James auch als Praktiker immer mittendrin: Ein gefragter Cricket-Journalist, ein politischer Aktivist, der etliche Jahre illegal in den USA als Graswurzel-Aktivist der linksradikalen Johnson-Forrest-Tendency unter schwarzen Automobilarbeitern zubrachte, ein Professor, der in den 60er Jahren auf Trinidad und Tobago für die Einführung der Rätedemokratie stritt (noch so eine Illusion) , ein Gesandter Trotzkis, eine Romanfigur Naipauls.

Hinweise
* Textsammlung
Etwas unstrukturiert und ein bisschen selektiv, aber insgesamt ein sehr vorzeigbares Archiv. Ein paar Empfehlungen: »Why Negroes should oppose the war« (Broschüre, 1939); »The Invading Socialist Society« (Grundlagentext der Johnson-Forest Tendency, zusammen mit Grace Lee Boggs und Raya Dunayavskaya, 1947); »The Revolutionary Answer to the Negro Problem in US« (Essay, 1948); »State Capitalism and World Revolution« (zweiter Grundlagentext der JF-Tendency, zusammen mit Raya Dunayavskaya, 1950); »Marxism and the Intellectuals« (Broschüre, 1962); »Black Power« (Rede in London, 1967). Weitere Verweise u.a. zu seiner einst wichtigsten Mitstreiterin (und späteren Kontrahentin) Raya Dunayevskaya.

* CLR James Institut
Klingt hochtrabender als es ist, bietet aber eine interessante Textsammlung. Zur Einführung geeignet: »C.L.R. James and The Struggle for Happiness« by Anna Grimshaw and Keith Hart.

* Wikipedia
Es ist zwar ziemlich wurstig, einen Wikipedia-Eintrag extra zu erwähnen, weil eh jeder sofort bei WIkipedia nachschaut (und dann häufig enttäuscht wird), aber in diesem Fall ist der Eintrag mit seinen vielen Verweisen ein wirklich guter Einstieg.

* Biographien. Der oben bereits zitierte Farrukh Dhondy hat eine flott zu lesende mit dem nötigen human touch geschrieben; Paul Buhles »C.L.R. James. The Artist as Revolutionary« ist gewohnt kompetent (Buhle ist der Chronist der amerikanischen Neuen Linken, als Redakteur von Radical America war er Ende der 1960er/ Anfang der 70er Jahre maßgeblich an der Neuentdeckung James’ beteiligt); Frank Rosengartens »Urbane revolutionary: C. L. R. James and the struggle for a new society« ist die aktuellste (2008), er wertet sehr viel Archiv- und Nachlassmaterial aus.CLR James