Gestern geschrieben, heute veröffentlicht! (Aus einem aufgegebenen Projekt, #16)

Folgender Text ist etwa anderthalb Jahre alt (inhaltlich ganz sanft aktualisiert) und sollte mich eigentlich kurz- bzw. mittelfristig von allen finanziellen Sorgen befreien, denn es handelte sich um ein Bewerbungsschreiben, mit dem ich mich großen Zeitungen und Auftragsforschungsinstituten als Berater anbieten wollte. Es hat aber niemand reagiert. Noch nicht einmal für ein »T.O.P.«-Tagesseminar hat es gereicht.

Robert Kurz, der Vielgescholtene, hat angesichts der Weltwirtschaftskrise die einfache wie ergreifende Wahrheit ausgesprochen, es gebe »ein linkes Urvertrauen in die Regnerationsfähigkeit des Kapitalismus«. Et voilà: Jetzt, wo die Krise sich langsam durchfrisst, In diesen Tagen beeilen sich Marxisten festzustellen, dass der Kapitalismus doch gerade erst angefangen habe und Krisen im Kapitalismus ganz normal seien, und überhaupt: dass die Krise das Normale des Kapitalismus sei. Heute setzt die Linke auf Umverteilung (»von oben nach unten«), Kredite für den Mittelstand, Konsumgutscheine für private Haushalte, auf ein bisschen Klassenkampf zur Re-regulierung der Märkte und zur Wiederauferstehung der Sozialpartnerschaft. Es steht in den Jungen Welt wie in der Jungle World, in DKP-Verlautbarungen und Statements von Sarah Wagenknecht, in Kommentaren von Jürgen Elsässer und in der neuesten Kapital-Scholastik diverser Marxologen.
Das alles ist keine Polemik wert, interessant besorgniserregend ist etwas ganz anderes: Die Bourgeoisie hört nicht hin. Michael Heinrich wird nicht Wirtschaftsredakteur bei der FAZ, Elmar Altvater wird abseits der TAZ nie zur Wort kommen und Sarah Wagenknecht nie zum Spitzensymposium des Arbeitgeberverbandes eingeladen werden.
Jetzt, wo die Chancen gut stehen, dass zur realen Krise des Kapitals sich eine Legitimationskrise gesellen könnte, wie sie die bürgerliche Gesellschaft seit 1929 nicht mehr erlebt hat, wären ein paar Marxisten in den Zentralen der Vierten Gewalt genau das richtige. Souverän würden sie den Schutt der neoliberalen Propaganda beiseite räumen und gelassen von der Naturwüchsigkeit des Kapitals reden, seinem immanenten Krisencharakter, seinen goldenen Perspektiven in China und Indien, schließlich den objektiven und subjektiven Faktoren einer Revolution, die nie zusammenfielen. Jetzt, wo die Bourgeoise nichts anzubieten hat, weil alles schon durchgehechelt ist – kein »Modell Deutschland« und keine »geistig-moralische Wende«, keine »konzertierte Aktion« und keine »blühenden Landschaften« am Ende des Jammertals und die Krise eben nicht auf die legendären »sieben fetten Jahren« folgt, sondern auf das größte staatliche Armutsprogramm in der Geschichte der BRD (Wofür hat sich denn der ganze Scheiß gelohnt?), hilft nur noch die Stimme der Vernunft, verkündet vom Feldherrenhügel des historischen Materialismus. Lasst die Marxisten ran!
Aber niemand lässt sie. Der Flirt mit Marx in den Feuilletons – schon vorbei, bevor er überhaupt angefangen hat. Die Wirtschaftsseiten – ein einziges Schlachtfest der Krisenverlierer. Die Leitartikel – nie klangen Durchhalteparolen so uninspiriert. Sollte es wirklich so sein, dass im antikommunistischen Furor der letzten zwanzig Jahre sich die Bourgeoise samt ihrer Lohnschreiber ultimativ verdummt hat? Liest denn niemand mehr Lampedusa? »Wenn wir wollen, das alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, daß alles sich verändert.«
Der Kapitalismus wird zugrunde gehen einzig an der Selbstermächtigung der Abhängigen und Ausgebeuteten. Auf sie werden hier keine Wette angenommen. Aber warum sollte der Untergang eigentlich nicht mit der Untätigkeit der Bourgeoisie beginnen? Oder besser: ihrem Fatalismus? Es ist Weltuntergang und nur die Bourgeoisie geht hin.

Nachtrag
Aus beruflichen Gründen besuchte ich vor einem Jahr eine von einer der Linkspartei nahe stehenden Studenten-Gruppe organisierten Veranstaltung zur Krise (Was kennzeichnet die Krise, was sind die Persepektiven der Linken, also: der Linkspartei?), auf der u.a. ein Stefan Bornost auftrat, um den es gleich gehen soll. Verwerten konnte ich den Besuch der Veranstaltung zwar nicht (ich habe es mittlerweile aufgegeben, mich als Krisengewinnler zu versuchen, und versuche mir als Blogger gewisse neumodische Softskills anzueignen), für einige Freunde schrieb ich aber eine kleine Veranstaltungskritik. Sie wird auszugsweise dokumentiert.
Bornost, der bereits vor einigen Jahren als Investigativjournalist brillierte – »Lafontaine: Von den Bossen gestürzt« – hält hier exemplarisch für alle Marxisten seinen Kopf hin, die von dem Wahn besessen sind, mit Staat und Kapital auf gleicher Augenhöhe zu reden.

Interessant zunächst zu beobachten, wie sich die deformation professionelle Bahn bricht. Es begann Stefan Bornost, der Vertreter vom Netzwerk Marx21, auch leitender Redakteur des Netzwerk-Organs. Irgendwie muss das doch frustrierend sein: Marx21 ist die Nachfolge-Organisation von Linksruck. Linksruck sind Trotzkisten. Selbstverständlich muss der Agitator aber so auftreten, dass nichts davon zu spüren ist, er muss so reden wie ein x-beliebiger DGB- oder Antifa-Heini. Wozu bin ich Kommunist, wenn ich es nicht sagen darf? Bestand nicht der welthistorische Fortschritt des wissenschaftlichen Sozialismus darin, glasklar zu sagen, was ist? Und eben keiner Zwei-Welten-Theorie gnostisch-verschwörerisch anzuhängen? Ich würde von soviel Selbstverleugnung Magengeschwüre bekommen.

Einmal als Referent aufgerufen, sprang Bornost wie von einer Tarantel gestochen auf – vor einem Forum von nicht mal dreißig Zuhörern – und redete schnell und angestrengt aber auch sichtbar geschult (oberflächlich klar strukturiert). Seine Mimik blieb seltsam starr, dazu aber hektisch-ruckartige Arm- und Handbewegungen, ein bisweilen geradezu panisches Wedeln. Entschuldigt, dass ich so betont auf Physiognomie und Körpersprache eingehe, aber das schablonenhafte Denken und Reden scheint ihm buchstäblich in die Glieder gefahren zu sein (es sprach aus ihm).

Im Folgenden seine zentralen inhaltlichen Punkte: 1. Der Kapitalismus löst seit 35 Jahren seine Krisen nur oberflächlich (Vorwurf!); 2. Es gibt darum keinen Zuwachs der Linkspartei, weil wir vor einem Rechtsruck stehen (Analyse!); 3. In Frankreich und andere Ländern gibt es bereits Aufstände und Generalstreiks, aber nicht in Deutschland, denn wir haben hier eine andere Tradition (Mahnung!); 4. Wer die Banken Pleite gehen lassen will, ist bloß zynisch-schadenfroh und verkennt, was das für eine Katastrophe für die kleinen Leute bedeutet (Übergang zur Lösung!); 5. Also muss der Finanzsektor verstaatlicht werden – und zwar, wie lautet das Zauberwort?, demokratisch (Lösung!); 6. Dazu muss die Linkspartei gestärkt werden, außerdem die Gewerkschaften, die Antifa, der AStA und die Hochschulgruppen von Ver.Di und GEW (Mittel zum Zweck!).

Bleibt abschließend zu noch bemerken, dass Bornost Kanzlerin Merkel für ihre Aussage gelobt hat, sie wolle nicht den Brüning geben. Nur dass er Merkel diesen Spruch nicht so recht glauben wollte (alles nur Taktik) und er ernsthafte Bemühungen vermisste, der Aussage Taten folgen zu lassen. Wie gesagt: Der Kapitalismus, dieser Faulpelz!, löst seine Krisen einfach nur oberflächlich. Gemein!

Nachtrag zum Nachtrag
In einem Feature des SWR zum letztjährigen »Make Capitalism History«-Kongress taucht auch Bornost auf und wird vom Autor in den goldenen Worten beschrieben »Bornost sucht nach Perspektiven und lässt nichts aus.« Besser hätte ich es nicht sagen können.