Ihr bleibt draußen!

Richard Herzingers Botschaft an seine linken Freunde

Irgendwo habe ich gelesen, dass Richard Herzinger, einer dieser verkniffenen Neocons – früher ZEIT, jetzt WELT/WELT AM SONNTAG, Gastauftritte auch schon in der JUNGLE WORLD –früher mal Genosse war. Irgendwo – das ist das Problem, ich finde nämlich die Quelle auf die Schnelle nicht. So bleibt offen, ob Herzinger MLer, DKPist oder Trotzkist war. Ich tippe auf letzteres. Man kann von Trotzkisten halten, was man will, aber sie haben immerhin die Perspektive der Weltrevolution nie aufgegeben, und viele von ihnen haben die weltweite Perspektive für den ein oder anderen regierungsnahen publizistischen Tinktank produktiv gemacht, auch Herzinger ist ja ein außenpolitischer Korrespondent.
(Das ML- und DKP-Milieu war seit jeher nationalistisch versumpft, auch wenn das nationalistische Begehren bei den einen sich einstweilen auf die DDR, das »bessere Deutschland«, und bei den anderen sich auf »unterdrückte Bauernvölker« und ihre nationale Befreiung richtete.)
Herzinger wird ab und zu an der Heimatfront eingesetzt, etwa wenn er für die WELT ein Porträt der scheidenden Juso-Vorsitzenden Franziska Drohsel verfasst. Tenor: Drohsel ist in ihrem ebenso naiven wie radikalen Antikapitalismus Gesinnungstäterin, keine Politikerin. Ihr Rückzug vom Vorsitz, sie selbst stellt erst mal ihre berufliche (juristische) Ausbildung in den Vordergrund, ist die logische Konsequenz.
Während Herzinger die alte Juso-Garde schön disst – »…Juso-Chefs wie Karsten Voigt, Gerhard Schröder und Klaus-Uwe Benneter diente das folgenlose linke Wortgeklingel jedoch vor allem als Vorbereitung für die Karriere in der Mutterpartei. Man konnte sich nämlich beim Aufstieg der moralischen Unterstützung der Parteilinken versichern – was die programmatische Konkretion betraf, trat man der Parteiführung jedoch als ein leeres Blatt gegenüber, auf das diese ihre jeweiligen Anweisungen schreiben konnte. Links blinken, rechts abbiegen, das war die Parole dieser Generation.« (da kommt die Häme des frustrierten Trotzkisten [?] durch, der vor dreißig Jahren leider in der falschen Organisation war…) –, bemüht er sich, Drohsel als »utopische Sozialistin« aussehen zu lassen. Dabei unterlaufen ihm zwei Klopper, die wieder einmal beweisen, dass es so etwas wie konsistente Hetze, die ein Mindestmaß an philologischer Korrektheit aufweist, nicht gibt.
»Dass man [laut Drohsel] den Unterdrückten nicht vorschreiben dürfe, wie sie dereinst einmal eine bessere Welt organisieren wollten, war von jeher die Ausrede utopischer Sozialisten, um eine lästige Debatte über das schnöde Machbare herumzukommen.«
Es verhält sich freilich andersherum: Die »utopischen Sozialisten«, das sind nach wie vor Leute wie Charles Fourier, Richard Owen oder Filippo Buonarroti, haben in ihrer Zeit vor allem und fast ausschließlich Programme entworfen, die bisweilen grotesk heruntergebrochen bis aufs kleinste soziale Detail die neue Welt, den Sozialismus beschrieben – auf engste verknüpft mit Strategien der Verschwörung und des gesellschaftlichen Ausstiegs. Auf die Spontaneität der Massen haben die »utopischen Sozialisten« gerade nicht gesetzt.
Unmittelbar im Anschluss an das obige Zitat schiebt Herzinger noch folgendes hinterher: »Die Bewegung ist in dieser Lesart alles, das Ziel nichts.« Und das ist der zweite Klopper – denn Herzinger bedient sich hier eines Zitats von Eduard »Ede« Bernstein, dem Begründer des Revisionismus. Die Bewegung ist alles, das Ziel ist nichts – das war zum einen Bernsteins richtige Kritik eines abstrakten Maximalismus, zum anderen bereits die Verspießerung dieser Kritik. Denn mit der Besinnung auf »die Bewegung« (bei Bernstein, er war ein braver Mann, kommt das ohne vitalistische Untertöne daher) ist das Machbare, das Kleinschrittige, kurzum: das Realpolitische gemeint – und den Rahmen des Machbaren steckt die parlamentarische Demokratie ab und eben nicht die Selbsttätigkeit der Massen.
Um Drohsel als aufdringliche Gefühlssozialistin darzustellen, muss Herzinger gleich zweimal die Geschichte verdrehen. Übrigens liegt er mit seiner Charakterisierung Drohsels nicht ganz falsch. Aber es geht in dem Text nicht allein um Drohsel, sondern er zielt auf ein bestimmtes Milieu. Um dieses zu treffen, fährt Herzinger größere Geschosse auf, dazu bedarf es die Verdrehung historischer Tatsachen.
Drohsel gehört nämlich, Überraschung!, zur »urbanen, anti-autoritär-postmodernen Szene linksradikaler Selbstorganisation«. Dieses Milieu zeichnet sich durch »Aversion gegen Antiamerikanismus und Israelfeindlichkeit« aus, aber: »Diese erwächst freilich nicht aus Sympathie für amerikanische oder israelische Politik, sondern aus der Vorstellung, der rituelle Amerikahass und dumpfe Antizionismus lenke die Linke vom Kampf gegen den Hauptfeind im eigenen Lande ab und führe sie geradewegs in die Fänge des Chauvinismus und Antisemitismus.«
Soll heißen: auch die (vermeintlich) linksradikalen Israel-Freunde sind nicht unsere Freunde, weil ihre Freundschaft bloß ein Derivat eines vitalistisch-romantischen Utopismus ist. Um diesen Utopismus als romantisch herauszustreichen, schiebt Herzinger ihm das Zitat Bernstein unter, das hier entgegen seiner ursprünglichen Bedeutung vitalistisch konnotiert ist.
Es scheint fast so, als richte sich der Artikel Herzingers an die Leute, die ihn (immer noch) gerne als Autor der Jungle World sähen. Subjektiv mögen das recht wenige sein – wer will schon einen Springer-Schergen als Kolumnist einer linken Wochenzeitung? –, objektiv ist aber das Bedürfnis in der »urbanen, anti-autoritär-postmodernen Szene linksradikaler Selbstorganisation« nach Bündnis- oder zumindest Gesprächspartnern im Bildungsbürgertum sehr groß. Man leidet unter Isolation und Ignoranz (Die Hysterie von links um Dietmar Dath beruht ja einzig auf dem Seufzer – das ist einer von uns, der es geschafft hat.). Man will weg vom »Arbeiterbewegungsmarxismus« (den, nebenbei, bis heute keiner, weder Robert Kurz noch Jochen Bruhn, schlüssig definieren konnte), man will raus aus dem Dreck.
Und dann kommt Richartd Herzinger und sagt euch: Tja, Leute, ihr seid keine Karrieristen und auch keine Apparatschiks, ihr seid persönlich sogar ganz nett, ihr verkörpert gemessen an den fies anti-amerikanischen 68ern gewiss einen Fortschritt. Aber links bleibt links, Romantiker bleiben Romantiker, und wer sich nicht vollständig den Imperativen des common sense, und niemand formuliert diese verbindlicher als die Springer-Blätter, unterwirft, der wird in die Trottelecke abgeschoben, in der die niedlich-nervige Quasselstrippe Franzi Drohsel schon auf euch wartet.