Dies und das

Ah, mal endlich wieder ein Skandal, der so richtig schön den Gefühlshaushalt unserer Drama Queens in Schwung bringt.
Während einer von der taz so genannten »Antisemitismus-Diskussion« ging es hoch her, und die Reaktionen der Wadiblogger, Perlentaucher und Salzborns dieser Welt sind so absehbar, so punktgenau, so auswendig gelernt, dass man glatt meinen möchte, sie müssten, um überhaupt mal wieder auf Touren zu kommen, am besten selber solche Veranstaltungen »sprengen«.
Man könnte aus der Ferne ein paar Gedanken anstrengen, ob nicht das seit einiger Zeit inflationäre Auftreten von »jüdischen Antisemiten« (bzw. die regelrechte Konstruktion eines Feindbilds vom jüdischen Antisemiten) eine wunderbare Funktion im Weltbild des imperialistischen – deutschen – Kulturkriegers erfüllen: Immerhin, es gibt wieder Juden, die man hassen darf! Solche nämlich, die aus der Front des Westens ausscheren und sich wundern, warum alle Welt von ihnen erwartet/ verlangt, dass sie sich ungebrochen mit Israel solidarisieren – müssen.
Könnte man. Muss man nicht, denn es liegt ja auf der Hand.
Stattdessen lohnt es sich, ein bisschen zu wühlen, und dann entdeckt man das hier: Am vergangenen Freitag verlinkte die Achse des Guten ohne Autorenangabe und als »Fundstück« (was durchaus eine klitzekleine Distanzierung zum Ausdruck bringen könnte) den Beitrag »Die Welt mit den Augen der Kinder betrachtet – Die palästinensischen Araber und Piaget«. Der Blog heplev, der vor lauter Identität, man achte auf die hübsche Flaggen-Kombination, kaum laufen kann, scheint bestens vernetzt, da ist ein Web2.0-Profi unterwegs.

Worum es geht? Um eine Beobachtung des Entwicklungspsychologen Piaget – Kinder zwischen 2 und 7 Jahren erleben und verarbeiten die Welt aus egozentrischer Perspektive; alles, was geschieht, auch Naturvorgänge, geschieht bloß ihretwegen –, die pauschal und unmittelbar auf die – DIE – palästinensischen Araber bezogen wird:

»Das [Piagets Beobachtung, Ofenschlot] ist eine perfekte Beschreibung dessen, wie die palästinensischen Araber sich als Gruppe verhalten haben, seit sie sich irgendwann im letzten Jahrhundert eine eigene Identität zugelegt haben. Alles, das in der Welt geschieht, wird durch eine Nadelloch-Linse betrachtet, das nur die Interpretation in Begriffen ihrer selbst zulässt, mit der kompletten Unfähigkeit irgendetwas aus einer anderen Perspektive zu betrachten.
Daher wurde Israel nicht gegründet, um die Selbstbestimmung des jüdischen Volkes zu realisieren: Es wurde ausschließlich gegründet, um „Palästinenser“ zu vertreiben. An den Zweiten Tempel angrenzende Tunnel werden nicht wegen archäologischer Forschungen gegraben; sie werden gegraben, um eine Stadt zu „judaisieren“. (…) Das Damaskustor wird in den nächsten Jahren ebenfalls restauriert. Doch wie kleine Kinder haben die palästinensischen Araber nicht die Fähigkeit irgendetwas Abstraktes wie die „Zukunft“ zu begreifen.«

Die Blindheit vor dem unbedingten Machtanspruch eines Souveräns – selbstverständlich dient jede Maßnahme der israelischen Staatsmacht, und sei es die Restaurierung muslimischer/arabischer Wahrzeichen, auch dem Herausstreichen der (kulturellen/finanziellen/politischen/intellektuellen) Überlegenheit –: geschenkt.
Die Übertragung einer individuellen Kategorie auf eine ganze Bevölkerungsgruppe (die, wohl im Gegensatz zu »den Juden«, ihre Identität erst im letzten Jahrhundert sich zugelegt haben soll): das ist schon ganz apart.
Sine ira et studio – sich also gutwillig auf die Prämisse: »Die Palis sind so zickig egozentrisch wie die Kids auf dem Spielplatz« einlassend – möchte man dem Blogger zurufen, dass die israelische Staatsmacht bislang wenig unversucht ließ, die palästinensische Bevölkerung nicht zu Kindern zu degradieren; dass das Kind-Sein des Palästinensers (freundlich wie wir sind, folgen wir Heplev weiter auf seinen Denkwegen) doch eher Ergebnis von Besatzung und Zermürbung, von geopolitisch durchgesetzter Atomisierung und dem Boykott einer aufgeklärten Bildungspolitik ist.
Aber die Analogie, bekanntlich die schwächste und ärmste Form der Argumentierens, reicht Heplev nicht. Er will einen Schluss ziehen. Und er zieht ihn auch:
»Sie sind geistig behindert.«
Ist das noch Rassismus oder schon Aufruf zum Massenmord? Nein, einfach nur eine fluffige Pointe, ein bisschen keck und provokativ, schließlich sieht sich dieser Blog »abseits vom Mainstream«, also abseits von Ofenschlot zum Beispiel. Na klar.
Provokation? Ein Kommentator weist ihn direkt mal a bisserl zurecht:
»Sie nicht geistig behindert, sondern unsere verschiedenen Zivilsationsgebiete auf dem Planeten haben teilweise verscheidene Schwerpunkte der Entwicklung, das heißt zB daß manche von Piagets höheren Stufen nur im Westen oder in den privilegierten Schichten der Welt Auftauchen.« Zu den Schwerpunkten der Entwicklung dieses West-Bloggers (»Sebastian«) zählt offensichtlich nicht die Beherrschung der deutschen Sprache. Es muss irgendwo noch privilegierte Schichten geben, wo dann auch deutsch gesprochen wird. Man weiß es nicht genau.

So. Was hat diese Hassphantasie Heplevs mit dem Berliner Tumult um Iris Hefts zu tun. Wenig, nicht wahr, es ist ja auch kaum zu vergleichen. Aber das hier als kleine Denksportaufgabe: Wieso fällt niemandem (insbesondere keinem Liberalen) auf, wenn so ein Scheißdreck auf einem der meist gelesenen, meist zitierten, meist diskutierten Blogs verlinkt wird? Wo doch umgekehrt alles, was die »jüdischen Antisemiten« tun oder auch nur zu tun gedenken (Finkelstein ist schließlich zu Hause geblieben), messerscharf seziert und hysterisch angeprangert wird? Wieso ist jede Kritik an der israelischen Politik, womit noch lange nichts über einen »Nationalcharakter« gesagt ist, direkt antisemitisch; und wieso kann eine »Kritik« der Palästinenser einfach durchgewunken, ja gutgeheißen werden? Weil Rassismus mittlerweile wieder ein Kavaliersdelikt ist? Oder schon an sich als ein bloß ideologischer Vorwurf gilt?