Archiv für Mai 2010

Deutsch-Pop heute

Ich finde, jetzt ist der Zeitpunkt gekommen, wo man den weiteren politischen Werdegang Jürgen Elsässers einzig auf die Wirkung bestimmter Drogen zurückführen kann.
Else, so muss man sich das vorstellen, kommt spätabends nach Hause, hat, sagen wir, gute Laune und will sich noch ein paar Filmchen runterladen. Dabei stößt er auf, wie kann es auch anders sein in diesen Stunden … LENA.
»…als ich heute spät nach Hause kam und die Nachricht lief, dass sie gewonnen hat, bin ich sofort auf Youtube und hab mir das Ding reingezogen. Und ich sage: Super! Vom Feinsten! Es gibt noch Deutsch-Pop! Es gibt noch deutsche Frauen! Und die können sogar singen! Wer hätte das gedacht?« Ja, wer hätte das gedacht? Dass ein von einem dänisch-amerikanischen Songwriter-Duo geschriebenes Liedchen, das selbstverständlich auch auf Englisch gesungen wird, heute als Deutsch-Pop durchgeht?
Und die in dem Satz »Es gibt noch deutsche Frauen!« zum Ausdruck kommende Überraschung kann man ja einen Moment auf sich wirken lassen. Kann sich jemand eine Welt vorstellen, in der diese Überraschung überhaupt möglich wäre? Ich nicht.
Der Rest von Elses jüngstem Ausfluss wäre ebenfalls zum Brüllen komisch
-- »Im Unterschied zu dem Ganster-Rap und allem Brutalo-Scheiss, den uns die Yankees rübergebracht haben, geht es in [Lenas] Song um etwas Grundsympathisches: um Liebe. Das ist es doch, was dieses Land, dieser Kontinent, die ganze Welt braucht – oder?« —,
würden seine Hate-Speech-Anfälle
-- »Die Schwul-lesbisch-androgyno-Werbung, die ansonsten auf diesem Eurovision Contest läuft, ist beim Publikum nicht angekommen – und das ist auch gut so, WoWi!«--
nicht abermals darauf schließen lassen, dass offenbar auch die härtesten Drogen aus einem Fanatiker keinen Peacenik machen.

Elsässer ist die Leiche im Keller der Antideutschen (je länger ich draufgucke, desto mehr fällt mir auf – ein schöner Satz, er könnte fast Elsässer himself stammen). Das ist ja der Gag: Elsässer hat die Vorzeichen vertauscht: In den 1990ern machte er noch unbedingt jenen Nationalismus mit, der seinen Heil in der Verhimmelung der alliierten Siegermächte des zweiten Weltkriegs fand. Erinnert sich noch jemand an Elses »Keine Träne für Tschetschenien«? Ich empfehle, seine alten KONKRET-Texte einfach mal im Kontrast zu ein paar zeitgenössischen Reportagen zu lesen. Die Rechtfertigung von Massenmorden und Massakern aus Gründen einer übergeordneten historischen Vernunft (als Platzhalterin für »den Kommunismus«) hat mit Elsässer angefangen, im Laufe der Jahre hat er dann seinen Lieblingsstaatswimpel einfach woanders gefunden. Dass es Elsässer und seinen heutigen antideutschen Feinden in erster Linie um Wimpel und Fahnenschwenkerei geht, ist das überwältigend Gemeinsame beider Positionen: Hinter welcher Fahne man sich wiederfindet, ist dann bloß noch Geschmackssache. Nicht mehr, nicht weniger.

Prophetische Sätze

Achtung, TOPler! Hallo, junge GSP-Adepten! Eine Warnung in aller Freundschaft: In folgendes Buch niemals nie nicht reinschauen! Denn es lenkt nur ab, die Gefahr der Irritation ist einfach zu groß. Man kriegt dann keine saubere Ableitung mehr hin, und dann sind all die schönen Agitationsveranstaltungen für die Katz.
Wovon ist die Rede? Hiervon: »Briefe über den historischen Materialismus (1890-1895)« (Dietz Verlag, Berlin Ost, 1979/1988), eine Auswahl aus den sogenannten »Altersbriefen« von Friedrich Engels an Conrad Schmidt, Paul Ernst, Joseph Bloch, Franz Mehring, Walter Borgius und Werner Sombart.

Dort stehen so prophetische Sätze wie:

»Auch die materialistische Geschichtsauffassung hat […] heute eine Menge [fataler Freunde], denen sie als Vorwand dient, Geschichte nicht zu studieren. Ganz wie Marx von den französischen ›Marxisten‹ der letzten 70er Jahre sagte: ›Tout ce que je sais, c’est que je ne suis pas Marxiste.‹« (Brief an Schmidt, 5.8.1890)
Oder:
»Es ist aber leider nur zu häufig, daß man glaubt, eine neue Theorie vollkommen verstanden zu haben und ohne weiteres handhaben zu können, sobald man die Hauptsätze sich angeeignet hat, und das auch nicht immer richtig. Und diesen Vorwurf kann ich manchem der neueren ›Marxisten‹ nicht ersparen, und es ist da dann auch wunderbares Zeug geleistet worden.« (Brief an Bloch, 21.9.1890)
… als wäre er unser Zeitgenosse.

Wir halten es übrigens mit der Maxime, die er seinem missratenen Meisterschüler Eduard »Ede« Bernstein einbläute (vergeblich):

»…nicht sich drehen und winden unter den Schlägen des Gegners, heulen, winseln und Entschuldigungen stammeln: so böse war’s nicht gemeint; – wie noch so viele tun. Wiederhauen muß man, für jeden feindlichen Hieb zwei, drei zurück. Das war unsere Taktik von jeher, und wir haben bis jetzt, glaub’ ich, noch so ziemlich jeden Gegner untergekriegt.« (MEW 35, S.425)

Zwei Nachträge (Media vita in morte sumus)

»Der Hohn gegen die Geschichte, die Nichtachtung der Entwicklung der Menschheit ist ganz auf der andern Seite; es sind wiederum die Christen, die durch die Aufstellung einer aparten ›Geschichte des Reiches Gottes‹ der wirklichen Geschichte alle innere Wesenhaftigkeit absprechen und diese Wesenhaftigkeit allein für ihre jenseitige, abstrakte und noch dazu erdichtete Geschichte in Anspruch nehmen, die durch die Vollendung der menschlichen Gattung in ihrem Christus die Geschichte ein imaginäres Ziel erreichen lassen, sie mitten in ihrem Laufe unterbrechen und nun die folgenden achtzehnhundert Jahre schon der Konsequenz halber für wüsten Unsinn und bare Inhaltslosigkeit ausgeben müssen. Wir reklamieren den Inhalt der Geschichte; aber wir sehen in der Geschichte nicht die Offenbarung ›Gottes‹, sondern des Menschen, und nur des Menschen.«
(Friedrich Engels, »Die Lage Englands«, 1844, MEW 1, S. 545)

»Das Subjekt historischer Erkenntnis ist die kämpfende, unterdrückte Klasse selbst. Bei Marx tritt sie als die letzte geknechtete, als die rächende Klasse auf, die das Werk der Befreiung im Namen von Generationen Geschlagener zu Ende führt. Dieses Bewusstsein war der Sozialdemokratie von jeher anstößig. Im Lauf von drei Jahrzehnten, gelang es ihr den Namen eines Blanqui fast auszulöschen, dessen Erzklang das vorige Jahrhundert erschüttert hat. Sie gefiel sich darin, der Arbeiterklasse die Rolle einer Erlöserin k-ü-n-f-t-i-g-e-r Generationen zuzuspielen. Sie durchschnitt ihr damit die Sehne der besten Kraft. Die Klasse verlernte in dieser gleich sehr den Hass wie den Opferwillen. Denn beide nähren sich an dem Bild der geknechteten Vorfahren, nicht am Ideal der befreiten Enkel.«
(Walter Benjamin, Geschichtsphilosophische Thesen, 1940)

(Ein erhellender Text, warum Engels Marxens nachgelassene Kapital-Manuskripte gerade nicht verfälschenderweise zusammengekloppt hat, findet sich hier.)

Immer beliebter! Wir fragen, Pannekoek antwortet

Das Moskauer Hotel Lux war jener Ort, der zwischen 1937 und 1941 zahlreichen kommunistischen Emigranten zur Todesfalle wurde, alles Linientreue übrigens, was das ganze Ausmaß ihrer Tragödie beschreibt. Lukacs, der täglich mit seinem Abtransport rechnete und der doch überlebt hat, hat das Lux verflucht. Eine allzu lustige Idee, seinen Blog danach zu benennen. Das riecht ein wenig nach jenem breitbeinigen Zynismus, dem der »Stalinismus« vor allem der ausgestreckte Stinkefinger ist, mit dem man sich gegen die Zudringlichkeiten der bürgerlichen Gesellschaft zu Wehr setzen will.
Wie dem auch sei. Die Autoren (?) von Hotel Lux haben sich zu einem beschwingten Eklektizismus vorgearbeitet, den alten Pannekoek ausgegraben und, sehr hübsch arrangiert!, ihn als Kommentator gegenwärtiger und hoffentlich zukünftiger griechischer Ereignisse neuentdeckt.

Anton Pannekoeks Ruf ist ja nachhaltig von Karl Radek, dem Jose Mourinho der Weltrevolution, beschädigt worden: Radek, vor dem ersten Weltkrieg zusammen mit Pannekoek noch Teil der Bremer Linksradikalen, hat nur wenige Jahre nach der gemeinsamen Bremer Zeit diesen als »Sternengucker« abgekanzelt, als grüblerischer Schöngeist also, der das Weltgeschehen aus der Ferne beobachtet und unbeteiligt an sich vorbei ziehen lässt. Wohingegen Radek (vgl. »Proletarische Diktatur und Terrorismus«, 1920) und die seinen immer bereit waren, sich die Finger schmutzig zu machen, wo dies eben nötig war.
Pannekoek war Astronom in königlichen Diensten, soviel zum Sternengucken, und war gleichzeitig einer der aktivsten Streiter der Linksradikalen, erst in der Sozialdemokratie, dann in der jungen kommunistischen Weltbewegung. Erst als seine Sache verloren war, als das Denunzieren anfing, um den Aufbau des Sozialismus in einem Land abzusichern, zog er sich zurück und wurde zu jenem Nestor rätekommunistischer Debattierkreise, als den wir ihn heute kennen. Unmittelbar verantwortlich für seine politische Abstinenz dürfte allerdings ein Maulkorb gewesen sein, den er vom holländischen Staat verpasst bekam.
Pannekoek und die Rätekommunisten gingen nie von einem edlen, reinen, spontan zum Aufstand bereiten Proletariat aus, das allein von Partei & Gewerkschaft an der Revolte gehindert wird, weswegen sie die Organisationen der Arbeiterklasse fatalerweise zum eigentlichen Hauptfeind gestempelt hätten. Umgekehrt. Wer ihre einschlägigen Aufsätze aus der Epoche der großen Niederlage – 1936ff. – liest, von Mattick (auf Deutsch u.a. in »Spontaneität und Organisation«, Suhrkamp 1975), Henk Canne Meijer, »Das Werden einer neuen Arbeiterbewegung« oder eben auch Pannekoeks Überlegungen zum Scheitern der Arbeiterbewegung, entdeckt eine große Skepsis gegenüber »der« Klasse. Schließlich sind Partei & Gewerkschaft keine Resultate einer Einflüsterung von außen, sondern originäre Bestandteile einer bestimmten Klassenbewegung. Und eben diese galt und gilt es zu kritisieren.
Wenn es noch einmal zu einem allgemeinen Aufstand der Klasse kommen mag, dann wird dieser sich notwendig gegen die Fahnenschwenker, die Zwangneurotiker der Anpassung und die Apparatschiks richten müssen. Das ist der zentrale Satz des Rätekommunismus. Ein Satz, der den Untergang des Rätekommunismus als Bewegung (und auch als »Weltanschauung«) überlebt hat.
Die Pannekoek-Collage auf Hotel Lux ist jedenfalls hochaktuell.

Übrigens stammen die Textschnipsel aus der sogenannten dritten Massenstreik-Debatte der SPD, bei der der zunehmend resignierende Pannekoek noch einmal den äußersten linken, also den realistischen Flügel vertrat. Pannekoek nahm an sämtlichen Massenstreik-Debatten teil. Radikalisiert wurde der höfliche Gelehrte einst durch einen spontanen Streik holländischer Eisenbahner. Schon 1904 (»Der politische Streik. Bericht der Redaktion von „De Nieuwe Tijd“ an den Parteivorstand der sozialdemokratischen Arbeiterpartei Hollands«) richtete er sich in einem nicht gezeichneten Artikel (auf Deutsch erschien er in Kautskys »Die Neue Zeit«) gegen die Illusionen der Revisionisten:

»Wenn einer glaubt, daß ein ausschlaggebender Teil der Bourgeoisie allmählich auf unsere Seite kommen wird, daß die Liberalen und Fortschrittler allmählich Kompromisse und Bündnisse mit uns werden schließen müssen, in denen wie die Stärkeren sind, die nicht nur dazu dienen, uns zeitweilig zu teilen und durch geringfügige Zugeständnisse an einen Teil des Proletariats das ganze Proletariat zu schwächen, um später, sobald es sich um wirklich wichtige Interessen handelt, uns den Rücken zuzukehren, – wenn einer, mit einem Worte, nicht glaubt, daß die Kluft zwischen Besitzenden und Nichtbesitzenden so tief ist, daß schließlich die Bourgeoisie Gewalt gegen uns brauchen wird, sobald wir ihren Privatbesitz angreifen, was wir durch die geschichtliche Entwicklung gezwungen sind, zu tun, – wenn einer diese Überzeugung hat, ja, dann kann er sagen: ich verwerfe den politischen Streik, denn es gib einen viel sicheren Weg.
Aber von einer solchen Pazifikation eines wirklich großen Teils der Bourgeoisie zeigt sich noch nichts. Im Gegenteil, in allen Ländern hat die Reaktion das Wort. Einfuhrzölle, Militarismus, Imperialismus, das sind überall die Mittel der Bourgeoisie, durch die sie ihre Macht ausbreitet und die Arbeiter noch mehr duckt. Im Vergleich damit ist das bißchen Arbeitergesetzgebung wie ein Butterbrot gegen ein Festessen.«

Über CLR James (Aus einem aufgegebenen Projekt, #17)

Aus einer in den 1940er Jahren in Detroit geführten Diskussion zwischen marxistischen Militanten …
»Together [C.L.R.] James and [Raya] Dunayevskaya hat come to one firm conclusion. This was that the American People were much too sophisticated to be led by a Vanguard Party as Lenin has wanted it to be, a party which would think on behalf of the working class, issue “lines” and slogans and rules on their behalf.
This was what distinguished [their] ›Correspondence Group‹ from the others peddling their ideological line to largely indifferent Detroit workers. With James’s deportation [from the US] Dunayevskaya, however, while having gone along with the theory in his presence, couldn’t see herself functioning without an organization even if it wasn’t called the Vanguard Party. She was of the opinion that if you were a revolutionary you had to do something; James’s increasingly rigorous point of view seemed to be in favour of doing nothing except observing what the people themselves did and describing its revolutionary potential.«
(Farukh Dhondy, »C.L.R. James. A Life«, London 2001, S. 131f.)

Vorbemerkung
Eine Bringschuld. Denn wir hatten bereits hier darauf hingewiesen, einen längeren Beitrag zu CLR James zu bringen, der in England und den USA eine Art Superstar des Marxismus ist (das ist nicht hagiographisch gemeint, der Kult um CLR ist real und dabei durchaus problematisch), der in Deutschland aber nahezu unbekannt ist.
Er ist sogar so unbekannt, dass sein einziges ins Deutsche übersetzte Buch »Die schwarzen Jakobiner. Toussaint L‘Ouverture und die San-Domingo-Revolution« zunächst in der DDR (Verlag Neues Leben, 1984) und dann im DKP-Verlag Pahl-Rugenstein erschienen ist. Als James’ »Die schwarzen Jakobiner« schrieb (1937/38) war er glühender Anhänger Trotzkis, das Buch orientiert sich in Stil und Herangehensweise offensichtlich an Trotzkis »Geschichte der russischen Revolution« und wurde sogar von Trotzki angeregt, der sich gewünscht hatte, dem erwachenden schwarzen Proletariat in den USA ein positives Geschichtsbuch mit auf dem Weg zu geben. Tja, wenn das die Zensoren in der DDR und ihre Weichbirnenableger in der DKP gewusst hätten! Aber offensichtlich hat niemand das Buch genauer gelesen, der »trotzkistische Impetus« (nicht zu verwechseln mit dem späteren abgeschmackten Trotzkismus) liegt jedenfalls auf der Hand …
Folgender Text mag einen etwas zu jubilierenden Ton haben. Dieser erklärt sich dadurch, dass der Text ursprünglich eine auf Anregung eines befreundeten freien Lektors verfasste Werbung für einen Verlag war, der vorläufiges Interesse zeigte, eine kommentierte CLR-James-Anthologie herauszubringen.
Das Projekt hat sich zerschlagen, vorläufig zumindest. Deshalb wird dieser Text in die Kategorie »Aus einem aufgegebenen Projekt eingeordnet.

CLR (Cyril Lionel Robert) James, 4. Januar 1901 – 19. Mai 1989
Das Faszinierende an dem Afro-Trinidadianer CLR James ist weniger die ungeheure Energie, die sich in einer über 50-jährigen Theorie-, Literatur- und Journalismus-Produktion niederschlägt und die sich von den 1920er Jahren bis in die 80er hinein zieht. Aus ihr gehen zahllose Aufsätze, Essays, Polemiken und Kurzgeschichten, ein Dutzend monographischer Werke und eine ganze Reihe von Kollektivschriften hervor. Die Resultate dieser Produktivität spiegeln sich in einer ungeheueren Themenvielfalt, die von Cricket, über die Geschichte der schwarzen Jakobiner und der pan-african Revolts, Polemiken gegen die Politik der Kommunistischen Internationale, die globale Einschätzung des Nachkriegskapitalismus und die neuen Perspektiven einer sozialistischen Revolution, die Analyse des modernen Fabriksystems, die publizistische Unterstützung von Black Power als authentischen Ausdrucks globalen proletarischen Widerstandes, die Kommentierung der Hegelschen Phänomenologie des Geistes, bis zur Darstellung Moby Dicks als Symbol des ebenso unwiderstehlichen wie fatalen Aufstiegs des Kapitalismus im 19. Jahrhundert reicht. Allein die schiere Liste seiner Veröffentlichungen, die große Spannweite seiner Themen und die Souveränität, mit der er sie offenbar bewältigt (egal, auf welchem Gebiet er sich bewegt, er wird – ob als Hegel-Kommentator oder Cricket-Fan): Das ist schon sehr beeindruckend! Genie, Renaissance Man, Olympionik, das sind die Schlagwörter, die fallen.
Aber wie gesagt, das macht noch nicht das Faszinierende aus. James ist kein Wissensanhäufer, kein Tausendsassa, der auf vielen Hochzeiten tanzt, kein intellektueller Hochleistungssportler. Die Stärke seines Denkens liegt darin, dass die Werkkomplexe nicht voneinander zu trennen sind. Es sind immer wieder bestimmte Themen, die sich über die Jahre durchziehen, die in unterschiedlicher Gestalt in den an sich sehr verschiedenen Texten auftauchen: Die Kritik an der Politik der Kommunistischen Internationale unter Stalin (ihre Degradierung zu einer Agentur großrussischer Außenpolitik) ist vor dem Hintergrund seiner strikt internationalistischen Haltung zu verstehen. – Diese internationalistische Haltung führt zu seiner Neubegründung des Universalismus, der sich nicht mehr von den Metropolen her definiert, sondern von den Revolten der Ausgegrenzten und Ausgebeuteten. – Zu den Ausgegrenzten und Ausgebeuteten zählt er aber nicht nur die schwarzen Jakobiner, sondern natürlich auch die Arbeiter der USA oder Englands.
James denkt populäre Kultur (Cricket!), Arbeiterwiderstand und afrikanisch-karibische Emanzipation, Kritik des Stalinismus und des Befreiungsnationalismus, Universalismus und Widerstand »von unten«, der immer aus Not und Begrenztheit heraus sich entwickelt/entwickeln muss, zusammen. Sein Buch über Cricket, »Beyond a Boundary« ist ein Buch über Cricket und gleichzeitig eine literarisch-soziologische Untersuchung über die Durchsetzung kolonialer Kulturpraktiken und ihre subversiv-entwendende Aneignung durch die Kolonisierten. Sein Hegel-Kommentar »Notes on Dialectics« ist, darin ganz dem Impetus des Cricket-Buches gleichend, eine listige Subversion des schwäbisch-preußischen Denkers, immer auf der Suche, die Dialektik radikal als Kraft der Negativität zu verstehen.
Man kann diese Kette der Assoziationen und Verbindungen beinahe endlos fortsetzen!
Diese Spiegelungen, dieses Auftauchen von altbekannten Themen an ganz unerwarteten Text(stell)en, sorgen dafür, dass der Gegenstand »CLR James« nicht nur ein äußerst reichhaltiger, sondern auch ein sehr komplexer ist. Sein Werk ist die Einheit von Bruch und Kontinuität.
Das wäre auch das zentrale Thema einer Anthologie: Nicht ein Füllhorn dem Leser präsentieren, sondern das spezifische James’sche Anliegen vermitteln: Die Begründung eines Universalismus von unten, von den Rändern her; eines Universalismus, der zu gleichen Teilen die Erfahrungen jener pan-african revolts, des dissidenten Marxismus, der Bourgeoisie in der Epoche Herman Melvilles in sich aufgenommen hat; der über Nkrumah so spricht wie über streikende Werftarbeiter im realsozialistischen Polen!
Diese multipolare Denkweise, die nicht in Eklektizismus und Beliebigkeit zerfällt, ist es denn auch, was James für die Diskussionen der Jetztzeit relevant macht. Gab es zu James’ Zeiten schon den Vorwurf des »Eurozentrismus«? James hätte ihn wohl kaum akzeptiert. Er hat sich stets als emphatischer Leser Shakespeares und Melvilles bezeichnet und als Schüler der europäischen Aufklärung (als er 1932 nach England geht, sagt er: »Ein Bürger kehrt heim.«). Seine Parteinahme für die europäische Aufklärung hat er niemals von seiner Unterstützung der schwarzen Befreiungsbewegung losgelöst betrachtet. Er ist ein schwarzer Universalist, jemand der versucht, die Unterschiedlichkeit der sozialen Kämpfe in einer gemeinsamen Perspektive zu denken. Eine Perspektive, deren Einheit nicht mehr durch die Existenz einer Avantgarde-Partei konstituiert wird.
Sicherlich hat James zu verschiedenen Zeitpunkten Führungspersonen anerkannt: Trotzki, Eric Williams, Castro, Nkrumah. Gerade letzterem hat er Huldigungsadressen entgegengebracht, die irritieren (Nkrumah als neuer Lenin etc.pp.). Er ist darin stets enttäuscht worden, und er hat natürlich versucht, diese Illusionen zu verarbeiten.
Die Relevanz von James für die heutige Debatte um globale Emanzipation ist eine doppelte: 1. Er unterläuft die Dichotomie der Debatte um »Post Colonial« auf der einen Seite und den, nun ja, »neuen« Universalisten auf der anderen Seite (jenen Leute, die den Vorwurf des Orientalismus umdrehen und einen Okzidentalismus daraus machen), indem er den kommunistischen Internationalismus aus der Mottenkiste des ML geholt und ihn gründlich entstaubt hat. 2. James selber ist ein historisches Artefakt – ein Mann der Illusionen, Fehler und Enttäuschungen. Er hat keine unumstößlichen Wahrheiten verkündet, wollte das auch nie. Er hat sein Denken immer als eingreifendes, die Kämpfe begleitendes verstanden, auch aus seinen Fehlern lässt sich einiges lernen. , Sein provokantes, rasantes, niemals »nur« theoretisches, sondern immer auch artistisches Denken und Schreiben ist selbst dann anregend, wenn er sich verrannt hat: Die Illusionen, die sich James gemacht hat, waren ja Illusionen ganzer Befreiungsbewegungen. Sich heute darüber zu verständigen, ist für die Neubegründung von Emanzipation von einiger Dringlichkeit.
Natürlich war James auch als Praktiker immer mittendrin: Ein gefragter Cricket-Journalist, ein politischer Aktivist, der etliche Jahre illegal in den USA als Graswurzel-Aktivist der linksradikalen Johnson-Forrest-Tendency unter schwarzen Automobilarbeitern zubrachte, ein Professor, der in den 60er Jahren auf Trinidad und Tobago für die Einführung der Rätedemokratie stritt (noch so eine Illusion) , ein Gesandter Trotzkis, eine Romanfigur Naipauls.

Hinweise
* Textsammlung
Etwas unstrukturiert und ein bisschen selektiv, aber insgesamt ein sehr vorzeigbares Archiv. Ein paar Empfehlungen: »Why Negroes should oppose the war« (Broschüre, 1939); »The Invading Socialist Society« (Grundlagentext der Johnson-Forest Tendency, zusammen mit Grace Lee Boggs und Raya Dunayavskaya, 1947); »The Revolutionary Answer to the Negro Problem in US« (Essay, 1948); »State Capitalism and World Revolution« (zweiter Grundlagentext der JF-Tendency, zusammen mit Raya Dunayavskaya, 1950); »Marxism and the Intellectuals« (Broschüre, 1962); »Black Power« (Rede in London, 1967). Weitere Verweise u.a. zu seiner einst wichtigsten Mitstreiterin (und späteren Kontrahentin) Raya Dunayevskaya.

* CLR James Institut
Klingt hochtrabender als es ist, bietet aber eine interessante Textsammlung. Zur Einführung geeignet: »C.L.R. James and The Struggle for Happiness« by Anna Grimshaw and Keith Hart.

* Wikipedia
Es ist zwar ziemlich wurstig, einen Wikipedia-Eintrag extra zu erwähnen, weil eh jeder sofort bei WIkipedia nachschaut (und dann häufig enttäuscht wird), aber in diesem Fall ist der Eintrag mit seinen vielen Verweisen ein wirklich guter Einstieg.

* Biographien. Der oben bereits zitierte Farrukh Dhondy hat eine flott zu lesende mit dem nötigen human touch geschrieben; Paul Buhles »C.L.R. James. The Artist as Revolutionary« ist gewohnt kompetent (Buhle ist der Chronist der amerikanischen Neuen Linken, als Redakteur von Radical America war er Ende der 1960er/ Anfang der 70er Jahre maßgeblich an der Neuentdeckung James’ beteiligt); Frank Rosengartens »Urbane revolutionary: C. L. R. James and the struggle for a new society« ist die aktuellste (2008), er wertet sehr viel Archiv- und Nachlassmaterial aus.CLR James

Gestern geschrieben, heute veröffentlicht! (Aus einem aufgegebenen Projekt, #16)

Folgender Text ist etwa anderthalb Jahre alt (inhaltlich ganz sanft aktualisiert) und sollte mich eigentlich kurz- bzw. mittelfristig von allen finanziellen Sorgen befreien, denn es handelte sich um ein Bewerbungsschreiben, mit dem ich mich großen Zeitungen und Auftragsforschungsinstituten als Berater anbieten wollte. Es hat aber niemand reagiert. Noch nicht einmal für ein »T.O.P.«-Tagesseminar hat es gereicht.

Robert Kurz, der Vielgescholtene, hat angesichts der Weltwirtschaftskrise die einfache wie ergreifende Wahrheit ausgesprochen, es gebe »ein linkes Urvertrauen in die Regnerationsfähigkeit des Kapitalismus«. Et voilà: Jetzt, wo die Krise sich langsam durchfrisst, In diesen Tagen beeilen sich Marxisten festzustellen, dass der Kapitalismus doch gerade erst angefangen habe und Krisen im Kapitalismus ganz normal seien, und überhaupt: dass die Krise das Normale des Kapitalismus sei. Heute setzt die Linke auf Umverteilung (»von oben nach unten«), Kredite für den Mittelstand, Konsumgutscheine für private Haushalte, auf ein bisschen Klassenkampf zur Re-regulierung der Märkte und zur Wiederauferstehung der Sozialpartnerschaft. Es steht in den Jungen Welt wie in der Jungle World, in DKP-Verlautbarungen und Statements von Sarah Wagenknecht, in Kommentaren von Jürgen Elsässer und in der neuesten Kapital-Scholastik diverser Marxologen.
Das alles ist keine Polemik wert, interessant besorgniserregend ist etwas ganz anderes: Die Bourgeoisie hört nicht hin. Michael Heinrich wird nicht Wirtschaftsredakteur bei der FAZ, Elmar Altvater wird abseits der TAZ nie zur Wort kommen und Sarah Wagenknecht nie zum Spitzensymposium des Arbeitgeberverbandes eingeladen werden.
Jetzt, wo die Chancen gut stehen, dass zur realen Krise des Kapitals sich eine Legitimationskrise gesellen könnte, wie sie die bürgerliche Gesellschaft seit 1929 nicht mehr erlebt hat, wären ein paar Marxisten in den Zentralen der Vierten Gewalt genau das richtige. Souverän würden sie den Schutt der neoliberalen Propaganda beiseite räumen und gelassen von der Naturwüchsigkeit des Kapitals reden, seinem immanenten Krisencharakter, seinen goldenen Perspektiven in China und Indien, schließlich den objektiven und subjektiven Faktoren einer Revolution, die nie zusammenfielen. Jetzt, wo die Bourgeoise nichts anzubieten hat, weil alles schon durchgehechelt ist – kein »Modell Deutschland« und keine »geistig-moralische Wende«, keine »konzertierte Aktion« und keine »blühenden Landschaften« am Ende des Jammertals und die Krise eben nicht auf die legendären »sieben fetten Jahren« folgt, sondern auf das größte staatliche Armutsprogramm in der Geschichte der BRD (Wofür hat sich denn der ganze Scheiß gelohnt?), hilft nur noch die Stimme der Vernunft, verkündet vom Feldherrenhügel des historischen Materialismus. Lasst die Marxisten ran!
Aber niemand lässt sie. Der Flirt mit Marx in den Feuilletons – schon vorbei, bevor er überhaupt angefangen hat. Die Wirtschaftsseiten – ein einziges Schlachtfest der Krisenverlierer. Die Leitartikel – nie klangen Durchhalteparolen so uninspiriert. Sollte es wirklich so sein, dass im antikommunistischen Furor der letzten zwanzig Jahre sich die Bourgeoise samt ihrer Lohnschreiber ultimativ verdummt hat? Liest denn niemand mehr Lampedusa? »Wenn wir wollen, das alles bleibt wie es ist, dann ist es nötig, daß alles sich verändert.«
Der Kapitalismus wird zugrunde gehen einzig an der Selbstermächtigung der Abhängigen und Ausgebeuteten. Auf sie werden hier keine Wette angenommen. Aber warum sollte der Untergang eigentlich nicht mit der Untätigkeit der Bourgeoisie beginnen? Oder besser: ihrem Fatalismus? Es ist Weltuntergang und nur die Bourgeoisie geht hin.

Nachtrag
Aus beruflichen Gründen besuchte ich vor einem Jahr eine von einer der Linkspartei nahe stehenden Studenten-Gruppe organisierten Veranstaltung zur Krise (Was kennzeichnet die Krise, was sind die Persepektiven der Linken, also: der Linkspartei?), auf der u.a. ein Stefan Bornost auftrat, um den es gleich gehen soll. Verwerten konnte ich den Besuch der Veranstaltung zwar nicht (ich habe es mittlerweile aufgegeben, mich als Krisengewinnler zu versuchen, und versuche mir als Blogger gewisse neumodische Softskills anzueignen), für einige Freunde schrieb ich aber eine kleine Veranstaltungskritik. Sie wird auszugsweise dokumentiert.
Bornost, der bereits vor einigen Jahren als Investigativjournalist brillierte – »Lafontaine: Von den Bossen gestürzt« – hält hier exemplarisch für alle Marxisten seinen Kopf hin, die von dem Wahn besessen sind, mit Staat und Kapital auf gleicher Augenhöhe zu reden.

Interessant zunächst zu beobachten, wie sich die deformation professionelle Bahn bricht. Es begann Stefan Bornost, der Vertreter vom Netzwerk Marx21, auch leitender Redakteur des Netzwerk-Organs. Irgendwie muss das doch frustrierend sein: Marx21 ist die Nachfolge-Organisation von Linksruck. Linksruck sind Trotzkisten. Selbstverständlich muss der Agitator aber so auftreten, dass nichts davon zu spüren ist, er muss so reden wie ein x-beliebiger DGB- oder Antifa-Heini. Wozu bin ich Kommunist, wenn ich es nicht sagen darf? Bestand nicht der welthistorische Fortschritt des wissenschaftlichen Sozialismus darin, glasklar zu sagen, was ist? Und eben keiner Zwei-Welten-Theorie gnostisch-verschwörerisch anzuhängen? Ich würde von soviel Selbstverleugnung Magengeschwüre bekommen.

Einmal als Referent aufgerufen, sprang Bornost wie von einer Tarantel gestochen auf – vor einem Forum von nicht mal dreißig Zuhörern – und redete schnell und angestrengt aber auch sichtbar geschult (oberflächlich klar strukturiert). Seine Mimik blieb seltsam starr, dazu aber hektisch-ruckartige Arm- und Handbewegungen, ein bisweilen geradezu panisches Wedeln. Entschuldigt, dass ich so betont auf Physiognomie und Körpersprache eingehe, aber das schablonenhafte Denken und Reden scheint ihm buchstäblich in die Glieder gefahren zu sein (es sprach aus ihm).

Im Folgenden seine zentralen inhaltlichen Punkte: 1. Der Kapitalismus löst seit 35 Jahren seine Krisen nur oberflächlich (Vorwurf!); 2. Es gibt darum keinen Zuwachs der Linkspartei, weil wir vor einem Rechtsruck stehen (Analyse!); 3. In Frankreich und andere Ländern gibt es bereits Aufstände und Generalstreiks, aber nicht in Deutschland, denn wir haben hier eine andere Tradition (Mahnung!); 4. Wer die Banken Pleite gehen lassen will, ist bloß zynisch-schadenfroh und verkennt, was das für eine Katastrophe für die kleinen Leute bedeutet (Übergang zur Lösung!); 5. Also muss der Finanzsektor verstaatlicht werden – und zwar, wie lautet das Zauberwort?, demokratisch (Lösung!); 6. Dazu muss die Linkspartei gestärkt werden, außerdem die Gewerkschaften, die Antifa, der AStA und die Hochschulgruppen von Ver.Di und GEW (Mittel zum Zweck!).

Bleibt abschließend zu noch bemerken, dass Bornost Kanzlerin Merkel für ihre Aussage gelobt hat, sie wolle nicht den Brüning geben. Nur dass er Merkel diesen Spruch nicht so recht glauben wollte (alles nur Taktik) und er ernsthafte Bemühungen vermisste, der Aussage Taten folgen zu lassen. Wie gesagt: Der Kapitalismus, dieser Faulpelz!, löst seine Krisen einfach nur oberflächlich. Gemein!

Nachtrag zum Nachtrag
In einem Feature des SWR zum letztjährigen »Make Capitalism History«-Kongress taucht auch Bornost auf und wird vom Autor in den goldenen Worten beschrieben »Bornost sucht nach Perspektiven und lässt nichts aus.« Besser hätte ich es nicht sagen können.