» … ferner bestätige ich, niemals flexibel gewesen zu sein … «

Meine Lieblingsstellen aus dem letzten Interview Amadeo Bordigas, das er im Sommer 1970 drei Monate vor seinem Tod schriftlich geführt hat (ich glaube, er hat sowieso nur zwei gegeben) und dass alter-maulwurf.de jetzt neu übersetzt/bearbeitet hat.
Das Interview dreht sich hauptsächlich um den Gründungsprozess der Kommunistischen Partei in Italien (nicht zu verwechseln mit der späteren patriotischbolschewistischen-antifaschistischen Kommunistischen Partei Italiens) Anfang der 20er Jahre und die damaligen Debatten in der Komintern. Zu den im folgenden erwähnten »schwachen und stumpfen Schülern Lenins« zählte er selbstverständlich ‚den großen Schnurrbart‘ (Stalin) und Palmiro Togliatti, den Bordiga an anderer Stelle als „wahrer(n) Meister bei der Liquidation der Kommunistischen Internationale“ bezeichnete.

Sie wurden beschuldigt, nicht flexibel zu sein, unfähig, die Aktion den Umständen anzupassen, „zur Sektenbildung neigend“. Wie antworten Sie auf solche Einwände Lenins und anderer?

Wenn eine geschichtliche Beurteilung meiner Eigenschaften und Eignungen nach so langer Zeit zuverlässig wäre, würde ich heute sagen, dass ich die Bezeichnung des „Sektierers“ gern annehme; ferner bestätige ich, niemals flexibel gewesen zu sein, ebenso wie ich nicht fähig war, mir aufgrund immer wieder veränderter Situationen und Kräfteverhältnisse ein „elastisches“ Vorgehen einreden zu lassen. Die Anschuldigung, sektiererisch und zu wenig flexibel zu sein, bekam ich oft zu hören, aber sie haben mich nie vom Weg, von dem ich überzeugt und nicht abzubringen war, abweichen lassen. Die Anschuldigungen sind auf den Moskauer Kongressen nie von Lenin vorgebracht worden, sondern von seinen sklavischen Nachahmern, die vielleicht willens, aber doch sehr weit davon entfernt waren, den wirklichen Inhalt seines Denkens zu erfassen. Ich glaube, dies in meiner Schrift über den „Linken Radikalismus“ Lenins sowie über die falschen Überlegungen, die die späteren Renegaten darüber anstellten, richtig erläutert zu haben. Wenn es stimmt, dass man der Klassenrevolution nicht durch ein banales konspiratives Komplott näher kommen kann, wie es in den Revolutionen der Fall ist, die nur darauf abzielen, einen Führer durch einen anderen zu ersetzen, muss man auch erkennen, dass es besser ist, wenn die Klassenpartei die strenge Form einer „Sekte“ annimmt statt hinzunehmen, dass sich das durch strenge Disziplin geprägte Verhältnis ihrer starken zentralisierten Organisation in einen losen Zusammenhang auflöst, in dem jedem Mitglied oder jeder Basisgruppe immer wieder erlaubt ist, im Namen der Partei aus dem Stegreif hervorgebrachte und unbeherrschbare Aktionen vorzuschlagen und auszuprobieren: Aktionen, die trügerischerweise angeraten zu sein scheinen, weil sie sich den mit politischem Geschick Begabten als durch neue Umstände bedingte Opportunität darbieten. An die Stelle der unflexiblen Ernsthaftigkeit, der der revolutionäre Kämpfer verpflichtet ist, tritt so eine Reihe akrobatischer Verrenkungen oder wie man zu sagen pflegt: jäher Meinungsänderungen – was nichts weiter als eine beleidigende Parodie auf das Andenken Lenins ist, da man den Respekt vor der „Elastizität“ von Manövern mit einer solchen Reihe erbärmlicher Umschwünge verwechselt, die nur schwache und stumpfe Schüler gewagt haben, Lenin zuzuschreiben.

Eine andere Beschuldigung, die Sie Ihr ganzes Leben lang begleitet hat, ist die, den politischen Kampf als abstrakten gesehen zu haben, denn Sie hatten eine Denkweise, die als „theoretischer Schematismus“ bezeichnet wird. Dies habe dazu geführt, schwere Fehler zu begehen. Inwieweit erkennen Sie diese Analyse heute als berechtigt an? Oder weisen Sie sie völlig zurück?

Ich weise diese angebliche Analyse zurück, auf die sich die Frage bezieht und deren Formulierungen meiner Denkweise und meiner Parteinahme im politischen und sozialen Kampf nicht entsprechen, auch objektiv sind sie nicht richtig. Wenn man sich einer Klassenbewegung oder der Theorie, mit der Karl Marx sie ausrüstete, anschließt, lassen sich – um die Dynamik des Kampfes und des Klassenantagonismus wiederzugeben – die gegeneinander kämpfenden Klassen nicht auf konkrete Kategorien zurückführen, sondern müssen als abstrakte Begriffe, die sich auf erfahrbare soziale Tatsachen beziehen, dargestellt werden. Den Imperativ des Abstrakten aufgegeben und durch jenen einfachen und leicht handhabbaren des Konkreten ersetzt zu haben, stellt den verhängnisvollen Fehler derer dar, die sich (indem sie marxistisch gesprochen zu „Verrätern“ ihrer eigenen Klasse oder wie Lenin sagt, zu „Berufsrevolutionären“ wurden) als Führungskader der proletarischen Bewegung zur Verfügung stellten. Dass ich mich von Anfang an und aus Gründen, die notwendig dem physischen Leben der Bewegung und der ihr Hauptgerüst bildenden Propaganda und Agitation inhärent sind, auf der festen Position des Abstrakten verbarrikadiert habe, ist, so glaube ich, mein wirkliches Verdienst, wenn ich mir denn eines zuerkennen soll. Weiter glaube ich, dass diejenigen, die den Mund mit dem tückischen Begriff des Konkreten voll nahmen, den Weg des Opportunismus (deren Welle uns 1914 fortriss) eingeschlagen haben, womit sie diesem Ungeheuer der menschlichen Geschichte und revolutionären Kraft noch einmal viel Zeit gaben, sein erbärmliches Leben weiter zu fristen. Nach diesen klaren Abgrenzungen kann ich, scheint mir, zu Recht sagen, dass ein zwischen den Spitzen und der Basis fest übertragener und immer wieder übertragener theoretischer Schematismus ein unersetzliches Merkmal im Leben der Kommunisten Partei bildet und somit der richtige Weg war, dem man folgen musste, um gegen die Degenerierungen der revolutionären Weltbewegung zu kämpfen; ich bin stolz, diesem Ziel mein nicht allzu kurzes Leben geweiht zu haben.