Wie schafft man es, 90 Minuten nichts über Rudi Dutschke zu erzählen?

Blöde Frage, einfache Frage: Indem man ein Biopic über Dutschke fürs ZDF dreht.
Gestern lief also die groß angekündigte Revue – und wir haben sie uns angeguckt (dass Bayern weiterkommt, war eh klar). Gut, er war ein Charismatiker und supernett und auch noch emanzipiert (freiwilliges Windelwechseln!), Gaston Salvatore war ein Charmeur und Bernd Rabehl schon immer irgendwie verkniffen. Ok, sonst noch was? Ah ja, Dutschke ist ein bisschen nervös – wir schreiben da schon die frühen 1970er, der Gehetzte besucht alte Freunde in Berlin –, weil Rabehl eine Doktorarbeit mit dem gleichen Thema wie Rudi schreibt. Man erfährt das Thema freilich nicht, noch nicht mal ein Schlagwort.
Schön, wirklich schön, ist das ewige Gegockel der alten Säcke Rabehl und Salvatore, die von heute aus ihre Freundschaft mit Rudi und die damaligen Umstände kommentieren dürfen. Ich war näher an Rudi dran, nein ich war es. Rabehls abfällige Äußerungen über Rudis Frau Gretchen, dieser Neidhammel, entlarven sich so ganz von selbst – auf dieser Ebene der Zwischentöne ist der Film gelungen.
Gaston Salvatore – gegen den Harald Wieser einst eine herrlich hämische Polemik schrieb: »In seiner 1971 abgelieferten Gedichtsammlung „Natascha Ungeheuer“, einem Attentat auf die Lyrik, unternahm Salvatore (…) gleich „Sieben Rückkehrversuche“ in „Die schwierige Bourgeoisie“. Der achte ist ihm geglückt.« – gibt den Filmemachern den dringenden Ratschlag, den Film mit dem Attentat und den Bildern der Ausschreitungen enden zu lassen. Was kam schon noch in den 1970ern?
Sehr viel – wenn man sich denn fürs Inhaltliche interessiert hätte. Dutschkes Werk ist in diesem Jahrzehnt entstanden: Die Ausformulierung seines Antibolschewismus, der Versuch der Begründung einer Ethik des Revolutionärs, vor allem seine umfassende Leninismus-Kritik: »Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus.«, so hieß seine Doktorarbeit – die von Rabehl übrigens »Marx und Lenin«. Rabehl ist der gründliche, verbissene Philologe: Lenin war kein Marxist, Überraschung! Der große Revolutionär war auch ein mehr oder weniger systematischer Marx-Missdeuter.
Dutschke wagte dagegen den Sprung aus der Ideengeschichte, aus der Philologie in die Sozialgeschichte und stellt Lenin als Westler in einem nicht-westlichen Umfeld dar – als einen Marxisten deutscher Prägung, der als Erziehungsdiktaturler endet/ enden muss. Die Arbeit ist unter fast allen Gesichtspunkten granatenmäßig falsch, vor allem ist Dutschkes Kenntnis der russischen Geschichte (die er vor allem aus Marxens verzerrendem antirussischem Blickwinkel analysiert) haarsträubend. Und dennoch ist das ein ungemein anregendes, vielschichtiges, lebendiges Werk. Zu viel, zu groß, zu kommunistisch für einen Film, dem man allenfalls entnehmen kann, dass Rudi »von drüben« kam und irgendwie ein Problem mit Missständen aller Art hatte.
Oh nein, man muss nicht jedes Mal, wenn Rabehls Visage irgendwo auftaucht »Nazi, Nazi« krakeelen (er ist übrigens kein Nazi; er ist Nationalist, das reicht eigentlich schon, aber er ist ein perfider noch dazu, weil er konsequent den Marxismus und die Subversionsgeschichte von 1968 – von beidem hat er auch noch erschreckend viel Ahnung! – für den nationalen Aufbruch instrumentalisieren will). Aber man hätte doch Dutschkes Patriotismus sehr wohl erwähnen können. Und dann hätte man auch Rabehls Dutschke-Verzerrungen herausarbeiten können: Denn während bei Dutschke die Sehnsucht nach einem sozialistisch vereinigten Deutschland klar dem großen Ziel – der Weltrevolution – untergeordnet ist, eine Etappe derselben darstellt, stellt Rabehl unter Aufbietung seiner Restintelligenz den Gedanken der nationalen Befreiung in den Mittelpunkt von Dutschke Werk und Leben.
Dutschkes Texte sind selten durchdacht, wer krudes Zeug finden will, muss nicht lange suchen, aber Wind der Geschichte geht durch sie hindurch, es sind ungeheuer lebendige Werke – auch da, wo sie in geschraubten Denkfiguren verenden. Man spürt nämlich, dass er da was in den Griff bekommen wollte. Die Hampelmänner, die in Dutschkes Engagements für die Ostdissidenten nur den Übergang zum Antikommunismus entdeckten und dementsprechend pöbelten und die, anstatt etwas über den Realsoz mal herauszubekommen, sich freiwillig doof und unwissend stellten (und von denen einige – wie der abgeschmackte Superlafontainist Christoph Butterwegge aus Köln – eine Karriere hingelegt haben, wie sie Dutschke nie angestrebt hatte) – die hatten alles im Griff. So kann man das sagen.
Darüber – nichts im Film. Klar, wäre ja dann auch ein anderer – längerer – geworden, der niemals nie nicht im ZDF hätte laufen können.
Die Verniedlichung des Revolutionärs ist konterrevolutionär. Und so oblag es dem Achse-des-Guten-Autor Ingo Langner, mitten im Weichzeichner-Mainstream das Wort zu ergreifen und ein paar einfache, ganz offenliegende Wahrheiten über Dutschke auszusprechen (dem Vernehmen nach hat Langner sich mittlerweile den Schaum vor Mund abwischen können):
»Die repräsentative Demokratie und den Parlamentarismus lehnte er ab. Im vom DDR-Sozialismus und den Truppen der sowjetischen Roten Armee umzingelten Westberlin wollte Dutschke eine Räterepublik nach dem Vorbild der Pariser Kommune errichten. (…) Die reale Arbeitszeit veranschlagte Dutschke in diesem Paradies auf Erden keck auf nur fünf Stunden täglich. Dutschke bejahte die Militärgewalt der kommunistischen vietnamesischen Truppen. Den Vietnamkrieg betrachtete er als revolutionären Auftakt auch für Europa.« »Deshalb hier dies zur Erinnerung: Dutschkes Ziel war die Weltrevolution.«
Wo er recht hat, hat er recht.