Stinas

Ich bin gebeten worden, auf ein neues Blog-Projekt hinzuweisen, nämlich die Dokumentation der Autobiographie des griechischen Militanten Agis Stinas (bürgerlicher Name: Spiros Priftis). Agis who? Wer sich mit Leben und Werk Cornelius Castoriadis’ auskennt, wird am Rande aufgeschnappt haben, dass Stinas zu den frühen und wichtigsten Lehrern des späteren Socialisme-ou-Babarie-Vordenkers zählte. Viel mehr an auf Deutsch vorliegenden Informationen über Stinas gibt es nicht.
Dabei ist es dringend geboten, Genossen wie Stinas dem Vergessen zu entreißen. Zählt er doch zu der kleinen Gruppe unerschütterlicher Internationalisten, die vor siebzig Jahren nicht bereit waren, per se jeden Kampf gegen den Faschismus und die deutschen Besatzer gutzuheißen: Zu seinem revolutionären Defätismus zählt ebenso die Ablehnung der »bolschewisierten« (vulgo: stalinistischen) kommunistischen Parteien und also auch die Ablehnung, sich in Volksfronten zu engagieren (vulgo: klassenkämpferische Positionen zugunsten eines Linkspatriotismus aufzugeben) wie eine notorische Undankbarkeit gegenüber den Westalliierten, die man nicht als Befreier ansah. Manchmal werden die Defätisten auch als Linkstrotzkisten, Bordigisten, Third Camper etc.pp. bezeichnet, das mag helfen, sich zu fürs erste orientieren, substantiell sind solche Ehrentitel aber nicht.
Einige dieser Defätisten sind bekannt, werden aber heute weniger als solche, sondern vor allem als allem Praktischen enthobene Theoretiker rezipiert: Karl Korsch z.B., oder Paul Mattick und Anton Pannekoek. Andere kennt man als Literaten wie Victor Serge, C.L.R. James oder Boris Souvarine. Aber die meisten Militanten, die kein »großes« theoretisches oder literarisches Werk hinterlassen haben, sind einfach vergessen – wie eben Agis Stinas. Deshalb – und auch weil die Geschichte der militanten Klassenkämpfe in Griechenland zwischen 1920 und 1950 hierzulande nahezu unbekannt ist – ist es sehr zu begrüßen, wenn jetzt Schritt für Schritt einzelne Kapitel aus den auszugsweise auf Englisch vorliegenden Memoiren Stinas’ publiziert werden (angeblich soll sogar eine deutsche Übersetzung unterwegs sein?).
Der Defätismus war eben nicht das Werk einer vermeintlich intellektuell abgehobenen Schicht von Juraprofessoren (Korsch), Brückenbauern (Amadeo Bordiga) und Sterneguckern (Anton Pannekoek), sondern widerspiegelte eine reale Tendenz des Arbeiterradikalismus. Seine Marginalisierung – Verächtlichmachung – ist nicht zuletzt das Gemeinschaftswerk des westlichen wie östlichen Antifaschismus.

Der Stinas-Blog, hey Genossen!, ist noch ein bisschen unübersichtlich, es würde schon helfen, wenn es einen sofort einsehbaren biographischen Eintrag, der die wichtigsten biographischen Daten zusammenfasst, gäbe. In diesem Zusammenhang ist es auch sinnvoll, direkt mal einen Wikipedia-Eintrag anzulegen.