Spaßverderber!

Der 65. Jahrestag des europäischen Endes des Zweiten Weltkriegs nähert sich – für einige europäische Länder war der Krieg schon ein paar Tage / Wochen vorher vorbei –, und das ist, weil es ja sonst für die Fahnenschwenker unter uns und die zünftigen Marschlieder liebenden In-Reih-und-Glied-Linken so wenig zu feiern gibt, für diese Anlass genug, ausgiebig die eigenen antifaschistischen Mythen zu feiern.
Zu den wenigen Gruppen, die nicht zwanghaft auf der Seite einer siegreichen Nation meinen stehen zu müssen, sondern in der »siegreichen Nation« – gleich, ob es die deutsche, französische, italienische oder un-amerikanische ist –das Grundübel sehen, zählt die IKS, die Internationale Kommunistische Strömung.
Die IKS ist eine weltweit agierende linkskommunistische Bewegung, deren Wurzeln bis in die 1930er Jahre zurückreichen und die explizit auch den deutsch-holländischen Rätekommunismus zu ihrem Erbe zählt. Dies sei erwähnt, damit kein Heini daherschwatzt, bei der IKS würde es sich um »Bordigisten« handeln. Nö – »Bordigisten«, wenn man den Ausdruck überhaupt akzeptieren mag, haben nichts mit den deutsch-holländischen Genossen gemein und pflegen in der Regel auch nicht den offenen innerparteilichen Diskussionsstil der IKS.
Der hier dokumentierte Schnipsel nimmt Bezug auf die große italienische Streikwelle des Jahres 1943 und ist einer deutschsprachigen Zusammenfassung eines umfangreichen englischsprachigen Essays (1993) entnommen. Dessen Lektüre sei hiermit empfohlen.
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von Ofenschlot.

Die Kämpfe von 1943: kein antifaschistischer, sondern ein Klassenkampf
Die [italienische] Bourgeoisie stellt die ganze Streikbewegung von 1943-45 als eine antifaschistische Bewegung dar. Wir haben gezeigt, daß das falsch ist. Die Arbeiter kämpften gegen den Krieg und die ihnen aufgezwungenen Opfer. Sie prallten mit den Faschisten zusammen, als diese an der Macht waren (im März), der Regierung Badoglio, die nicht mehr faschistisch war (im August), mit den Nazis, als diese in Norditalien die Macht ausübten (im Dezember).
Die [1943 bereits auf Sizilien gelandeten] westlichen Alliierten verzögerten ihren Vormarsch auf die norditalienischen Industriezentren so lange, bis die deutschen Besatzer die Arbeiter gewaltsam niedergeworfen hatten. Anstatt den Arbeitern zu Hilfe zu eilen, bombardierten die amerikanischen und britischen Luftwaffen gezielt die Fabriken des Nordens, um so ihren Teil zum Abschlachten der Arbeiter beizusteuern.
Die „demokratischen“ Kräfte der bürgerlichen Linken in Italien versuchten von Anfang an, mit der „Kommunistischen Partei“ an ihrer Spitze, den Klassenkampf der Arbeiter auf ein bürgerliches Terrain zu lenken – den des „patriotischen und antifaschistischen“ Kampfes. Dabei hatten die bürgerlichen Linken aber große Schwierigkeiten, denn aus der Sicht der Arbeiterklasse waren die Kämpfe immer gegen das Kapital insgesamt und nicht gegen eine besondere Fraktion des Kapitals gerichtet. „Erinnern wir uns, wie wir uns am Anfang des Befreiungskampfes anstrengen mußten, den Arbeitern und Bauern beizubringen, die wußten, daß sie natürlich gegen die Deutschen kämpfen mußten, die aber sagten: Wir meinen, ob unsere Kapitalisten Deutsche oder Italiener sind, das macht wirklich keinen großen Unterschied.“ (E. Sereni, ein Führer der damaligen KP)
Der antifaschistische Kampf war ein vollkommen patriotischer und national-bürgerlicher Kampf, der nicht die Grundlage der Herrschaft des Kapitals infragestellte. Im Gegenteil.
Der Antifaschismus zielt stets darauf, das Proletariat hinter eine angeblich menschlichere oder fortschrittlichere Fraktion des Kapitals gegen eine andere zu mobilisieren. Die Arbeiter sollen nicht für ihre eigenen Interessen, sondern für die des Kapitals kämpfen. Damit werden sie für den imperialistischen Krieg als Kanonenfutter mobilisiert – in diesen Fall für den „westlichen“ Block zusammen mit dem „sowjetischen“ Imperialismus und ihren italienischen Verbündeten gegen Deutschland. Dagegen unterstützten die Internationalisten der marxistischen Linken die Arbeiterstreiks gegen den Krieg sowie die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Klassenkrieg der internationalen Arbeiterklasse gegen das Kapital im Ganzen.