Nachtrag zu Lenin

Vielleicht kann man sich Lenin vernünftig nur als Theologe nähern. Wir hatten vor einigen Wochen bereits ein Beitrag des holländischen Pfarrers und Kommunisten Ton Veerkamp dokumentiert, und bringen hier einen Ausschnitt aus seiner vorzüglichen (wenn auch an einigen Stellen ins Links-attac-istische lappenden) Streitschrift »Der Gott der Liberalen« (Argument Verlag 2005, S. 234/235), in der er die religiös-fetischhafte Konstitution des Liberalismus anschaulich herausarbeitet und gleichzeitig einen Blick auf den historisch realen Gegner des Liberalismus – die Arbeiterbewegung – wirft, nur zusammengedacht mit der Niederlage der Arbeiterbewegung wird der Kapitalfetisch in seinem ganzen Ausmaß begriffen.
In diesem Zusammenhang kommt er auch auf Lenin und, nun, sein Dilemma zu sprechen.

Lenin. Auch Paulus

Lenin war kein Messias. Zwar ein Messianist, aber kein Messias: erst seine Mumie wurde zum messianischen Gerät, Kultobjekt in den roten Messen kommender Messiasse. Lenin war nie Leninist (…). Kein Messias also, kein Jesus, eher wie der Apostel Paulus, Begründer des Christentums. Großer Auftritt Lenins auf dem dritten Kongress der Dritten Internationale, der Kommunistischen Internationale, am 5. Juli 1921: »Entweder sofortiger Sieg über die gesamte Bourgeoisie, oder Tribut zahlen. Wir gestehen ganz offen, verheimlichen es nicht, Konzessionen im Staatskapitalismus, Tribut an den Kapitalismus.«
Viele aber wollten das nicht hören. Lenins genossen schlugen sich auf seine Seite, Trotzki, Bucharin, Radek, Sinowjew usw. Andere aber hatten noch das Gefühl, für die schäbige Schieberei, die jetzt kommt, hätte sie nicht gekämpft, seien all diese Menschen nicht gestorben. Für Frauen wie Alexandra Kollontaj, jene kommunistische grande dame im Kreis Lenins, war dessen »Neue Ökonomische Politik«, russisches Kürzel »NEP«, nichts als Betrug, und sie schrieb hämische Romane über die NEP-Männer. Für Lenin war diese Kollontaj’sche und die [rätekommunistische] Gorter’sche Aufregung nichts als »Kinderkrankheit im Kommunismus« und später Ketzerei. »Wir sind nicht allein auf der Welt«, rief er den Delegierten zu. Ewiger Konflikt zwischen Realisten und Prinzipiellen, Dilemma des Kommunismus, Dilemma des Messianismus. Die ganze Welt sollte es sein, stattdessen »Neue Ökonomische Politik« in einem hungernden, zerstörten, fast völlig industrialisierten Russland. »Neue Menschheit, neue Schöpfung (kainos anthroopos, kainè ktisis)«, hieß es unter den jüdischen, anti-römischen Messianisten (griechisch christianoi, Christen), die die weltweite römische Ausbeutungsordnung bekämpften, zumindest ihr Ende herbeisehnten. Stattdessen kleine Hausgemeinden in den Städten des römischen Griechenlandes, die sich nüchtern »Versammlung« (ekklesia) nannten, von Paulus auf Linie gehalten. Musste dafür der Sohn Gottes ans Kreuz? »Vorneweg mit blut’ger Fahne.« Stattdessen NEP-Politik und Bucharins »Bauern, bereichert euch!« Wurden dafür Millionen ermordet? Seit Lenins Auftritt wurde der Kampf gegen die Ketzer wichtiger als der Kampf gegen den Klassenfeind. Seit Paulus auch. Andere Welt? Schön, aber zunächst bei der Stange bleiben, die richtige Meinung, die rechte Lehre, orthè doxè, dann kommt das Himmelreich auf Erden oder die klassenlose Gesellschaft: »Nenn’ es Jesus Christus, was weiß ich.«
»Wir gewinnen zeit, und Zeit gewinnen heißt alles gewinnen … in der Epoche, in der die ausländischen Genossen gründlich ihre Revolution vorbereiten«, sagte Lenin auf dem Kongress. Paulus schrieb an die Messianisten in Rom: »Jede Seele habe sich den herrschenden Mächten unterzuordnen«, denn es bleibt einstweilen nichts anderes übrig; unterordnen »nicht mit Wut im bauch (orgè), sondern mit Bewusstsein im Kopf (syneidèsis) … wer Tribut beanspruchen kann, dem Tribut …« Anders als die kämpfenden Zeloten in Jerusalem, kannte der Kosmopolit Paulus das Reich, seine Macht, seine Grausamkeit. Mit dem Kopf kommt kein jüdischer Dickschädel durch die Wand, schrieb der Jude Paulus; Zelotenkampf, Kinderkrankheit im Messianismus. Durchhalten, lautet die Botschaft, denn »wir wissen um die Frist, schon ist die Stunde gekommen, um aus dem Schlaf aufzustehen, die Nacht ist fortgeschritten, der tag kommt näher …« Und so weiter und so weiter, kennen wir, kennen wir seit zwei Jahrtausend, Kommt der Messias nicht, hat Paulus ein Problem. Versagen die ausländischen Genossen, hat Lenin ein Problem. Kein Messias, dafür alle Jahre Weihnachten; keine Ende der Unterdrückung, dafür alle Jahre – 75 Jahre lang bis 1992 – Oktoberparaden auf dem Roten Platz.