Lenin – die Politisierung des Marxismus (Auf den 22. April 1870!)

Hans Mayer hat irgendwo geschrieben, dass der Bindestrich zwischen »Marxismus« und »Leninismus« der verhängnisvollste Bindestrich des 20. Jahrhundert gewesen ist. Verhängnisvoll auch deshalb, weil der vermeintliche Urheber – Lenin – nie den Anspruch auf Eigenständigkeit, Originalität und Klassikerstatus erhoben hatte. Der ML ist eine Erfindung der 20er Jahre, als der schon verstorbene Lenin zu einem umkämpften Fetisch der sich bekriegenden Fraktionen der Bolschewiki mutierte.
Der ML unterscheidet sich in der Tat wesentlich vom Marxismus – Anerkennung des Primats eines Staates über die Weltarbeiterbewegung; Vorrang des nationalen Befreiungskampfes über den internationalen Klassenkampf; Klassenkollaboration (Volksfront); Stamokap-Theorie statt Wert-Kritik (im Monopolkapitalismus ist das Wertgesetz schon partiell aufgehoben); Akzeptanz von Ware-Geld-Beziehungen auch im Sozialismus; Ersetzung des Krisentheorems durch Stadientheorie des Kapitalismus (allgemeine Fäulnis des Kapitalismus, Imperialismus als höchstes … etc.pp.).
Die nahe liegende Frage ist, ob Lenin für den ML haftbar zu machen ist oder nicht.
Er ist es, weil einige der oben aufgeführten Punkte – nämlich alle, die die Entwicklungsperspektiven des Kapitalismus betreffen – sich bei Lenin finden, im Zentrum seines Denkens und nicht etwa an der Peripherie.
Er ist es nicht, weil aus Lenins Anstrengungen, den Marxismus weiterzudenken, sich kein Staatsprogramm ergibt – die Diktatur des Proletariats als transitorisches Element hin zum Kommunismus: das schon; aber die Errichtung eines Vaterlandes der Werktätigen: das wäre mit ihm nicht zu machen gewesen. Der Movens seines Handelns und Denkens ist die Weltrevolution.
Dass die Linie zwischen Lenin und Stalin nicht sauber zu ziehen ist, bedeutet umgekehrt noch lange nicht, Stalin vom Terror gewissermaßen ideologisch freizusprechen und also Lenin den schwarzen Peter zuzuschieben. Im Gegenteil: Die Verballhornung des Lenin’schen Werkes zu einem Indoktrinationsinstrumentarium par exellence ist die bedeutendste ideologische Leistung Stalins.
Das Problematische an Lenin ist übrigens nicht sein Avantgarde-Anspruch. Man sollte sich da keine Illusionen machen: Kein zeitgenössischer Lenin-Kritiker von links hätte diesen Anspruch von sich gewiesen; dass man selbst zur Avantgarde gehört, hat nie ein Räte- und erst recht kein Linkskommunist (und übrigens auch kein Anarchist) geleugnet. Die Frage war, ob die Avantgarde (in Form der Partei) die Diktatur des Proletariats durchführt – verwirklicht –, oder ob sie sie durch die und in der Forcierung der Klassenkämpfe vorbereitet (was bedeutet, dass die Avantgarde nicht nur nicht notwendig die Form einer Partei annehmen muss, sondern dass die Partei selbst noch als Form einer originär bürgerlichen Institution zu bekämpfen ist).
Das Problematische an Lenin ist vielmehr seine Verkennung der Entwicklungsperspektiven des Kapitalismus: Der Monopolkapitalismus markiert mitnichten den Fluchtpunkt des Übergangs zum Sozialismus, folglich ist der Sozialismus auch nicht nach den Vergesellschaftungsmustern des Monopolkapitalismus aufzubauen.
Das wirklich Interessante an Lenin ist seine konsequente Politisierung des Marxismus. Marxismus galt zu Lenins Zeiten als eine Art neue Wissenschaft – als allgemeine Wissenschaft von der Gesellschaft, die auch die maßvolle, soll heißen: historisch adäquate, Emanzipation der Arbeiterklasse vorsah. Damit war der Marxismus prinzipiell kompatibel zu allen möglichen demokratischen Staatsprogrammen, und es tauchten so merkwürdige Gestalten wie Karl Kautsky auf, der als Theoretiker die Reinheit des Marxismus beschwor und politisch jede Intervention in Richtung Zerstörung des bürgerlichen Staates als historisch eben unangemessen – als einen Verstoß gegen den reinen Marxismus geißelte [heute heißen diese Knallchargen hierzulande Elmar Altvater, Wolfgang Fritz Haug, Alex Demirovic oder Joachim Bischoff, und sie sprechen nicht mehr vom reinen, sondern vom modernen, oder»westlichen« Marxismus]. Eine ähnliche Gestalt war der russische Menschewist Julius Martow: In Sachen Marx-Kenntnis Lenin sicherlich haushoch überlegen, erwies sich seine politische Urteilskraft als komplett unrealistisch.
Dagegen Wissenschaft als Strategie im Klassenkampf zu verstehen, in jeder Darstellung der gesellschaftlichen Verhältnisse auf die ihnen implizite Gewalt zu verweisen, die Gesellschaftskritik nicht von einer konkreten politischen abzukoppeln, jede politische Entscheidung immer im Hinblick auf die Durchführbarkeit der Revolution abzuklopfen – das ist Lenins Anspruch gewesen, vielleicht sogar sein Verdienst (er stand damit nicht alleine, wie Rosa Luxemburg, die Bremer Linke oder auch schon der junge Amadeo Bordiga demonstrieren).
Hans-Ulrich Wehler, der muffigste Sesselfurzer unter den deutschen sozialdemokratischen Historikern, meinte mal, dass selbst die gründlichsten theoretischen Schriften Lenins nicht annähernd das Niveau einer durchschnittlichen geisteswissenschaftlichen Promotion erreichten. Zum Glück! Nicht auszudenken, Lenin hätte sich den Denkformen deutscher Akademiker angepasst!
»Wer NUR den Klassenkampf anerkennt, ist noch kein Marxist«, schrieb Lenin 1917 in Staat und Revolution, »er kann noch in den Grenzen bürgerlichen Denkens und bürgerlicher Politik geblieben sein. Den Marxismus auf die Lehre vom Klassenkampf beschränken, heißt den Marxismus stutzen, ihn entstellen, ihn auf das reduzieren, was für die Bourgeoisie annehmbar ist. Ein Marxist ist nur, wer die Anerkennung des Klassenkampfes auf die Anerkennung der DIKTATUR DES PROLETARIATS ERSTRECKT. Hierin besteht der tiefste Unterschied des Marxisten vom durchschnittlichen Klein- (und auch Groß-) Bourgeois. Das muß der Prüfstein für das WIRKLICHE Verstehen und Anerkennen des Marxismus sein.«
Wer Klassenkämpfe führt, sollte mit der Möglichkeit rechnen, sie zu gewinnen und dann auch wissen, was man mit dem Gewonnen anzufangen hat. Diese ganz simple Überlegung scheint heute, wo die Linke anstatt von Klassenkampf lieber von »Kämpfen«, anstatt von Zerschlagung des bürgerlichen Staatsapparates lieber von »Aneignung« und statt von Klassen lieber von der »Multitude« schwadroniert, als grell strahlender, die Auffassungsgabe eines durchschnittlich modern-westlichen Marxisten absolut übersteigender Gedanke. Man traut sich fast nicht, ihn hinzuschreiben.
Man könnte glatt mit Slavoj Zizek verwechselt werden.
[Und das wäre bitter. Nicht, dass Zizek kein inspirierender Denker wäre. Aber ich habe zwei gänzlich unterschiedlich gelagerte Veranstaltungen mit ihm erlebt – einmal vor großem Publikum; einmal vor einem linken –, in denen er jeweils explizit betonte, dass aus seinem Lenin-Kult KEINE praktisch-politischen Konsequenzen folgen.]