Für Romano Alquati, #2

1 Heute braucht das deutsche Proletariat keine offizielle Organisation mehr, weder öffentliche noch geheime; der einfache, sich von selbst verstehende Zusammenhang gleichgesinnter Klassengenossen reicht hin, um ohne alle Statuten, Behörden, Beschlüsse und sonstige greifbare Formen das gesamte Deutsche Reich zu erschüttern. (…) Und mehr noch. Die internationale Bewegung des europäischen und amerikanischen Proletariats ist jetzt so erstarkt, daß nicht nur ihre erste enge Form – der geheime Bund –, sondern selbst ihre zweite, unendlich umfassendere Form – die öffentliche Internationale Arbeiterassoziation – eine Fessel für sie geworden und daß das einfache, auf der Einsicht in die Dieselbigkeit der Klassenlage beruhende Gefühl der Solidarität hinreicht, unter den Arbeitern aller Länder und Zungen eine und dieselbe große Partei des Proletariats zu schaffen und zusammenzuhalten.
Friedrich Engels, Zur Geschichte des Bundes der Kommunisten, London 1885 (MEW 21, S. 223)

2 Für uns war also »Arbeiteruntersuchung« ein provokatorischer Slogan gegen die versteinerten historischen Institutionen. Sie war also in der Tat kein Ausgangsinstrument, im Gegenteil, sie war ein weit entferntes Ziel; denn sie bedeutete Untersuchung, in der die Arbeiterklasse als solche das Subjekt war: was ein sehr hohes Niveau von Bewußtsein und von schon realisierter politischer Arbeiterorganisation voraussetzte! Die Mituntersuchung auf Arbeiterebene (oder besser die Selbstuntersuchung) gab es nur als Vorsatz in diesem ersten rudimentären Anhängen an einzelne Arbeiter mit dem Ziel., die ersten einleitenden Informationen von außerhalb zu bekommen. In Wirklichkeit setzte sie ein weit entferntes Ziel, weil sie schon die kollektive politische Arbeiterorganisation verlangte und nicht nur die Ausweitung und das Wachstum der »autonomen« Organisierung (übrigens eine andere gigantische Aufgabe 1960 bei FIAT). Wir nahmen uns dieses zweite Ziel vor, das sicher nicht das nächstliegende war, und wollten praktisch die ersten Schritte in dieser Richtung realisieren. Wir glaubten, daß dies der Weg der politischen Wissenschaft vom Arbeiterstandpunkt aus wäre, als deren Funktion wir diese Publizistik versuchten. Wir verstanden »Arbeiter-« in einem Sinn, den wir als neo-leninistisch definieren könnten, der also die politische Avantgarde und die politische Organisation von der Massenavantgarde der Arbeiterautonomie und von der Masse der Werktätigen und der Produzenten als aktive Arbeitskraft unterschied. Doch nicht zufällig vermittelten wir sie mit Luxemburgianischen Elementen. Wir glaubten, daß die ersten Schritte wären: einerseits Entwicklung von irgendwelchen Interessenzusammenhängen von einzelnen Arbeitern zu Kernen der »permanenten autonomen« Organisation — innerhalb der spezifischen politischen Zusammensetzung, die die Klasse innerhalb ihrer Kampfbewegungen realisierte —; andererseits die auch praktische Realisierung einer dialektischen Interaktionsbeziehung zwischen autonomer Organisation des kollektiven Arbeiters und den Kernen der organisierten politischen Avantgarde, die uns interessierten, sowohl, weil sie in der autonomen Organisation präsent waren (in Rollen, die noch alle aufzudecken waren), als auch als reale Basis der institutionalisierten Arbeiterbewegung, in die wir die Kapazität der Bewegung der Arbeiterklasse erweitert einbringen wollten, um hier Prozesse der Neubegründung zu eröffnen.

Aus: »Sulla FIAT e altri scritti«, Mailand: Feltrinelli 1974

3 Und außerdem … war keiner bereit, auch nur einen Finger krumm zu machen für eine Sache, die … in irgendeinem Buch oder in irgendeinem Aufsatz enden würde. Schon in den vorbereitenden Zusammenkünften gab es für alle nur dieses Problem: wenn wirklich etwas für die konkrete politische Organisation der Arbeiter in der Fabrik getan wird – ob sie Mitglieder in den traditionellen Organisationen sind oder nicht –, und damit dafür, daß die Kämpfe den Teufelskreis der Isolation endlich sprengen, dann wird diese Arbeit voll unterstützt; wenn dagegen bloß »Quatsch« geredet und geschrieben wird, dann dürfte es wohl böse enden.

Aus: »Organische Zusammensetzung des Kapitals und Arbeitskraft bei OLIVETTI 1962/63«

4 »Taylorismus und Arbeiterbewegung« In der Geschichte der Industrie hat es nie eine Tendenz gegeben, die Arbeiter in Affen und (um hier die Zwieschlächtigkeit der Naturvergleiche zu unterstreichen) in Automaten zu verwandeln. Wo die Mechanisierung bestimmte Arbeitsverhältnisse auf »Wiederholungen« reduziert hat, hat sie deren Kreativität gerade mit Hilfe der Maschinen entfaltet und auf andere Arbeitsverhältnisse übertragen. Die »Kreisförderer« bestätigen uns, daß die These falsch ist, nach der die Grundtendenz der »Technik« der Umwandlung der Produktionsmittel in Gebrauchswerte auf der einen Seite Arbeiter hervorbringt, die lediglich formalisierte und auf der Ebene der »Operationen« (das heißt der Arbeitsleistung) analytisch bestimmte Arbeitsgänge ausführen, und auf der anderen Seite Manager, die alles im Kopf und für alles eine Lösung haben. Als ausführender erscheint der Arbeiter heute allein in seiner Rolle als »Erfüller« des Planes; und wiewohl diese Rolle nur abstrakt, global und allgemein umrissen ist, ist sie doch politisch. Der Sinn des Wortes vom »ausführenden« Arbeiter also verweist heute einzig und allein auf die politische Verdinglichung dieses Arbeiters.
(…)
Im allgemeinen hat die Arbeiterbewegung die relative Verelendung nie als politische Verdinglichung, nie als subjektive Unterwerfung der Arbeiterklasse, die keine revolutionäre Partei in der Fabrik hat, unter die Ziele und Werte des Kapitals verstanden. So akzeptierte man die These vom wachsenden Elend auf der einen und von der Dequalifizierung der Arbeiter auf der anderen Seite. Gerade die Arbeiterbewegung betrachtete den Taylorismus als Tendenz, die Arbeiter als konstantes Kapital auf Affen zu reduzieren, wohingegen aber der tayloristische Slogan die Arbeiter als Proletariat auf Affen reduzieren wollte. Taylor wollte die Rationalisierung der politischen Zergliederung der Einheit und der alternativen Kraft der Arbeiterklasse wissenschaftlich organisieren; inzwischen aber schuf er gerade jene Bedingungen, unter denen die äffischen Aspekte der Arbeit durch die Maschine absorbiert werden konnten.
Mit der Wiederaufnahme der Kämpfe verbreitet sich heute auch das Bewusstsein von der Rolle, die die Arbeiterklasse zu spielen hat, damit »der Laden läuft« (und man darf den Rahmen der vorherrschenden Entfremdungstendenzen der Arbeiter nicht aus den Produktionsverhältnissen, sondern man muß ihn aus der Macht zur umfassenden Entscheidung heraus entwerfen). Das Thema des »Sinnes« der Arbeit wird jetzt auf der politischen Ebene fruchtbar.
Die Ideologen der sogenannten »extremen revolutionären Linken« zum Beispiel lachen über die »Machtanteile in der Fabrik«, weil sie meinen, daß − da keiner der Arbeiter das Parteibuch ihrer »revolutionären Partei« in der Tasche hat − jeder Kampf und jede Eroberung nur ein Kalkül des Kapitalisten sei. Tatsächlich verbleibt noch eine ganze Reihe von Kämpfen innerhalb eines kapitalistischen Planes. Dennoch trifft das Gegenteil zu: die Forderung nach »Macht« in der Fabrik − nicht im Rahmen einer allgemeinen Bewegung erhoben (…), wird zu einem Element der dynamischen Stabilisierung des Systems, weil der Kapitalist den Arbeitern noch nicht einmal den kleinsten Bruchteil eines »Klassenbewußtseins« zugestehen kann. Heute muß der Kapitalist noch verhindern, daß die Arbeiter sich zusammenschließen und ihre Erfahrungen untereinander austauschen. Er muß die Übertragung von Verantwortung begrenzen, ja, er ist sogar gezwungen, zu verhindern, daß die Arbeiter überhaupt miteinander sprechen!
Mit oder ohne Gewerkschaft in der Fabrik ist die politische Isolierung der Arbeiter die wahre Seele der wissenschaftlichen Organisation der Arbeit: von den langlebigen Konsumgütern über die Freizeitstrukturen bis hin zur Urbanistik, wenn man so will, vor allem aber in den Arbeitsverhältnissen. Nur durch die Entwicklung der Führung der Kämpfe durch die Arbeiter selbst kann heute verhindert werden, daß der Arbeiter in jenem Individualismus und politischen Anarchismus verharrt, in welchen ihn die Politik der Arbeiterbewegung vom Ende des Ersten Weltkrieges bis zum heutigen Tag gefangen hält.

Aus: »Organische Zusammensetzung des Kapitals und Arbeitskraft bei OLIVETTI 1962/63«

5 (…) Der »Wildkatzen«-Streik [der wilde oder der spontane Streik] ist keine anarchoide Protestform von Arbeitern, die unfähig sind, in kollektiver und organisierter Form zu kämpfen; im Gegenteil: Er erfordert ein hohes Niveau an Organisation und Zusammenhalt, weil er eine typische »umfassende« Kampfform ist. Es wäre absurd, ihn sich als abgetrennten Kampf von einzelnen Abteilungen und Werkstätten innerhalb eines so »weltweiten« Betriebs wie FIAT vorzustellen! Der erste Sieg des »Wildkatzen«-Streiks vom 15.[10.1963] ist es, daß er die gegenwärtige Entwicklung (die gerade deshalb unbekannt gehalten wird, weil sie so wichtig ist) klar aufgezeigt und entmystifiziert und auch über Turin hinaus bekanntgemacht hat: nämlich daß sich bei FIAT eine Arbeiterorganisation entwickelt, die stark genug ist, einen solchen Streik durchzuführen – absolut außerhalb der historischen, offiziellen Organisationen.
Der »Wildkatzen«-Streik bei FIAT eliminierte die alte Idee, nach der der Arbeiterkampf auf dieser Ebene von einem besonderen internen »Kern« organisiert wird, der das Monopol über das antagonistische Arbeiterbewußtsein hat. Der Streik vom 15./16. Oktober ist direkt von der ganzen und kompakten »gesellschaftlichen Masse« der Arbeiter der Werke, die daran teilgenommen haben, organisiert worden. Das Besondere ist hier nur, daß sich das gegenüber den vorhergehenden Kämpfen mit einer größeren Klarheit ausdrückt, die auch nicht nur bei FIAT besteht, wo die wenigen »Militanten« der alten Parteien seit dem Juni 62 am hintersten Ende der Kämpfe stehen.
Nach dem ersten Stoß der internationalen Kämpfe von 53-54 wird die [parteikommunistisch dominierte Gewerkschaft] CGIL von FIAT als Massenorganisation ausgeschaltet. Einerseits verliert die offizielle Arbeiterbewegung nun die Kontrolle über die italienische Arbeiterklasse, auf der anderen Seite führt die Mechanisierung der Arbeit durch automatische Produktionsabläufe zu einem bemerkenswerten Sprung nach vorne in der Vergesellschaftung der Arbeit.
Die zweite Welle der internationalen Kämpfe von 1956, auf beiden Seiten des eisernen Vorhangs [Anspielung auf den ungarischen Aufstand], beschleunigt in Italien die Wiederaufnahme der Streiks und den Prozeß ihres politischen Wachstums; so beginnt bei FIAT ein »untergründiger« Kampf, der direkt von den Arbeitern geleitet wird. Mit der dritten großen internationalen Streikwelle nach 1960 radikalisiert und vereinigt sich die Bewegung auf internationaler Ebene, und die FIAT-Arbeiter werden wieder offen zum Zentrum der politischen Zirkulation von Kämpfen und Erfahrungen, die die Arbeiterklasse »als solche« vereinen, neu zusammensetzen und vervielfachen. Es ist eine Klasse, die sich wieder erhoben hat, um in erster Person als gesellschaftliche Klasse die Methoden und Ziele des Kampfs zu bestimmen, wobei sie sich immer mehr von der »gewerkschaftlichen« Dimension entfernt. (…)
Es sind gerade die Kämpfe, die das Kapital zur Suche nach einem fließenden Übergang zu einem neuen Stadium der Vergesellschaftung drängen. Heute geht es dem Unternehmer darum, das abzuschaffen, was in den sozialen Spannungen ein politisches Hindernis für die »Strukturreformen« darstellt. Wenn er die volle politische Kontrolle über die Arbeiterklasse bekommt und deren Kollaboration erreicht, so werden die Kämpfe zu einer höheren »Produktivität« und zu einer größeren »politischen Despotie« des Unternehmers führen.

Kollaboration und Politische Kontrolle

Die KPI verspricht »fordernde« Kämpfe (Kämpfe, die auf einen Vertragsabschluß hinauslaufen; d.Ü.) und die [parteikommunistisch dominierte Metallarbeitergewerkschaft] FIOM verspricht, daß sie sie mit einer schlaueren Politik einschließen wird.
Wenn wir noch einen Schritt zurückgehen, so sehen wir, daß die internationalen Kämpfe die (»inneren« und »äußeren«) Handlungsspielräume des »Systems FIAT« auf so »brüske« Weise zersetzt haben, daß der unvorbereitete Unternehmer Gefahr lief, die politische Kontrolle über die Arbeiter zu verlieren.
Im Rahmen der ersten Mitte-Links-Regierung [Italiens] zeigte sich mit dem Programm für den »modernen Arbeitsvertrag« noch ein Unternehmer, der sich sicher war, bald wieder die vollständige politische Kontrolle zu erlangen; er verlangte nach der »Kollaboration« der Arbeiter bei einer massiven und rationellen Erhöhung der Produktivität, die zu einer weiteren Vergesellschaftung der Arbeit führen würde, also: »Automatisierung«, »pluralistische Planung«, »Reform des Staates«. Die Arbeiterklasse sollte als gesellschaftliches Gehirn der kapitalistischen Produktion neu zusammengesetzt werden, indem sie auf der höchsten Ebene der toten Arbeit, in den Maschinen, eingeschlossen werden sollte. Die Klasse sollte die Maschinen mit einer größeren wirtschaftlichen Rationalität bedienen und diese ihr gleichzeitig als politische Herrschaft des Kapitals gegenüberstehen und sie erdrücken. Wenn die Arbeiter für diesen Tarifvertrag, der allein den Bedürfnissen des Unternehmers entspricht, gekämpft hätten, so wäre der Kampf an sich schon die Durchführung des Plans gewesen.
Doch die Gewerkschaften, die den Arbeitern den Plan vermitteln sollten, hatten keinen Halt mehr. Die Neuzusammensetzung der Klasse war schon viel weiter fortgeschritten (…). So ist es der Arbeiterklasse gelungen, das Projekt zu überrennen, indem sie alle ihre Kämpfe unvermittelt in den Tarifstreik der 100.000 bei FIAT einbrachte. Der Streik war gegen den gewerkschaftlichen und demokratischen Plan aufgeflammt und vereinigte alle Fabriken, Branchen und Regionen bei den Streikposten an den Toren und im Kampf auf den Straßen. Angesichts dieser Einheit der Arbeiter wird die Schwäche des Unternehmers offensichtlich. Mit dieser politischen »Autosuggestion« des vereinigten Kampfs ist es der Arbeiterklasse gelungen, ihren Sprung nach vorne innerhalb des kapitalistischen Sprungs zu machen. Mit diesem strategischen Sieg der Arbeiter verändert sich die Perspektive: Die »fließenden Übergänge« werden jetzt zu »brüsken Sprüngen« und zu Möglichkeiten einer politischen Organisation der Arbeiterklasse, die sich außerhalb der politischen Kontrolle der Unternehmer neu vereinigt hat.
Das heißt also, daß die kapitalistischen Projekte der Modernisierung und der allgemeinen Rationalisierung in der gegenwärtigen Perspektive die »Kollaboration« und politische »Kontrolle« dieser subjektiv neu zusammengesetzten Arbeiterklasse erzwingen müssen.
Die Arbeiterklasse muß das Unternehmer-Projekt der »industriellen Demokratie« langfristig angehen: Das »strategische Ziel« besteht darin, auf internationaler Ebene die eigene »politische« Selbstverwaltung außerhalb der kapitalistischen Produktion und gegen die »allgemeine politische Macht« des Kapitals zu organisieren.
Um das zu erreichen, muß der Kampf das unmittelbare »taktische Ziel« vorantreiben, außerhalb der »politischen Kontrolle« des Unternehmers einen Kampf zu führen, der sich heute noch gezwungenermaßen innerhalb der kapitalistischen Akkumulation und Produktion abspielt, auch wenn er zum Teil auf gesellschaftlicher Ebene oder auf der Straße stattfindet.
Die Arbeiterklasse nutzt die ihr vom Unternehmer zugeschriebene Rolle, mit »brüsken« Sprüngen die Formen des kapitalistischen Projekts der »neuen Ordnung« zu bestimmen, um ihr hegemoniales politisches Potential auf eine höhere Ebene der kapitalistischen Vergesellschaftung zu verlagern. Der »taktische Gebrauch« der »Nicht-Kollaboration« zwingt den Unternehmer zu immer fortschrittlicheren Projekten, mit denen er den Arbeiterdruck in der »Fabrik« »reformistisch einholen« will. Diese werden sodann überrannt und verbrannt und behindern so einen »strategischen« Plan des Unternehmers.
(…)
Die ersten plötzlichen Anwendungen der »Nicht-Kollaboration« siegen problemlos, weil die unternehmerische Taktik den wiedervereinigten Arbeitern nichts anderes vorschlagen kann als etwas erneuerte Formen der »Gewerkschaft in der Fabrik«, was diese schon abgewiesen hatten; und tatsächlich werden sie im Winter 62/63 zuerst bei FIAT und Alfa und dann überall fehlschlagen.
Die »Nicht-Kollaboration« ist keine Methode, um den Produktionsprozeß ins Chaos zu stürzen und der »Wildkatzen«-Streik ist keine Methode, um ihn in die Klemme zu bringen. Aber es ist kein Zufall, daß die Presse der Unternehmer und die der Arbeiterbewegung sich nun im gemeinsamen Versuch treffen, die politische Bedeutung dieses Arbeiterkampfs und die enormen politischen Möglichkeiten, die die kapitalistische Entwicklung einer politisch organisierten Arbeiterklasse bieten würde, zu verschleiern, indem sie ihn als die alte anarchosyndikalistische Form der »Sabotage« darstellen.
Der typische andauernde Kampf in den »rationalisierten« Betrieben basiert auf der Tatsache, daß nur der kollektive Arbeiter weiß, welches die »normalen« Wege und Regeln sind, durch die der Arbeitsgegenstand »umgewandelt« wird, und das ist auf der ganzen Welt klar. Kein Funktionär des Kapitals (Gewerkschafter oder individueller Kapitalist) regt sich darüber auf, daß der kollektive Arbeiter immer dazu gezwungen ist, die Vorschriften »zu verletzen«, um mit seiner eigenen Rationalität die grundlegende Irrationalität eines Systems auszugleichen, das auf der Ausbeutung der Klasse basiert, und daß gerade diese andauernde Erneuerung die Verwertung des Kapitals, also die Produktivität, ausmacht. Aufregen tun sie sich bloß, wenn der kollektive Arbeiter die produktive »Kooperation« in eine politische Neuzusammensetzung umdreht, die vom »Maschinenarbeiter« zur »Qualitätskontrolle« reicht oder vom »Verwaltungs«-Angestellten zum »Techniker« und auch zum untergeordneten »Ingenieur«. Die Funktionäre sehen rot, wenn sich endlich alle als »Arbeiterklasse« erkannt haben und vereint ihre tatsächliche Verwaltung des Arbeitsprozesses, in den sie eingeschlossen sind, genutzt haben, um das politische Projekt des Unternehmers, nämlich die politische Kontrolle über sie zurückzuerobern, zu schlagen.

Der Weg zum »Wildkatzen«-Streik

(…) Von nun an wird die »neue Ordnung« des Kapitals die politische Kontrolle der Klasse als Kontrolle der Kämpfe vorschlagen. Die Form dieser Kontrolle wird die Arbeiter-»Selbstkontrolle« sein – also die Selbstverantwortung der Arbeiter, ihren Kampf autonom innerhalb des langfristigen Plans des Unternehmers zu führen – und deren Institutionalisierung auf einer immer allgemeineren Ebene. Die Alternative besteht zwischen der Kontinuität des Kapitals durch die demokratische Kontrolle des ganzen Kampfs und der Kontinuität von immer unkontrollierteren Kämpfen.
Im Jahr 63 gab es allein in der Werkstatt 17 drei Arbeitsniederlegungen, die dem Anschein nach in das Konzept der »neuen Ordnung« des Kapitals paßten: Sie hatten spontan und mit lokalen Forderungen begonnen und wurden beendet, sobald sich die Gewerkschaft mit viel Lärm darauf gestürzt hatte, um die Verallgemeinerung dieser Form in allen Werken zu verlangen, »weil das die richtige ist«. In allen Werken haben die Arbeiter diese Verallgemeinerung abgelehnt, weil es eine Form der demokratischen Institutionalisierung des »Arbeiterprotests« innerhalb des Kapitals gewesen wäre. Sie waren sich dabei der politischen Bedeutung ihrer Weigerung bewußt, den Kampf in dieser Form auszudrücken. Im Jahr 1963 gab es keinen heißen Gewerkschaftssommer, der Arbeiterkampf ist aber trotzdem gewachsen und hat sich durch die »Nicht-Kollaboration« gestärkt. Sie war die Grundlage der andauernden politischen Diskussion, durch die sich die »unsichtbare Organisation« der Arbeiter entwickelt hat. Gerade an den Knotenpunkten der Produktion werden ununterbrochen politische Versammlungen abgehalten, die dann im sozialen Gewebe der »Arbeiterstadt« weitergeführt und verallgemeinert werden; wobei die jungen Arbeiter an erster Stelle stehen. Die FIAT-Arbeiter sind damit beschäftigt, aus der ganzen internationalen Erfahrung der Arbeiterkämpfe die Formen herauszusuchen, zu kritisieren und auszuwählen, die sich am ehesten dazu eignen, dem immer allgemeineren Angriff, den der Unternehmer vorbereitet, entgegengesetzt zu werden; seit dem Streik der Pariser U-Bahn-Arbeiter schätzen sie vor allem die »Wildkatzenart«, die auch in Italien in ihren Vorstufen seit dem Niedergang des Tarifstreiks aufgetaucht ist.
Was den Arbeitern am »Wildkatzen«-Streik so gefällt, ist vor allem seine räumliche und zeitliche Unvorhersehbarkeit. Die politische Bedeutung dieser Form des Arbeiterkampfs wird in folgendem gesehen: a) Sie verlangt eine »unsichtbare Organisation«, die sich nicht als selbständige Organisation im kapitalistischen Produktionsprozeß institutionalisiert; b) sie wird durch eine andauernde unvorhersehbare Rotation der Taktiken, Methoden, Zeitpunkte und Orte des Streiks durchgeführt; c) es werden keine Forderungen aufgestellt.
Es ist klar, daß die Arbeiter ihn nicht für die einzige Kampfform halten, sondern einfach für die am meisten fortgeschrittene Ebene der »Nicht-Kollaboration«.
Der »Wildkatzen«-Streik schließt den Massenstreik oder den Kampf auf der Straße nicht aus, sondern diese finden im Gegenteil abwechselnd statt und treiben sich so gegenseitig voran und stärken sich. Aber die Dimension des »Wildkatzen«-Streiks ist eine andere: Es ist nicht die Aufgabe einer politischen Organisation, die »Wildkatze« auf vorausbestimmte Weise zu planen, denn gerade dann würde das Risiko bestehen, daß sie vom Unternehmer gezähmt würde. Die Organisation muß hingegen dazu beitragen, den Streik zu intensivieren, während für seine Organisierung und Ausbreitung auch die »unsichtbare Organisation« der Arbeiter ausreicht, für die der »Wildkatzen«-Streik zur andauernden Tatsache wird.

Aus: »Kampf bei FIAT«, Classe Operaia, Nr. 1, Januar 1964