Wieso es Dietmar Dath einst zur FAZ geschafft hat und dort noch immer wohlgelitten ist? Das, was schätzungsweise 10000 Marxisten in ganz Deutschland sehr, sehr neidisch macht (Dienstwagen! Essensgutscheine für den Edel-Italiener! Bahncard 100!) – MICH AUCH –, und sie rätseln lässt – MICH NICHT – Wieso? Weshalb? Warum?, lässt sich schnurstracks in drei Stichpunkten beantworten:
1. Die Originalitätssucht des deutschen Feuilletons, die noch aus den 1990ern herrührt, heute aber – es grassiert das Zeitungssterben – schon wider fast vergessen ist (ziemlich genau vor zehn Jahren gab es einen großen Battle zwischen den Feuilletons der SZ und der FAZ).
2. Wer ganz allgemein, also: folgenlos, über Lenin schwatzt – und dies auch nur im Feuilleton tun darf –, ist aus Sicht der FAZ viel harmloser, als jeder Gewerkschafter, der ein bisschen Inflationsausgleich fordert (denn das ist ja Politik, also blutige Ernst).
3. Im FAZ-Feuilleton gibt es seither eine antiliberale, schmittianische Strömung, die, weil sie auch dezidiert antimoralisch ist, bei ihren Bündnispartnern wenig zimperlich ist, bekanntester Repräsentant ist derzeit Lorenz Jäger. Da passt ein einzelner Magenbitter-Leninist ganz gut ins Muster.
Und diese Präsenz wird ihm natürlich auch von einer ganzen Heerschar von »Freien Publizisten« und Kulturjournalisten geneidet, wie z.B. von Aram Lintzel. Er fordert Dath auf, dem er argumentfrei eine ganze Reihe von argumentativen Blindgängern unterstellt (»Lafontain-naher Manichäismus«), seine literarische Produktion zu verknappen (möge er doch in sich gehen… ), was im Hinblick der von Lintzel beschworenen »Aufmerksamkeitsökonomie« nichts anderes bedeuten kann, dass dieser selbst gerne an die Fleischtöpfe will.
Lintzel wirft Dath das vor, woran dieser selbst nie einen Zweifel gelassen hat, nämlich anti-postmoderne, anti-parlamentarisch-demokratische »Schmähungen des – angeblichen – liberalen Konsens«, und damit das keine platte Tautologie wird, muss Lintzel den liberalen Konsens einen »angeblichen« nennen.
Nun ist es so, dass Dath, so medial präsent er erscheinen mag, selbst zu den Stoßzeiten seines Literatur-Outputs nicht annähernd so viel Aufmerksamkeit erheischt wie Henryk M. Broder, Frank Schirrmacher, Necla Kelek oder Giovanni Di Lorenzo. Und es ist ganz offensichtlich der Fall, dass Suhrkamp trotz Dath, trotz Zizek mitnichten sich anschickt, ein auch nur annähernd so kritisch definiertes Verlagsprogramm wie das der 70er Jahre aufzulegen. Wenn Lintzel über Dath schreibt, dass »viele seiner Positionen sich längst zu berechenbaren Provokationen verdinglicht haben« (stimmt schon, aber…), dann leugnet er ganz einfach, wie verdinglicht die Verhältnisse sind, auf die Dath reagiert.
Was aber Lintzel ganz außer Rand und Band geraten lässt (»Aufgeschreckt schrieb ich damals „Wie bitte??“ mit Bleistift an die Seite.«), ist ein Satz aus Daths »Maschinenwinter«-Essay, den herausgestrichen zu haben der Aufmerksamkeitsfetischist Lintzel ab jetzt zu seinen Alleinstellungsmerkmalen zählen darf. Schreibt doch der Dath: »Essensgutscheine [für Asylbewerber] sind auf dem Stand der großen Industrie und jedem erweiterten Stand, der nach ihm kommen mag, so obszön wie Judensterne, Kastentrennung oder Brandzeichen auf Sklavenstirnen.«
Oh, welch Drama, werden doch hier »von links errungene Unterscheidungen sorglos verwischt«! Lintzel muss es besser wissen, war doch der »freie Publizist« von 2001 bis 2005 im Abgeordnetenbüro der grünen Bundestagsvizepräsidentin Antje Vollmer beschäftigt und ist seit 2005 »wissenschaftlicher Mitarbeiter« im Büro der aktuellen grünen Bundestagsvizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt »und dort vor allem für Grundsatzfragen und Kulturthemen zuständig«. Lintzel arbeitet also für jene Partei, die unter Joschka Fischer maßgeblich an der Legitimierung des Kosovo-Krieges beteiligt war und zwar unter der Berufung, einen zweiten Holocaust zu verhindern – eine nachgerade sorglose Verwischung errungener Unterschiede, nicht wahr?
Zu Daths Äußerung zwei Bemerkungen. Die Stigmatisierung eines Bevölkerungsteils mit gelben Sternen hieß, diese Menschen als Volksfeinde zu identifizieren – zur Ausmerzung bedurfte es da bloß noch zwei, drei weiterer Schritte. Das ist in der Tat ein Unterschied zur Ausgabe von Essensmarken. Die Flapsigkeit dieser Reihung sollte man Dath »von links« nicht durchgehen lassen.
Es dominiert aber eine »Auseinandersetzung« mit dem deutschen Faschismus, die alles das, was ihn kennzeichnet, in weite Ferne von der westlichen BRD und der liberalen Demokratie rückt, mit dem Ergebnis, dass die Massaker der Demokratie als eine vergleichsweise (sic!) geringe Größe erscheinen bzw. sogar eine gewisse Notwendigkeit besitzen – wenn es gilt, den nächsten Holocaust abzuwehren. Die Ausgabe von Essensmarken an Flüchtlinge sind kein Massaker, aber Bestandteil eines Systems der Kontrolle und des totalen Abhängighaltens dieser durchaus stigmatisierten Gruppe. Wer dergestalt zum Anhängsel der Staatsmaschinerie degradiert wird, muss in Krisenzeiten darauf gefasst sein, dass sein Aufenthaltsstatus explizit in Frage gestellt wird. Auf das menschenabschaffende Potenzial dieser bürgerlichen Politik zu insistieren, ist nicht das geringste Verdienst eines kleinen Feuilleton-Stars.
PS.: Dem Vernehmen nach sind für einfache Redakteure bei der FAZ die Dienstwagen gestrichen, es gibt auch keine Essensgutscheine für den Edel-Italiener mehr und maximal noch eine Bahncard 50.