Letzter Verweis: »Ah, but I was so much older then. I‘m younger than that now« (Bob Dylan über Karl Held)

Weil Ofenschlot kein Archiv ist, es sich bei dem Betreiber vielmehr um einen »relativistischen Zitate-Blogger«, wie es ein Fan einst zärtlich ausdrückte, handelt, soll es eigentlich keine Verweise mehr geben, dafür gibt es bereits vorzügliche Blogs – denen aber manchmal auch etwas entgeht, und das steht dann hier. Perlentaucher Clara123 hat aber jetzt ein Dokument ausgegraben (und eingeleitet), das wirklich herzallerliebst ist. Weil seine Scribd-Seite sich noch nicht weit genug herumgesprochen hat, verweisen wir also darauf.
Bei dem Dokument handelt es sich um die MSZ-Ausgabe, die am 22. April 1970 – zu Lenins 100. Geburtstag – erschien und folglich schwerpunktmäßig diesem Geburtstag gewidmet ist. MSZ hieß damals noch Münchner Studentenzeitschrift, erst ab ca. 1974 ist sie das alleinige Parteiorgan – nun als Marxistische Streit- und Zeitschrift firmierend – der Roten Zellen/AK-Fraktion, aus denen bekanntlich die MG hervorging.
Diese Lenin-Gedenknr. dokumentiert die leninistischen oder besser: lenin’schen Wurzeln der späteren MG. Man lese: links Herbert l. Fertl »Grundprobleme einer revolutionären Theorie« / rechts Karl Held »Lenin, gegen seine Liebhaber in Schutz genommen«. Als Kitt zwischen den Artikeln fungiert Wladimir Majakowskis »Gespräch mit dem Genossen Lenin«, eine ästhetische Geste, wie klobig auch immer, die man so in den späteren Verlautbarungen nicht wieder finden wird.
Das erste, was auffällt: Die schreiben ja gar nicht so wie ein Gegenstandpunkt-Redakteur, na so was!
Es lohnt sich vor allem den letzten Absatz aus Helds Artikel zu zitieren, wir kommentieren das nicht, wir verkneifen uns auch jeden weitergehenden Kommentar auf die neurotische Geschichtsphobie junger GSP-Adepten.

»Unsere Kader müssen noch viel lernen!«
Historisches Vorgehen heißt eben Anknüpfen an die Geschichte und nicht Übernehmen von organisatorischen Entscheidungen aus früheren Situationen. Unsere historische Situation ist eher gekennzeichnet durch mangelnde Ausbildung von Klasenbewußtsein im Proletariat und die Bestimmung unserer Aufgaben hat dem Rechnung zu tragen. Zugleich bedeutet historisches Vorgehen die Bewahrung des humanen Moments in unserer praktischen Kritik der Klassengesellschaft, das in manchen Praktiken schon aufgegeben zu sein scheint: Sozialistische Politik wird zu persönlicher Machtpolitik innerhalb der Gruppen, und die Zweck-Mittel-Verschiebung in der Organisationsfrage kündigt sich bereits in Formulierungen des Zirkulars an: Die Partei wird nicht zum veränderlichen Instrument (wie auch bei Lenin) des revolutionären Subjekts, sondern für die klassenbewußten Werktätigen wird es ausschlaggebend, „wie sie mit dem ihnen möglichen Einsatz der Partei am besten nützen können“. Ein sprachlicher Lapsus oder ein Produkt der Vorstellungswelt jener Genossen, denen die Organisationsfrage nicht als ein Problem unseres Kampfes gilt (den wir durch viel theoretische und praktische Arbeit entfalten müssen), sondern der Kampf zur bloßen abhängigen Variablen der Organisation geraten ist?
Wenn man die Unsicherheit in Betracht zieht, die auftritt, wenn es die nächsten inhaltlichen Schritte des Arbeitsprozesses der Klassenanalyse anzugeben gilt, und diese Unsicherheit (die Lenin nie kannte) vergleicht mit der enormen Sicherheit bei Aussagen zur Organisationsfrage (die in dieser Form in Lenins Entwicklung auch nie vorhanden war), dann wird die Diskrepanz zwischen dem Stand unserer Bewegung und der momentanen Form der Diskussion offenbar.
Unsere Kader müssen noch viel lernen!

[PS.: »Unsere Kader« haben dann tatsächlich viel gelernt.]
[PPS.: Bleiben Sie am Ball, besuchen Sie regelmäßig diesen Blog und freuen Sie sich zum 100. Geburtstag von Karl Held auf unseren Essay »Held, gegen seine Liebhaber in Schutz genommen«!]