Archiv für April 2010

» … ferner bestätige ich, niemals flexibel gewesen zu sein … «

Meine Lieblingsstellen aus dem letzten Interview Amadeo Bordigas, das er im Sommer 1970 drei Monate vor seinem Tod schriftlich geführt hat (ich glaube, er hat sowieso nur zwei gegeben) und dass alter-maulwurf.de jetzt neu übersetzt/bearbeitet hat.
Das Interview dreht sich hauptsächlich um den Gründungsprozess der Kommunistischen Partei in Italien (nicht zu verwechseln mit der späteren patriotischbolschewistischen-antifaschistischen Kommunistischen Partei Italiens) Anfang der 20er Jahre und die damaligen Debatten in der Komintern. Zu den im folgenden erwähnten »schwachen und stumpfen Schülern Lenins« zählte er selbstverständlich ‚den großen Schnurrbart‘ (Stalin) und Palmiro Togliatti, den Bordiga an anderer Stelle als „wahrer(n) Meister bei der Liquidation der Kommunistischen Internationale“ bezeichnete.

Sie wurden beschuldigt, nicht flexibel zu sein, unfähig, die Aktion den Umständen anzupassen, „zur Sektenbildung neigend“. Wie antworten Sie auf solche Einwände Lenins und anderer?

Wenn eine geschichtliche Beurteilung meiner Eigenschaften und Eignungen nach so langer Zeit zuverlässig wäre, würde ich heute sagen, dass ich die Bezeichnung des „Sektierers“ gern annehme; ferner bestätige ich, niemals flexibel gewesen zu sein, ebenso wie ich nicht fähig war, mir aufgrund immer wieder veränderter Situationen und Kräfteverhältnisse ein „elastisches“ Vorgehen einreden zu lassen. Die Anschuldigung, sektiererisch und zu wenig flexibel zu sein, bekam ich oft zu hören, aber sie haben mich nie vom Weg, von dem ich überzeugt und nicht abzubringen war, abweichen lassen. Die Anschuldigungen sind auf den Moskauer Kongressen nie von Lenin vorgebracht worden, sondern von seinen sklavischen Nachahmern, die vielleicht willens, aber doch sehr weit davon entfernt waren, den wirklichen Inhalt seines Denkens zu erfassen. Ich glaube, dies in meiner Schrift über den „Linken Radikalismus“ Lenins sowie über die falschen Überlegungen, die die späteren Renegaten darüber anstellten, richtig erläutert zu haben. Wenn es stimmt, dass man der Klassenrevolution nicht durch ein banales konspiratives Komplott näher kommen kann, wie es in den Revolutionen der Fall ist, die nur darauf abzielen, einen Führer durch einen anderen zu ersetzen, muss man auch erkennen, dass es besser ist, wenn die Klassenpartei die strenge Form einer „Sekte“ annimmt statt hinzunehmen, dass sich das durch strenge Disziplin geprägte Verhältnis ihrer starken zentralisierten Organisation in einen losen Zusammenhang auflöst, in dem jedem Mitglied oder jeder Basisgruppe immer wieder erlaubt ist, im Namen der Partei aus dem Stegreif hervorgebrachte und unbeherrschbare Aktionen vorzuschlagen und auszuprobieren: Aktionen, die trügerischerweise angeraten zu sein scheinen, weil sie sich den mit politischem Geschick Begabten als durch neue Umstände bedingte Opportunität darbieten. An die Stelle der unflexiblen Ernsthaftigkeit, der der revolutionäre Kämpfer verpflichtet ist, tritt so eine Reihe akrobatischer Verrenkungen oder wie man zu sagen pflegt: jäher Meinungsänderungen – was nichts weiter als eine beleidigende Parodie auf das Andenken Lenins ist, da man den Respekt vor der „Elastizität“ von Manövern mit einer solchen Reihe erbärmlicher Umschwünge verwechselt, die nur schwache und stumpfe Schüler gewagt haben, Lenin zuzuschreiben.

Eine andere Beschuldigung, die Sie Ihr ganzes Leben lang begleitet hat, ist die, den politischen Kampf als abstrakten gesehen zu haben, denn Sie hatten eine Denkweise, die als „theoretischer Schematismus“ bezeichnet wird. Dies habe dazu geführt, schwere Fehler zu begehen. Inwieweit erkennen Sie diese Analyse heute als berechtigt an? Oder weisen Sie sie völlig zurück?

Ich weise diese angebliche Analyse zurück, auf die sich die Frage bezieht und deren Formulierungen meiner Denkweise und meiner Parteinahme im politischen und sozialen Kampf nicht entsprechen, auch objektiv sind sie nicht richtig. Wenn man sich einer Klassenbewegung oder der Theorie, mit der Karl Marx sie ausrüstete, anschließt, lassen sich – um die Dynamik des Kampfes und des Klassenantagonismus wiederzugeben – die gegeneinander kämpfenden Klassen nicht auf konkrete Kategorien zurückführen, sondern müssen als abstrakte Begriffe, die sich auf erfahrbare soziale Tatsachen beziehen, dargestellt werden. Den Imperativ des Abstrakten aufgegeben und durch jenen einfachen und leicht handhabbaren des Konkreten ersetzt zu haben, stellt den verhängnisvollen Fehler derer dar, die sich (indem sie marxistisch gesprochen zu „Verrätern“ ihrer eigenen Klasse oder wie Lenin sagt, zu „Berufsrevolutionären“ wurden) als Führungskader der proletarischen Bewegung zur Verfügung stellten. Dass ich mich von Anfang an und aus Gründen, die notwendig dem physischen Leben der Bewegung und der ihr Hauptgerüst bildenden Propaganda und Agitation inhärent sind, auf der festen Position des Abstrakten verbarrikadiert habe, ist, so glaube ich, mein wirkliches Verdienst, wenn ich mir denn eines zuerkennen soll. Weiter glaube ich, dass diejenigen, die den Mund mit dem tückischen Begriff des Konkreten voll nahmen, den Weg des Opportunismus (deren Welle uns 1914 fortriss) eingeschlagen haben, womit sie diesem Ungeheuer der menschlichen Geschichte und revolutionären Kraft noch einmal viel Zeit gaben, sein erbärmliches Leben weiter zu fristen. Nach diesen klaren Abgrenzungen kann ich, scheint mir, zu Recht sagen, dass ein zwischen den Spitzen und der Basis fest übertragener und immer wieder übertragener theoretischer Schematismus ein unersetzliches Merkmal im Leben der Kommunisten Partei bildet und somit der richtige Weg war, dem man folgen musste, um gegen die Degenerierungen der revolutionären Weltbewegung zu kämpfen; ich bin stolz, diesem Ziel mein nicht allzu kurzes Leben geweiht zu haben.

Wie schafft man es, 90 Minuten nichts über Rudi Dutschke zu erzählen?

Blöde Frage, einfache Frage: Indem man ein Biopic über Dutschke fürs ZDF dreht.
Gestern lief also die groß angekündigte Revue – und wir haben sie uns angeguckt (dass Bayern weiterkommt, war eh klar). Gut, er war ein Charismatiker und supernett und auch noch emanzipiert (freiwilliges Windelwechseln!), Gaston Salvatore war ein Charmeur und Bernd Rabehl schon immer irgendwie verkniffen. Ok, sonst noch was? Ah ja, Dutschke ist ein bisschen nervös – wir schreiben da schon die frühen 1970er, der Gehetzte besucht alte Freunde in Berlin –, weil Rabehl eine Doktorarbeit mit dem gleichen Thema wie Rudi schreibt. Man erfährt das Thema freilich nicht, noch nicht mal ein Schlagwort.
Schön, wirklich schön, ist das ewige Gegockel der alten Säcke Rabehl und Salvatore, die von heute aus ihre Freundschaft mit Rudi und die damaligen Umstände kommentieren dürfen. Ich war näher an Rudi dran, nein ich war es. Rabehls abfällige Äußerungen über Rudis Frau Gretchen, dieser Neidhammel, entlarven sich so ganz von selbst – auf dieser Ebene der Zwischentöne ist der Film gelungen.
Gaston Salvatore – gegen den Harald Wieser einst eine herrlich hämische Polemik schrieb: »In seiner 1971 abgelieferten Gedichtsammlung „Natascha Ungeheuer“, einem Attentat auf die Lyrik, unternahm Salvatore (…) gleich „Sieben Rückkehrversuche“ in „Die schwierige Bourgeoisie“. Der achte ist ihm geglückt.« – gibt den Filmemachern den dringenden Ratschlag, den Film mit dem Attentat und den Bildern der Ausschreitungen enden zu lassen. Was kam schon noch in den 1970ern?
Sehr viel – wenn man sich denn fürs Inhaltliche interessiert hätte. Dutschkes Werk ist in diesem Jahrzehnt entstanden: Die Ausformulierung seines Antibolschewismus, der Versuch der Begründung einer Ethik des Revolutionärs, vor allem seine umfassende Leninismus-Kritik: »Versuch, Lenin auf die Füße zu stellen. Über den halbasiatischen und den westeuropäischen Weg zum Sozialismus.«, so hieß seine Doktorarbeit – die von Rabehl übrigens »Marx und Lenin«. Rabehl ist der gründliche, verbissene Philologe: Lenin war kein Marxist, Überraschung! Der große Revolutionär war auch ein mehr oder weniger systematischer Marx-Missdeuter.
Dutschke wagte dagegen den Sprung aus der Ideengeschichte, aus der Philologie in die Sozialgeschichte und stellt Lenin als Westler in einem nicht-westlichen Umfeld dar – als einen Marxisten deutscher Prägung, der als Erziehungsdiktaturler endet/ enden muss. Die Arbeit ist unter fast allen Gesichtspunkten granatenmäßig falsch, vor allem ist Dutschkes Kenntnis der russischen Geschichte (die er vor allem aus Marxens verzerrendem antirussischem Blickwinkel analysiert) haarsträubend. Und dennoch ist das ein ungemein anregendes, vielschichtiges, lebendiges Werk. Zu viel, zu groß, zu kommunistisch für einen Film, dem man allenfalls entnehmen kann, dass Rudi »von drüben« kam und irgendwie ein Problem mit Missständen aller Art hatte.
Oh nein, man muss nicht jedes Mal, wenn Rabehls Visage irgendwo auftaucht »Nazi, Nazi« krakeelen (er ist übrigens kein Nazi; er ist Nationalist, das reicht eigentlich schon, aber er ist ein perfider noch dazu, weil er konsequent den Marxismus und die Subversionsgeschichte von 1968 – von beidem hat er auch noch erschreckend viel Ahnung! – für den nationalen Aufbruch instrumentalisieren will). Aber man hätte doch Dutschkes Patriotismus sehr wohl erwähnen können. Und dann hätte man auch Rabehls Dutschke-Verzerrungen herausarbeiten können: Denn während bei Dutschke die Sehnsucht nach einem sozialistisch vereinigten Deutschland klar dem großen Ziel – der Weltrevolution – untergeordnet ist, eine Etappe derselben darstellt, stellt Rabehl unter Aufbietung seiner Restintelligenz den Gedanken der nationalen Befreiung in den Mittelpunkt von Dutschke Werk und Leben.
Dutschkes Texte sind selten durchdacht, wer krudes Zeug finden will, muss nicht lange suchen, aber Wind der Geschichte geht durch sie hindurch, es sind ungeheuer lebendige Werke – auch da, wo sie in geschraubten Denkfiguren verenden. Man spürt nämlich, dass er da was in den Griff bekommen wollte. Die Hampelmänner, die in Dutschkes Engagements für die Ostdissidenten nur den Übergang zum Antikommunismus entdeckten und dementsprechend pöbelten und die, anstatt etwas über den Realsoz mal herauszubekommen, sich freiwillig doof und unwissend stellten (und von denen einige – wie der abgeschmackte Superlafontainist Christoph Butterwegge aus Köln – eine Karriere hingelegt haben, wie sie Dutschke nie angestrebt hatte) – die hatten alles im Griff. So kann man das sagen.
Darüber – nichts im Film. Klar, wäre ja dann auch ein anderer – längerer – geworden, der niemals nie nicht im ZDF hätte laufen können.
Die Verniedlichung des Revolutionärs ist konterrevolutionär. Und so oblag es dem Achse-des-Guten-Autor Ingo Langner, mitten im Weichzeichner-Mainstream das Wort zu ergreifen und ein paar einfache, ganz offenliegende Wahrheiten über Dutschke auszusprechen (dem Vernehmen nach hat Langner sich mittlerweile den Schaum vor Mund abwischen können):
»Die repräsentative Demokratie und den Parlamentarismus lehnte er ab. Im vom DDR-Sozialismus und den Truppen der sowjetischen Roten Armee umzingelten Westberlin wollte Dutschke eine Räterepublik nach dem Vorbild der Pariser Kommune errichten. (…) Die reale Arbeitszeit veranschlagte Dutschke in diesem Paradies auf Erden keck auf nur fünf Stunden täglich. Dutschke bejahte die Militärgewalt der kommunistischen vietnamesischen Truppen. Den Vietnamkrieg betrachtete er als revolutionären Auftakt auch für Europa.« »Deshalb hier dies zur Erinnerung: Dutschkes Ziel war die Weltrevolution.«
Wo er recht hat, hat er recht.

Stinas

Ich bin gebeten worden, auf ein neues Blog-Projekt hinzuweisen, nämlich die Dokumentation der Autobiographie des griechischen Militanten Agis Stinas (bürgerlicher Name: Spiros Priftis). Agis who? Wer sich mit Leben und Werk Cornelius Castoriadis’ auskennt, wird am Rande aufgeschnappt haben, dass Stinas zu den frühen und wichtigsten Lehrern des späteren Socialisme-ou-Babarie-Vordenkers zählte. Viel mehr an auf Deutsch vorliegenden Informationen über Stinas gibt es nicht.
Dabei ist es dringend geboten, Genossen wie Stinas dem Vergessen zu entreißen. Zählt er doch zu der kleinen Gruppe unerschütterlicher Internationalisten, die vor siebzig Jahren nicht bereit waren, per se jeden Kampf gegen den Faschismus und die deutschen Besatzer gutzuheißen: Zu seinem revolutionären Defätismus zählt ebenso die Ablehnung der »bolschewisierten« (vulgo: stalinistischen) kommunistischen Parteien und also auch die Ablehnung, sich in Volksfronten zu engagieren (vulgo: klassenkämpferische Positionen zugunsten eines Linkspatriotismus aufzugeben) wie eine notorische Undankbarkeit gegenüber den Westalliierten, die man nicht als Befreier ansah. Manchmal werden die Defätisten auch als Linkstrotzkisten, Bordigisten, Third Camper etc.pp. bezeichnet, das mag helfen, sich zu fürs erste orientieren, substantiell sind solche Ehrentitel aber nicht.
Einige dieser Defätisten sind bekannt, werden aber heute weniger als solche, sondern vor allem als allem Praktischen enthobene Theoretiker rezipiert: Karl Korsch z.B., oder Paul Mattick und Anton Pannekoek. Andere kennt man als Literaten wie Victor Serge, C.L.R. James oder Boris Souvarine. Aber die meisten Militanten, die kein »großes« theoretisches oder literarisches Werk hinterlassen haben, sind einfach vergessen – wie eben Agis Stinas. Deshalb – und auch weil die Geschichte der militanten Klassenkämpfe in Griechenland zwischen 1920 und 1950 hierzulande nahezu unbekannt ist – ist es sehr zu begrüßen, wenn jetzt Schritt für Schritt einzelne Kapitel aus den auszugsweise auf Englisch vorliegenden Memoiren Stinas’ publiziert werden (angeblich soll sogar eine deutsche Übersetzung unterwegs sein?).
Der Defätismus war eben nicht das Werk einer vermeintlich intellektuell abgehobenen Schicht von Juraprofessoren (Korsch), Brückenbauern (Amadeo Bordiga) und Sterneguckern (Anton Pannekoek), sondern widerspiegelte eine reale Tendenz des Arbeiterradikalismus. Seine Marginalisierung – Verächtlichmachung – ist nicht zuletzt das Gemeinschaftswerk des westlichen wie östlichen Antifaschismus.

Der Stinas-Blog, hey Genossen!, ist noch ein bisschen unübersichtlich, es würde schon helfen, wenn es einen sofort einsehbaren biographischen Eintrag, der die wichtigsten biographischen Daten zusammenfasst, gäbe. In diesem Zusammenhang ist es auch sinnvoll, direkt mal einen Wikipedia-Eintrag anzulegen.

Nachtrag zu Lenin

Vielleicht kann man sich Lenin vernünftig nur als Theologe nähern. Wir hatten vor einigen Wochen bereits ein Beitrag des holländischen Pfarrers und Kommunisten Ton Veerkamp dokumentiert, und bringen hier einen Ausschnitt aus seiner vorzüglichen (wenn auch an einigen Stellen ins Links-attac-istische lappenden) Streitschrift »Der Gott der Liberalen« (Argument Verlag 2005, S. 234/235), in der er die religiös-fetischhafte Konstitution des Liberalismus anschaulich herausarbeitet und gleichzeitig einen Blick auf den historisch realen Gegner des Liberalismus – die Arbeiterbewegung – wirft, nur zusammengedacht mit der Niederlage der Arbeiterbewegung wird der Kapitalfetisch in seinem ganzen Ausmaß begriffen.
In diesem Zusammenhang kommt er auch auf Lenin und, nun, sein Dilemma zu sprechen.

Lenin. Auch Paulus

Lenin war kein Messias. Zwar ein Messianist, aber kein Messias: erst seine Mumie wurde zum messianischen Gerät, Kultobjekt in den roten Messen kommender Messiasse. Lenin war nie Leninist (…). Kein Messias also, kein Jesus, eher wie der Apostel Paulus, Begründer des Christentums. Großer Auftritt Lenins auf dem dritten Kongress der Dritten Internationale, der Kommunistischen Internationale, am 5. Juli 1921: »Entweder sofortiger Sieg über die gesamte Bourgeoisie, oder Tribut zahlen. Wir gestehen ganz offen, verheimlichen es nicht, Konzessionen im Staatskapitalismus, Tribut an den Kapitalismus.«
Viele aber wollten das nicht hören. Lenins genossen schlugen sich auf seine Seite, Trotzki, Bucharin, Radek, Sinowjew usw. Andere aber hatten noch das Gefühl, für die schäbige Schieberei, die jetzt kommt, hätte sie nicht gekämpft, seien all diese Menschen nicht gestorben. Für Frauen wie Alexandra Kollontaj, jene kommunistische grande dame im Kreis Lenins, war dessen »Neue Ökonomische Politik«, russisches Kürzel »NEP«, nichts als Betrug, und sie schrieb hämische Romane über die NEP-Männer. Für Lenin war diese Kollontaj’sche und die [rätekommunistische] Gorter’sche Aufregung nichts als »Kinderkrankheit im Kommunismus« und später Ketzerei. »Wir sind nicht allein auf der Welt«, rief er den Delegierten zu. Ewiger Konflikt zwischen Realisten und Prinzipiellen, Dilemma des Kommunismus, Dilemma des Messianismus. Die ganze Welt sollte es sein, stattdessen »Neue Ökonomische Politik« in einem hungernden, zerstörten, fast völlig industrialisierten Russland. »Neue Menschheit, neue Schöpfung (kainos anthroopos, kainè ktisis)«, hieß es unter den jüdischen, anti-römischen Messianisten (griechisch christianoi, Christen), die die weltweite römische Ausbeutungsordnung bekämpften, zumindest ihr Ende herbeisehnten. Stattdessen kleine Hausgemeinden in den Städten des römischen Griechenlandes, die sich nüchtern »Versammlung« (ekklesia) nannten, von Paulus auf Linie gehalten. Musste dafür der Sohn Gottes ans Kreuz? »Vorneweg mit blut’ger Fahne.« Stattdessen NEP-Politik und Bucharins »Bauern, bereichert euch!« Wurden dafür Millionen ermordet? Seit Lenins Auftritt wurde der Kampf gegen die Ketzer wichtiger als der Kampf gegen den Klassenfeind. Seit Paulus auch. Andere Welt? Schön, aber zunächst bei der Stange bleiben, die richtige Meinung, die rechte Lehre, orthè doxè, dann kommt das Himmelreich auf Erden oder die klassenlose Gesellschaft: »Nenn’ es Jesus Christus, was weiß ich.«
»Wir gewinnen zeit, und Zeit gewinnen heißt alles gewinnen … in der Epoche, in der die ausländischen Genossen gründlich ihre Revolution vorbereiten«, sagte Lenin auf dem Kongress. Paulus schrieb an die Messianisten in Rom: »Jede Seele habe sich den herrschenden Mächten unterzuordnen«, denn es bleibt einstweilen nichts anderes übrig; unterordnen »nicht mit Wut im bauch (orgè), sondern mit Bewusstsein im Kopf (syneidèsis) … wer Tribut beanspruchen kann, dem Tribut …« Anders als die kämpfenden Zeloten in Jerusalem, kannte der Kosmopolit Paulus das Reich, seine Macht, seine Grausamkeit. Mit dem Kopf kommt kein jüdischer Dickschädel durch die Wand, schrieb der Jude Paulus; Zelotenkampf, Kinderkrankheit im Messianismus. Durchhalten, lautet die Botschaft, denn »wir wissen um die Frist, schon ist die Stunde gekommen, um aus dem Schlaf aufzustehen, die Nacht ist fortgeschritten, der tag kommt näher …« Und so weiter und so weiter, kennen wir, kennen wir seit zwei Jahrtausend, Kommt der Messias nicht, hat Paulus ein Problem. Versagen die ausländischen Genossen, hat Lenin ein Problem. Kein Messias, dafür alle Jahre Weihnachten; keine Ende der Unterdrückung, dafür alle Jahre – 75 Jahre lang bis 1992 – Oktoberparaden auf dem Roten Platz.

Spaßverderber!

Der 65. Jahrestag des europäischen Endes des Zweiten Weltkriegs nähert sich – für einige europäische Länder war der Krieg schon ein paar Tage / Wochen vorher vorbei –, und das ist, weil es ja sonst für die Fahnenschwenker unter uns und die zünftigen Marschlieder liebenden In-Reih-und-Glied-Linken so wenig zu feiern gibt, für diese Anlass genug, ausgiebig die eigenen antifaschistischen Mythen zu feiern.
Zu den wenigen Gruppen, die nicht zwanghaft auf der Seite einer siegreichen Nation meinen stehen zu müssen, sondern in der »siegreichen Nation« – gleich, ob es die deutsche, französische, italienische oder un-amerikanische ist –das Grundübel sehen, zählt die IKS, die Internationale Kommunistische Strömung.
Die IKS ist eine weltweit agierende linkskommunistische Bewegung, deren Wurzeln bis in die 1930er Jahre zurückreichen und die explizit auch den deutsch-holländischen Rätekommunismus zu ihrem Erbe zählt. Dies sei erwähnt, damit kein Heini daherschwatzt, bei der IKS würde es sich um »Bordigisten« handeln. Nö – »Bordigisten«, wenn man den Ausdruck überhaupt akzeptieren mag, haben nichts mit den deutsch-holländischen Genossen gemein und pflegen in der Regel auch nicht den offenen innerparteilichen Diskussionsstil der IKS.
Der hier dokumentierte Schnipsel nimmt Bezug auf die große italienische Streikwelle des Jahres 1943 und ist einer deutschsprachigen Zusammenfassung eines umfangreichen englischsprachigen Essays (1993) entnommen. Dessen Lektüre sei hiermit empfohlen.
Anmerkungen in eckigen Klammern stammen von Ofenschlot.

Die Kämpfe von 1943: kein antifaschistischer, sondern ein Klassenkampf
Die [italienische] Bourgeoisie stellt die ganze Streikbewegung von 1943-45 als eine antifaschistische Bewegung dar. Wir haben gezeigt, daß das falsch ist. Die Arbeiter kämpften gegen den Krieg und die ihnen aufgezwungenen Opfer. Sie prallten mit den Faschisten zusammen, als diese an der Macht waren (im März), der Regierung Badoglio, die nicht mehr faschistisch war (im August), mit den Nazis, als diese in Norditalien die Macht ausübten (im Dezember).
Die [1943 bereits auf Sizilien gelandeten] westlichen Alliierten verzögerten ihren Vormarsch auf die norditalienischen Industriezentren so lange, bis die deutschen Besatzer die Arbeiter gewaltsam niedergeworfen hatten. Anstatt den Arbeitern zu Hilfe zu eilen, bombardierten die amerikanischen und britischen Luftwaffen gezielt die Fabriken des Nordens, um so ihren Teil zum Abschlachten der Arbeiter beizusteuern.
Die „demokratischen“ Kräfte der bürgerlichen Linken in Italien versuchten von Anfang an, mit der „Kommunistischen Partei“ an ihrer Spitze, den Klassenkampf der Arbeiter auf ein bürgerliches Terrain zu lenken – den des „patriotischen und antifaschistischen“ Kampfes. Dabei hatten die bürgerlichen Linken aber große Schwierigkeiten, denn aus der Sicht der Arbeiterklasse waren die Kämpfe immer gegen das Kapital insgesamt und nicht gegen eine besondere Fraktion des Kapitals gerichtet. „Erinnern wir uns, wie wir uns am Anfang des Befreiungskampfes anstrengen mußten, den Arbeitern und Bauern beizubringen, die wußten, daß sie natürlich gegen die Deutschen kämpfen mußten, die aber sagten: Wir meinen, ob unsere Kapitalisten Deutsche oder Italiener sind, das macht wirklich keinen großen Unterschied.“ (E. Sereni, ein Führer der damaligen KP)
Der antifaschistische Kampf war ein vollkommen patriotischer und national-bürgerlicher Kampf, der nicht die Grundlage der Herrschaft des Kapitals infragestellte. Im Gegenteil.
Der Antifaschismus zielt stets darauf, das Proletariat hinter eine angeblich menschlichere oder fortschrittlichere Fraktion des Kapitals gegen eine andere zu mobilisieren. Die Arbeiter sollen nicht für ihre eigenen Interessen, sondern für die des Kapitals kämpfen. Damit werden sie für den imperialistischen Krieg als Kanonenfutter mobilisiert – in diesen Fall für den „westlichen“ Block zusammen mit dem „sowjetischen“ Imperialismus und ihren italienischen Verbündeten gegen Deutschland. Dagegen unterstützten die Internationalisten der marxistischen Linken die Arbeiterstreiks gegen den Krieg sowie die Umwandlung des imperialistischen Krieges in einen Klassenkrieg der internationalen Arbeiterklasse gegen das Kapital im Ganzen.